LOGINAverys Sicht
Ich schreckte keuchend aus dem Schlaf hoch. Sofort wanderten meine Finger zu der schmerzenden Stelle an meinem Hals, während ich mich hektisch umsah.
Ich war in meinem Zimmer.
Ich trug noch dasselbe Shirt wie am Abend zuvor, und alles schien an seinem Platz zu sein.
„Es muss ein Albtraum gewesen sein. Ein wirklich schrecklicher Albtraum“, flüsterte ich mir selbst zu, während ich mein Spiegelbild betrachtete.
Doch das dumpfe Ziehen zwischen meinen Beinen fühlte sich viel zu real an, um es einfach zu ignorieren. Das Brennen und dieses intensive Verlangen nach mehr waren noch immer da.
Ich zog eine weite Jeans und ein Shirt an, das mindestens zwei Nummern zu groß für mich war. Meine Haare band ich zu einem unordentlichen Dutt zusammen und nahm mir fest vor, mitten in der Nacht noch einmal in den Keller zu gehen.
Als ich die Küche betrat, war meine Mutter bereits dort. Sie trug ein gelbes Seidentop mit einem passenden knielangen Rock, der an der Seite einen hohen Schlitz hatte.
Neben ihr stand Hailey in einem kurzen weißen Kleid und High Heels mit roten Sohlen. Ihr seidiges Haar war perfekt nach hinten gekämmt.
In dem Moment, in dem meine Mutter mich sah, verschwand ihr strahlendes Lächeln und wich einem angewiderten Stirnrunzeln.
„Du siehst schlimmer aus als die Dienstmädchen hier, Avery. Was um alles in der Welt trägst du da?“, sagte Hailey als Erste, schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf.
Meine Mutter knallte ihre dampfende Teetasse auf die Kücheninsel.
„Sieh einer an, wer sich endlich blicken lässt. Bist du mit Schmollen fertig und jetzt hier, um dir wieder heimlich irgendwelche Süßigkeiten in den Mund zu stopfen?“, fragte sie. In ihrer Stimme lag unverkennbarer Ärger.
Wieder?
Hailey entfuhr ein leises Lachen. Dann beugte sie sich zu Mutter hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sich deren Stirnrunzeln noch vertiefte.
„Ich möchte einfach nur einen Kräutertee, Mutter. Und vielleicht etwas Frühstück, wie jeder andere Mensch hier auch“, stöhnte ich und ging an ihnen vorbei zur anderen Seite der Küche.
Ich war zu erschöpft, um mich mit ihnen zu streiten.
Außerdem kreisten meine Gedanken ohnehin nur um eine einzige Person.
Diesen Mann.
Ich holte eine Schüssel Salat aus dem Kühlschrank und schenkte mir anschließend ein Glas Minztee ein. Nicht, dass mir diese trostlose Kombination besonders schmeckte. Aber irgendwie hatte ich mich so sehr daran gewöhnt, dass es sich inzwischen normal anfühlte, jeden Morgen genau das zu essen.
„Avery, ich habe dein Kleid bereits vorbereiten lassen. Vielleicht solltest du das Frühstück auslassen, damit du wenigstens hineinpasst.“
„Die Designerin hat meine Maße doch gar nicht genommen“, erwiderte ich sofort, stopfte mir etwas von dem geschmacklosen Salat in den Mund und kaute demonstrativ langsam.
Mum lachte leise.
„Sei nicht albern. Natürlich hat sie deine Maße bereits.“
Natürlich hatte sie die.
Auf Anweisung meiner Mutter.
Damit sie meine Kleider absichtlich zwei Größen zu klein anfertigen konnte.
Ich überlegte kurz, etwas zu erwidern, entschied mich dann jedoch dagegen.
Nur wenige Sekunden später betrat Vater die Küche. Stolz glänzte in seinen Augen, als er Hailey in seine Arme zog.
Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und küsste anschließend Mutter auf die Wange.
„Der Munitionsdeal ist abgeschlossen. Und das alles dank meines Juwels.“
Er zog Hailey erneut an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.
„Ich bin so stolz auf dich.“
Dann sah er schließlich zu mir herüber.
„Und auf dich bin ich ebenfalls stolz, Avery. Dafür, dass du mit der ganzen Sache so gut umgegangen bist.“
Er schenkte mir ein höfliches Lächeln.
Ich lächelte zurück, obwohl mir in diesem Moment überhaupt nicht danach war.
Plötzlich schmeckte der Salat noch fader als zuvor.
„Avery, ich denke, du solltest Sizilien nach der Hochzeit deiner Schwester verlassen“, sagte Mutter. „Zumindest für eine Weile. Damit Hailey und Henry genügend Raum haben, ihre Ehe zu festigen.“
Ich erstarrte.
Mein Blick wanderte sofort zu Vater. Ich hoffte, dass er etwas sagen würde. Dass er Mutters Vorschlag widersprechen würde.
Doch er sagte nichts.
