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Kapitel 2

Author: Delie
last update publish date: 2026-10-10 14:27:30

Lena

Die Fahrt zurück zum Anwesen war erstickend.

Die gesamten dreißig Minuten saß ich auf dem Rücksitz des abgedunkelten SUV gefangen und schrie gegen seinen Hinterkopf an, bis meine Kehle wund war. Ich warf ihm mein ganzes Gewicht an den Kopf. Ich drohte mit seinem Job, seiner Zukunft und seinen Bankkonten. Ich beschimpfte ihn. Nichts davon wirkte, er blieb von meinen Worten völlig unbeeindruckt.

Er sagte kein einziges Wort. Er ignorierte mich, als existierte ich nicht, und ließ mich frustriert zurück. Ich war in keinem guten Zustand: Mein Haar war zerzaust, meine Augen waren vor Wut gerötet, und die Wimperntusche lief mir übers Gesicht, sodass ich wie eine verrückte Hexe aussah.

Er saß einfach auf dem Fahrersitz, ohne meine Anwesenheit zu beachten, die Haltung vollkommen starr.

Er behandelte meine absolute Wut wie Hintergrundgeräusch. Irgendwie war sein Schweigen tausendmal frustrierender, als wenn er zurückgebrüllt hätte.

Als sich die schweren Eisentore des Roth-Anwesens endlich öffneten, fuhr der SUV hinein. Noch bevor der Wagen richtig stand, stieß ich die Tür auf und stieg aus, wobei ich beinahe zu Boden stürzte, so verzweifelt versuchte ich, Abstand zwischen mich und diesen Idioten zu bringen.

Aber er war schneller. Bevor ich zwei Schritte in Richtung der Villa gemacht hatte, packte seine Hand meinen Ellbogen und zog mich zurück.

„Fass mich nicht an!“, fauchte ich und versuchte, meinen Arm loszureißen.

„Gehen“, sagte er mit leiser, gefährlicher Stimme.

Er ließ nicht los. Er führte mich durch das Foyer und direkt zu den schweren Mahagonitüren des privaten Arbeitszimmers meines Vaters. Er stieß die Türen ohne Anklopfen auf und zerrte mich hinein, als wäre ich ein ungezogenes Kind und keine einundzwanzigjährige Frau.

Das Arbeitszimmer roch nach teuren Zigarren, altem Papier und dem Geruch von Kontrolle. Mein Vater, Friedrich Roth, saß hinter seinem riesigen Schreibtisch, ein Glas Whiskey neben seiner rechten Hand. Sein Blick war auf den Stapel Dokumente vor ihm gerichtet.

Er sah nicht einmal auf, als ich in die Mitte des Raumes gestoßen wurde.

„Papa!“, keuchte ich und rieb mir den Arm, in den sich seine riesigen Finger gegraben hatten. Tränen absoluter Demütigung brannten in meinen Augenwinkeln. „Wer zum Teufel ist dieser Irre?“, sagte ich mit glasigen Augen. „Er hat mich in der Gasse angegriffen! Er hat mein Handy zerstört, er hat mich gepackt, er …“

„Er hat genau das getan, wofür er bezahlt wird“, unterbrach er mich. Seine Stimme war glatt und kalt wie polierter Stein. Meine Lippen öffneten sich, und ich sah meinen Vater verzweifelt an.

Schließlich hob er den Kopf. Seine scharfen grauen Augen wiesen mein Aussehen mit einem enttäuschten Blick ab. Er sah mich nicht besorgt an, sondern so, wie ein CEO einen schlechten Quartalsbericht ansieht.

„Du bist zu einem Risiko geworden, Lena“, fuhr mein Vater fort und griff nach seinem Whiskey. „Du lässt Details durchsickern, bestichst Dienstmädchen, kaufst Wegwerfhandys. Klaus ist weg. Er war zu nachsichtig mit dir. Zu langsam. Das hier …“ Er deutete vage auf den hochgewachsenen Schatten direkt hinter meiner Schulter. „… ist Viktor Kravitz. Er kommt mit besten Empfehlungen aus einem Bereich des Militärs, den ich rechtlich nicht benennen darf.“

Ich erstarrte. Wenn Klaus weg war, dann war er mit Sicherheit mein neuer Bodyguard.

