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Kapitel 3

Author: Renate
Thomas schien nicht damit gerechnet zu haben, dass sie die Scheidung ansprach, und sein Blick wurde noch finsterer.

„Ich werde der Scheidung nicht zustimmen.“

Linda war einen Moment wie erstarrt.

Er weigerte sich, sich scheiden zu lassen … Konnte es etwa sein…

Doch der Mann sprach weiter: „Oma wird auch nicht zustimmen.“

Dann hörte man nur noch die Tür, die zufiel.

Linda stand lange reglos da.

Ihr Herz fühlte sich an, als läge ein schwerer, feuchter Knoten darin.

Der Gedanke, der ihr eben noch durch den Kopf gegangen war, kam ihr plötzlich lächerlich vor.

Er wollte sich nicht scheiden lassen – sollte das etwa ihretwegen sein? Natürlich nicht.

Er hatte einfach Angst, dass seine Großmutter nicht einverstanden wäre.

Schade nur, dass er nicht wusste, dass die Großmutter bereits zugestimmt hatte.

Die beiden trennten sich an diesem Abend im Streit und schliefen getrennt.

Am nächsten Morgen, als die Haushälterin zur Arbeit kam, war Thomas bereits verschwunden.

Sie frühstückte, als sei nichts gewesen.

Die Haushälterin räumte die Zimmer auf und fragte schließlich: „Frau Schmidt, warum sind so viele Dinge im Haus verschwunden?“

Linda hielt inne. Sogar die Haushälterin merkte, dass Dinge fehlten.

Und er? Nicht eine einzige Frage.

Es war offensichtlich, wie viel – oder wie wenig – sie ihm bedeutete.

Sie lächelte leicht.

„Die Sachen waren alt. Ich habe sie weggeworfen. Nichts Wichtiges.“

Die Haushälterin fragte nicht weiter.

Mittags erhielt Linda einen Anruf vom Direktor: Eine große Notoperation, der Patient in höchster Gefahr, und der einzig erfahrene Neurochirurg war auf Dienstreise. Nur sie konnte operieren.

Linda eilte ins Krankenhaus, zog sich um und betrat den Schockraum.

Alle leitenden Ärzte waren da – auch Alina.

Im Raum hing der schwere Geruch von Blut.

Anders als die anderen Ärzte, die bereits die Wunde überprüften, wagte Alina es nicht einmal, näherzukommen.

Sie hielt sich den Mund zu und kämpfte mit Übelkeit.

„Frau Schmidt, gut, dass Sie da sind“, sagte der Anästhesist.

„Der Patient ist von einer Baustelle gestürzt und bewusstlos eingeliefert worden.“

Linda erstarrte selbst kurz beim Anblick.

Eine zwanzig Zentimeter lange Stahlstange war durch den Schädel bis ins Auge gedrungen.

Dass der Patient überhaupt noch Vitalzeichen zeigte, war ein Wunder.

Alina würgte, schluckte und flüsterte: „Frau Schmidt, können Sie diese OP wirklich durchführen? Ein kleiner Fehler und der Patient stirbt.“

„Wenn ich es nicht kann – kannst du es dann?“

Die eine Frage ließ Alinas Gesicht sofort gefrieren.

Linda zog die Handschuhe an.

„Zuerst eine Dekompressionskraniotomie. Blutgerinnsel soweit möglich entfernen.“

Das Team bereitete sich vor.

Alina biss sich auf die Lippe.

„Soll ich vielleicht … bleiben und helfen?“

„Alles, was hier nicht gebraucht wird, muss raus.“

Linda hatte bereits gesehen, wie Alina reagiert hatte; sie wusste, dass sie keinerlei Hilfe sein würde.

„Aber …“

„Frau Müller, der Zustand des Patienten ist kritisch. Bitte kümmern Sie sich besser um die Angehörigen.“

Keiner der leitenden Ärzte im ganzen Zentralkrankenhaus hatte sich an diese Operation gewagt – ein Fehler hätte Karrieren zerstört.

Und alle hatten gesehen, wie Alina sich verhalten hatte.

Wäre sie nicht so gut vernetzt, hätte man sie schon längst zusammengestaucht.

Alina ballte die Fäuste, konnte aber nichts sagen und verließ den Raum.

Nachdem Linda bestätigt hatte, dass der Hirnstamm und die größeren Gefäße unverletzt waren, arbeiteten sie fünf Stunden lang daran, die Stange zu entfernen und den Schädelboden zu rekonstruieren.

Erst am Abend stabilisierten sich die Vitalzeichen des Patienten.

Alle atmeten erleichtert auf.

Die anderen Ärzte informierten sofort die Angehörigen.

Linda hingegen ging zum Büro des Direktors.

Herr Berg war völlig begeistert, als er vom Erfolg erfuhr. „Linda, ohne dich wäre das heute nicht möglich gewesen!“

„Nicht nur ich. Das ganze Team war gut. Und der Patient hatte Glück – wenn die Stange das Hirnzentrum verletzt hätte, hätte nicht einmal ein Gott helfen können.“

Herr Berg nickte.

Dann versuchte er erneut, sie zum Bleiben zu überreden.

„Willst du deine Versetzung wirklich nicht noch einmal überdenken?“

Ihre Fähigkeiten kannte er – sie war jung, talentiert, Chefärztin, und dazu eine Frau in einem männerdominierten Fachgebiet.

Dass sie in eine Kleinstadt wie Seestadt wechseln wollte, war aus seiner Sicht ein Verlust.

Linda lächelte sanft.

„Ich habe mich entschieden. Aber wenn Sie irgendwann Hilfe brauchen und ich Zeit habe, komme ich gern.“

Da gab Herr Berg auf.

Als Linda das Büro verließ, sah sie Thomas mit schnellen Schritten auf sie zukommen.

Sie blieb stehen und wollte etwas sagen – doch er ging an ihr vorbei.

„Frau Schmidt, ich muss mit Ihnen reden.“

Auf dem Balkon blieb sie stehen. Die Erschöpfung der langen Operation stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Worum geht es …?“

Thomas sah sie an, kalt wie immer.

„Warum haben Sie Alina im OP bloßgestellt?“

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