LOGINViktor
Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen, und mein Körper war dieser Tatsache gegenüber vollkommen gleichgültig.
Ich stand auf meinem Posten vor Lenas Schlafzimmertür, völlig reglos.
Meine Gedanken spulten immer wieder zur Einfahrt zurück. Dahin, wie ihr die Farbe vollständig aus dem Gesicht gewichen war, als Julian vom Anwesen davonraste und sie im Stich ließ. Ich hatte erwartet, dass sie mich anschreien würde. Ich hatte erwartet, dass sie zuschlagen und Beleidigungen schleudern würde, so wie sie im Arbeitszimmer ihres Vaters gegen mich gekämpft hatte.
Stattdessen hatte sie einfach im eiskalten Nebel gestanden, ihr dünner Baumwollhoodie bot keinerlei Schutz gegen die Kälte. Sie hatte die Arme um die eigenen Rippen geschlungen und wirkte noch kleiner.
Ich konnte ihr keinen Trost spenden. Friedrich Roth hatte meine tödlichen Fähigkeiten gekauft, damit seine Tochter am Leben blieb, bis ihr Treuhandvermögen ausgezahlt wurde. Er hatte mich nicht dafür bezahlt, mich um ihr gebrochenes Herz zu kümmern.
Ich hatte sie vor drei Stunden wieder in ihr Schlafzimmer eingesperrt. Seitdem hatte sie keinen Laut von sich gegeben.
Ich tippte auf die kleine Funkeinheit in meinem linken Ohr und verband sie mit dem internen Sicherheitsnetzwerk des Anwesens. Die Roth-Villa war massiv verkabelt. Jeder Flur, jeder Eingang, jeder Raum außer den Badezimmern hatte einen Live-Audiofeed. Es war das Paradies eines paranoiden Milliardärs.
Ich hörte das scharfe, vibrierende Summen eines Handys aus ihrem Schlafzimmer.
Nicht das Wegwerfhandy aus Plastik, das ich in der Gasse zerdrückt hatte. Das war ihr offizielles, verschlüsseltes Telefon.
Ich versteifte mich und verengte die Augen auf das dicke Holz ihrer Tür.
„Hallo?“, kam ihre Stimme durch meinen Ohrhörer, rau und schwer von unvergossenen Tränen.
„Lena? Baby, Gott sei Dank, dass du rangehst. Geht es dir gut?“
Mein Kiefer presste sich so fest zusammen, dass meine Zähne knirschten. Julian.
Ich stand im leeren, stillen Flur und hörte Julian zu. Er sprach schnell, seine Stimme war hoch und nervös.
„Hör mir zu, du musst das verstehen“, flehte Julian über den Audiofeed. „Ich schwöre es! Ich habe gesehen, wie dieser Psycho von Bodyguard nach seiner Waffe griff, und mir wurde klar, dass er mich in ein Feuergefecht ziehen wollte. Ich bin weggefahren, um dich zu beschützen.“
„Als du weggefahren bist, dachte ich, dieses absolute Tier hätte gedroht, dich umzubringen. Du warst so mutig, dich nicht auf ihn einzulassen.“
Mein Blut wurde zu flüssiger Hitze.
Sie spielte ein Spiel.
Julian stieß ein lautes, erleichtertes Ausatmen aus. „Genau, Baby. Genau. Der Typ ist ein kompletter Psychopath. Aber keine Sorge, wir kriegen das hin. Spiel einfach ein paar Tage bei seinen dummen Regeln mit, und ich finde einen Weg, dich da rauszuholen.“
Dann lachte sie.
Es war völlig falsch. Es war eine Vorstellung, mit tödlicher Präzision darauf angelegt, mich zu demütigen, während ich auf der anderen Seite ihrer Tür stand.
„Ich weiß, Baby“, schnurrte Lena, ihre Stimme triefte geradezu vor Zuneigung. „Er hält sich für so einschüchternd mit seiner kleinen taktischen Weste und seinem Grunzen. Er ist nur ein angeheuerter Schläger. Wir finden schon etwas. Ich vermisse dich.“
Der rationale, militärisch geschulte Teil meines Gehirns wusste genau, was sie tat. Sie war ein eingesperrtes Tier, das in die Gitterstäbe biss. Sie versuchte, ein einziges Gramm Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, indem sie bewies, dass ich ihre Gefühle nicht diktieren konnte.
Der primitive, gewalttätige Teil meines Gehirns scherte sich nicht um Psychologie.
Er wollte nur Julians Stimmbänder durch seine Kehle herausreißen.
Ich stand im schwach beleuchteten Raum, die ausgefransten, zerstörten Kabel noch in meiner Faust zerquetscht. Das plötzliche, überwältigende Gefühl der Befriedigung, das in mein Blut schoss, war beängstigend.
Dreißig Sekunden später hallte das schnelle, schwere Trommeln nackter Füße durch den Flur.
Sie klopfte nicht einmal an. Lena stürmte in den Kontrollraum und stieß die schwere Tür mit beiden Händen auf.
