Rebels Sicht
Je weiter ich mich durch den Wald vom Haus entfernte, desto mehr fragte ich mich, was ich hätte anders machen können. Wenn ich ehrlich war, hatte ich von Geburt an keine echte Chance gehabt. Nachdem mein Vater mich bei sich aufgenommen und später seine Schicksalsgefährtin gefunden hatte, hätte mein Leben kaum anders verlaufen können. Inzwischen hatte ich mich damit abgefunden. Ich hoffte nur, dass Alpha Cullen eine andere Wölfin zu seiner Luna wählte. Sollte Rachel diesen Rang erhalten, würde sie mich aus dem Rudel verbannen. Ich hatte keinen Ort, an den ich gehen konnte, und als Einzelgängerin würde ich vermutlich nicht lange überleben.
Roxie war wegen der Zurückweisung noch immer verletzt und wütend. Ich konnte es ihr nicht verdenken. „Wir hätten seine Gefährtinnen sein sollen. Die Mondgöttin macht keine Fehler, Rebel. Unser ehemaliger Gefährte hat ihren Willen mit Füßen getreten, als er uns zurückwies. Dafür wird sie ihn bestrafen“, sagte Roxie entschlossen. „Da bin ich ganz deiner Meinung. Aber was wird jetzt aus uns?“
„Die Mondgöttin vergisst uns bestimmt nicht, Rebel. Wir müssen nur abwarten, was sie für uns vorgesehen hat.“
Als wir die Lichtung erreichten, wurde es bereits dunkel. Ich setzte mich nicht auf die freie Fläche, sondern blieb am Rand im Schutz der Bäume. Schon früher hatte ich gegen Einzelgänger kämpfen müssen. Heute war ich müde und allein und wollte möglichst unbemerkt bleiben. „Wie wäre es nach dem Essen mit einem Lauf, Roxie? Bei allem, was in letzter Zeit passiert ist, habe ich dich viel zu lange nicht mehr rausgelassen. Es würde uns beiden guttun.“
„Ja, bitte! Wir haben nur einen freien Tag im Monat, und seit zwei Monaten war ich nicht mehr draußen. Ich muss diese ganze Anspannung endlich loswerden.“
„Es tut mir leid, Roxie. Für dich war es genauso schwer“, sagte ich schuldbewusst. „Wage es nicht, dich zu entschuldigen! Alpha Cullen hat uns das angetan. Dieser Mistkerl hatte uns gar nicht verdient. Gut, dass er nicht mehr unser Gefährte ist. Mit ihm wäre alles in einer Katastrophe geendet.“
Ich aß einen Teil meiner Vorräte und hob den Rest für später auf. Nach einem Lauf brauchte Roxie immer etwas zu essen. Sie war zwar ebenso rundlich wie ich, aber unglaublich schnell – schneller als die meisten Wölfe, die ich im Rudel je hatte laufen sehen. Dafür verbrauchte sie ihre Kraft rascher und bekam entsprechend schnell wieder Hunger.
Hinter einem Baum zog ich mich aus. Die Nacht war kalt. Ich faltete meine Kleidung, verstaute sie im Rucksack und verwandelte mich. Im nächsten Moment berührten Roxies Pfoten den Waldboden. Sie nahm den Rucksack zwischen die Zähne und rannte tiefer in den Wald hinein. Der Wind in unserem Fell fühlte sich herrlich an. Zum ersten Mal seit Monaten waren wir beide unbeschwert und glücklich. Wir hatten das dringend gebraucht. Endlich fühlte sich alles wieder ein wenig normal an.
Nach einer Stunde hatte Roxie noch immer reichlich Kraft. Ich ließ mich ganz auf den Lauf ein und verschwendete keinen Gedanken an die Zukunft oder an das, was aus mir werden sollte. Für eine kurze Weile war ich einfach nur glücklich. Viel zu kurz. Roxie blieb abrupt stehen und riss mich zurück in die Wirklichkeit. „Roxie, was ist los? Sind wir zu weit gelaufen und haben unser Rudelgebiet verlassen?“ Dann roch ich es: salzige Zitrusnoten und Treibholz. OH, NEIN!
