LOGINISABELLA
Am nächsten Morgen wache ich mit einem schweren Gefühl auf, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Die Erinnerung daran, wie ich meinem Vater den letzten Dollar gegeben habe, verursacht einen dumpfen Schmerz in meiner Brust. Ich kann Hardin noch nicht unter die Augen treten. Ich brauche einen Plan. Gegen elf schleppe ich mich aus dem Bett. Im Haus ist es still, was normalerweise eines von zwei Dingen bedeutet: Entweder sind sie alle eingeschlafen oder sie schmieden einen Plan. Ich öffne meine Tür, und sofort schlägt mir der beißende Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch und verbranntem Kaffee entgegen. Beide Eltern sitzen im Wohnzimmer. Mein Vater sitzt zusammengesunken in seinem Sessel, eine Zigarette baumelt an seinen Lippen, und meine Mutter raucht eine Zigarette nach der anderen auf dem Sofa, über ihrem Kopf hängt eine dichte Rauchwolke. Die Vorhänge sind zugezogen, sodass es im Raum dunkel ist. Ich muss mich stark fühlen. Ich muss mich wie das Mädchen fühlen, das ein Stipendium bekommen hat, nicht wie das, das immer noch wegen schmutzigen Geschirrs angeschrien wird. Ich gehe zurück in mein Zimmer und suche mir ein Outfit heraus. Einen dunklen Jeans-Minirock, der bis zur Mitte des Oberschenkels reicht … definitiv kürzer als mein üblicher Look … ein eng anliegendes schwarzes Top und meine abgetragene Lederjacke. Normalerweise hebe ich mir diesen Look für Konzerte oder richtige Verabredungen auf, nicht für einen Mittagsbesuch an der Uni. Aber heute brauche ich diesen Selbstvertrauensschub. Ich trage sogar etwas mehr Eyeliner auf. Ich atme tief durch, schnappe mir meinen kleinen Rucksack und gehe zurück ins verrauchte Wohnzimmer. Mein Vater rührt sich nicht, er blinzelt nur langsam und schwer durch den Rauch. Meine Mutter hingegen sitzt kerzengerade da und nimmt die Zigarette aus dem Mund. „Und wo zum Teufel glaubst du, dass du so angezogen hinwillst?“, faucht sie mit schriller Stimme. „Ehrlich, Isabella, sieh dich doch mal an! Der Rock bedeckt kaum deinen Hintern!“ „Es ist Mittag, Mama“, sage ich und versuche, meinen Tonfall neutral zu halten, während ich die Welle der plötzlichen Demütigung unterdrücke. „Und ich gehe jetzt. Ich muss nach Greenville.“ Sie steht auf und drückt ihre Zigarette heftig im überquellenden Aschenbecher auf dem Couchtisch aus. „Mittags? Glaubst du, das gibt dir das Recht, wie eine kleine Schlampe herumzustolzieren? Was ist das für ein Outfit? Willst du, dass irgendein Junge deine Kaution für dich bezahlt?“ Ich spüre, wie mir die Wangen glühen. „Es ist nur ein Rock, Mama. Und nein, ich fahre zur Uni, um meine endgültigen Zulassungsunterlagen für das Stipendium zu unterschreiben. Ich habe einen Termin beim Immatrikulationsamt.“ Ihr Blick gleitet über mein Outfit und verweilt auf der Jacke. „Und was ist das? Diese Jacke? Ist die neu? Woher hast du das Geld dafür? Du hast deinem Vater gestern doch deinen ganzen Lohn gegeben. Hast du es gestohlen? Hast du noch mehr Geld vom Konto abgehoben?“ „Sie ist nicht neu!“, schreie ich fast. „Ich habe diese Jacke schon seit drei Jahren! Und das Oberteil ist aus einem Secondhand-Laden! Hör auf damit!“ Meine Stimme ist zu laut. Mein Vater regt sich endlich und schüttelt langsam den Kopf. „Erhebe in diesem Haus nicht die Stimme, Isabella. Und deine Mutter hat recht. Du siehst aus, als würdest du in eine Kneipe gehen, nicht zur Uni. Zieh dich um.“ „Mir geht es gut“, beharre ich und bekämpfe den Drang, meine Jacke fester um mich zu schlingen. Ich will nicht weinen. Das werde ich nicht. „Ich ziehe mich nicht um. Ich bin spät dran.“ „Spät für was genau? Es ist gerade mal kurz nach elf Uhr morgens!“, spottet meine Mutter und schaut auf ihre Armbanduhr. Ich werfe einen Blick auf die Wanduhr. Mist. Es ist 11:45 Uhr. „Nein, Mama, es ist fast zwölf! Es ist nicht früh, ich muss los. Ich habe einen Termin.“ „Da haben wir ja die kleine Hochnäsige, nicht wahr?“, sagt mein Vater mit schleppender Stimme, seine Worte langsam und voller Verachtung. „Du widersprichst deinen Eltern? Seit wann bist du so respektlos?“ „Ich bin nicht respektlos“, sage ich mit zitternder Stimme. „Ich korrigiere euch nur. Ich muss los.