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Kapitel 3

Author: Delie
last update publish date: 2026-10-10 14:28:53

Viktor

Sie hielt sich für unglaublich schlau. Aber ich war der Schlauste.

Ich saß in der Dunkelheit der unterirdischen Sicherheitszentrale des Anwesens, das blaue Licht von einem Dutzend Überwachungsmonitoren spiegelte sich in meinen Augen. Es war fünf Uhr morgens. Der Rest der Roth-Villa war totenstill. Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte nicht einmal meine taktischen Stiefel ausgezogen. Schlaf war ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte, wenn man ein hochwertiges Ziel bewachte, besonders eines, das sich aktiv in Schwierigkeiten bringen wollte.

Ich nahm einen langsamen Schluck schwarzen Kaffee und hielt den Blick ohne zu blinzeln auf Kamera 4 gerichtet.

Ich sah, wie sie die Tür öffnete. Sie musste einen Zweitschlüssel gehabt haben. Das war mir völlig entgangen. „Dieses Mädchen ist wirklich etwas Besonderes“, murmelte ich vor mich hin.

Sie kam gerade die Treppe herunter, ihre teuren Designer-Sneaker fest in der linken Hand. Sie trug enge schwarze Jeans und einen übergroßen grauen Hoodie, der ihre zierliche Gestalt verschluckte, die Kapuze hochgezogen, um ihr dunkles, zerzaustes Haar zu verbergen.

Ich sah, wie sie auf dem Treppenabsatz innehielt und durch das kleine Fenster der Brandschutztür spähte, um zu prüfen, ob die Garage leer war.

Sie sah völlig lächerlich aus, als Milliardärstochter, die so ein Spiel spielte. Sie musste den Verstand verloren haben.

Doch als sie die schwere Tür aufstieß, die Brust von stillen, nervösen Atemzügen gehoben, erinnerte ich mich daran, wie schön sie letzte Nacht ausgesehen hatte, mit ihrem unschuldigen Gesicht, ihrer perfekten Silhouette und dieser Erbinnen-Attitüde. Sie wirkte einfach wie ein verzweifeltes, wildes Mädchen, das aus einem goldenen Käfig zu fliehen versuchte.

Ich erstickte den Gedanken sofort und begrub ihn unter Jahren militärischer Disziplin.

Ich wurde nicht dafür bezahlt, die Röte ihrer Wangen oder die Rundung ihrer Taille zu bemerken. Ich hatte die letzten zehn Jahre in aktiven Kriegsgebieten verbracht, hatte Geiseln aus den Händen von Syndikaten befreit und Männern Kugeln in den Kopf gejagt, die mit Menschenleben handelten. Ich war eine Waffe, und Friedrich Roth hatte mich gekauft, damit ich ein sehr teurer Babysitter für seine verwöhnte Göre wurde.

Ich stellte die Kaffeetasse auf den Metalltisch. Es war Zeit für einen Realitätscheck.

Ich glitt aus dem Sicherheitsraum und bewegte mich lautlos wie ein Geist durch die Garage. Die Luft hier unten roch nach teurem Treibstoff. Die Luxuswagen der Familie Roth standen in perfekten Reihen.

Lena erreichte das Erdgeschoss und stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Sie glaubte, gewonnen zu haben. Sie ließ ihre Sneaker auf den Boden fallen und bückte sich, um hineinzuschlüpfen.

Ich trat hinter einem silbernen Mercedes hervor, meine schweren Stiefel machten keinerlei Geräusch.

„Wollen Sie irgendwohin?“, fragte ich und verschränkte vor ihr die Arme.

Meine Stimme war leise.

Lena zuckte so heftig zusammen, dass sich ihre dunkelbraunen Augen vor Schreck weiteten, ehe sie sich sofort zu aufbrausender, abwehrender Wut verhärteten. Ihre Brust hob und senkte sich schnell unter dem übergroßen Hoodie.

„Geh mir aus dem Weg, Kravitz“, zischte sie, ihre Stimme zitterte leicht, bevor sie sie zu einem fordernden Befehl zwang. Ich warf ihr einen strengen Blick zu.

