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Kapitel 6 – Die Leine wird kürzer

Penulis: Quinn Montclair
last update Tanggal publikasi: 2026-10-06 14:26:54

Eve

Am nächsten Morgen entdecke ich oben in der Ecke meines Schlafzimmers, wo Wand und Decke aufeinandertreffen, eine kleine schwarze Perle. In der gegenüberliegenden Ecke noch eine. Ich stelle mir winzige rote Punkte in ihrem Inneren vor, die wie stille, zufriedene Herzen blinken.

Ich hebe das Kinn und starre direkt in eine davon. „Ich hoffe, die Show gefällt euch“, sage ich in den Raum, die Stimme noch rau vom Schlaf. „Nehmt meine Schokoladenseite, ja?“

Ich dusche, weil Nichtduschen eine kleinliche Rebellion wäre, von der ich selbst nichts habe. Das Bad ist natürlich wunderschön. Eine Wanne auf Löwenfüßen, zwei Marmorwaschbecken, perfekt gestapelte Handtücher, als hätten sie für den Job vorsprechen müssen.

Ich putze mir viel zu fest die Zähne und spucke mit mehr Genugtuung aus, als gesund ist. Das Mädchen im Spiegel sieht ein bisschen aus wie ich nach einem Autounfall. Zu helle Augen, angespanntes Kinn, ein Mund, der sich nicht zwischen Strich und Kreis entscheiden kann.

Ich ziehe Jeans, ein weißes T-Shirt und die Sneaker an, die ich früher geliebt habe. Sie quietschen auf dem Marmor wie kleine Tiere, die um Gnade betteln. Meine Haare lasse ich in absichtlichem Chaos offen.

Als ich die Doppeltür der Suite öffne, sehen zwei Männer an der gegenüberliegenden Wand vollkommen synchron auf. Sie tragen Maßanzüge wie eine zweite Haut und Ohrstücke, mit denen sie wie Secret-Service-Agenten aussehen. Keine sichtbaren Waffen. Aber sie müssen mir wohl auch keine Zähne zeigen, damit ich weiß, dass sie beißen.

„Guten Morgen, Mrs. …“, beginnt einer.

„Nein.“ Meine Stimme ist noch rau, aber das Wort trifft wie eine Ohrfeige. „Nennen Sie mich nicht so.“

Er schluckt den Rest der Anrede sauber herunter. „Miss Larson.“

„Besser.“ Ich sehe an ihnen vorbei in den langen Flur, in dem die Kronleuchter so tun, als wären sie aus der Decke gewachsen. „Ich gehe spazieren.“

„Natürlich“, sagt der andere, als hätte ich sie um Erlaubnis gefragt. Ihn mag ich am wenigsten, beschließe ich sofort.

An der Treppe bleibe ich stehen, um sie noch einmal anzusehen. Das Geländer ist eine dunkle, glänzende Kurve. Die Stufen sind breit genug, um ein kleines Flugzeug darauf zu landen.

Im Erdgeschoss öffnen sich die Flure zu Räumen, die in Architectural Digest gehören. Eine Bibliothek mit mehr Leder als ein Bikertreffen. Ein Musikzimmer mit einem glänzenden schwarzen Flügel, der aussieht, als gehörte er in einen Konzertsaal. Ein Speisesaal unter einer ganzen Batterie aus Kristall, mit einem Tisch für vierzig Personen.

Ich steuere auf eine Seitentür hinter der Küche zu. Der Geruch von Kaffee und Butter versucht, diesen Morgen normal wirken zu lassen. Luciana blickt vom Obst auf, das sie arrangiert, als würde sie Edelsteine anordnen. Sie schenkt mir ein kleines Lächeln ohne Zähne. „Das Frühstück wird gleich serviert, Miss.“

„Danke“, sage ich. „Ich brauche nur kurz Luft.“

Eine kleine Falte bildet sich auf ihrer Stirn. Ich warte darauf, dass sie mir sagt, Dominik erwarte mich zu einer bestimmten Zeit am Tisch. Stattdessen nickt sie steif.

„Ich bin im Garten“, teile ich ihnen mit. Liebenswürdig wie Arsen.

„Mr. Grimaldi möchte nicht, dass Sie das Haus ohne Begleitung verlassen, Miss“, sagt der Nettere. Er hat freundliche Augen, was schlimmer ist. Es legt nahe, dass er sie freiwillig verkauft hat.

„Wunderbar. Dann sind wir wohl alle im Garten.“

Er tritt in die Tür und füllt sie mit höflichen Muskeln. „Nicht durch diesen Ausgang.“

Ich lehne mich an den Türrahmen und lächle wölfisch. „Gibt es Ausgänge, die ich benutzen darf? Oder ist das hier eine Schneekugel, und ich bin die Plastikfigur?“

„Bitte, Miss. Wir führen Sie über den südlichen Weg.“

Ich könnte eine Szene machen. Kratzen, schreien, versuchen loszurennen. Ich käme ganze drei Schritte weit, bevor mich jemand packt. Stattdessen löse ich mich vom Türrahmen, lächle wie ein giftiger Schmetterling und sage: „Dann gehen Sie vor.“

Wir laufen die genehmigte Runde. Weiße Rosen türmen sich wie Wolken. Hecken stehen stramm. Der Kies knirscht unter meinen Füßen. Eine hohe Mauer umgibt das Grundstück und verbirgt die Welt draußen vor mir.

Ich zähle die Kameras, die im Buchsbaum und unter den Dachvorsprüngen versteckt sind. Sieben am südlichen Weg. Vier im Westen. In der Ferne ein Mann am Tor, der mich nie direkt ansieht und nie wegsieht.

