LOGINMarkus war also wirklich gekommen.
Wie um alles in der Welt hatte Sara das geschafft? Bevor ich dem Fremden endlich den Cocktail abnehmen konnte, schob Sara ihn kurzerhand ein Stück in meine Richtung. Nicht besonders vorsichtig – Hauptsache, der Stuhl neben ihr war frei. „Süßer, hier. Ich hab dir deinen Platz schon freigehalten.“ Mein Cocktail schwappte über. Ein paar Tropfen landeten auf dem Tisch. Und natürlich auch auf meinem Oberteil. Natürlich. Der Fremde reagierte sofort. „Oh Gott, sorry. Das war wirklich nicht extra.“ Er beugte sich zu mir herunter. „Ich hole dir etwas zum Saubermachen.“ Ich sah auf und traf seinen Blick. Braune Augen. Aber nicht einfach nur braun. Irgendetwas Goldenes schimmerte darin, wenn das Licht der Bar richtig darauf fiel. Viel Zeit, darüber nachzudenken, hatte ich allerdings nicht. Denn langsam drang durch, was Sara gerade gesagt hatte. Süßer? Ich drehte den Kopf zu ihr. Das konnte nicht ihr Ernst sein. „Sara, das meinst du nicht—“ Weiter kam ich nicht. Markus war inzwischen bei uns angekommen und setzte sich neben sie. Er warf mir nur einen kurzen Blick zu und murmelte ein knappes „Hi“, bevor seine Aufmerksamkeit sofort wieder zu Sara wanderte. Okay. Sie hatte es also tatsächlich geschafft. Nicht nur, dass er hierhergekommen war – anscheinend war er genauso von sich überzeugt wie sie. Hatten sich hier gerade wirklich zwei Menschen gefunden, die perfekt zusammenpassten? Oder übersah ich gerade etwas? Mal wieder wurde mir bewusst, dass ich vielleicht öfter einfach im Moment leben sollte. Denn gerade eben hatte ich noch beobachtet, wie Sara mit ihren Haaren spielte und sich ganz offensichtlich in Szene setzte, um Markus zu gefallen. Ich hatte mich fast gefragt, ob sie das selbst bemerkte. Dann wurde mein Blick plötzlich von etwas Weißem verdeckt. Servietten. „Ähm … danke.“ Ich nahm sie entgegen und begann, mein Oberteil und gleichzeitig den Tisch trocken zu tupfen. Mein Blick blieb dabei allerdings nicht wirklich an dem Fleck hängen. Sondern an den beiden Menschen direkt vor mir. „Bro, was tust du hier? Ich dachte, du bist schon längst weg.“ Markus sah plötzlich zu uns. Besser gesagt: zu ihm. Auch wenn niemand mit mir sprach, fühlte ich mich nicht wirklich fehl am Platz. Es war eher dieses Gefühl von: Ich habe keine Ahnung, was hier gerade passiert. Erst hatte Sara es tatsächlich geschafft, dass Markus zu uns an den Tisch kam. Und jetzt saß hier auch noch dieser Fremde, der mir einfach so einen Cocktail gebracht hatte. Dieser Abend war definitiv nicht das, was ich erwartet hatte. Aber wenn Sara dabei war, war ein Abend eigentlich nie so, wie man ihn erwartete. „Nein, ich bin noch hier. Wie du siehst.“ Mehr antwortete er nicht. Okay. Also war er entweder jemand, der nicht besonders viele Worte machte … Oder seine Antwort war vollkommen normal und ich interpretierte mal wieder viel zu viel hinein. Wahrscheinlich Letzteres. Keine Ahnung. Bevor ich noch länger über Dinge nachdenken konnte, die mich eigentlich gar nichts angingen, nahm ich einfach meinen Cocktail und trank einen Schluck. Er schmeckte fruchtig. Und genau das brauchte ich gerade. Eine kleine Ablenkung. Sara würde mich sowieso nicht mehr brauchen. Nicht, solange Markus neben ihr saß. Also konnte ich genauso gut einfach meinen Abend genießen. Die Zeit verging schneller, als ich erwartet hatte. Ich konnte allerdings nicht behaupten, dass es an den besonders guten Gesprächen