LOGINIch hatte keine Ahnung, wer dieser junge Mann war.
Eigentlich hatte ich ihn kaum richtig angesehen. Alles, woran ich mich erinnern konnte, waren seine hellbraunen Haare, die ihm ständig ins Gesicht fielen, und der graue Hoodie, der offensichtlich mindestens eine Nummer zu groß war. Als er an mir vorbeiging, bemerkte ich plötzlich, wie sich der Geruch um mich herum veränderte. Für einen kurzen Moment roch es nicht mehr nur nach Bier, Zigaretten und verschütteten Cocktails. Da war noch etwas anderes. Warm. Ruhig. Sandelholz, vielleicht. Oder etwas Ähnliches. Ich konnte es nicht genau einordnen. Nachdem er auf mein hektisches Nicken nur gelächelt hatte und mit einem leisen „Warte kurz“ geantwortet hatte, verschwand er zwischen den Menschen. Ich atmete tief durch und versuchte, die Hitze aus meinem Gesicht zu vertreiben. Reiß dich zusammen, Katy. Es war nur ein fremder Typ. Warum also fühlte es sich an, als hätte ich gerade das peinlichste Gespräch meines Lebens geführt? Bevor ich zu lange darüber nachdenken konnte, wurde der Platz mir gegenüber endlich wieder besetzt. Zu meiner Überraschung war es tatsächlich Sara. „Wolltest du nicht eigentlich neue Getränke holen?“, fragte ich und sah sie stirnrunzelnd an. Ich bemühte mich, möglichst gelassen zu klingen. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war eine Diskussion darüber, warum ich so abwesend wirkte. Sara blinzelte mich verwirrt an. „Wollte ich das?“ Ich nickte. „Ach … egal.“ Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Er ist hier!“ Einen Moment lang brauchte ich, um zu verstehen, wen sie meinte. Natürlich. Markus. „Okay …“, sagte ich trocken. „Und was hat er diesmal gemacht? Oder geht es darum, dass er wieder dieses wahnsinnig tolle Shirt trägt?“ Ich verdrehte demonstrativ die Augen. Jeder andere hätte sofort gemerkt, dass ich von diesem Thema längst genug hatte. Sara allerdings nicht. Für sie war mein genervter Unterton keine Warnung, sondern eine Einladung. „Nein, hör zu! Heute ist es anders“, begann sie begeistert und beugte sich über den Tisch. „Er hat mich eben angelächelt. Also nicht einfach nur so. Er hat mich richtig angesehen. Ich schwöre, da war etwas.“ Ich seufzte leise. Natürlich war da wieder etwas. „Ich hab ihn schon von Weitem gesehen“, begann Sara begeistert. „Und du kannst dir nicht vorstellen, wie gut er heute wieder aussieht. Ich schwöre, er muss letztens gelesen haben, dass ich total darauf stehe, wenn Männer ihre Haare so nach vorne tragen.“ Ich hob nur eine Augenbraue. „Und auf Lederjacken.“ Ich starrte sie einen Moment fassungslos an. „Moment mal.“ Ich musste kurz lachen. „Willst du mir gerade ernsthaft erzählen, dass du glaubst, er würde seinen Stil ändern … wegen dir?“ Sara runzelte die Stirn. „Wie kommst du denn darauf?“ „Na, weil du gerade so tust, als hätte er extra für dich seine Frisur geändert.“ „Ach so!“ Sie winkte lachend ab. „Nein, natürlich nicht.“ Ich atmete erleichtert aus. „Er trägt ja heute gar keine Lederjacke“, fügte sie völlig selbstverständlich hinzu. „Aber sie würde ihm unglaublich gut stehen.“ Ich blinzelte sie an. „… Was?“ „Na ja, stell ihn dir mal mit einer schwarzen Lederjacke vor.“ „Sara.“ „Was denn?“ „Du freust dich gerade über eine Jacke, die er nicht einmal trägt.“ Sie zuckte grinsend mit den Schultern. „In meinem Kopf trägt er sie.“ Ich ließ mich seufzend in den Stuhl zurückfallen. Jetzt verstand ich endgültig gar nichts mehr. Sie war also völlig aus dem Häuschen wegen einer Jacke, die Markus nicht einmal anhatte. Das konnte doch kein normales Verhalten sein. … Oder war am Ende ich die Verrückte? Nein. Ganz sicher nicht. „Du verstehst das einfach nicht, Katy.