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Kapitel 9

Author: Jan Schäfer
Nea schien Inge gar nicht zu bemerken. Sie lächelte sanft und sagte zu Sarah: „Wie du willst.“

Jannis hob den Blick und wirkte ein wenig ungeduldig. „Was machst du hier?“

Als Inge seinem kalten Blick begegnete, verstand sie sofort.

Er hatte wohl etwas völlig falsch aufgefasst.

Wie erwartet sagte Levin kühl, kaum dass er Inge sah: „Frau Winter, Sie haben wirklich Talent. Dass Sie Jannis sogar bis hierher verfolgen … Wir sind hier unter anständigen Leuten. Ist Ihnen das nicht unangenehm?“

Warum sollte Inge sonst hier auftauchen?

Natürlich, um Jannis in flagranti zu erwischen.

„Ziemlich langweilig – Sie wissen doch genau, dass Jannis Sie nicht mag.“ Levin schüttelte den Kopf, als hätte er Inge durchschaut.

Damals, nach dem Vorfall mit dem Hotelbett, hatte Inge sogar Reporter engagiert. Wäre Jannis nicht rechtzeitig eingeschritten, hätte die Familie Luther das Gesicht verloren.

Eine Frau, die ihren eigenen Ruf aufs Spiel setzte, um sich hochzuarbeiten – man begegnete so etwas mit deutlicher Geringschätzung.

Inge war diesen spöttischen Ton längst gewohnt, denn im Freundeskreis von Jannis verachtete man sie für ihre angebliche „Schamlosigkeit“.

Nea saß fest und sicher an Jannis’ Seite. Mit ruhiger, sanfter Miene goss sie Sarah den Saft ins Glas, ohne dabei den Blick zu Inge zu heben – ihre Eleganz und Selbstsicherheit stammten ganz offensichtlich aus ihrem Inneren.

Sie fürchtete die Konfrontation mit Inge kein bisschen.

Inge wusste nur zu gut, wie das war. So selbstsicher sind Menschen, die wissen, dass jemand hinter ihnen steht.

„Mein Bruder mag dich doch am liebsten … das lässt du dir doch von ihr nicht verderben, oder?“ Sarah warf Nea einen vorsichtigen Blick zu. Seit Inges Auftauchen hatte sie Angst, Nea könnte sich durch sie gestört fühlen – schließlich war Inge die Frau, die ihr ihren Bruder weggenommen hatte.

Nea äußerte sich nicht – sie lächelte nur weich.

Wohl um ein Missverständnis zu vermeiden, sagte Jannis mit eiskalter Miene:

„Wir reden draußen.“

Inge senkte den Blick und warf dem Separee keinen weiteren Blick mehr zu.

Auf dem Flur sah Jannis sie kühl an. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

Sein Ton war ruhig, doch er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass sie ihm absichtlich gefolgt war.

Als Inge seinem Blick begegnete, zog sich ihr Herz kurz zusammen.

„Du bildest dir zu viel ein. Ich bin nicht wegen dir hier. Und mit wem du zusammen bist, ist mir egal.“

Sie würden sich ohnehin scheiden lassen. Einmischen würde sie sich nicht mehr.

„Wenn es dir wirklich egal ist … warum meldest du dich dann krank, nur um die ganze Sache mit Neas Ruf zu regeln? Findest du das nicht ein wenig … impulsiv?“ Jannis’ Blick blieb ruhig.

Sie hatte außerdem einen schwerkranken Onkel – wie hätte sie da einfach ihren gut bezahlten Job aufgeben sollen?

Sie war nun einmal nicht wie Nea, die mit ihrem Abschluss und ihrem tatsächlichen Können glänzte.

Inge traf auf Jannis’ gleichgültig prüfenden Blick.

Sie verspürte nicht mehr den geringsten Wunsch, etwas zu erklären.

Sie trat einen Schritt zurück. „Die Scheidung … bitte kümmer dich darum.“

Sie wollte kein weiteres Wort mit ihm verlieren.

Sie war nur deshalb hier – Sarah war verschwunden, doch das spielte inzwischen keine Rolle mehr.

Als Sarah sie eben sah, zeigte sie keinerlei Überraschung – ganz offensichtlich wollte das Mädchen sie an der Nase herumführen.

Selbst wenn Sarah es leugnet, hatte jede Erklärung keinen Sinn.

Sie hoffte nur, die Scheidung so bald wie möglich abschließen zu können.

Jannis stockte. Seine dunklen, kalten Augen ruhten auf ihr.

Ein Hauch von Überraschung.

Inge verstand nicht, was daran überraschend sein sollte.

Die Scheidungsvereinbarung lag ihm doch längst vor.

Sie ließ den Satz stehen, wandte sich ab und wollte gehen.

Vorn rannte ein Kellner heran und stieß direkt gegen ihre Schulter. Inge verlor das Gleichgewicht, stolperte unkontrolliert nach hinten – bis ihr Rücken in einen breiten, festen Brustkorb prallte.

Ein Hauch von Sandelholzduft drang in ihre Lungen.

Drei Jahre, so viele Nächte Schulter an Schulter – dieser Duft hatte sich ihr beinahe in die Knochen gebrannt.

Sie hob den Kopf. „Entschuldige, ich wollte nicht…“

Jannis nahm einen feinen Medikamentengeruch wahr und zog leicht die Brauen zusammen.

„Geht es dir nicht gut?“

Inge spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Wüsste Jannis von ihrer Krebserkrankung, würde er es – bei der Kälte, mit der er ihr begegnete – niemals für sich behalten.

Und wenn ihre Großmutter später nach dem Grund der Scheidung fragte, würde er höchstwahrscheinlich sagen, dass sie nicht mehr lange lebte und er sich nicht belasten lassen wollte.

„Du gehst nicht ins Krankenhaus – und glaubst, es bringt dir etwas, zu mir zu kommen?“

Seine ruhige Stimme ließ Inge erstarren.

Auch wenn es ihr inzwischen gleichgültig war, stach es doch kurz in ihr.

Er wartete nicht auf Inges Antwort. Ihr Verhalten brachte ein dünnes Lächeln auf seine Lippen.

„Das Spiel aus Nähe und Rückzug beherrschst du erstaunlich gut.“

Erst läuft sie von zu Hause weg, tut so, als würde sie sich scheiden lassen wollen –

und dann taucht sie gleich wieder hier auf.

Inge stockte.

Sie begriff, dass Jannis sie schon wieder falsch verstand.

Sie wollte etwas sagen, doch Jannis schob sie mit gerunzelter Stirn beiseite und drehte sich einfach weg.

Inge spürte einen Druck in der Brust. Sie hatte sich die Lippen aufgebissen, und die blasse Farbe darunter kam zum Vorschein. In ihrem Unterbauch setzte ein dumpfer Schmerz ein.

Sie wollte nicht schwach wirken. Sie wollte einfach weg.

Genau in diesem Moment kam ihr ein hochgewachsener Mann entgegen.

Er warf ihr einen halb spöttischen, halb lächelnden Blick zu und sagte nur:

„Wer dumm ist, sollte eben mehr lesen.“

Inge runzelte die Stirn, doch der Mann ließ ihr keine Gelegenheit zur Erwiderung und verschwand bereits im Separee.

Er war ebenfalls ein Freund von Jannis – sein Name war Bastian Holm.

Offenbar hatte er die Szene gesehen – und hatte sie völlig missverstanden:

Er glaubte, sie hätte sich Jannis an den Hals geworfen, und er hätte sie abweisend weggeschoben.

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