lag. Denn die gab es nicht. Der Fremde – der anscheinend ein Freund von Markus war – hatte sich mittlerweile zu mir gesetzt. Wirklich geredet hatten wir trotzdem kaum. Seit ich wusste, dass er mit Markus befreundet war, hatte ich irgendwie das Gefühl, dass er eigentlich gar nicht freiwillig hier saß. Wahrscheinlich hatte Markus ihn einfach mitgeschleppt. Aber warum hatte Markus dann so überrascht reagiert, als er ihn noch hier gesehen hatte? Während ich versuchte, mir dafür irgendeine logische Erklärung zusammenzubauen, lief im Hintergrund weiterhin Saras persönliche Markus-Dokumentation. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie seine neue Frisur inzwischen mindestens achtmal erwähnt hatte. „Ich finde es immer noch so süß, dass du deine Haare genau so trägst. Das passt einfach viel besser zu dir.“ Und natürlich kam wieder die Sache mit der Tatsache, dass er es angeblich für sie gemacht hatte. Damit war meine Frage von vorhin wohl beantwortet. Sara war wirklich an einem Punkt angekommen, an dem sie in allem ein Zeichen sah. Am besten fand ich allerdings Markus’ Antwort darauf. „Nee, hatte nur keinen Bock, sie heute zu stylen.“ Für mich wäre das ein ziemlich eindeutiger Korb gewesen. Aber Sara? Sara schaffte es natürlich, selbst daraus noch etwas Positives zu machen. Ich glaube langsam sogar, Markus war selbst davon überzeugt, dass er diese Frisur ihretwegen trug. Vielleicht lag es aber auch einfach am Alkohol. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie viele Cocktails ich inzwischen getrunken hatte. Mein Glas war jedenfalls irgendwie nie leer. Das von dem Fremden neben mir allerdings auch nicht. Ich versuchte immer noch zu verstehen, was hier eigentlich gerade passierte. Aber eine wirklich logische Erklärung fand ich einfach nicht. Natürlich wurde ich genau in diesem Moment wieder aus meinen Gedanken gerissen. Da war sie wieder. Diese unfassbar tiefe Stimme. Er beugte sich leicht zu mir und sprach so leise, dass es fast wie ein Flüstern klang. „Du scheinst nicht gerade begeistert von ihm zu sein.“ Ich sah ihn fragend an. „Was meinst du?“ Ich verstand wirklich nicht, worauf er hinauswollte. Er nickte in Richtung Markus und sah anschließend wieder zu mir. Markus und Sara bekamen von unserem Gespräch nichts mit. Ich war mir ziemlich sicher, selbst wenn wir beide plötzlich verschwunden wären, hätten sie es erst irgendwann später bemerkt. „Du meinst Markus?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Was soll ich schon gegen ihn haben? Ich kenne ihn doch nicht mal.“ Kurz sah ich zu den beiden hinüber. „Außerdem scheinen die zwei doch ziemlich viel Spaß zu haben. Sie passen anscheinend ganz gut zusammen.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Cocktail. „Und ganz ehrlich? Immerhin muss ich mir jetzt nicht mehr die ganze Zeit anhören, wie toll er doch ist.“ Für einen Moment sagte er nichts. Dann fing er an zu lachen. Nicht dieses höfliche Lachen, das man manchmal aus Verlegenheit machte. Ein echtes Lachen. Tief und ehrlich. Ich starrte ihn irritiert an. Was genau war daran jetzt bitte lustig? „Okay“, sagte ich schließlich. „Was habe ich verpasst?“ „Nichts.“ Er grinste leicht. „Ich fand es einfach nur lustig, wie du sagst, dass du nichts gegen ihn hast, während du gleichzeitig hier sitzt und ihn die ganze Zeit beobachtest.“ Ich sah ihn verwirrt an. „Erstens beobachte ich nicht nur ihn. Ich beobachte beide.