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Grenzen

Author: Spicy Candy
last update publish date: 2026-10-03 04:05:45

Julian

Ich trage Daphne ins Haus. Sie schmiegt sich an mich, als wüsste ihr Körper bereits genau, wie der meine geformt ist; die Arme um meinen Hals geschlungen, das Gesicht an meine Kehle gepresst. Ihr Atem geht unregelmäßig, viel zu heiß.

Kein einziges Mal halte ich inne, um mich zu fragen, was ich da eigentlich tue, als ich sie in mein Haus bringe. Ein Haus, in das ich seit Katrinas Weggang keine Frau mehr gelassen habe.

Vielleicht will ein Teil von mir einfach nur sicherstellen, dass sie in Sicherheit ist. Ich konnte ein Mädchen, das vollgepumpt mit irgendwelchen Substanzen ist – schutzlos ausgeliefert, was auch immer da draußen sein mag –, kurz vor Mitternacht nicht einfach alleine lassen.

„Chef.“ Luca steht am Fuß der Treppe. „Sie haben einen Anruf. Katrina Voss.“

„Nicht jetzt, Luca. Wimmle sie ab.“

Ich bleibe nicht stehen. Ich spüre, wie sein Blick zwischen mir und dem halbnackten, zitternden Mädchen in meinen Armen hin und her wandert. Er stellt keine Fragen.

„Sie sagt, es sei dringend. Ich denke, Sie sollten ran gehen.“

„Sag ihr, ich bin in einer Besprechung. Ich spreche morgen Früh mit ihr.“

Ich nehme zwei Stufen auf einmal und drücke die Tür am Ende des Flurs mit der Schulter auf, noch bevor ich mich bewusst dazu entschieden habe. Mein Zimmer. Nicht das Gästezimmer. Meins. Ich frage mich nicht nach dem Warum. Ich weiß bereits, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.

Ich lege sie auf das Bett und richte mich auf, um zu gehen, als sich ihre Hand um mein Handgelenk schließt.

„Daphne.“ Meine Stimme klingt rauere, als ich gewollt habe.

„Bitte.“ Ihre Stimme bricht. „Bitte lass mich nicht so zurück.“

Sie zieht, und ich lasse mich einen Zentimeter mitziehen, keinen Deut mehr. Nah genug, um ihre weit geweiteten Pupillen zu sehen, ihre erhitzte, schweißnasse Haut, ihren ganzen zitternden Körper.

„Fick mich“, flüstert sie, und Gott stehe mir bei, jeder Teil von mir will genau das tun.

„Bitte …“ Sie greift nach oben, um mit der freien Hand ihre eigene Brust zu umfassen, lässt die Hüften kreisen und beißt sich auf die Lippe, als ein kleiner, teuflischer Laut aus ihr herausrutscht – einer, der meinen schmerzenden Schwanz sofort wieder zum Leben erweckt.

Verdammt. Sie ist perfekt.

Es ist jahrelang her, dass eine Frau mir so etwas entlocken konnte. Jahrelang, dass mein eigener Körper mich auf diese Weise verraten hat. Und jetzt passiert es – wegen eines Mädchens, das ich vor wenigen Minuten vom Boden eines Clubs aufgesammelt habe und das nicht einmal meinen Namen kennt.

Ich gehe nicht näher an sie heran. Ich wage es nicht, weil ich mir selbst nicht traue und Angst habe, ihr noch die letzte Naht vom Leib zu reißen und sie direkt in diese Matratze zu ficken.

„Hey.“ Ich löse ihre Finger von meinem Handgelenk, einen nach dem anderen. „Du bist nicht bei Verstand. Du musst dich ausruhen.“

„Ich will mich nicht ausruhen.“ Sie zittert jetzt noch heftiger. „Ich will dich.“

Ich spüre, wie das irgendwo tief und primitiv in mir einschlägt. Meine Kiefer spannen sich an. Mein Blick wandert für eine Sekunde zu lang auf ihren Mund, bevor ich mich zwinge, wegzusehen.

„Du willst die Droge“, sage ich leise. „Nicht mich. Du musst den Unterschied hören, selbst wenn du ihn im Moment nicht spüren kannst.“

Sie antwortet nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es überhaupt kann.

