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LUETTA
Die Tür der Blutbank stand weit offen wie eine Wunde im sterilen weißen Flur. Frische Blutstropfen glänzten auf den Fliesen direkt dahinter – noch feucht, noch falsch.
Ich war nur kurz aus der Notaufnahme heruntergekommen, um O-negativ zu holen. Unser Schussopfer in Trauma Eins kippte uns weg, und für eine Kreuzprobe blieb keine Zeit.
Dann hörte ich es.
„Na hallo, du.“
Die Stimme war Samt und Mitternacht, viel zu amüsiert für 3:17 Uhr. Ich fuhr herum, so schnell, dass meine Sneakers auf dem Boden quietschten.
Er lehnte an der Wand, als gehörte ihm der ganze Laden. Schwarzes, zerzaustes Haar, Gesicht und zerrissenes Shirt getränkt in Karmesin. Seine dunklen Augen bohrten sich in meine – bodenlos, hypnotisch, der Blick, bei dem man vergaß, wie Atmen ging.
Ich schrie.
Noch bevor der Schrei richtig meine Kehle verlassen konnte, presste sich eine blutige Hand auf meinen Mund. Die andere stieß mich hart gegen die kalten Metallregale. Die Kühlaggregate summten wütend an meiner Wirbelsäule.
„Ruhig“, raunte er mir ins Ohr, tief und rau. „Ich tu dir nichts. Aber du darfst nicht noch mal schreien. Verstanden?“
Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. Warmes Blut aus seiner Handfläche rann zwischen meine Lippen – metallisch, kupfern, widerlich. Um uns herum hingen die Blutbeutel aufgerissen wie geschlachtete Früchte, ihr Inhalt lief in langsamen, obszönen Rinnsalen die Wände hinunter. Der Geruch war so dick, dass man ihn schmecken konnte.
Panik überschwemmte mich.
Dann kam etwas anderes dagegen: ein warmer, beruhigender Druck, der sich wie sanfte Finger in meinen Geist schob, meine Gedanken streichelte, mich besänftigen – mich besitzen wollte.
Ich wehrte mich mit allem, was ich hatte, und schrie erneut in seine Hand.
Sein Griff wurde fester, Verärgerung schärfte seine Stimme. „Verdammt. Warum funktioniert das bei dir nicht?“ Seine Lippen streiften mein Ohr. „Wir versuchen das noch mal, Schätzchen. Und glaub mir – du willst wirklich nicht schreien.“
Diesmal, als er seine Hand langsam wegzog, blieb ich still, die Brust schwer atmend.
Er trat gerade so weit zurück, dass ich ihn richtig sehen konnte: groß, sehnig muskulös, Blut entlang der scharfen Kieferlinie und auf seinen Lippen. Sein Gesicht war auf eine ungerechte Weise schön – wie eine weitere Waffe.
Diese uralten Augen hielten mich gefangen. Er neigte den Kopf, die Lippen verzogen sich zu einem schiefen, raubtierhaften Grinsen. „Sieh dich an. Ganz großäugig und süß.“ Seine Stimme sank zu einem samtenen Murmeln. „Jetzt sei eine brave kleine Krankenschwester und hilf mir. Wir können das auf die sanfte Tour machen…“
Er zuckte mit einer kräftigen Schulter, dunkler Humor funkelte in seinen Augen. „Oder auf meine. Deine Entscheidung.“
Meine Finger bewegten sich, bevor mein Verstand sie aufhalten konnte. Ich hob die Hand und berührte seine Wange, strich über warme, blutfeuchte Haut. Es war kein Zwang – nicht genau. Es fühlte sich tiefer an, als hätte irgendein urtümlicher Instinkt ihn erkannt und selbst gehandelt.
Er erstarrte.
Diese dunklen Augen weiteten sich kaum merklich, starrten mich an, als wären mir plötzlich Flügel gewachsen. Das Grinsen verschwand, ersetzt durch rohe Überraschung und etwas Hungrigeres. Fast Verstörtes. Er musterte mein Gesicht mit einer Intensität, die meine Knie weich werden ließ, als wäre ich das seltsamste und faszinierendste Rätsel, das ihm seit Jahrhunderten begegnet war.
