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Kapitel 8 – Fesseln für die Braut

last update publish date: 2026-10-09 13:41:17

Eve

Punkt neun bringt Luciana das Schlachtfeld an meine Tür.

Statt Messern Maßbänder. Statt Fußfesseln Seide.

Ein Kleiderständer gleitet herein wie ein silberner Henker, gefolgt von zwei Schneiderinnen und einer Frau mit einem Tablet. Sie stellt sich als Claudia vor und sieht kein einziges Mal von ihrem digitalen Galgen auf.

„Wir beginnen mit der formenden Unterwäsche“, sagt Claudia mit Blick auf den Bildschirm. „Die bisherigen Angaben zu Ihren Maßen sind unvollständig.“

„Lassen Sie mich raten.“ Ich setze ein Lächeln auf, das meine Zähne zeigt. „Das werden Sie beheben.“

„Natürlich“, sagt sie, als würde sie sich übers Wetter unterhalten.

Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus, ohne mich zu verstecken, und steige auf den Hocker, den die Schneiderin in die Mitte des Zimmers gestellt hat.

Im Spiegel steht eine Fremde. Blass vor Schlafmangel, die Haare ein Lockenchaos, das ich nicht zu bändigen versucht habe, die Lippen rot, weil ich ständig darauf herumbeiße.

Das Maßband schlängelt sich um meine Rippen. Zahlen werden notiert. Finger streifen mit gleichgültiger Professionalität über die Rundung meines Hüftknochens.

„Bitte drehen.“

„Heben Sie die Arme.“

„Einatmen. Anhalten.“

Das Spitzenhemdchen, das Claudia auswählt, sieht von Weitem unschuldig aus und aus der Nähe obszön. Zarte Blumenmuster, die Sittsamkeit vorgaukeln und sie im richtigen Lichtwinkel sofort vollständig verschwinden lassen.

Es schmiegt sich an meinen Körper. Der Saum endet zweieinhalb Zentimeter unter meiner Vulva. Meine Brustwarzen werden verräterisch hart gegen die Spitze. Ohne Sinn und Verstand, nur wegen der Luft und meiner Nerven.

Was folgt, ist irritierend. Das hier ist nicht bloß eine Brautkleidanprobe. Hauptsächlich geht es um Dessous.

Korsetts. Nahtstrümpfe und Strumpfhalter. Seidenshorts, die nur andeutungsweise vorhanden sind, kombiniert mit tief ausgeschnittenen Tops mit Spaghettiträgern. BHs, die offensichtlich ausschließlich gut aussehen sollen. Strings, die jede Menge Reiz bieten und keinerlei Halt.

Der Stapel ist riesig. Spitze, Satin, ein Hauch von Stoff, den schon der Wind zerfetzen könnte. „Sehr schön. Das ist für den Alltag. Mr. Grimaldi wird mit der ersten Auswahl zufrieden sein. Jetzt, wo wir Ihre Größen genau kennen, kann er alles Weitere bestellen, was ihm gefällt.“

Vor Wut sehe ich rot. Wenn dieser Bastard glaubt, ich spiele für ihn Unterwäsche-Barbie und schmeiße mich in seine Auswahl an Spitzenfummel, wird er bitter enttäuscht sein.

„Als Nächstes müssen wir uns für die Hochzeitsdessous entscheiden. Mr. Grimaldi wünscht eine minimalistische Silhouette. Ein elfenbeinfarbenes Korsett wäre daher wohl sinnvoll“, sagt Claudia und blickt endlich auf, als hätte sie gerade den Wetterbericht verlesen und jetzt käme der Hurrikan.

Ich möchte fluchen wie ein Soldat und all diese Leute aus meinem Zimmer jagen. Aber sie sind nicht dafür verantwortlich, dass mein Leben in Trümmern liegt.

Das erste Kleid besteht aus schräg geschnittenem, fließendem Stoff und einem Ausschnitt, bei dem ein Priester seine Gelübde überdenken würde. Unterwäsche wäre ganz sicher nicht nötig. „Nein.“

Das zweite ist ein ärmelloses Meerjungfrauenkleid, das so eng anliegt, dass ich meine Beine kaum bewegen kann. Ich weiß bereits, dass ich eingesperrt werde. Daran muss mich das Kleid nicht auch noch erinnern.

Gott. Beim dritten Kleid sieht es aus, als hätte die Schneiderin Mondlicht genommen und ihm Gehorsam beigebracht. Es fließt über mich, bleibt an genau den richtigen Stellen hängen und fällt dann wieder frei, als würde es meine Form längst auswendig kennen.