“ Ich deutete mit meinem Glas in Richtung Sara und Markus. „Und zweitens: Was soll ich denn sonst bitte machen?“ Ich setzte den Cocktail wieder an meine Lippen. Leider genau in dem Moment, in dem er antwortete. „Wie wäre es, wenn du mich so anstarrst?“ Ich verschluckte mich sofort. Natürlich. Natürlich musste mein Körper genau jetzt beschließen, mich komplett im Stich zu lassen. Ich stellte das Glas hastig ab und hustete leise. Er lachte wieder. Nicht auslachen. Eher, als hätte er genau diese Reaktion erwartet. „Alles okay?“ Ich sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Du findest es also lustig, wenn Menschen an deinem Cocktail ersticken?“ „Nein.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Nur wenn sie so überrascht sind.“ „Vielleicht solltest du einfach keine solchen Dinge sagen.“ „Vielleicht solltest du nicht so leicht zu überraschen sein.“ Ich öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern. Doch mir fiel nichts ein. Was mich ehrlich gesagt fast noch mehr störte.Den ganzen Tag hatte ich über das Gespräch mit Sara nachgedacht. Markus, Mia und natürlich auch Nina hatte ich davon erzählt. Alle waren fassungslos darüber, dass sie mich wirklich nur als Ersatz zurückhaben wollte. Gleichzeitig waren sie aber auch stolz auf mich. Darauf, dass ich nicht klein beigegeben hatte. Darauf, dass ich diesmal nicht wieder versucht hatte, ihre Gefühle über meine zu stellen. Und ich war es auch. Mehr als stolz. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich etwas für mich getan zu haben. Ich hatte Sara nicht angeschrien. Ich hatte sie nicht beleidigt. Ich hatte ihr einfach gesagt, dass ich nicht mehr konnte. Und dann war ich gegangen. Vielleicht war genau das Erwachsenwerden. Nicht immer laut zu werden. Sondern irgendwann einfach zu wissen, wann genug war. Und endlich sah ich das es genug war. Ich hatte genug davon. Und jetzt? Jetzt stand ich am Flughafen. Bereit, Julian abzuholen. Meine Hände waren kalt. Mein Herz hingegen definitiv nich
Noch einmal tief durchatmen.Katy, du schaffst das.Egal, was sie will.Du kannst auch einfach wieder reingehen.Du musst nicht stehen bleiben und dir alles gefallen lassen.Du hast es in der Bar geschafft.Du hast ihr die Stirn geboten.Du bist nicht gegangen.Dann schaffst du es jetzt auch.Nur war ich dieses Mal alleine.Egal.Ich würde das schon schaffen.Ich trat nach draußen und sah mich kurz um.Sara stand direkt an der Ecke.Den Blick auf ihr Handy gerichtet.Sie schien mich noch gar nicht bemerkt zu haben.Okay.Dann los.Ich ging ein paar Schritte auf sie zu.„Du wolltest mit mir reden?“Ich blieb mit etwas Abstand vor ihr stehen.Sofort sah Sara auf.Sie steckte ihr Handy weg.Und dann …Lächelte sie mich an?Ich blinzelte.Ja.Das bildete ich mir nicht ein.Sie lächelte mich wirklich an.Okay.Was war denn jetzt los?„Hey, Süße.“Süße?Ich starrte sie an.„Es tut mir wirklich leid.“Sie kam einen Schritt auf mich zu.Warte.Was?Ich ging automatisch einen Schritt zurück.„