„Luetta! Dr. Herdt braucht das O-neg sofort!“
Ich schob ihn mit überraschender Kraft hinter die halb offene Tür. „Nicht bewegen“, zischte ich.
Ich schnappte mir drei Beutel und stürmte in den Flur, drückte sie Steve in die Hand. „Hier. Sorry.“
Steves Augen quollen hervor. „Jesus, Luetta, was zur Hölle ist passiert? Du bist voller Blut.“
„Ein paar Beutel sind im Kühlschrank explodiert. Ich brauche sofort die Putzkolonne hier unten.“
„Ich kümmere mich drum. Der Doc flippt oben aus.“
Sobald Steve um die Ecke verschwunden war, schlüpfte ich zurück hinein.
Der Fremde sah unter dem Neonlicht noch wilder aus, das Blut an seinem Kinn getrocknet und auf seinen Lippen. Doch die Angst in meinem Bauch hatte sich bereits in etwas Heißeres verwandelt. Dunkleres. Weitaus Verräterischeres. Mein Puls raste aus den völlig falschen Gründen.
„Hör zu“, flüsterte ich. „Die Putzkolonne kommt. Du musst hier raus. Sofort.“
Er neigte den Kopf, sein Blick glitt langsam über meinen Körper, bevor er zu meinem Gesicht zurückkehrte. Dieses arrogante Grinsen kam zurück, durchtränkt von Hunger.
„Immer noch… hungrig“, sagte er, die Stimme tief und heiser.
„Ich besorge dir richtiges Essen. Okay? Aber jetzt musst du verschwinden. Du bist in eine Blutbank eingebrochen. Du bist ein wandelnder Tatort.“
Er antwortete nicht. Er starrte mich nur mit diesen durchdringenden Augen an, die meinen Magen Purzelbäume schlagen ließen. Schließlich vertiefte sich sein Grinsen, triefend vor spöttischem Charme.
„Sag mal, Luetta. Wirfst du dich immer für Monster in Gefahr? Oder bin ich etwas Besonderes?“
Er machte einen trägen Schritt auf mich zu und drängte in meinen Raum.
Ich schluckte schwer. „Ich muss zurück in die Notaufnahme.“
Bevor ich es mir anders überlegen konnte, packte ich sein Handgelenk und zog ihn aus der Blutbank, den düsteren Serviceflur entlang zu den Toiletten. Nachts war es hier ruhig – Gott sei Dank. Ich schob ihn in die Herrentoilette.
„Mach dich sauber“, befahl ich, meine Stimme zitterte nur leicht. „Bleib außer Sicht, bis ich dich hole. Meine Schicht endet in zwei Stunden.“
Ich verschwand in der Damentoilette und starrte in den Spiegel. Herrgott, ich sah aus, als hätte ich an einem Ritualmord teilgenommen.
Ich schrubbte Gesicht und Hände, bis die Haut brannte, zog frische Ersatzschwesternkleidung aus meinem Spind an und warf die blutigen in den Müll.
Zurück in der Notaufnahme wartete Dr. Herdt wie eine Gewitterwolke. „Wo zur Hölle warst du?“
„Problem in der Blutbank. Hat Steve dir nichts gesagt?“
Bevor er antworten konnte, stürmten Sanitäter durch die Türen.
„Männlich, Ende zwanzig. Bewusstlos. Nackt auf der Straße gefunden. Blutdruck niedrig-normal. Sonstige Vitalwerte stabil. Augen offen, aber nicht ansprechbar.“
„Raum Vier“, sagte ich schnell. „Sieht nach Überdosis aus. Tox-Screen und –“
Der bewusstlose Mann auf der Trage packte mein Handgelenk.