Stattdessen ziehe ich die Decke über sie, schlage sie um ihre Schultern und trete einen Schritt zurück, bevor sie wieder nach mir greifen kann. Ich sehe zu, wie ihre Augen den Kampf verlieren und ihr Körper vollends in eine Schwere absinkt, die zu tief ist, um nur Schlaf zu sein. Erst dann gehe ich.

Ich schließe die Tür und stehe davor länger, als ich irgendjemandem gegenüber zugeben würde. Eine Hand fest gegen meine Augen gepresst. Ich bin immer noch hart. Seit ich gespürt habe, wie sie auf diesem Clubboden in meinen Armen schlaff wurde, hat es nicht ein einziges Mal nachgelassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann mein Körper das letzte Mal ohne meine Erlaubnis so reagiert hat.

Ich gehe nach unten. Es gibt Arbeit zu erledigen; vor einer verschlossenen Tür zu stehen und über ein unter Drogen gesetztes Mädchen nachzudenken, gehört nicht dazu.

Luca wartet am Fuß der Treppe. Er hat die Arme verschränkt und sagt nichts. Bei Luca ist das eine ganz eigene Art von Frage.

„Sie ist ein Mädchen aus dem Club“, sage ich, bevor er fragen kann. „Eine Gruppe Typen hat ihr was ins Getränk gekippt. Ich habe sie da rausgeholt.“

„Verstehe.“ Sein Gesicht verrät rein gar nichts, was schlimmer ist, als wenn es etwas verraten würde. „Katrina hat dreimal angerufen, während Sie sie hochgebracht haben.“

„Ich habe dir gesagt, du sollst dich darum kümmern.“

„Habe ich. Sie hat zweimal aufgelegt.“ Er hält mir das Telefon entgegen, als wäre es eine unter Strom stehende Leitung. „Nehmen Sie diesmal ab. Sie klang nicht so, als würde sie ein Spielchen spielen.“

Ich nehme es – eher aus der Gewissheit heraus, dass ich sonst keine Ruhe bekomme, als aus dem echten Glauben, dass es diesmal anders wäre. Es klingelt zweimal.

„Katrina.“

„Julian.“ Ihre Stimme ist kurz angebunden. Nichts von der honigsüßen Geduld, die sie mir sonst vorspielt. „Es geht um Lily. Sie ist im Krankenhaus.“

Alles in mir erstarrt. „Was ist passiert?“

„Hohes Fieber. Sie machen Tests. Sie hat nach dir gefragt.“ Eine Pause, ihre Stimme wird kühler. „Du musst nicht kommen. Ich rufe an, damit du die Rechnung direkt begleichen kannst; dann muss ich dir die Rechnungen nicht weiterleiten.“

Natürlich. Immer zuerst das Geld, der Name meiner Tochter genutzt wie ein Schlüssel zu einer Tür.

„Welches Krankenhaus?“

„Julian, ich habe gesagt, du musst nicht kommen.“

„Welches Krankenhaus, Katrina?“

Ein Seufzer, lang genug, um ihre Genervtheit überdeutlich zu machen. Sie nennt es mir. Ich schreibe es nicht auf. Ich muss es nicht.

„Ich komme morgen Früh“, sage ich. „Sie ist meine Tochter. Das steht nicht zur Debatte, was auch immer sonst sein mag.“

Ich lege auf, bevor sie wieder eine Grundsatzdiskussion daraus machen kann – denn bei Katrina gibt es immer ein Spiel hinter dem Spiel. Ich reiche Luca das Telefon zurück. Er nimmt es wortlos entgegen und beobachtet mich mit der Geduld eines Mannes, der genau weiß, wie viel er fragen darf.

Ich blicke die Treppe hinauf zur Tür, die ich vor wenigen Minuten geschlossen habe, und mache keinen Schritt auf sie zu.

„Lass das Gästezimmer herrichten“, sage ich schließlich. „Für mich.“

Lucas Augenbrauen heben sich, nur ganz leicht. Er sagt weiterhin kein einziges Wort.

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