ANMELDENBehutsam schloss Althea die Tür zu Joshs Zimmer und vergewisserte sich noch einmal, dass seine Decke ordentlich über seinen Schultern lag. Sie beugte sich zu ihm hinunter, strich ihm sanft das zerzauste Haar aus der Stirn und ging anschließend zu Grace hinüber. Dort tauchte ein kleines Nachtlicht das Zimmer in einen warmen Schein. Grace atmete ruhig und gleichmäßig, ihr Gesicht im Schlaf vollkommen friedlich.Zur Sicherheit warf Althea noch einen Blick auf Grace’ Schulbücher. Für den nächsten Schultag war bei ihrer Kleinen zwar alles vorbereitet, aber Althea wollte sichergehen, dass wirklich nichts fehlte. Danach stellte sie die Klimaanlage auf eine angenehme Temperatur ein.„Schlaf gut“, flüsterte sie und gab ihrer Tochter einen sanften Kuss auf die Stirn.Kaum hatte Althea Grace’ Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen, hörte sie Stimmen aus dem Wohnzimmer. Eine davon kam ihr so vertraut vor, dass ihr augenblicklich das Herz schneller schlug. Dann begriff sie plötzlic
Anderswo – weit entfernt von glitzernden Hochhäusern, überfüllten Konferenzräumen und den zahllosen Cafés, in denen die Menschen gemütlich bei Kaffee und zuckersüßem Kuchen saßen – versteckte sich hinter einer Reihe längst aufgegebener Lagerhallen ein heruntergekommenes Gebäude. Es lag weit abseits der großen Straßen der Stadt. Verkehrslärm verirrte sich nur selten hierher, Autohupen waren so gut wie nie zu hören. Selbst der Handyempfang brach in dieser Gegend immer wieder ab. Fast wirkte es, als hätte die Welt diesen Ort längst vergessen.Eine einzige schwache Glühbirne hing schief von der Decke und tauchte die Lagerhalle in trübes, gelbliches Licht. Ihr matter Schein erreichte kaum die feuchten Wände, an denen die Farbe großflächig abblätterte und den alten Zement darunter freilegte. Die Luft war stickig und schwer, durchzogen vom beißenden Geruch billiger Zigaretten, abgestandenen Kaffees und dem metallischen Staub, der sich über Jahre hinweg angesammelt hatte.Fenster gab es kein
„Mein Gott – was zum Teufel ist das?“Cale schlug die braune Aktenmappe mit mehr Wucht zu als beabsichtigt. Seine Finger verharrten an der Ecke der letzten Seite, als hoffte er noch immer, sich einfach nur verlesen zu haben. Im provisorischen Archivraum von Callister Enterprise war außer dem leisen Summen der Klimaanlage nichts zu hören. Ungläubig fuhr er sich durchs Haar.„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, murmelte er.Er griff nach der nächsten Aktenmappe und schlug sie auf.Wieder dieselben Unterlagen – nur anders aufbereitet. Daten, die zeitlich auffällig nah beieinanderlagen. Unterschriften von Personen, deren Namen dort überhaupt nicht auftauchen durften. Dahinter schien System zu stecken. Ein Muster, das sich unauffällig durch die Unterlagen zog und auf den ersten Blick kaum zu erkennen war, dessen Folgen jedoch verheerend sein konnten.„Wenn das alles echt ist …“ Cale stieß langsam die Luft aus.Er drehte sich zu dem IT-Mitarbeiter um, der nahe der Tür stand. Neben ihm w
Währenddessen in Sun City.Nach dem Gespräch blieb Altheas Blick auf dem dunklen Display ihres Handys hängen. Eine beklemmende Unruhe saß ihr in der Brust – nicht wegen Davens Worten, sondern wegen all dessen, was unausgesprochen blieb. Von allen Seiten schien der Druck auf ihn einzustürmen, und die Schlagzeilen über Callister Enterprise wurden mit jeder Stunde lauter.Althea war sich sicher, dass Daven versuchte, die ganze Last allein zu tragen. Gerade weil ihr Mann am Telefon so ruhig geklungen hatte, kreisten ihre Gedanken unaufhörlich um die schlimmsten Möglichkeiten.„Mama?“, rief eine leise Stimme von der Treppe.Althea schreckte aus ihren Gedanken und sah rasch auf. „Ja, mein Schatz?“Josh kam in seinem Lieblingsschlafanzug die Treppe herunter. Hinter ihm folgte Grace, die Lydia an der Hand hielt. Sofort legte sich ein Lächeln auf Altheas Gesicht, obwohl sie mit ihren Gedanken noch immer weit weg war. Vor den Kindern wollte sie sich ihre Sorgen auf keinen Fall anmerken lass