ERWIN„Ich habe diese Website gefunden“, sagte ich zu Emil. „Ich hätte fast eine Mail geschickt, hab’s dann aber gelassen. Es wirkte wie ein Schwindel.“„Ich habe ein Dummy-Postfach angelegt und geantwortet“, sagte Emil. „Es gibt viele Dokumente auf der Seite, alle verschlüsselt. Selbst wenn ich sie lesen könnte, wäre es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“„Wie hast du dann die Sachen zum Blutsbund gefunden?“„Ich kann es dir nicht genau sagen. Die Dokumente waren verschlüsselt. Ich musste Schlüsselwörter eingeben und dann Gebühren zahlen, damit die entsprechenden Dokumente entschlüsselt wurden. Vielleicht hätte ich die Texte selbst durchsuchen sollen, aber …“ – er schauderte – „… ich konnte das Buch nicht noch einmal öffnen.“Ich hatte es schon versucht. Ich würde deutlich mehr Zeit zum Lernen brauchen, um es auch nur ansatzweise zu verstehen. Das musste mein Großvater aber nicht wissen. „Steht auf der Seite eine Übersetzung der Vampyr-Texte?“
LUETTAIch seufzte, als ich mich neben Berna an meinen Arbeitsplatz setzte.„Alles in Ordnung?“, fragte sie. „Du siehst aus, als hättest du gerade ein schweres Trauma erlebt.“Schweres Trauma? Schweres Trauma sahen wir jede Nacht in der Notaufnahme. Trotzdem hatte mich die Auseinandersetzung mit Dr. Albrecht mitgenommen. Sie hatte wissen wollen, wie ihr Forschungsprojekt vorankam, und als ich sagte, ich hätte nichts Substanzielles gefunden, war sie ausgerastet. „Du bist wertlos.“ Dann hatte sie einen Hundert-Dollar-Schein aus der Tasche gezogen und ihn mir hingeschoben. „Ich sollte dich wohl besser bezahlen, sonst schleppst du mich noch vor den kleinen Gerichtshof, und dafür habe ich wirklich keine Zeit.“Wenigstens hatte sie mich nicht wegen Logan zusammengestaucht, wovor ich am meisten Angst gehabt hatte. Sie hatte nur gefragt, ob ich wüsste, wo er hingegangen sein könnte.Und wenigstens war ich jetzt hundert Dollar reicher.„Mir geht’s gut“, sagte ich. „Nur wieder eine Nacht mit de
ERWINSobald ich den Schock überwunden hatte, dass Luetta sich die Vampyr-Texte genommen hatte, war ich eigentlich froh darüber. Ich hatte sowieso vor, sie zurückzubringen … nachdem ich sie gründlich studiert hätte.Das Buch war gar nicht so umfangreich, wie es auf den ersten Blick wirkte, denn die Worte waren auf dickem Pergament gedruckt. Dennoch war es lang – ungefähr so dick wie das Neue Testament.Eine Menge Altfranzösisch.Ich hatte etwas mehr über die Sprache recherchiert und festgestellt, dass Altfranzösisch vor allem eine gesprochene Sprache gewesen war. Sehr wenig Literatur aus dieser Zeit hat sich erhalten.Wer auch immer die Texte übersetzt hatte, hielt Altfranzösisch offenbar für eine gute Idee. Ich konnte dem nicht zustimmen.Ich blätterte die ersten Seiten durch. Es hätte genauso gut auf Griechisch geschrieben sein können.Zehn Online-Stunden in modernem Französisch brachten da nicht viel.Ohne deutlich mehr Kenntnisse würde ich diesen Band nicht lesen können.Nachdem i
LUETTA„Was ist das, Luetta?“, fragte Erwin leise.„Oh!“ Sie lächelte. „Das ist für dich.“Aber seine Stirn war gerunzelt. Er sah nicht glücklich über meine „Errungenschaft“ aus.„Woher hast du das?“„Ich … habe es mir ausgeliehen. Heute Morgen. Von Emil.“„Weiß er, dass du es genommen hast?“ Erwin schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Er lässt niemanden an dieses Buch. Luetta, was hast du dir dabei gedacht?“„Ich habe an dich gedacht. An all die Fragen, die du hast. Du lernst Französisch, um dieses Ding lesen zu können. Ich wollte helfen.“Er lief im Wohnzimmer auf und ab und fuhr sich mit den Fingern durch die ohnehin zerzausten Haare. Er war aufgebracht, wütend. Und alles, woran ich denken konnte, war, wie verdammt gut er dabei aussah.Was stimmte nicht mit mir? Wie hatte ich so einen dummen Fehler machen können?„Ich … es tut mir leid. Ich bringe es zurück.“„Nein.“ Er drehte sich zu mir um. „Was du getan hast, war falsch. Das weißt du so gut wie ich. Aber ich brauche dieses Buch