Roxie winselte, senkte den Kopf und legte ängstlich die Ohren an. Dann sagte sie das eine Wort, mit dem ich in diesem Leben nie wieder gerechnet hatte.
„Gefährte“, flüsterte sie.
Panik erfasste mich. „Wir müssen hier weg! Eine zweite Zurückweisung überstehen wir nicht!“ Roxie fuhr herum und wollte in die entgegengesetzte Richtung fliehen, da hörten wir ihn.
„GEFÄHRTIN! BLEIB STEHEN!“
Verdammt, diese unverschämt sexy Stimme gehörte eindeutig einem Alpha. Warum ich? Warum schon wieder ein Alpha? Das würde wehtun. Ich wusste es und konnte nichts dagegen tun.
„Bitte geh nicht. Andere fürchten mich vielleicht, aber du musst dich niemals vor mir fürchten.“ Seine Worte klangen aufrichtig. Allerdings hatte er mich noch nicht gesehen. Ich steckte in meiner Wolfgestalt, und Roxie war wunderschön. Ihr Fell war wie mein Haar schwarz mit rotbraunem Schimmer, und ihre Augen leuchteten smaragdgrün. Im Augenblick hielt er uns vielleicht noch für etwas Besonderes. Sobald er mich sah, änderte sich das. Roxie und ich wussten es beide. Wir schnaubten leise. „Bringen wir es hinter uns, Roxie. Vielleicht wartet er mit der Zurückweisung, bis wir gegessen haben. Dann haben wir wenigstens genug Kraft dafür.“
Roxie schwieg. Sie war ebenso nervös wie ich. Mit dem Rücken zu meinem Gefährten verwandelte ich mich zurück. Hinter mir hörte ich ihn scharf Luft holen. Offenbar fand er selbst meinen Hintern abstoßend. Meine Schultern sackten herab, und obwohl er mein Gesicht nicht sehen konnte, senkte ich den Kopf. Kaum mehr als ein Flüstern brachte ich hervor: „Ich möchte mich gern anziehen, bevor wir miteinander sprechen.“
„Natürlich, Gefährtin. Ich bleibe hier.“ Klang er etwa begeistert? In seiner Stimme lag unverkennbar ein Lächeln. Das würde bestimmt nicht lange anhalten. Ich zog mich fertig an, hängte mir den Rucksack über die Schulter und atmete tief durch. „Es wird alles gut, Roxie. Wir schaffen das.“
Ich straffte die Schultern, trat hinter dem Baum hervor und sah meinen neuen Gefährten an. Überrascht riss ich die Augen auf. Bei der Göttin, er war der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass jemand so gut aussehen konnte. Breite Schultern, ein muskulöser Körper und eine Ausstrahlung, die mich sofort in ihren Bann zog. Sein Haar war etwas heller als Kastanienbraun, seine Augen strahlten in einem unglaublich klaren Blau. Seine Haut hatte einen hellen, warmen Karamellton, und er war noch viel attraktiver als Alpha Cullen. Man sah ihm an, dass er viel im Freien arbeitete. Er wirkte rau und bodenständig – und verdammt sexy. Ich wusste nicht, wer dieser Alpha war, aber zwischen meinen Schenkeln zog sich alles sehnsüchtig zusammen, als ich mir vorstellte, seinen Körper zu erkunden. „Das ist nicht der einzige Grund, weshalb uns so heiß wird“, bemerkte Roxie und lenkte meinen Blick auf die unübersehbare Wölbung in seiner kurzen Hose. Offenbar brachte der Anblick unseres Gefährten ihre Frechheit zurück. Das erleichterte mich. „Freu dich nicht zu früh, Rox. Ein Mann wie er weist uns bestimmt zurück. Bringen wir es einfach hinter uns, ja?“ Roxie winselte leise. Sie wusste, was uns erwartete.