Ich drehe mich langsam. Ich hasse vielleicht alles an dieser Hochzeit, aber dieses Kleid ist … perfekt.

„Das hier“, sagt die Schneiderin beinahe ehrfürchtig.

„Ich sagte minimalistisch“, erwidert Claudia. „Das ist … poetisch.“

Die Tür öffnet sich, bevor ich Claudia sagen kann, wohin Dominik sich seine Anforderungen stecken darf.

Dominik trägt einen dunklen Anzug, der seine Schultern zu Waffen macht. Seine Augen aus gefrorenem Glas schneiden durch das Gewusel und landen auf mir.

Niemand muss ihn ankündigen. Meine Haut tut das für mich. Jeder Nerv hebt den Kopf wie ein Beutetier, das einen Jäger wittert.

Sein Blick wandert langsam an meinem Körper entlang. Nicht lüstern. Eher, als würde er mich begutachten.

Ich möchte die Arme vor der Brust verschränken. Stattdessen halte ich seinem Blick stand, als hätte ich nicht die geringste Sorge.

Dominik sieht nicht von mir weg, als er sagt: „Raus.“

Alle verschwinden mit professioneller Geschwindigkeit. Jetzt atmet der Raum nur noch für uns.

Ich hebe das Kinn. „Klopfen Sie nicht an?“

Er kommt einen Schritt näher, wie ein Planet, der meine Gezeiten verändert. „An eine Tür in meinem Haus?“ Sein Mund verzieht sich kaum merklich. „Nein.“

„Sind Sie gekommen, um zuzusehen, wie die Schneiderinnen mich verschnüren?“

„Ich bin gekommen, um zu sehen, was ich gekauft habe“, sagt er schlicht.

Mein Mund öffnet sich für eine ganze Litanei von Flüchen. Ich schlucke die schlimmsten hinunter und wähle etwas, das beim späteren Abspielen der Aufnahme weniger Schaden anrichtet.

„Sie hätten warten können, bis ich angezogen bin“, sage ich.

„Halb angezogen gefällst du mir besser“, erwidert er. Sein Blick landet vielsagend auf dem Dessousstapel. Ich weigere mich, rot zu werden.

Er geht langsam um mich herum. Im Spiegel verfolge ich seine Bewegung. Er berührt mich nicht, und trotzdem spüre ich irgendwie die Wärme seiner Handfläche auf meinem Rücken.

„Das ist perfekt.“

„Perfekt wofür?“, verlange ich zu wissen und sehe ihn im Spiegel an. „Zum Ausstellen? Für den Zuchtstall?“

Im Glas trifft sein Blick meinen. Das Blau ist endlos kalt und tief. Ein See, in dem Unvorsichtige ertrinken. „Perfekt für mich.“

Mein Atem tut nicht, was er soll. Ich hasse ihn sofort dafür.

Er beugt sich näher. Sein Mund kommt mir so nah, dass sich die feinen Haare in meinem Nacken aufstellen. „Weißt du, was ich sehe, wenn ich dich so ansehe?“

„Eine Bestellung.“

„Ein Versprechen“, sagt er, und das Wort gleitet wie ein Draht über meine Nerven. „Haut, die sich an meine Hände erinnert. Einen Mund, der meinen Namen so gut kennenlernen wird wie ein Gebet seinen Weg über die Lippen. Einen Körper, der mich aufnimmt, mich hält und mein Vermächtnis in sich trägt.“

Das letzte Wort ist ein Widerhaken. Ich spüre, wie er sich in meinem Bauch verfängt.

„Keine Gebärmuttergespräche, solange ich Couture trage“, sage ich. Ich ziele auf kühl und lande irgendwo in der Nähe von vulkanisch. „Das ruiniert die Linie der Silhouette.“

„Du bist die Linie“, sagt er. „Alles andere biegt sich um dich herum.“

Aus dem Mund eines Mannes, der behauptet, die Welt würde sich um ihn biegen, klingt das so seltsam, dass mir für eine Sekunde die Erwiderung fehlt. Ich starre uns im Spiegel an. Bestie und Mädchen, Entführer und Braut, zwei Menschen, die beide nicht wegsehen wollen. Meine Wangen sind gerötet. Seine Pupillen haben sich geweitet. Das ist keine Romantik. Das ist Physik.

„Dreh dich“, sagt er leise.

Ich bewege mich nicht.

„Dreh dich“, wiederholt er in derselben Lautstärke. Trotzdem bekommt das Wort irgendwie mehr Gewicht.

