Share

Kapitel 7

Author: Renate
Linda ging im Krankenhaus die Situation des Patienten durch.

Als die Angehörigen erfuhren, dass sie die Chefoperateurin gewesen war, hätte die Mutter des Patienten sich vor Dankbarkeit am liebsten vor ihr niedergekniet.

Linda und die begleitenden Pflegekräfte erschraken und hielten sie hastig zurück.

„Bitte, was machen Sie denn? Leben zu retten ist unsere Pflicht.“

„Wenn es Sie nicht gegeben hätte, wäre mein Sohn längst tot. Sie… Sie haben ihm Hoffnung gegeben…“

Die alte Frau brach in Tränen aus – eine Mischung aus Erleichterung und dem Schock des beinahe erlittenen Verlustes.

Für Ärzte war der Umgang mit Leben und Tod alltäglich.

Und jedes Leben, das man dem Tod entreißen konnte, war ein großes Glück.

Der Patient hatte die Operation gut überstanden, war außer Gefahr und wies keine Folgeschäden auf – ein Glück im Unglück.

Linda stützte die ältere Frau, beruhigte sie, gab ihr noch ein paar Anweisungen und verließ mit dem Team das Zimmer.

Als sie ins Büro zurückkam, erhielt sie plötzlich einen Anruf von ihrem Vater.

Sie zögerte einen Moment und nahm dann ab.

„Linda, könntest du nicht mit Thomas mal wieder nach Hause kommen?“

Linda ahnte bereits den Grund und wurde kühl.

„Wenn Sie etwas wollen, sagen Sie es einfach.“

„Was heißt denn das? Darf ich meine Tochter nicht mal nach Hause bitten? Kommt heute Nachmittag auf jeden Fall vorbei.“

Bevor Linda ablehnen konnte, wurde aufgelegt.

Thomas befand sich gerade in einer Besprechung, als er eine Nachricht von Alina erhielt:

„Thomas, Max ist jetzt im Kindergarten. Danke dir. Ohne dich hätte er gar keinen Platz bekommen.“

Er überflog sie und tippte knapp zurück: „Schon gut.“

Als er WhatsApp schloss, blieb sein Blick plötzlich an Lindas Chat hängen.

Ihre letzte Nachricht stammte vom 8. des vorigen Monats.

Sie fragte, ob er am Wochenende komme.

Er hatte nicht geantwortet.

Und seitdem hatte sie ihm nie wieder geschrieben.

Ganz schön standhaft.

Am Nachmittag stand Linda lange vor dem Haus der Familie Shen, bevor sie eintrat.

Ihre Mutter kam ihr lächelnd entgegen. „Linda, du bist da.“

Sie schaute hinter Linda hinaus – und ihre Miene trübte sich ein wenig, als sie niemanden sah.

Linda bemerkte es und sagte nur ruhig: „Du brauchst nicht zu schauen. Ich bin allein.“

Das Lächeln der Mutter erstarrte einen Moment.

Ihr Vater kam die Treppe herunter.

Als er Thomas nicht sah, verfinsterte sich sein Gesicht.

„Ich habe dir gesagt, du sollst Thomas mitbringen!“

„Er hat keine Zeit.“

„Was heißt ‚keine Zeit‘? Er ist dein Ehemann! Jedes Paar streitet mal. Und du bringst es nicht mal fertig, deinen Mann zum Essen nach Hause zu holen? Das ist ja erbärmlich!“

Ein Stück Kälte breitete sich in Linda aus.

Niemand verstand sie.

Nicht einmal ihre Eltern.

Ihr Vater fragte nicht einmal nach einem Grund – wie immer beschuldigte er zuerst sie.

Sechs Jahre Ehe, und nichts hatte sich geändert.

Sie erinnerte sich noch gut daran, wie glücklich ihre Eltern über die Ehe mit Thomas gewesen waren.

Die Hochzeitskosten, das Geld – alles sei nicht so wichtig, hatten sie gesagt.

Die Familie Schmidt war zwar klein und unscheinbar im Vergleich zur Familie Wolf, aber doch wohlhabend.

Damals hatte sie geglaubt, ihre Eltern seien aufrichtig und wünschten ihr Glück.