Hinter ihnen fiel die Tür des Besprechungsraums ins Schloss. Das leise Klicken wirkte beinahe unscheinbar und setzte dennoch eine klare Grenze zu der angespannten Atmosphäre, die sie darin zurückließen. Daven ging mit gleichmäßigen Schritten den Flur entlang, die Schultern gerade, als wäre die Besprechung nichts weiter als ein gewöhnlicher Termin gewesen.Kaum hatte er sein provisorisches Büro betreten, lockerte er die Krawatte und warf sie aufs Sofa. Gleich darauf zog er sein Sakko aus und hängte es achtlos über eine Stuhllehne. Dann holte er tief Luft und atmete langsam wieder aus.Arven stand einige Schritte hinter ihm und schien noch immer darüber nachzudenken, was gerade passiert war. „Ehrlich gesagt, Daven“, begann er schließlich, „damit habe ich nicht gerechnet.“Daven warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu. „Mit Bret?“„Auch mit Oscar“, fuhr Arven fort. „Ich hielt ihn für einen gewöhnlichen bezahlten Handlanger. Aber dass er direkt für einen der Aufsichtsräte arbe
Die Atmosphäre im Lager wurde mit einem Mal noch eisiger. Diesmal verschwand das Grinsen endgültig aus dem Gesicht des Mannes, als Daven aufstand, den Klappstuhl packte und ihm damit gegen den Kopf schlug.Ein Schmerzensschrei hallte durch das Lager.Der Anblick war brutal, doch keiner der Anwesenden wagte es, näher zu kommen. Nicht solange Daven wie ein Raubtier wirkte, das mit seiner Beute noch längst nicht fertig war.„Willst du immer noch nicht reden?“***„Sie sind zu spät“, wies einer der Aufsichtsräte Daven zurecht, kaum dass er den Besprechungsraum betreten hatte.Der Mann saß direkt neben der Tür. Als einer der größten Aktionäre von Callister Enterprise besaß er genügend Einfluss, dass selbst Daven ihn nicht einfach übergehen konnte.Arven hatte dafür gesorgt, dass Daven äußerlich nichts von dem anzusehen war, was kurz zuvor geschehen war. Das blutbespritzte Hemd war verschwunden. Stattdessen trug er wieder einen makellosen, tadellos sitzenden Anzug.„Ah, entschuldigen
„Ich werde wieder heiraten“, sagte Daven. „Und ich sage es nur einmal. Ich werde dich nicht um Erlaubnis bitten.“Er setzte seine Kaffeetasse mit einem harten Klirren ab – und beendete damit ein Frühstück, das er nicht einmal berührt hatte.Althea stand reglos neben dem langen Esstisch aus weißem
„Ich finde, diese Krawatte passt dir am besten.“Althea suchte eine aus Davens großer Sammlung heraus. Sie wusste, dass er ihre Nähe nur ertrug, aber sie verdrängte die Scham. Was sie sich vorgenommen hatte, musste funktionieren – zumindest bis der Monat vorbei war.Danach würden sich ihre Wege en
„Sag mal … bist du völlig verrückt geworden?“Althea verstand nur zu gut, warum ihre beste Freundin so reagierte, mit einem Gesichtsausdruck, der vor blanker Fassungslosigkeit förmlich erstarrte. Sie hatte Lydia alles erzählt – und obwohl keine einzige Träne gefallen war, wusste Lydia genau, wie ti
Es wäre gelogen zu behaupten, dass es Althea nicht verletzen würde. Und es wäre scheinheilig zu behaupten, sie sei nicht traurig oder enttäuscht. Aber … was hätte sie tun können? Nichts konnte diesen Lauf der Dinge aufhalten. Nicht einmal der Mann, auf den sie einst zu vertrauen glaubte, war auf ihr