“ Sara schüttelte den Kopf. „Es geht doch gar nicht darum, dass er die Jacke jetzt trägt. Es geht darum, dass er sie vielleicht bald trägt.“ „Aha.“ „Er muss doch gelesen haben, was ich geschrieben habe. Und schau dir seine Haare an! Genau so, wie ich es toll finde.“ Ich starrte sie einen Moment sprachlos an. Sie meinte das ernst. „Sara …“, begann ich vorsichtig. „Wo hast du das denn geschrieben?“ Sie sah mich verständnislos an, als hätte ich gerade den Faden verloren. „Na, ich hab dir das doch erzählt.“ „Nein.“ Ich schüttelte langsam den Kopf. „Du hast mir geschrieben, dass du seine Haare so magst.“ Sie blinzelte. „Nicht ihm.“ Einen Moment herrschte Stille. „Wie genau soll Markus das also gelesen haben?“ Sara öffnete den Mund, schloss ihn wieder und dachte tatsächlich kurz nach. „… Vielleicht hat er ja irgendwie Zugriff auf unsere Nachrichten?“ Ich ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. „Bitte sag mir, dass das ein Witz war.“ „War es.“ Sie grinste. Ich atmete erleichtert aus. „… Aber Zufall kann das mit den Haaren trotzdem nicht sein.“ Natürlich nicht. Bei Sara war inzwischen alles ein Zeichen. „Okay.“ Ich nickte langsam. „Er hat also auf magische Weise herausgefunden, dass du darauf stehst, wenn er seine Haare so trägt. Die Lederjacke wird ihm wahrscheinlich auch bald wie von selbst zufliegen.“ Sara öffnete den Mund, aber ich hob sofort eine Hand. „Aber gut. Sagen wir einfach, ich stelle das alles mal unter ‚Bei Sara ist inzwischen alles möglich‘ ab.“ Ich lehnte mich zurück und sah sie an. „Wenn er dich aber doch gesehen hat und dich sogar richtig angelächelt hat … warum sitzt du dann wieder hier?“ Ich musterte sie misstrauisch. „Und jetzt komm mir bitte nicht mit: ‚Weil ich wieder zu dir wollte.‘“ Für eine Antwort kam Sara gar nicht erst. Ihr Grinsen sagte eigentlich schon alles. Und genau dieses Grinsen war das Problem. Denn ich kannte sie lange genug, um zu wissen, dass sie gerade entweder etwas unglaublich Dummes oder etwas unglaublich Unüberlegtes getan hatte. Wahrscheinlich beides. Und egal, was es war – es würde mir ganz sicher nicht gefallen. „Naja, irgendwie muss ich es ja schaffen, dass er merkt, wie perfekt ich für ihn bin“, sagte Sara, als wäre das die logischste Sache der Welt. „Also habe ich ihm einfach gesagt, dass ich mich total freuen würde, wenn er zu uns kommt. Und er hat Ja gesagt.“ Ihr Gesicht strahlte. Sie sah aus, als hätte sie mir gerade erzählt, dass sie im Lotto gewonnen hatte. Ich hingegen starrte sie einfach nur an. „Warte mal.“ Ich blinzelte. „Kann es sein, dass ich eigentlich nur hier bin, damit du eine Ausrede hast? Damit du ihm sagen kannst: ‚Keine Sorge, ich bin mit einer Freundin hier und stalke dich nicht.‘“ Die Worte kamen schneller aus mir heraus, als ich darüber nachdenken konnte. Für einen kurzen Moment sah Sara mich irritiert an. Und ich wartete darauf, dass sie verstand, was ich eigentlich sagen wollte. Dass ich nicht die Bar meinte. Dass ich nicht Markus meinte. Sondern die Tatsache, dass sie gerade völlig vergessen hatte, wie verrückt das Ganze von außen wirkte. Aber natürlich. Sara verstand es nicht. Sie grinste nur. „Das ist kein Stalking.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Nein?“ „Nein.“ Sie schüttelte überzeugt den Kopf. „Das ist … ich zeige ihm nur, wie perfekt ich bin.“ Ich schüttelte wieder einmal den Kopf. Dieses Mal musste ich allerdings grinsen. Wie schaffte Sara es eigentlich, aus einem möglichen Stalking-Vorwurf etwas Romantisches zu machen? Und ganz ehrlich: Solange sie nichts Böswilliges tat, musste ich auch nicht eingreifen. Markus war schließlich nicht in Gefahr. Ich hätte auch nie gedacht, dass Sara irgendwann einmal eine Gefahr für jemanden werden könnte. Aber wie so oft im Leben: Man konnte sich schneller irren, als einem lieb war. „Ich hoffe, es stimmt, dass du einen Pornstar Martini wolltest?