Doch nach der Hochzeit begannen sie sofort, sie dazu zu drängen, Thomas wegen Geldes anzusprechen.

Zuerst für eine größere Villa und ein neues Auto für ihren Bruder.

Später, als ihr Vater geschäftlich scheiterte, sollte Thomas auch das Loch stopfen.

In ihren Augen war der Sohn immer wertvoller.

Und sie selbst war nur noch ein wandelnder Geldbeutel, den ihre Eltern durch die Ehe bekommen hatten.

Linda atmete ruhig aus und kehrte in die Gegenwart zurück.

„Tut mir leid.“ Ihre Stimme war vollkommen ruhig.

„Thomas und ich werden uns scheiden lassen.“

Bei dem Wort „Scheidung“ verdunkelte sich das Gesicht ihres Vaters völlig – und er schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 8

    Der Schlag kam so plötzlich, dass Linda nicht einmal reagieren konnte.Sogar ihre Mutter fuhr erschrocken zusammen.Ihr Vater zeigte wütend auf sie.„Du willst dich von Thomas scheiden lassen? Ich sag dir eins: Keine Chance!“„Glaubst du, die Tür zur Familie Wolf steht jedem offen? Dass du da hineingekommen bist, war pures Glück! Sei gefälligst dankbar!“Glück?Ja, vielleicht war es wirklich „Glück“ – dass sie als junges Mädchen Thomas in seinen dunkelsten Tagen beigestanden hatte, und ihm half zu fliehen, ohne Rücksicht auf irgendetwas.Die Familie Wolf schuldete ihr lediglich ein Menschenleben.Linda lachte plötzlich, die Augen rot.„Papa, ich verstehe es wirklich nicht. Ich bin doch auch dein Kind. Oder ist in deinen Augen nur Harry dein Kind?“„Du hast mich bestimmt wieder wegen ihm hergebeten, oder? Und dann so eine lahme Ausrede, ich solle zum Essen kommen. Sag’s doch gleich: Du willst, dass ich Thomas um Geld bitte, stimmt’s?“„Für euch ist alles, was meinen Bruder be

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 7

    Linda ging im Krankenhaus die Situation des Patienten durch.Als die Angehörigen erfuhren, dass sie die Chefoperateurin gewesen war, hätte die Mutter des Patienten sich vor Dankbarkeit am liebsten vor ihr niedergekniet.Linda und die begleitenden Pflegekräfte erschraken und hielten sie hastig zurück.„Bitte, was machen Sie denn? Leben zu retten ist unsere Pflicht.“„Wenn es Sie nicht gegeben hätte, wäre mein Sohn längst tot. Sie… Sie haben ihm Hoffnung gegeben…“Die alte Frau brach in Tränen aus – eine Mischung aus Erleichterung und dem Schock des beinahe erlittenen Verlustes.Für Ärzte war der Umgang mit Leben und Tod alltäglich.Und jedes Leben, das man dem Tod entreißen konnte, war ein großes Glück.Der Patient hatte die Operation gut überstanden, war außer Gefahr und wies keine Folgeschäden auf – ein Glück im Unglück.Linda stützte die ältere Frau, beruhigte sie, gab ihr noch ein paar Anweisungen und verließ mit dem Team das Zimmer.Als sie ins Büro zurückkam, erhielt sie

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 6

    „Wie alt bist du eigentlich? Und du willst dich ernsthaft mit einem Kind anlegen?“Linda erstarrte.Sie hatte gewusst, dass er ihr nicht glauben würde – aber diese unverhohlene Parteinahme tat trotzdem weh.Ihre Augen wurden heiß, sie schluckte die Tränen hinunter.„Ich habe ihn überhaupt nicht gestoßen!“Thomas lachte kurz auf.„Willst du damit sagen, ein Kind von ein paar Jahren hätte sich absichtlich fallen lassen, nur um dir die Schuld zu geben?“Lindas Herz zog sich schmerzhaft zusammen.Er würde ihr nicht glauben.Warum redete sie überhaupt noch …Sie senkte den Blick, zwang sich zur Ruhe.„Dass ich euch begegnet bin, war einfach Pech. Reicht dir das?“Sie drehte sich um und wollte gehen.„Stehen bleiben.“Linda hielt inne, ohne sich umzudrehen.„Max ist nun mal ein Kind. Warum musst du dich überhaupt mit ihm anlegen?“Thomas’ Stimme wurde etwas sanfter.„Entschuldige dich bei ihm.“„Thomas … vielleicht lassen wir das lieber …“, mischte Alina sich ein.Sein Bli