Mein Gefährte musterte mich so eindringlich, dass es beinahe unanständig wirkte. Unter seinem Blick wurde ich immer unsicherer. Instinktiv schlang ich die Arme um meinen Körper und sah zu Boden. „Kannst du bitte ein paar Minuten warten, damit ich etwas esse? Meine Wölfin ist seit weit über einer Stunde gelaufen und verbraucht ihre Kraft schneller als andere. Wir möchten uns nur ein wenig stärken, bevor du uns zurückweist.“
„Dich zurückweisen? Warum zum Teufel sollte ich das tun, Gefährtin?“ Er starrte mich an, völlig fassungslos über meine Frage.
„Ich weiß, dass ich weder als Luna tauge noch schön bin. Du musst mir nichts vorspielen, Alpha.“ Erneut senkte ich den Blick. Ich konnte diesen unglaublich attraktiven Mann nicht ansehen, wenn ich wusste, dass er mich nicht wollte.
Vorsichtig trat er näher und hob mein Kinn mit einem Finger an, bis ich ihm in die Augen sah. Ein elektrisierendes Prickeln schoss bis zwischen meine Schenkel. „Erstens weiß ich nicht, warum du dich für hässlich hältst oder wer dir diesen Unsinn eingeredet hat. Du bist verdammt schön. Ich habe in meinem ganzen Leben keine schönere Frau gesehen, Liebling. Zweitens bist du MEINE Gefährtin. Damit bist du MEINE Luna. Wer das infrage stellt, bezahlt mit seinem Leben.“
Erstens: Bei der Göttin, dieser warme Südstaatenakzent! Nie hatte ich eine verführerischere Stimme gehört. Zweitens sah ich ihm in die Augen und entdeckte keine Spur einer Lüge. Er schien es ernst zu meinen. „Was meinst du, Roxie?“ Meine Wölfin erkannte Lügen besonders gut. Die Mondgöttin hatte ihr diese Gabe verliehen, deshalb vertraute ich auf ihre Einschätzung. „Er sagt die Wahrheit, Rebel. Und erst dieser Südstaatenakzent – verdammt sexy. Hast du seinen Körper gesehen? Zum Anbeißen!“ Innerlich verdrehte ich die Augen. Roxie flirtete schon immer für ihr Leben gern. „Konzentrier dich, Rox!“, ermahnte ich sie.
„Glaub mir, ich bin völlig konzentriert!“ Roxie leckte sich die Lefzen und wackelte mit den Brauen. Ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder meinem Gefährten zu. „Was machst du überhaupt so weit drinnen im Gebiet des Eisenklauen-Rudels, Alpha?“
Er hob eine Augenbraue. Bei ihm sah selbst das unwiderstehlich aus. „Liebling, du bist hier im Gebiet des Schwarzstein-Rudels.“
„Wir sind im Gebiet des Schwarzstein-Rudels?“ Meine wunderbare Wölfin war wieder einmal viel zu weit gelaufen. Dann begriff ich, was er gesagt hatte. „Moment. Du bist der Alpha, und wir sind im Gebiet des Schwarzstein-Rudels. Dann bist du Alpha Austin?“ Mit jeder Frage wurde meine Stimme höher. Panik stieg in mir auf. „Roxie! Das ist der gemeinste und grausamste Alpha im ganzen Südwesten. Und er ist unser Gefährte?“ Roxie rollte sich in meinem Bewusstsein auf den Rücken und schnurrte beinahe. Ihre Angst hatte sie erstaunlich schnell abgeschüttelt. „Ja, Rebel. Und ER will UNS. Was für ein Glück!“, sagte das kleine Luder beinahe schnurrend.