“ Die tiefe Stimme ließ mich sofort aufblicken. Ich hatte ihn tatsächlich schon wieder fast vergessen. Fast. Doch dann war da wieder dieser Geruch. Etwas Warmes, Ruhiges, das meinen Kopf für einen Moment einfach still werden ließ. Und seine Stimme. Tief und angenehm. Sie schaffte es irgendwie, alles andere um mich herum auszublenden. „Wollte ich eigentlich nicht“, sagte Sara sofort und lächelte ihn zuckersüß an. „Aber ich nehme ihn natürlich sehr gerne.“ Sie griff bereits nach dem Glas. Doch bevor sie es nehmen konnte, zog er leicht die Augenbrauen zusammen. „Freut mich. Dann hol dir doch gerne einen.“ Er hielt ihr das Glas noch einmal hin. „Der ist für sie.“ Mein Mund blieb offen stehen. Nicht, weil er unhöflich gewesen wäre. Eigentlich war er sogar ziemlich freundlich. Aber ich konnte mich nicht erinnern, jemals erlebt zu haben, dass jemand Sara so offensichtlich abgewiesen hatte. Normalerweise funktionierte ihr Charme. Zumindest dachte sie das. Doch bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatte, sich darüber aufzuregen, wanderte ihr Blick an mir vorbei. Und plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Denn am anderen Ende des Raumes sah sie ihn. Markus.Den ganzen Tag hatte ich über das Gespräch mit Sara nachgedacht. Markus, Mia und natürlich auch Nina hatte ich davon erzählt. Alle waren fassungslos darüber, dass sie mich wirklich nur als Ersatz zurückhaben wollte. Gleichzeitig waren sie aber auch stolz auf mich. Darauf, dass ich nicht klein beigegeben hatte. Darauf, dass ich diesmal nicht wieder versucht hatte, ihre Gefühle über meine zu stellen. Und ich war es auch. Mehr als stolz. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich etwas für mich getan zu haben. Ich hatte Sara nicht angeschrien. Ich hatte sie nicht beleidigt. Ich hatte ihr einfach gesagt, dass ich nicht mehr konnte. Und dann war ich gegangen. Vielleicht war genau das Erwachsenwerden. Nicht immer laut zu werden. Sondern irgendwann einfach zu wissen, wann genug war. Und endlich sah ich das es genug war. Ich hatte genug davon. Und jetzt? Jetzt stand ich am Flughafen. Bereit, Julian abzuholen. Meine Hände waren kalt. Mein Herz hingegen definitiv nich
Noch einmal tief durchatmen.Katy, du schaffst das.Egal, was sie will.Du kannst auch einfach wieder reingehen.Du musst nicht stehen bleiben und dir alles gefallen lassen.Du hast es in der Bar geschafft.Du hast ihr die Stirn geboten.Du bist nicht gegangen.Dann schaffst du es jetzt auch.Nur war ich dieses Mal alleine.Egal.Ich würde das schon schaffen.Ich trat nach draußen und sah mich kurz um.Sara stand direkt an der Ecke.Den Blick auf ihr Handy gerichtet.Sie schien mich noch gar nicht bemerkt zu haben.Okay.Dann los.Ich ging ein paar Schritte auf sie zu.„Du wolltest mit mir reden?“Ich blieb mit etwas Abstand vor ihr stehen.Sofort sah Sara auf.Sie steckte ihr Handy weg.Und dann …Lächelte sie mich an?Ich blinzelte.Ja.Das bildete ich mir nicht ein.Sie lächelte mich wirklich an.Okay.Was war denn jetzt los?„Hey, Süße.“Süße?Ich starrte sie an.„Es tut mir wirklich leid.“Sie kam einen Schritt auf mich zu.Warte.Was?Ich ging automatisch einen Schritt zurück.„