„Mein Freund holt mich ab. Und wenn du nicht willst, dass ich schreie, bis das gesamte Personal aufwacht und erfährt, dass du mich im Dunkeln belästigst, öffnest du jetzt diese Tür.“

Ich rührte mich keinen Zentimeter, die Arme weiter verschränkt, und sah ihr in die dunklen Augen. Ich blickte auf sie hinab und ließ den Unterschied in unserer Größe für sich sprechen. Ich war größer und locker fünfzig Kilo schwerer, geformt durch ein Jahrzehnt der Gewalt. Sie war ein zartes kleines Vögelchen, das sein Gefieder aufplusterte, um einen Wolf einzuschüchtern.

„Schreien Sie, so laut Sie wollen“, sagte ich mit tiefer, gelangweilter Stimme.

„Ich hole Ihnen ein Glas Wasser aus der Küche, wenn Ihre Kehle wund wird.“

„Du arroganter Mistkerl“, fauchte sie wütend.

Anstatt zurückzuweichen, tat sie genau das Gegenteil. Sie trat direkt in meinen persönlichen Raum und schloss die Lücke zwischen uns, bis die Spitzen ihrer Sneaker fast meine Stiefel berührten. Sie hob das Kinn, um mich anzufunkeln, ihre dunklen Augen blitzten vor giftigem Trotz.

Sie stand so nah, dass ihre Brust meine streifte.

Ich erstarrte, doch mein Herz hämmerte in meiner Brust.

Meine Atemfrequenz veränderte sich nicht. Mein Ausdruck blieb eine Maske aus totem, gemeißeltem Stein. Doch unter der Oberfläche schoss mein Blut in die Höhe. Sie beschenkte meine Nase mit ihrem teuren Vanilleduft. Ich konnte den schwachen, schnellen Puls am Ansatz ihres Halses schlagen sehen.

„Ich gehe“, sagte Lena, ihre Stimme sank zu einem heftigen Flüstern, während ihre Augen sich in meine bohrten. „Du bist ein Angestellter. Du besitzt mich nicht. Mach verdammt noch mal die Tür auf.“ Ich rührte mich nicht und sah sie mit demselben toten Ausdruck an.

Bevor ich ihr genau sagen konnte, wie sehr sie sich irrte, dröhnte draußen ein tiefer Motor.

Es war wahrscheinlich Julian, ihr nerviger Freund.

Lenas Lippen kräuselten sich zu einem stolzen kleinen Grinsen. Sie dachte, dieser protzige, rückgratlose Junge im Sportwagen sei ihr Retter.

„Das ist er“, flüsterte sie, ihre Augen leuchteten vor Triumph. „Er ist da. Mach die Tür auf, Viktor.“ Sie befahl es mir.

Ich blickte auf sie hinab und sah die verzweifelte Hoffnung in ihren Augen, die absolute Gewissheit, dass sie mich besiegt hatte.

Ich blinzelte nicht. Stattdessen streckte ich die Hand aus und drückte den Garagentorknopf an der Wand.

Das schwere Metalltor begann sich zu heben und gab den lächerlichen roten Sportwagen frei.

Lena wandte sich dem Auto zu, ein atemloses Lachen entwich ihren Lippen.

Ich ging direkt an ihr vorbei.

Ich trat nicht beiseite, um sie hinauszulassen, sondern ging ruhig auf das Auto zu.

Julian drückte mehrfach die Hupe, um seine Ungeduld zu zeigen. Der dröhnende Ton hallte von den Steinmauern des Anwesens wider. Ich starrte durch seine Windschutzscheibe, ohne vor dem Lärm zu zucken oder aus dem Weg zu gehen. Ich blieb völlig reglos, die Augen auf die Silhouette des Jungen hinter dem Steuer gerichtet.

Langsam und bewusst griff ich an meine rechte Hüfte und legte die Handfläc he schwer auf den Griff meiner Glock 19.

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