„Ich kann nicht gehen.“ Ich schüttelte den Kopf.
Mutter schnaubte.
„Warum nicht? Du hast hier doch ohnehin kaum ein eigenes Leben.“
„Doch, das habe ich.“
„Ja, vielleicht mit diesem Widerling unten im Verlies“, lachte Hailey.
Ich erwartete, dass Mutter mitlachen oder sich ebenfalls über mich lustig machen würde.
Doch stattdessen erstarrte sie.
Ihre Augen weiteten sich vor Schock.
Vater trat sofort einen Schritt nach vorn und zog bereits seine Glock.
„Hör auf, so einen Mist zu erzählen, Hailey“, sagte ich und kämpfte verzweifelt darum, meine Stimme ruhig zu halten.
Meine Wangen brannten vor Scham.
„Ist das wahr?“, fragte Mutter.
Die Worte kamen kaum über ihre Lippen.
Ich war so verwirrt, dass ich einfach nur dastand.
„Es stimmt, Mama“, sagte Hailey. „Sie ist letzte Nacht nackt zu ihm gegangen!“
Noch bevor Hailey ihren Satz vollständig beenden konnte, bewegte sich Mutter.
Ihre Hand traf mein Gesicht so hart, dass ein lautes Klingeln meine Ohren erfüllte und meine Wange augenblicklich zu brennen begann.
„M… Mutter?“
Alles andere verschwamm im Hintergrund.
Vater, der aus der Küche stürmte und seinen Männern befahl, sämtliche Tore zu schließen.
Hailey, die plötzlich selbst zu schockiert war, um noch etwas zu sagen.
Und meine Mutter, deren ganzer Körper vor Wut zitterte.
„Du fette Schlampe!“, schrie sie und schlug mir erneut ins Gesicht.
Meine ohnehin schon brennende Wange explodierte vor Schmerz.
„Bist du wirklich so verzweifelt nach Aufmerksamkeit, dass du dich einem Gefangenen anbietest?“
Tränen verschleierten meine Sicht.
Ich senkte nur den Kopf und betete darum, dass dieser Moment möglichst schnell vorbeigehen würde.
„I… ich habe es nicht so gemeint. Es tut mir leid“, brachte ich schluchzend hervor.
Mutter packte mein Kinn. Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in meine Wangen.
„Dir tut noch gar nichts leid, Avery! Noch nicht!“, sagte sie mit schneidender Stimme. „Aber das wird es. Wenn dieser Mann nicht mehr in seinem Verlies sitzt und noch immer mit genau den Ketten gefesselt ist, die ihn dort festhalten sollten, dann wirst du sehr bald verstehen, was Reue bedeutet.“
Ihr heißer Atem traf mein Gesicht.
Ich hatte sie noch nie so wütend gesehen.
Ihre normalerweise blasse Haut war inzwischen tiefrot angelaufen, und die Äderchen in ihren Augen traten deutlich hervor.
„Bete zu Satan, Avery. Denn selbst Gott wird dich nicht vor meinem Zorn retten können.“
Sie ließ mein Gesicht abrupt los und stieß mich dabei zurück.
Ich verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.
Mehr konnte ich nicht tun, als vor Angst zu schluchzen.
Denn ich wusste, dass sie nicht bluffte.
Kaum eine Minute später stürmten mein Vater und seine Männer in den Garten zurück.
Diesmal waren sie vollständig bewaffnet.
„Sichert das gesamte Gelände! Verriegelt das Anwesen!“, brüllte mein Vater.
Seine Stimme donnerte durch den offenen Bereich.
„Gero Reinhardt ist entkommen!“
Ich hatte noch nie erlebt, wie schnell sämtliche Farbe aus dem Gesicht meiner Mutter wich.
Das konnte nicht wahr sein.
Gero sollte nur eine Geschichte sein.
Eine Legende.
„D… du hast gerade den Teufel freigelassen…“, flüsterte meine Mutter mit zitternder Stimme.
Tränen liefen ihr über das Gesicht.