Der übergroße Hoodie war verschwunden. Sie trug eng anliegende schwarze Jogginghosen und ein dünnes weißes Tanktop, ihr dunkles Haar zu einem wirren Knoten hochgebunden. Ihre Haut war gerötet, ihre Brust hob und senkte sich schnell, als sie das zerstörte Serverrack, die Funken auf dem Boden und mich in der Mitte des Raumes erfasste.
Sie hielt ihr totes Handy wie eine Waffe in der Hand.
„Was hast du gerade getan?!“, schrie sie, ihre Stimme hallte von den Metallwänden wider. Sie zeigte mit zitterndem Finger auf die toten Bildschirme. „Das Gespräch ist abgebrochen! Hast du das Internet gekappt?“
Ich ließ die abgerissenen Kabel auf den Boden fallen. Ich drehte mich zu ihr um und vergrub die verdrehte, wilde Hitze in mir unter einer Maske aus absolutem Stein.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und ließ meinen Blick langsam von ihren nackten Schultern hinauf zu ihren wütenden, blitzenden Augen wandern.
„Risiko einer unverschlüsselten Leitung“, log ich glatt, meine Stimme ein tiefes, gelangweiltes Grollen, das absolut nichts verriet.
Lena starrte mich an. Ihre Brust bebte, ihre Knöchel wurden weiß um das nutzlose Handy.
„Du lügst“, zischte sie, trat über die Schwelle in den Raum und verringerte den Abstand zwischen uns. „Du hast die Leitung nicht aus Sicherheitsgründen gekappt. Du hast sie gekappt, weil du ein kleinlicher, kontrollsüchtiger Freak bist, der nicht ertragen kann, dass ich ein Leben außerhalb deines kleinen Gefängnisses habe!“
Sie trat direkt vor mich und hob das Kinn, um mir ins Gesicht zu funkeln.
„Ich besorge mir ein neues Handy“, flüsterte sie, ihre Lippen öffneten sich, während sie schwer durch den Mund atmete. „Und ich werde ihn anrufen. Und du kannst nichts dagegen tun.“
Ich wich nicht zurück. Ich unterbrach den Blickkontakt nicht.
Stattdessen ließ ich langsam die Arme sinken. Ich machte einen bewussten, quälend langsamen Schritt nach vorn und zwang sie, entweder standzuhalten oder zurückzuweichen. Wir waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Ich blickte in ihre weiten, dunklen Augen und ließ die Maske fallen. „Wenn ich seine Stimme noch einmal auf diesem Grundstück höre“, flüsterte ich, der Kies in meiner Stimme kratzte durch die Luft zwischen uns, „Lena, dann reiße ich ihm den Kopf ab.“
Ihre Augen weiteten sich, der Trotz geriet endlich ins Wanken, als ihr die wahre Gefahr des Mannes bewusst wurde, mit dem sie in einem Haus eingesperrt war.
Und als sie einen kleinen, zitternden Schritt zurückwich, überkam mich eine erschreckende Erkenntnis: Der Käfig, den ich gebaut hatte, um die Welt von ihr fernzuhalten, wurde rasch zu einem Käfig, der sie ganz für mich allein behalten sollte.
LenaIch stand vor dem Spiegel in meinem Ankleidezimmer und strich mit den Händen über den Stoff eines Kleides, von dem ich wusste, dass es Viktor in den Wahnsinn treiben würde. Ich wollte ihn so lange provozieren, bis er mich nicht mehr ertragen konnte.Das Kleid war aus karmesinroter Seide, rückenfrei und umschmeichelte meine Kurven genau richtig. Es war die Art von Kleid, die bei einem Wohltätigkeitsempfang alle Blicke auf sich zieht und mich zum Mittelpunkt des Raumes macht; vor allem aber war es dazu gedacht, jede Grenze auszureizen, die mein sogenannter Bodyguard hatte.Mein Spiegelbild blickte mich an. Mein dunkles Haar fiel in weichen Wellen, und ich trug knallroten Lippenstift. Ich sah umwerfend aus, ganz wie die verwöhnte, rebellische Erbin, für die mein Vater mich hielt.Erinnerungen an Julians Verrat von vor ein paar Tagen füllten meine Gedanken: wie sein Auto wie das eines Feiglings aus meinem Blickfeld verschwand und wie er sich nicht einmal nach mir umgedreht hatte.„Bi
ViktorIch hatte nicht geschlafen. Ich hatte seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen, und mein Körper war dieser Tatsache gegenüber vollkommen gleichgültig.Ich stand auf meinem Posten vor Lenas Schlafzimmertür, völlig reglos.Meine Gedanken spulten immer wieder zur Einfahrt zurück. Dahin, wie ihr die Farbe vollständig aus dem Gesicht gewichen war, als Julian vom Anwesen davonraste und sie im Stich ließ. Ich hatte erwartet, dass sie mich anschreien würde. Ich hatte erwartet, dass sie zuschlagen und Beleidigungen schleudern würde, so wie sie im Arbeitszimmer ihres Vaters gegen mich gekämpft hatte.Stattdessen hatte sie einfach im eiskalten Nebel gestanden, ihr dünner Baumwollhoodie bot keinerlei Schutz gegen die Kälte. Sie hatte die Arme um die eigenen Rippen geschlungen und wirkte noch kleiner.Ich konnte ihr keinen Trost spenden. Friedrich Roth hatte meine tödlichen Fähigkeiten gekauft, damit seine Tochter am Leben blieb, bis ihr Treuhandvermögen ausgezahlt wurde. Er hatte mich