ERWIN„Ich gebe dir so viel, wie du willst, Liebes.“„Ich weiß. Ich hätte nur nie gedacht …“ Sie schloss die Augen. „Ich hätte in einer Million Jahren nie geglaubt …“Es war kein Zufall, dass sie die Sätze nicht zu Ende sprach. Beendete sie sie in Gedanken? Ich wusste es nicht und würde nicht fragen.Unsere Bindung war real und stark.Irgendwo in ihrem Stammbaum gab es einen Vampir. Half ihr das, meinen Blutgeschmack auf meinen Lippen mehr zu schätzen? Der Gedanke wärmte mich. Vielleicht waren wir uns gar nicht so unähnlich.Ich liebte sie, und ich wusste ohne jeden Zweifel, dass sie mich liebte.Aber solange sie mich nicht wirklich als Vampir akzeptierte, konnte sie auch nichts Vampirisches in sich selbst akzeptieren. Und solange sie mich nicht wirklich als Vampir akzeptierte, würde unsere Beziehung nicht tiefer gehen.Wir würden nicht zusammenwohnen. Das hatte sie sowieso abgelehnt. Wir würden nicht heiraten, Kinder bekommen –Das Bild, das ich schon einmal gesehen hatte, tauchte wi
LUETTADer Band der Vampyre Texts war groß und prachtvoll, in Leder gebunden, der Text auf dickem Pergament. Ich schleppte ihn aus Emils Haus zu meinem Auto und versuchte, so leise wie möglich zu sein. Deshalb lernte Erwin gerade Französisch – um dieses Buch lesen zu können. Um herauszufinden, was zwischen uns vorging und warum.Ich musste auf jede erdenkliche Weise helfen, auch wenn das bedeutete, dass ich es stehlen – nein, ausleihen – musste. Ich hatte vor, es zurückzubringen, sobald wir fertig waren.Trotzdem nagte das schlechte Gewissen an mir. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie etwas gestohlen. Zu Hause in Ohio hatte ich mit dreizehn einen Fünfzig-Dollar-Schein auf dem Boden eines kleinen Antiquitätenladens gefunden und ihn der Verkäuferin gebracht. Verrell hatte nur die Augen verdreht und gesagt, ich hätte sie gerade um fünfzig Dollar reicher gemacht.Stehlen war für mich keine Kleinigkeit.Leise kehrte ich in Erwins Schlafzimmer zurück. Er war immer noch in der Küche un
ERWIN„Verschwinde aus meinem verdammten Kopf, du psychotische Schlampe.“Die Erinnerung traf mich wie ein Messer – ihr Gesicht über mir, kalte Hände auf meiner Haut, dieses grausame Lächeln, während sie sich nahm, was sie wollte.Ich taumelte von Luetta zurück und riss mir die Haare. „Nein – verda
LUETTAErwin küsste mich, als hätte er zehn Jahre lang gehungert.Kaum klickte die Schlafzimmertür hinter uns ins Schloss, drückte er mich schon dagegen – sein harter Körper presste sich an meinen, eine Hand in meinem Haar vergraben, die andere an meiner Hüfte, als gehörte ich ihm allein. Sein Mund
ERWINIch konnte ihren Herzschlag bereits schmecken.Jede verstreichende Sekunde machte den Hunger schlimmer.Nicht nur nach Blut – nach ihr.Ihr süßer, warmer Duft, der von Luettas Haut aufstieg, trieb mich in den Wahnsinn. Mein Schwanz war schon halb hart, bevor wir den Parkplatz überhaupt verlas
LUETTADie Finger des Patienten schlossen sich wie eine Stahlklammer um mein Handgelenk.Das war kein verwirrter, kraftloser Griff eines Mannes, den man nackt auf der Straße gefunden hatte. Dieser Griff war stark. Absichtlich. Und viel zu klar.Seine Augen sprangen auf – scharf, uralt und direkt in