“ Meine Mutter macht einen Schritt auf mich zu, ihre Augen zu Schlitzen verengt. „Los? Du hast gestern Abend wirklich keinen Scherz gemacht, oder? Du hast es tatsächlich geschafft? Du gehst an diese schicke Uni?“ „Ja, Mama“, flüstere ich, wobei sich Erleichterung mit erdrückender Angst vermischt. „Ich habe es dir doch gesagt. Ich habe das Stipendium bekommen. Ich gehe hin.“ Sie starrt mich an, dann bricht sie in ein hohes, schrilles Lachen aus, das mir einen Schauer über den Rücken jagt. „Und wer, wenn ich fragen darf, soll hier die Rechnungen bezahlen, sobald dein kleines Abenteuer losgeht? Wer sorgt dafür, dass Essen auf den Tisch kommt? Wer räumt hier auf? Glaubst du etwa, dieses Haus läuft von selbst, während du weg bist und Latein lernst oder was für einen Unsinn du auch immer treiben willst?“ Diese Selbstsucht, diese völlige Gleichgültigkeit gegenüber meiner Zukunft, trifft mich wie ein Schlag. Sie sind nicht wütend wegen des knappen Rocks oder der Uhrzeit; sie sind wütend, weil sie ihre Haushälterin und ihren Geldautomaten verlieren. „Wisst ihr was?“, bringe ich erstickt hervor, während mir trotz meiner Entschlossenheit, nicht zu weinen, plötzlich die Tränen in die Augen steigen. „Das ist mir egal! Das ist nicht mehr mein Problem! Ihr seid erwachsene Menschen! Sucht euch einen Job! Sorgt euch ein Leben, das sich nicht darum dreht, eure Tochter auszubeuten! Findet es selbst heraus!“ Das ist das Trotzigste, was ich je zu ihnen gesagt habe. Und es ist zu viel. Das Gesicht meiner Mutter verfärbt sich im Nu von blass zu scharlachrot. Ihre Hand schießt hervor und versetzt mir eine harte Ohrfeige. Es ist keine sanfte Zurechtweisung, sondern ein wütender, brennender Schlag. Ich schnappe nach Luft und taumele zurück, mehr vor Schock als vor Schmerz. Mein Blick huscht zu meinem Vater, der immer noch nur zusieht, an seiner Zigarette zieht und einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck hat. Er unternimmt nichts. „Wage es ja nie“, zischt meine Mutter mit leiser, bedrohlicher Stimme, „so mit mir zu reden. Niemals.“ Endlich brechen die Tränen hervor, heiß und unvermittelt. Aber ich bleibe nicht stehen, um mich von ihnen überwältigen zu lassen. Ich schreie nicht und wehre mich nicht. Ich drehe mich einfach um und renne davon.ISABELLA„Ist schon gut. Ich verstehe schon.“ Ich seufze und zwinge mir ein künstliches Lächeln auf, das nicht einmal bis zu meinen Augen reicht. Mein Magen macht Saltos, aber ich halte meine Stimme ruhig. „Du hast wahrscheinlich recht. Ich reagiere über“, sage ich zu Chloe.„Bella …“, sie streckt die Hand nach mir aus, aber ich lasse sie nicht zu mir kommen. Ich weiche einen Zentimeter zurück.„Ist schon gut. Du bist meine beste Freundin und hast immer recht. Ich verstehe schon. Du willst das Beste für mich und tust alles, was nötig ist, damit ich es verstehe.“Chloe hält inne, ihre Hand sinkt an ihre Seite. Sie zieht eine Augenbraue hoch und sucht in meinem Gesicht nach dem Sarkasmus, von dem sie weiß, dass er dort verborgen ist. „Und an dem Tag, an dem ich damit aufhöre …“ Ihre Stimme verstummt.Ich seufze. „Ist der Tag, an dem wir aufhören, beste Freundinnen zu sein“, beende ich ihren Satz.„Du verstehst also, warum ich besonders vorsichtig bin, oder? Es ist nicht so, dass ich Noa
ISABELLA„Bella!“ Ich schaue über meine Schulter und sehe Hardin, der ein paar Fuß von mir entfernt steht und breit grinst. Oh, er ist glücklich? Ich blinzele, völlig überrascht. Nach dem Desaster von gestern Abend hatte ich gedacht, er würde vor Wut schäumen oder mich zumindest ignorieren. Das war im Grunde genommen in den letzten Tagen unser „Ding“.„Hey“, sage ich und erwidere vorsichtig sein Lächeln. Ich verschränke die Arme vor der Brust, neige den Kopf zur Seite und mustere ihn. „Du siehst … gut gelaunt aus.“„Rate mal, was?“, fragt er.Wow. Er ist wirklich gut gelaunt. Das ist ehrlich gesagt ansteckend. Ich beschließe, mitzuspielen, lege einen Finger an mein Kinn und tippe damit.„Äh … lass mich mal überlegen. Bist du sauer auf mich? Machst du Schluss mit mir? Bin ich ein Arsch, weil ich gestern Abend nicht angerufen habe, und willst du mir jetzt die Leviten lesen?“Hardins Miene verfällt augenblicklich. Das Grinsen verschwindet. Er macht ein paar langsame Schritte auf mich z