Meine Atmung ging viel zu schnell. Und mein Herz? Ich war mir ziemlich sicher, dass es gerade überhaupt nicht mehr schlug. Mir wurde heiß. Sehr heiß. Ich starrte auf Julians Nachricht und konnte kaum glauben, was ich da gerade las. Ich hatte Julian also wirklich geschrieben, dass ich ihn vermisse? Wie betrunken war ich bitte? Ich sollte mir die Nachricht nochmal durchlesen. Vielleicht hatte ich einfach nur irgendwas gesagt, was im betrunkenen Zustand viel schlimmer klang, als es eigentlich war. Ich öffnete unseren Chat. Oh Gott. Es war also sogar noch schlimmer, als ich dachte. Ich hatte ihm ein Foto geschickt. Von mir. Aus unserer Ecke in der Bar. Genau dort, wo wir unser Nicht-Date gehabt hatten. Und darunter hatte ich wirklich geschrieben: Ich vermisse dich so sehr gerade. Dieser Abend ist toll, aber mit dir wäre er besser. Wenn du wieder da bist, will ich ein richtiges Date! Ich legte das Handy langsam auf meine Brust. „Oh mein Gott.“ Ich schloss die Augen. N
Irgendwann wachte ich wieder auf. Ich musste mich mehrfach umsehen, um überhaupt zu realisieren, wo ich gerade war. Zuhause. In meinem Bett. Okay. Wie bin ich hier nochmal hingekommen? Ich setzte mich langsam auf und griff nach meiner Wasserflasche. Immerhin stand die direkt neben meinem Bett. Gut mitgedacht. Wann auch immer ich das getan hatte. Ich nahm einen großen Schluck. Oh Gott. Mein Kopf. Der fühlte sich an, als hätte jemand die ganze Nacht darin gefeiert. Okay. Nachdenken. Was war gestern eigentlich passiert? Ich schloss kurz die Augen. Markus hatte mehrere Runden geholt. Das wusste ich noch. Wir hatten Spaß. Sehr viel Spaß. Und irgendwann kam er auf die unglaublich tolle Idee, dass wir Karaoke singen könnten. Oh Gott. Bitte lass es davon keine Videos geben. Ich überlebte das nicht, falls es wirklich welche gab. Ich konnte mich noch dunkel daran erinnern, dass Mia irgendwann neben mir gestanden hatte. Oder gesessen? Keine Ahnung. Irgendwann war irg
Sara kam auf mich zu. Wollte sie jetzt wirklich beweisen, dass sie nicht klein beigeben würde? Scheint so. Aber diesmal würde ich nicht zurückweichen. Nicht einen Schritt. Ich hatte so lange zugelassen, dass andere Menschen über mich bestimmten. Dass sie mir sagten, was ich fühlen durfte. Was ich falsch gemacht hatte. Und vor allem, wer ich angeblich war. Aber nein. Ich ließ es nicht mehr zu. Nie wieder würde ich zulassen, dass jemand so auf mir herumtrampelte. Das schwor ich mir genau in diesem Moment. Ich sah Sara direkt an. „Weißt du, Sara …“ Meine Stimme war erstaunlich ruhig. Viel ruhiger, als ich mich eigentlich fühlte. „Ich hab lange darüber nachgedacht, warum du einem Typen, den du willst, mehr glaubst als deiner besten Freundin. Einer Freundin, die du jahrelang hattest.“ Sara sagte nichts. Also redete ich weiter. „Warum du eine Freundschaft einfach so wegwirfst.“ Ich schluckte. Das tat noch immer weh. Vielleicht würde es das auch immer ein bisschen tun.
Um mich herum passierte alles ganz schnell. Trotzdem fühlte ich mich, als wäre ich in einer Zeitlupe gefangen. Ich hörte, wie Mia direkt neben mir war und Sara die verschiedensten Sachen verbal an den Kopf warf. Aber ich hörte kein einziges Wort. Es kam einfach nichts bei mir an. Ich nahm Saras Anwesenheit hinter mir viel zu stark wahr. Alles in mir wollte eigentlich nur weg. Doch mein Körper schien noch nicht verstanden zu haben, dass ich mich bewegen sollte. Der Flucht Reflex in mir versage. Zum Glück bin ich kein Kaninchen. Markus fummelte irgendwie an mir herum. Ich glaube, er versuchte mit ein paar Servietten, meine Haare wieder trocken zu bekommen. „Alles okay?“ Ich wusste nicht einmal, ob er das gerade wirklich gesagt hatte oder ob ich es mir nur eingebildet hatte. Ich wollte antworten. Irgendwas. Aber bevor ich überhaupt dazu kam, rutschte plötzlich ein Eiswürfel in meinen BH. „AH!“ Die Kälte ließ mich sofort aufschrecken. Ich sprang regelrecht auf. Okay.