Ich drehe mich. Ich hasse jeden Zentimeter, den ich seiner Begutachtung überlasse, tue es aber trotzdem. Weil ich diese kleine Schlacht verlieren kann, um Kraft für spätere zu sparen.

Sein Blick wandert nach unten. Bleibt an der Rundung meiner Hüften hängen, an der Kontur meines Oberschenkels, wo sich das Strumpfband eindrückt. Das Kleid bietet mir kein Versteck.

„Geh ein paar Schritte“, sagt er.

„Wollen Sie auch noch ‚Apport‘ auf die Liste setzen?“, frage ich.

„Ja“, sagt er gelassen. „Aber später.“

Ich gehe. Der Saum flüstert. Die Schleppe atmet. Als ich mich wieder umdrehe, hat er sich nicht bewegt. Er ist aus Geduld gemeißelt.

„Noch einmal.“

Noch zweimal wiederholen wir den demütigenden Pilgergang.

„Das wird es“, sagt er.

„Das ist nicht Ihre Entscheidung“, fahre ich ihn an.

„Das ist genau meine Entscheidung“, sagt er sanft wie Milch. „Aber du weißt selbst, dass du dich angesehen und ‚ja‘ gedacht hast.“

Mir schießt Hitze ins Gesicht. Verrat, sofort und ganz persönlich.

„Warum das ganze Weiß?“, frage ich, um das Blutrauschen in meinen Ohren zu übertönen. „Als Symbol der Reinheit? Dafür sind Sie ungefähr ein Jahrzehnt zu spät dran.“

„Tradition“, sagt er. „Und Außenwirkung.“ Sein Ton bleibt ruhig, doch ich sehe, wie er die Zähne zusammenbeißt. Endlich ein Punkt für mich. Auch wenn seine Reaktion keinen Sinn ergibt. Wie kann er eifersüchtig sein, wenn er nichts für mich empfindet?

Er geht wieder um mich herum, langsamer, bis er vor mir steht. Sein Blick sinkt auf meinen Mund.

„Von jetzt an trägst du nur noch die Kleidung, die ich dir gebe.“

„Mein Körper ist nicht Ihr Namenszug“, sage ich wütend.

Seine Augen heben sich zu meinen. Das frostige Blau wird dunkler. „Er ist meine Sicherheit.“

Hitze leckt meinen Hals hinauf. Wieder Wut. Immer Wut. „Ich hoffe, Sie ersticken an Ihren Sicherheiten.“

Er lächelt. Keine Zähne. Keine Wärme. Ein Messer, das zwischen uns auf den Tisch gelegt wird. „Mich bringt man nicht leicht zum Ersticken.“

„Das werden wir sehen.“

Er sieht mich ein letztes Mal langsam an und tritt zurück. Endlich habe ich das Gefühl, wieder atmen zu können.

Er öffnet die Tür und nickt Claudia zu. „Das wird das Kleid.“ Mit gezücktem Eingabestift nickt sie. „Bestätigt, Sir.“

Sein Blick kehrt zu mir zurück. Hart genug, um eine Spur zu hinterlassen, wenn ich es zulasse.

„Du hast zwei Stunden“, sagt er. „Dann kommen sie mit dem Rest deiner neuen Garderobe wieder.“

„Ich kann es kaum erwarten“, sage ich tonlos.

Dominik hält inne, die Hand am Türrahmen, als fiele ihm ein Detail ein, das mit besonderem Nachdruck mitgeteilt werden muss.

„Du bist schön“, sagt er ruhig. „Darin liegt dein Wert für mich. Deshalb scheue ich keine Kosten, um deinen Marktpreis zu erhöhen.“

Dann geht er.

Ich greife nach einer hochhackigen Satinsandalette und schleudere sie gegen die Tür. Mein Arm bewegt sich, bevor der Rest von mir darüber nachdenken kann. Der Schuh prallt mit einem befriedigenden, nutzlosen Laut gegen die geschlossene Tür.

Claudia fährt zusammen und presst die Lippen zusammen. Die Stecknadeln der Schneiderin klirren wie Regen auf den Fliesen. Luciana geht zur Tür, hebt den Schuh auf und stellt ihn mit bedachter Anmut ab.

„Beschädigen wir lieber nicht den Lack, Liebes“, murmelt sie. „Manche Spuren lassen sich leichter erklären als andere.“

Ich sehe mich im Spiegel an, in Mondlicht, das gehorchen gelernt hat. Meine Wangen sind gerötet, meine Augen glänzen, und mein Puls ist eine Trommel, die keine Spitze verbergen kann.

Ich lächle der Frau im Glas zu. Es ist kein hübsches Lächeln. Es ist mein eigenes Versprechen.

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