NOAHFünf verdammte Minuten. So lange starrt Minnie mich an und blinzelt mit ihren dichten Wimpern, als würde sie nicht verstehen, was ich gerade gesagt habe. Es ist, als würde sie gar nicht wahrnehmen, dass ihre Haut an meiner liegt und dass sie ein Mädchen ist und ich ein Kerl. Ein heißblütiger Mann mit einem Schwanz und wilden Begierden.So sieht sie umwerfend aus. Ahnungslos. Verwirrt. Ihre Lippen öffnen sich, und sie fängt an zu kichern, rückt weiter von mir weg und steckt sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. „Das war ein sehr lustiger Witz“, sagt sie, während sie hektisch herumkramt und sich das Wasser und das Handtuch schnappt. „Jetzt ist alles in Ordnung. Dieser Kuss … der hat nie stattgefunden. Ich gehe jetzt, okay?“ „Min …“ Sie lässt mich meinen Satz nicht zu Ende sprechen, bevor sie hinausrennt. Ich lasse meinen Kopf auf meine Brust sinken und lächle leise darüber, wie süß sie gerade noch war. Ich berühre meine Lippen, mein Kopf schwirrt, nur um mich an den flüc
ISABELLA„Lassen wir das jetzt mal für ein anderes Mal, okay?“ Noah löst sich von mir und tritt einen Schritt zurück. „Und weine bloß nie wegen mir. Das ist erbärmlich“, sagt er, während er sein Handy nimmt und aus der Küche geht. „Beeil dich damit, sonst verhungere ich noch.“Ich muss unwillkürlich lächeln, auch wenn es sich ein bisschen bittersüß anfühlt. Er ist wieder da. Der Noah, den ich kenne. Derjenige, der mir sein kleines Trauma anvertraut hat, ist verschwunden. Und ehrlich gesagt bin ich schockiert. Ich weiß nicht, was ihn dazu gebracht hat, sich so zu öffnen, aber … diesen Noah mochte ich lieber. Den, der sich von mir umarmen ließ und dem ich Trost spenden konnte.Ich mache mich wieder daran, ihm sein Essen zuzubereiten, während das Brutzeln der Pfanne die Stille in der Küche füllt. Als ich fertig bin und eine Portion angerichtet habe, mache ich mich auf den Weg nach oben in mein Zimmer.Allerdings komme ich nicht weit. Ich sehe Noah an meiner Schlafzimmertür stehen. „Was i
ISABELLA Mir ist natürlich klar geworden, dass Noah und ich … wir einfach nicht dazu bestimmt sind, Freunde oder Kumpels oder was auch immer zu sein … Diese Hoffnung ist dahin. Wir sind einfach nur Feinde. Echte Feinde.Wie kann er es wagen? Nur weil ich lächele und ihn davonkommen lasse, heißt das noch lange nicht, dass ich dumm bin. „Fühlst du dich besser?“, fragt er, während seine Zunge gegen die Innenseite seiner Wange stößt – dort, wo seine Zähne wohl die Haut gestreift haben müssen –, und seine Augen dunkel blitzen.„Du bist so ein Arsch!“, schreie ich. Ich greife nach meinem Handy, aber er hält es hoch über seinen Kopf und nutzt seinen Größenvorteil, um es außer Reichweite zu halten. Ich springe hoch, krall mich an seinem Arm fest, aber es ist zwecklos. „Gib es zurück! Hast du überhaupt eine Ahnung, was du gerade getan hast? Er wird denken … er wird genau das denken, was du willst, dass er denkt!“„Gut“, schnappt Noah und lässt endlich seine Hand sinken. „Vielleicht, wenn er
ISABELLA„Er ist einfach nur ein besorgter Mitbewohner. Das ist alles.“ Chloe will gerade etwas sagen, verschließt aber den Mund, als die Scheinwerfer eines Sportwagens das schwache Licht der Straßenlaternen in der Gasse durchbrechen. Der Motor schnurrt tief und gierig, als das Auto am Straßenrand hält.„Das ist er doch, oder?“, zischt sie und packt meinen Arm.Ich möchte lachen und sie fragen, was sie heute nur mit Noah auf sich hat. An manchen Tagen ist sie absolut davon überzeugt, dass Noah Frauen in Wallung bringt … und an anderen Tagen … nun ja …„Ich muss los, Chloe. Ich schreibe dir eine SMS, wenn ich zu Hause bin“, sage ich. Ich steige auf den Beifahrersitz. Noah sagt zunächst nichts. Er sitzt einfach nur da, eine Hand über das Lenkrad gelegt, seine tätowierten Finger trommeln rhythmisch gegen das Leder. Er schaut aus dem Fenster zu Chloe, dann wandert sein Blick zurück zu mir, seine Augen verweilen auf den hässlichen, violetten Blutergüssen um meine Nase.„Du siehst furchtba