Mein Gefährte grinste amüsiert. „Wo dachtest du denn, dass du bist, meine Kleine?“
„Offensichtlich nicht beim Schwarzstein-Rudel, sondern noch bei meinem eigenen Rudel, dem Eisenklauen-Rudel.“ Schlagartig verhärtete sich seine Miene. „Du gehörst zum Eisenklauen-Rudel? Alpha Cullen ist dein Alpha?“
Warum war das wichtig? „Ja, leider ist er nicht nur mein Alpha.“ Ich versuchte, die Bitterkeit über die Zurückweisung zu verdrängen. Alpha Austin sah wesentlich besser aus als Alpha Cullen und hatte mich bisher nicht ein einziges Mal schlecht behandelt. Alpha Cullen konnte mir gestohlen bleiben.
„Wie heißt du, Liebling?“ Austins Stimme klang nachdenklich. „Rebel Lawson. Willst du mich nun doch zurückweisen, weil ich aus dem Eisenklauen-Rudel komme?“ Er hatte gesagt, dass er mich wollte, daher glaubte ich eigentlich nicht, dass er mich zurückweisen würde. Andererseits hatte Alpha Cullen mich damals auch nur nach meinem Namen gefragt, um mich anschließend zurückzuweisen. Vielleicht hatte mein Gefährte jetzt dasselbe vor.
„Du scheinst fest damit zu rechnen, dass ich dich jeden Augenblick zurückweise. Warum, Rebel? Was ist dir passiert?“ Offenbar hatte er meinen Argwohn längst durchschaut.
Ich seufzte. Dann konnte ich die Sache ebenso gut sofort hinter mich bringen. Je eher Alpha Austin die Wahrheit erfuhr, desto eher konnte er erleichtert sein, dass vor ihm schon jemand nichts von mir hatte wissen wollen. „Du bist nicht mein erster Gefährte. Vor zwei Monaten habe ich meinen Schicksalsgefährten gefunden. Sobald er mich sah, wies er mich zurück.“ Seine Augen verdunkelten sich. Er war eindeutig wütend. Nur warum? Alpha Austin hatte wissen wollen, was mit mir geschehen war. Nun kannte er die Wahrheit und war offenbar böse auf mich.
„Erstens bin ich froh, dass dieser Idiot dich zurückgewiesen hat, Rebel. Jetzt bist du meine, und darüber bin ich verdammt noch mal überglücklich. Zweitens muss dein erster Gefährte ein Volltrottel gewesen sein, wenn er nicht erkannt hat, wie vollkommen du bist. Sein Verlust ist mein Glück, Liebling. Gehört er zum Eisenklauen-Rudel?“
Fassungslos starrte ich Alpha Austin an. „Rebel, ich habe es dir gesagt: ER will UNS. Ich kann es kaum erwarten, seinen Wolf kennenzulernen. Bestimmt ist er genauso attraktiv wie Austin.“ Roxie betrachtete unseren Gefährten mit großen, schwärmerischen Augen und schnurrte. Sie hatte sich bereits Hals über Kopf in diesen Mann verliebt und verschwendete offenbar keine Zeit. Alpha Austin war außer sich vor Freude, weil ich seine Gefährtin war. Nie hätte ich erwartet, dass jemand so über mich sprach. Mein ganzes Leben lang hatte ich nur das Gegenteil gehört. „Ja, er gehört zum Eisenklauen-Rudel. Genau genommen war er derjenige, der behauptete, ich würde nicht als Luna taugen.“
Austin sah zu Boden, schüttelte den Kopf und stemmte die Hände in die Hüften. Selbst diese Haltung wirkte an ihm verführerisch. Dann fragte er mit einem schiefen Grinsen: „Warum sollte er so etwas behaupten? War Alpha Cullen etwa dein Gefährte?“ Er lachte leise.
Ich senkte den Blick. „Ja“, antwortete ich kaum hörbar. Als ich langsam wieder aufsah, ging von Alpha Austins Aura blanke Wut aus.