Es ist Kunst, wie sorgfältig diese Kontrolle eingerichtet ist. Dominik Grimaldi macht keine halben Sachen. Er baut Kathedralen und nennt sie ein Zuhause. Dann stellt er den Altar genau dorthin, wo man vor ihm knien soll.

Um halb acht abends fühlt sich das Haus anders an. Als hätte sich der Luftdruck verändert, als würden Schrauben angezogen. Das Personal bewegt sich schneller. Gott bewahre, dass jemand den Hausherrn verärgert.

Als ich fünf vor acht das Esszimmer betrete, ist er schon da. Er sitzt am Kopfende des langen Tisches, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgerollt, sein winterheller Blick auf den Eingang gerichtet.

Wir beginnen mit Oliven, schwarz wie die Sünde, und Brot, das sich mit einem Seufzen auseinanderreißen lässt. Er sieht zu, wie ich Butter darauf streiche. Unter diesem Blick kann man das unmöglich unverfänglich tun. Ich esse trotzdem. Aus Trotz zu hungern ist etwas für Mädchen, die nicht begriffen haben, dass man zum Weglaufen Energie braucht.

„Wie war dein Spaziergang?“, fragt er, als wären wir alte Freunde, die sich an einem Sonntag austauschen.

„Lehrreich.“ Ich hebe mein Wasserglas und sehe zu, wie der Kronleuchter ihn in tausend glitzernde Drohungen zerlegt. „Ich habe gelernt, wo Sie Ihre Augen verstecken.“

Er hebt seinen Wein. Das Rot haftet am Glas wie ein Versprechen. „Meine Augen sind nicht versteckt.“

„Nein“, sage ich. „Sie sind eingerahmt.“

Als die Teller abgeräumt sind, lege ich die Hände in den Schoß und neige den Kopf, um ihm ins Gesicht zu sehen, bis seine Reglosigkeit mich fast die Zähne zusammenbeißen lässt.

„Ich bin nicht Ihr Haustier“, sage ich. Jedes Wort ist klar. Ich habe sie beim Spaziergang geschärft und wie Schmuggelware hinter meinen Zähnen versteckt.

Er blinzelt nicht. Sein Blick wandert über meinen Mund und meinen Hals hinab. „Nein“, stimmt er zu. „Das bist du nicht.“

Das bringt mich fast aus dem Tritt. „Gut. Dann behandeln Sie mich auch nicht wie eines.“

„Du verstehst mich falsch.“ Seine Stimme bleibt tief. Er macht die Stille zu einer Waffe, die härter trifft als jedes Geschrei. „Ein Haustier verwöhnt man. Kunststückchen gegen Leckerli. Ich halte keine Haustiere.“

„Was halten Sie dann?“, frage ich. „Sammlungen? Kuriositäten? Dinge, die geknebelt besser aussehen?“

Er stellt sein Glas mit sanfter Präzision ab. Das Geräusch ist so leise und höflich, dass ich eine Sekunde brauche, um zu begreifen, wie endgültig es ist. „Ich behalte, was mir gehört.“

Wut treibt mir die Hitze ins Gesicht. „Man kann Menschen nicht besitzen.“

„Da hast du recht.“ Er lehnt sich zurück und krempelt die Ärmel ein weiteres Mal um. Adern verlaufen wie Straßen über seine Unterarme. „Menschen gehören sich selbst, bis sie einen Handel eingehen, dessen Preis sie nicht zahlen können.“

„Sie sind einen Handel eingegangen, nicht ich. Ich wurde gezwungen.“

„Du bist einen Handel eingegangen, als du dich zwischen seinen Kopf und meine Pistole gestellt hast. Du hast die Bedingungen für deinen eigenen Käfig festgelegt. Du hättest anders wählen können, aber du hast dich hierfür entschieden. Hör auf, dich als Opfer hinzustellen.“

Ich möchte ihm etwas an den Kopf werfen. Der Kandelaber wäre geeignet. Oder der Stuhl. Oder der Tisch, wenn ich an Wunder glauben würde. Stattdessen halte ich den Rücken gerade und werde genauso leise wie er. „Sie werden mich nie besitzen. Und ich bin noch nicht Ihre Frau.“

„Eine Unterscheidung, die nichts ändert. Ich handle, als wären die Gelübde bereits gesprochen, weil sie es praktisch sind. Du lebst in meinem Haus. Du isst an meinem Tisch. Du wirst mein Bett teilen. Papier ist Theater. Die Wahrheit ist, dass du in meiner Obhut bist.“

Ich hebe das Kinn, bis unsere Augen auf einer Höhe sind. „Dann erkläre ich Ihnen, wie ich das sehe. Ich werde Ihr Essen essen, weil ich nicht für eine Show verhungere. Ich werde in Ihrem Bett schlafen, weil dort die Bettwäsche liegt. Ich werde nicht auf Kommando den Bauch zeigen. Ich werde nicht apportieren. Und wenn Sie erwarten, dass ich mit dem Schwanz wedle, sobald Sie nach Hause kommen, werden Sie enttäuscht sein.“

Er nickt einmal, als hätte ich eine Aufgabe genauso erbarmungslos erledigt, wie es die Bewertungskriterien verlangen. Er sagt nichts. Er lächelt mich nur auf seine eisige Art an.

„Dann ist das ja geklärt.“ Ich stehe auf, und die Stuhlbeine gleiten mit einem leisen Geräusch über den Boden. „Ich bin fertig.“

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