„Du hast uns alle ins Verderben gestürzt, Avery…“
Averys SichtIch schreckte keuchend aus dem Schlaf hoch. Sofort wanderten meine Finger zu der schmerzenden Stelle an meinem Hals, während ich mich hektisch umsah.Ich war in meinem Zimmer.Ich trug noch dasselbe Shirt wie am Abend zuvor, und alles schien an seinem Platz zu sein.„Es muss ein Albtraum gewesen sein. Ein wirklich schrecklicher Albtraum“, flüsterte ich mir selbst zu, während ich mein Spiegelbild betrachtete.Doch das dumpfe Ziehen zwischen meinen Beinen fühlte sich viel zu real an, um es einfach zu ignorieren. Das Brennen und dieses intensive Verlangen nach mehr waren noch immer da.Ich zog eine weite Jeans und ein Shirt an, das mindestens zwei Nummern zu groß für mich war. Meine Haare band ich zu einem unordentlichen Dutt zusammen und nahm mir fest vor, mitten in der Nacht noch einmal in den Keller zu gehen.Als ich die Küche betrat, war meine Mutter bereits dort. Sie trug ein gelbes Seidentop mit einem passenden knielangen Rock, der an der Seite einen hohen Schlitz hatt
Averys PerspektiveMeine Welt fühlte sich so leer an. Jede Nacht fern von dieser Zelle fühlte sich an, als würde ich meiner Seele das vorenthalten, was sie wirklich brauchte.Ich wälzte mich jede Nacht im Bett hin und her, verfolgt von Angst und den Nachwirkungen der Lust. Niemand hatte mich je so angesehen wie er. Nein, anders gesagt, ich hatte mich noch nie wohl genug gefühlt, meine Pussy vor irgendjemandem völlig nackt zu zeigen.Die Art, wie er gestöhnt hatte, und … seine raue Stimme – sie hatte mich anfangs erschreckt, aber sie hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Diese fünf Nächte ohne ihn fühlten sich wie Folter an.Ich seufzte, stand aus dem Bett auf und ging in die Küche, um mir ein Glas Milch zu holen. Vielleicht würde mich das zum Schlafen bringen.„Du gehst nicht wieder dorthin, Avery. Konzentrier dich auf etwas anderes“, murmelte ich zu mir selbst.Ich schrie erschrocken auf, als ich beim Abbiegen um die Ecke gegen eine harte Gestalt stieß. „Es tut mir so leid
Averys SichtEinen Mann angekettet im unterirdischen Kerker meines Vaters zu finden, war kein überraschender Anblick. Ein Don wie mein Vater war skrupellos. Er bestrafte Verräter auf die schlimmstmögliche Weise, unter anderem, indem er sie in Ketten verrotten ließ.Aber bei diesem hier geschah das nie. Abgesehen von seinen überwucherten Haaren und den spröden Lippen sah er kaum schlechter aus als ein Mann in Freiheit. Ich blieb immer draußen stehen und erzählte ihm von meinem Tag und von all den Dingen, die sonst niemand hören wollte.Und alles, was er tat, war, mich anzusehen, ohne ein Wort zu sagen, nur mit Gesichtsausdrücken zu reagieren und gelegentlich zu nicken. Er fühlte sich an wie mein menschliches Tagebuch, mein Sicherer.„Sicherer, ich bin zurückgekehrt.“ Ich konnte seinem Blick kaum standhalten, als ich diese Worte sagte. „Der Verlobte, den ich verlassen habe, um mich auf ihn zu konzentrieren, hat mich vor allen zurückgewiesen und gedemütigt.“Ich trat einen Schritt näher.
Averys PerspektiveIch warf ihr einen wütenden Blick zu. „Eine Szene machen? … Wie kannst du das sagen, Mutter, wenn mein Verlobter gerade meiner Schwester einen Antrag macht?“ Meine Stimme brach, während ich sprach.Mutter sah sich um, ihr gezwungenes Lächeln wurde breiter, während sie jedem zunickte, der in ihre Richtung blickte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alle auf die laufende Verlobung konzentriert waren, zog sie mich ans andere Ende des Gartens, weg von den neugierigen Blicken.„Sei nicht erbärmlich, Avery. Die Verlobung sollte unsere beiden Familien miteinander verbinden. Sie sollte den Weg für den Munitionshandel zwischen deinem Vater und Konrad ebnen. Was macht es für einen Unterschied, ob er deiner Schwester einen Antrag macht?“ Ihre Stimme wurde eine Spur lauter. „Außerdem erwartest du doch nicht ernsthaft, dass eine angesehene Persönlichkeit wie er an wichtigen Orten mit einer Frau wie dir gesehen wird.“Jedes Wort aus ihrem Mund tat schlimmer weh als ein Mes
Averys PerspektiveDie Festung wirkte heute anders – unser einst stiller Garten, der sonst nur von bewaffneten Männern patrouilliert wurde, war voller Gäste aus allen Teilen Siziliens. Alle waren gespannt, denn eine im Feuer geschmiedete Allianz stand kurz davor, besiegelt zu werden.Ich meine, wer könnte schon die Verlobungszeremonie zwischen Henry Shaw, dem einzigen Sohn von Konrad Shaw und Erben des Shaw-Imperiums, und der ältesten Tochter von Don Vendal Bellamy, dem Don von Sizilien, verpassen?Obwohl ich mich mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet hatte, spürte ich trotzdem dieses unangenehme, beklemmende Gefühl in meinem Magen – eines, das immer dann auftauchte, wenn ich in der Öffentlichkeit erscheinen musste, besonders wegen meiner Figur. Ich zwang mich dazu, ruhig zu atmen.Henry und ich waren seit unserer Kindheit miteinander verlobt. „Der Antrag ist nur eine Formalität“, flüsterte ich mir selbst zu und verzog das Gesicht, als das Korsett sich enger um meine Rippen legte.