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 5

    Thomas’ Gesicht verfinsterte sich, er wollte Alina gerade loslassen, da hielt sie ihn fest.„Thomas, mir geht’s immer noch nicht gut … Kannst du mich zur Apotheke begleiten?“Er runzelte die Stirn, löste den Blick von der eben verschwundenen Gestalt und nickte knapp.Thomas begleitete Alina zur Apotheke, um die Medikamente zu holen.Alina sah ihn an, bemerkte seine Unruhe und trat mit einem Lächeln näher.„Thomas, Max möchte gerne in den privaten Kindergarten. Aber er hat keinen festen Wohnsitz.Ich wollte fragen … ob Max vielleicht deine Adresse für die Anmeldung nutzen könnte? Nur für die Formalitäten, versteht sich …“Damit er ihr nicht sofort widersprach, fügte Alina hastig hinzu: „Keine Sorge, es ist nur vorübergehend. Es wird niemand erfahren.“Thomas betrachtete sie prüfend.Alina wagte nicht auszuweichen und ballte nur heimlich die Hände.„Thomas … bist du etwa verärgert?“„Es wäre nicht angemessen, meine Adresse für die Anmeldung zu nutzen.“Thomas’ Stimme blieb vo

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 4

    Linda erstarrte, ihr Körper wurde schlagartig steif. Sie sah ihn ungläubig an.„Ich habe sie angegriffen?“Kam er also wirklich ihretwegen – wegen Alina – zu ihr?„Sie ist Ihre Vorgesetzte. Egal, was passiert ist, Sie hätten sie nicht vor allen bloßstellen dürfen.“Thomas sprach vollkommen sachlich, geschäftsmäßig.Von ehelicher Nähe keine Spur.Linda schluckte den brennenden Schmerz in ihrer Brust hinunter und lachte plötzlich leise.„Haben Sie vielleicht vergessen, dass ich die leitende Chirurgin war? Habe ich etwa kein Recht dazu?“„Dann haben Sie wohl vergessen,“ Thomas’ Lächeln zeigte einen Hauch Spott, „dass ich das Recht habe, die leitende Chirurgin auszutauschen?“Etwas Hartes traf Lindas Herz. Ein dumpfer, schwerer Schlag. Sie zitterte.Doch was machte es aus? Ihr Versetzungsantrag war längst gestellt. Ob er sie austauschte oder nicht, hatte mit ihr nichts mehr zu tun.„In Zukunft sollten Sie nicht –“„Herr Wolf, wenn Sie wechseln möchten, dann sollen Sie.“ Sie sch

  • Sechs Jahre kalt – bis er sie verlor.   Kapitel 3

    Thomas schien nicht damit gerechnet zu haben, dass sie die Scheidung ansprach, und sein Blick wurde noch finsterer.„Ich werde der Scheidung nicht zustimmen.“Linda war einen Moment wie erstarrt.Er weigerte sich, sich scheiden zu lassen … Konnte es etwa sein…Doch der Mann sprach weiter: „Oma wird auch nicht zustimmen.“Dann hörte man nur noch die Tür, die zufiel.Linda stand lange reglos da.Ihr Herz fühlte sich an, als läge ein schwerer, feuchter Knoten darin.Der Gedanke, der ihr eben noch durch den Kopf gegangen war, kam ihr plötzlich lächerlich vor.Er wollte sich nicht scheiden lassen – sollte das etwa ihretwegen sein? Natürlich nicht.Er hatte einfach Angst, dass seine Großmutter nicht einverstanden wäre.Schade nur, dass er nicht wusste, dass die Großmutter bereits zugestimmt hatte.Die beiden trennten sich an diesem Abend im Streit und schliefen getrennt.Am nächsten Morgen, als die Haushälterin zur Arbeit kam, war Thomas bereits verschwunden.Sie frühstückte, al

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status