Meine Atmung ging viel zu schnell. Und mein Herz? Ich war mir ziemlich sicher, dass es gerade überhaupt nicht mehr schlug. Mir wurde heiß. Sehr heiß. Ich starrte auf Julians Nachricht und konnte kaum glauben, was ich da gerade las. Ich hatte Julian also wirklich geschrieben, dass ich ihn vermisse? Wie betrunken war ich bitte? Ich sollte mir die Nachricht nochmal durchlesen. Vielleicht hatte ich einfach nur irgendwas gesagt, was im betrunkenen Zustand viel schlimmer klang, als es eigentlich war. Ich öffnete unseren Chat. Oh Gott. Es war also sogar noch schlimmer, als ich dachte. Ich hatte ihm ein Foto geschickt. Von mir. Aus unserer Ecke in der Bar. Genau dort, wo wir unser Nicht-Date gehabt hatten. Und darunter hatte ich wirklich geschrieben: Ich vermisse dich so sehr gerade. Dieser Abend ist toll, aber mit dir wäre er besser. Wenn du wieder da bist, will ich ein richtiges Date! Ich legte das Handy langsam auf meine Brust. „Oh mein Gott.“ Ich schloss die Augen. N
Irgendwann wachte ich wieder auf. Ich musste mich mehrfach umsehen, um überhaupt zu realisieren, wo ich gerade war. Zuhause. In meinem Bett. Okay. Wie bin ich hier nochmal hingekommen? Ich setzte mich langsam auf und griff nach meiner Wasserflasche. Immerhin stand die direkt neben meinem Bett. Gut mitgedacht. Wann auch immer ich das getan hatte. Ich nahm einen großen Schluck. Oh Gott. Mein Kopf. Der fühlte sich an, als hätte jemand die ganze Nacht darin gefeiert. Okay. Nachdenken. Was war gestern eigentlich passiert? Ich schloss kurz die Augen. Markus hatte mehrere Runden geholt. Das wusste ich noch. Wir hatten Spaß. Sehr viel Spaß. Und irgendwann kam er auf die unglaublich tolle Idee, dass wir Karaoke singen könnten. Oh Gott. Bitte lass es davon keine Videos geben. Ich überlebte das nicht, falls es wirklich welche gab. Ich konnte mich noch dunkel daran erinnern, dass Mia irgendwann neben mir gestanden hatte. Oder gesessen? Keine Ahnung. Irgendwann war irg
Sara kam auf mich zu. Wollte sie jetzt wirklich beweisen, dass sie nicht klein beigeben würde? Scheint so. Aber diesmal würde ich nicht zurückweichen. Nicht einen Schritt. Ich hatte so lange zugelassen, dass andere Menschen über mich bestimmten. Dass sie mir sagten, was ich fühlen durfte. Was ich falsch gemacht hatte. Und vor allem, wer ich angeblich war. Aber nein. Ich ließ es nicht mehr zu. Nie wieder würde ich zulassen, dass jemand so auf mir herumtrampelte. Das schwor ich mir genau in diesem Moment. Ich sah Sara direkt an. „Weißt du, Sara …“ Meine Stimme war erstaunlich ruhig. Viel ruhiger, als ich mich eigentlich fühlte. „Ich hab lange darüber nachgedacht, warum du einem Typen, den du willst, mehr glaubst als deiner besten Freundin. Einer Freundin, die du jahrelang hattest.“ Sara sagte nichts. Also redete ich weiter. „Warum du eine Freundschaft einfach so wegwirfst.“ Ich schluckte. Das tat noch immer weh. Vielleicht würde es das auch immer ein bisschen tun.
Um mich herum passierte alles ganz schnell. Trotzdem fühlte ich mich, als wäre ich in einer Zeitlupe gefangen. Ich hörte, wie Mia direkt neben mir war und Sara die verschiedensten Sachen verbal an den Kopf warf. Aber ich hörte kein einziges Wort. Es kam einfach nichts bei mir an. Ich nahm Saras Anwesenheit hinter mir viel zu stark wahr. Alles in mir wollte eigentlich nur weg. Doch mein Körper schien noch nicht verstanden zu haben, dass ich mich bewegen sollte. Der Flucht Reflex in mir versage. Zum Glück bin ich kein Kaninchen. Markus fummelte irgendwie an mir herum. Ich glaube, er versuchte mit ein paar Servietten, meine Haare wieder trocken zu bekommen. „Alles okay?“ Ich wusste nicht einmal, ob er das gerade wirklich gesagt hatte oder ob ich es mir nur eingebildet hatte. Ich wollte antworten. Irgendwas. Aber bevor ich überhaupt dazu kam, rutschte plötzlich ein Eiswürfel in meinen BH. „AH!“ Die Kälte ließ mich sofort aufschrecken. Ich sprang regelrecht auf. Okay.







