ANMELDENJasons SichtIch starrte seit fünfundvierzig Minuten auf denselben Quartalsbericht und hatte kein einziges Wort aufgenommen. Die Zahlen verschwammen zu bedeutungslosen Symbolen, die meine Aufmerksamkeit nicht fesseln konnten.Und egal, wie sehr ich versuchte, den Grund für meine Gefühle zu verdrängen, es gelang mir einfach nicht. Der Grund dafür war, dass Katherine nicht da war.Ich blickte auf den leeren Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch. Früher saß sie dort, ihre Haltung perfekt, ihr dunkles Haar in Wellen um ihr Gesicht fallend.Drei Wochen waren vergangen, seit sie gekündigt hatte. Drei Wochen, seit ich ihr Gesicht das letzte Mal gesehen, ihre Stimme gehört und die Spannung gespürt hatte, die zwischen uns knisterte, wenn wir im selben Raum waren.Ich redete mir ein, es sei mir egal. Sie war nur eine Frau, die mich verraten hatte, indem sie mit meinem Rivalen aus der Highschool durchgebrannt war, und außerdem war sie nicht einmal in meiner Klasse. Ich war schließlich ein Richmon
Katherines SichtDer Rest des Essens verschwamm zu einem Wirrwarr aus höflicher Konversation und gezielten Fragen. Eleanor erkundigte sich nach meiner Ausbildung, meinem beruflichen Werdegang und meinen langfristigen Plänen. Patrick hinterfragte mein Verständnis der geschäftlichen Interessen und philanthropischen Verpflichtungen der Familie O’Connor.Als der letzte Gang abgeräumt war, stand Eleanor auf, ihre Bewegung anmutig und bedächtig. „Katherine, würdest du mit mir einen Spaziergang im Garten machen?“Ich sah Mikel an, der mir kurz zunickte. „Ich bin mit Pater im Arbeitszimmer. Ruf mich, wenn du etwas brauchst.“Die Betonung auf „etwas“ war unübersehbar.Eleanor führte mich durch eine Glastür auf eine Terrasse mit Blick auf ein weitläufiges, gepflegtes Gartengelände. Rosen blühten überall, ihr Duft schwer und süßlich in der Morgenluft.„Ich habe diese Rosen selbst gepflanzt“, sagte Eleanor und berührte eine der Blüten. „Nach Mikels Geburt wollte ich etwas Schönes schaffen, das B
Katherines SichtDie sechs Meter hohen Türen schwangen auf, noch bevor wir klopfen konnten, und gaben den Blick auf einen Butler frei, der so vollkommen beherrscht wirkte, als sei er aus Marmor gemeißelt. Sein silbernes Haar war zurückgekämmt, seine Haltung makellos, und sein Blick musterte mich mit einem einzigen, geübten Blick.„Mr. O’Connor. Mrs. O’Connor.“ Er verbeugte sich leicht. „Mr. und Mrs. O’Connor Senior erwarten Sie im östlichen Speisesaal.“Ich spürte Mikels Hand an meinem unteren Rücken, ein beruhigender Druck, der mich davon abhielt, zu fliehen. „Danke, Gerald.“Wir betraten einen Eingangsbereich, der groß genug für mein gesamtes Wohnhaus gewesen wäre. Kristalllüster hingen von den gewölbten Decken. Eine prächtige Treppe schwang sich empor, ihr Geländer spiegelglatt poliert. Ölgemälde von streng blickenden Vorfahren beobachteten uns, ihre Augen schienen jedem meiner Schritte zu folgen. „Sieh dir die Gemälde nicht an“, murmelte Mikel, seine Lippen bewegten sich kaum. „S
Katherines SichtDas Sonnenlicht riss mir die Augen auf, lange bevor mein Körper bereit war, dem Tag zu begegnen. Einen Moment lang vergaß ich, wo ich war – die viel zu weichen Kissen, die Stille, wo sonst das Knarren und Ächzen meiner Wohnung zu hören wäre, der Duft von etwas Sauberem und Teurem in der Luft.Dann brach alles wieder über mich herein.Mikel. Der Vertrag. Das Baby. Frühstück mit den O’Connors.Ich fuhr hoch, mein Herz hämmerte. Acht Uhr. Mikel hatte acht Uhr gesagt, und die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 6:47 Uhr. Ich hatte kaum geschlafen, während mein Kopf jeden Moment des gestrigen Tages in einer Endlosschleife wiederholte, vom Gewicht des Stifts in meiner Hand bis zum endgültigen Gefühl, als Mikels Reißverschluss sich über meiner unterschriebenen Zukunft schloss.Ich schwang die Beine aus dem Bett, fest entschlossen, Kaffee zu finden, Koffein, irgendetwas, um meinen Kopf wieder in Gang zu bringen. Als ich die Schlafzimmertür öffnete, wäre ich beinahe über einen Berg
„Ich war’s“, flüsterte Mikel und griff nach meiner Hand.„Ich bin dir in den Club gefolgt, weil ich wusste, dass du in Schwierigkeiten warst. Ich habe gesehen, wie sie dir etwas in dein Getränk gemischt haben, und ich konnte nicht zulassen, dass sie dir wehtun. Ich bin in dich verliebt, seit wir das letzte Mal im Geschichtsunterricht nebeneinander saßen, Katherine. Ich habe nur darauf gewartet, dass du mich endlich erkennst.“Ich versuchte noch, Mikels Worte zu verarbeiten, als er in die Schublade an der Wand griff und ein Dokument herauszog.„Ich bin kein mittelloser Sportler, Katherine. Ich bin ein O’Connor. Meine Familie besitzt O’Connor Global. Mein Vater versucht, mich zu einer Ehe zu zwingen, die ich nicht will, und der einzige Ausweg ist, eine Frau mit nach Hause zu bringen. Ich brauche eine Frau, Katherine, und du brauchst einen Beschützer, der dich liebt. Das hier ist ein Vertrag. Heirate mich für sechs Monate, und ich bezahle alles – die Spezialpflege deiner Großmutter, ein
Mikels Sicht Ich verbrachte den Rest der Nacht in dem abgenutzten Sessel an Katherines Fenster und beobachtete, wie die Straßenlaternen flackerten und erloschen, als die Sonne über der Skyline der Stadt aufging. Ich hatte kein Auge zugetan. Meine Gedanken rasten, immer wieder ging mir Jasons SMS durch den Kopf. Jedes Mal, wenn ich zu Katherine hinübersah, die zusammengerollt auf dem Sofa lag und unter meinem alten Basketball-Hoodie so klein wirkte, überkam mich eine neue Welle beschützender Wut. Ich liebte dieses Mädchen, seit wir mit siebzehn zusammen in diesem stickigen Geschichtsklassenzimmer gesessen hatten. Damals war ich der Typ, der alles hatte – Geld, Status, einen Platz in jeder Schulmannschaft –, aber ich hätte alles dafür gegeben, nur damit sie mich so ansah, wie sie Jason Richmond ansah. Ich war vor zwei Monaten in dieses Haus gezogen, hatte meine Identität verborgen und lebte wie ein ganz normaler Typ, nur um in ihrer Nähe zu sein, um sicherzugehen, dass es ih