Ich drehte den Kopf leicht und sah den Mann an. Viktors Gesicht war eine steinerne Maske. Er sah nicht meinen Vater an, sondern geradeaus, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Er ist nicht nur dein Bodyguard, Lena“, sagte mein Vater und nahm einen langsamen Schluck. „Er ist dein Schatten. Dein Wärter. Ab diesem Augenblick hat er absolute, unbestrittene Autorität über deine Bewegungen, deine Kommunikation, deinen Zeitplan und deine Besucher. Du verlässt dieses Grundstück nur, wenn er es sagt. Du telefonierst nur, wenn er die Leitung freigibt. Wenn du davonläufst, wird er dich aufspüren.“ Ich schnappte nach Luft.

Plötzlich fühlte sich der Raum völlig sauerstoffleer an. Ich sah meinen Vater an und suchte nach einer Spur von einem Scherz, einer Lektion, irgendetwas, doch da war nur kaltes Geschäft.

„Das kannst du nicht tun“, flüsterte ich, die Stimme zitternd vor Panik und Wut. „Ich bin einundzwanzig Jahre alt, Papa. Ich bin ein Mensch! Ich bin erwachsen! Du kannst mein Leben nicht einfach einem Söldner übergeben. Ich bin kein Firmenvermögen, ich bin deine Tochter.“

Mein Vater stellte sein Glas ab. Das leise Klirren hallte im stillen Raum wider.

„Du bist ein Vermögenswert, solange du nichts anderes beweist“, sagte er kalt. „Und im Moment verlierst du mit diesen kindischen Wutanfällen an Wert. Ich habe in sechs Monaten eine milliardenschwere Fusion, und ich werde nicht zulassen, dass meine Tochter in den Boulevardblättern landet, weil sie mit einem mittellosen, degenerierten Künstler durchbrennt.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er wusste von Julian.

„Komm schon, Papa, ist er nicht auch ein Mensch, genau wie wir?“, fragte ich mit Wut in der Stimme.

„Bring sie auf ihr Zimmer, Kravitz“, befahl mein Vater und wandte seine Augen wieder seinen Unterlagen zu, ohne mich zu beachten.

„Jawohl, Sir“, antwortete Viktor, seine Stimme völlig frei von Gefühl.

Viktors riesige Hand umklammerte mein Handgelenk. Diesmal wehrte ich mich. Ich drehte mich, trat gegen seine schweren Stiefel und schlug mit aller Kraft nach seinem Kiefer. „Lass mich los! Fass mich nicht an, du Psycho! Papa, halt ihn auf!“

Mein Vater sah nicht auf.

Viktor zuckte nicht einmal zusammen. Er fing meine wilde Gewalt mühelos ab, packte mit der anderen Hand meine Taille und hob mich praktisch vom Boden, während er mich aus dem Arbeitszimmer schleppte.

Ich kämpfte den ganzen Weg gegen ihn und verfluchte ihn, aber ich hätte genauso gut gegen eine sich bewegende Wand kämpfen können. Nicht einmal sein Atem veränderte sich.

Wir erreichten den dritten Stock meines privaten Flügels, und er marschierte mit mir den Flur entlang, bevor er mich in mein Schlafzimmer stieß. Durch die Wucht des Stoßes stolperte ich nach vorn, und meine Knie schlugen auf den weichen cremefarbenen Teppich. Ich fing mich mit den Händen ab, mein Haar fiel mir ins Gesicht, meine Brust hob und senkte sich in verzweifelten, abgehackten Atemzügen.

Ich fuhr auf den Knien herum, meine Augen sprühten vor giftiger, blendender Wut. „Wag es ja nicht, diese Tür zu schließen!“, schrie ich und zeigte mit dem Finger auf ihn.

Viktor trat rückwärts aus dem Zimmer in den Flur.

Er griff in die Manteltasche und zog einen schweren antiken Messingschlüssel heraus, den Schlüssel zu meinem Schlafzimmer.

„Protokoll eins“, sagte Viktor mit rauer Stimme.

„Du atmest nicht ohne meine Erlaubnis.“

Er griff nach der schweren Tür.

„Warte!“, keuchte ich und rappelte mich auf.

Die Tür schlug mir vor der Nase zu. Eine Sekunde später rastete der schwere Metallriegel mit einem harten Klicken ein und sperrte mich von außen ein.

Ich war gefangen, und das Monster, das den Schlüssel hielt, stand direkt auf der anderen Seite des …

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