LenaMir blieb der Atem komplett in der Lunge stecken.Ich stand wie erstarrt am Rand der Garage, die kalte Morgenluft schlug mir gegen die Wangen, aber ich spürte sie nicht. Ich sah Viktor.Er stand mitten in der Einfahrt wie ein Kriegsgott mit bedrohlicher Silhouette. Er sah nicht wie ein Bodyguard aus. Er sah aus wie ein Henker, der auf seinen Befehl wartet. Mein Blick wanderte zum Porsche und zu Julian. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und Julian stieg aus. Er trug sein Lieblings-Designerpolo, den Kragen hochgestellt, sein perfekt gesträhntes blondes Haar sorgfältig gestylt. Normalerweise ließ mich Julians Anblick vor Zuneigung in der Brust ziehen. Aber jetzt war er mein Ausweg.Doch wie er so drei Meter von Viktor Kravitz entfernt stand, wirkte Julian plötzlich wie ein zerbrechliches Kind, das in den Kleidern seines Vaters spielt.„Hey!“, rief Julian, seine Stimme brach leicht. Er marschierte die Einfahrt hinauf und zeigte mit dem Finger auf Viktors Brust. „Wer zum Teufel sind Si
ViktorSie hielt sich für unglaublich schlau. Aber ich war der Schlauste.Ich saß in der Dunkelheit der unterirdischen Sicherheitszentrale des Anwesens, das blaue Licht von einem Dutzend Überwachungsmonitoren spiegelte sich in meinen Augen. Es war fünf Uhr morgens. Der Rest der Roth-Villa war totenstill. Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte nicht einmal meine taktischen Stiefel ausgezogen. Schlaf war ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte, wenn man ein hochwertiges Ziel bewachte, besonders eines, das sich aktiv in Schwierigkeiten bringen wollte.Ich nahm einen langsamen Schluck schwarzen Kaffee und hielt den Blick ohne zu blinzeln auf Kamera 4 gerichtet.Ich sah, wie sie die Tür öffnete. Sie musste einen Zweitschlüssel gehabt haben. Das war mir völlig entgangen. „Dieses Mädchen ist wirklich etwas Besonderes“, murmelte ich vor mich hin.Sie kam gerade die Treppe herunter, ihre teuren Designer-Sneaker fest in der linken Hand. Sie trug enge schwarze Jeans und einen übergroßen grau
LenaDie Fahrt zurück zum Anwesen war erstickend.Die gesamten dreißig Minuten saß ich auf dem Rücksitz des abgedunkelten SUV gefangen und schrie gegen seinen Hinterkopf an, bis meine Kehle wund war. Ich warf ihm mein ganzes Gewicht an den Kopf. Ich drohte mit seinem Job, seiner Zukunft und seinen Bankkonten. Ich beschimpfte ihn. Nichts davon wirkte, er blieb von meinen Worten völlig unbeeindruckt.Er sagte kein einziges Wort. Er ignorierte mich, als existierte ich nicht, und ließ mich frustriert zurück. Ich war in keinem guten Zustand: Mein Haar war zerzaust, meine Augen waren vor Wut gerötet, und die Wimperntusche lief mir übers Gesicht, sodass ich wie eine verrückte Hexe aussah.Er saß einfach auf dem Fahrersitz, ohne meine Anwesenheit zu beachten, die Haltung vollkommen starr.Er behandelte meine absolute Wut wie Hintergrundgeräusch. Irgendwie war sein Schweigen tausendmal frustrierender, als wenn er zurückgebrüllt hätte.Als sich die schweren Eisentore des Roth-Anwesens endlich ö
LenaDie Musik im Nachtclub dröhnte nicht nur in meinen Ohren, sie vibrierte durch meine Adern und beruhigte meinen Geist.Für alle anderen war es nur ein ganz gewöhnlicher Donnerstagabend. Für mich war es eine taktische Operation. Ich hatte diese Flucht wochenlang geplant.Ich hielt den Kopf gesenkt und ließ mein dunkles Haar wie einen Vorhang vors Gesicht fallen, um mich vor den neugierigen Blicken aus dem VIP-Bereich zu verbergen. Ich drängte mich an einem Pärchen vorbei, das wild knutschte, und verdrehte die Augen. Ich ging einfach weiter und glitt schnell wie ein Geist durch die Menge.Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und durfte trotzdem nicht allein nach draußen. Mein Vater glaubte nicht an Erziehung, er glaubte an Vermögensverwaltung. Für ihn war ich keine Tochter, sondern ein wandelndes, sprechendes Aktienportfolio, das bewacht werden musste. Seine Aufgabe bestand darin, mich mit Bodyguards zu umgeben, mich zur Schule zu schicken und mir Essen zu geben. Zeit mit mir verbrachte







