LOGINLena
Mir blieb der Atem komplett in der Lunge stecken.
Ich stand wie erstarrt am Rand der Garage, die kalte Morgenluft schlug mir gegen die Wangen, aber ich spürte sie nicht. Ich sah Viktor.
Er stand mitten in der Einfahrt wie ein Kriegsgott mit bedrohlicher Silhouette. Er sah nicht wie ein Bodyguard aus. Er sah aus wie ein Henker, der auf seinen Befehl wartet. Mein Blick wanderte zum Porsche und zu Julian. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und Julian stieg aus. Er trug sein Lieblings-Designerpolo, den Kragen hochgestellt, sein perfekt gesträhntes blondes Haar sorgfältig gestylt. Normalerweise ließ mich Julians Anblick vor Zuneigung in der Brust ziehen. Aber jetzt war er mein Ausweg.
Doch wie er so drei Meter von Viktor Kravitz entfernt stand, wirkte Julian plötzlich wie ein zerbrechliches Kind, das in den Kleidern seines Vaters spielt.
„Hey!“, rief Julian, seine Stimme brach leicht. Er marschierte die Einfahrt hinauf und zeigte mit dem Finger auf Viktors Brust. „Wer zum Teufel sind Sie? Gehen Sie weg vom Haus meiner Freundin, Mann.“
Viktor änderte seine Haltung nicht. Er nahm die Hand nicht von der Waffe an seiner Hüfte. Er erhob nicht einmal die Stimme. Er neigte nur leicht den Kopf und sah auf Julian hinab, mit einer erschreckenden, fast schon gelassenen Ruhe.
„Steig wieder ins Auto, Junge“, grollte Viktors Stimme, tief und völlig ohne menschliche Wärme. „Bevor ich dir den Kiefer breche und dich in den Kofferraum falte.“
Julian blieb abrupt stehen. Die falsche Tapferkeit verschwand augenblicklich. Die Farbe wich aus seinem gebräunten Gesicht. Sein Blick fiel auf die schwere schwarze Pistole an Viktors Hüfte und dann hinauf zu Viktors eisigen, toten Augen.
Julian schluckte schwer und trat einen Schritt zurück. Ich beobachtete die Szene. Er sah an Viktors massiger Gestalt vorbei und entdeckte mich schließlich in der Garage.
„Lena?“, sagte Julian mit dünner, panischer Stimme. „Was ist hier los? Wer ist dieser Psycho?“
„Er ist mein neuer Sicherheitsmann“, rief ich zurück und trat hinaus in die kalte Einfahrt. Meine Stimme zitterte heftig, eine giftige Mischung aus Wut und Demütigung.
Ich marschierte direkt an Viktors Seite. Es war mir egal, dass er geradezu tödliche Energie ausstrahlte. Ich packte seinen Unterarm, um ihn aus dem Weg zu schieben.
Seine Muskeln zuckten unter meinem Griff nicht einmal.
„Hör auf!“, befahl ich, und meine Nägel gruben sich nutzlos in den dicken Stoff seines taktischen Mantels. „Lass ihn in Ruhe, Viktor! Wir gehen einen Kaffee trinken. Geh aus dem Weg!“
Viktor bewegte sich schließlich. Er stieß mich nicht weg. Er sah mich nicht einmal an.
Er griff mit der linken Hand in die tiefe Innentasche seines Mantels, während seine rechte Hand die Waffe nie losließ. Er zog ein dünnes, schwarzes, verschlüsseltes Tablet heraus. Er tippte zweimal mit dem Daumen auf den Bildschirm, das blaue Licht beleuchtete seine scharfe Kieferlinie, und hielt es so hin, dass nur Julian den Bildschirm sehen konnte.
Ich sah, wie Julians Augen über den leuchtenden Text huschten.
Was auch immer er las, es traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Julian taumelte regelrecht rückwärts, seine Designerschuhe schabten unbeholfen über das Pflaster. Nervöser, schwerer Schweiß brach ihm auf der Stirn aus. Sein Mund öffnete sich, aber kein Laut kam heraus.
Viktor beugte sich hinunter, sein Gesicht nur Zentimeter von Julians blassem, verängstigtem Gesicht entfernt.
„Wenn ich dein Auto noch einmal in dieser Straße sehe“, flüsterte Viktor leise, „benutze ich nicht die Waffe. Ich nehme dich mit bloßen Händen auseinander. Haben wir uns verstanden?“
Julian sah mich nicht an. Er brachte keine Verteidigung vor. Er verabschiedete sich nicht.
Er ging praktisch rückwärts, seine Schuhe rutschten auf dem nassen Pflaster. Er warf sich auf den Fahrersitz des Porsche, schlug die Tür zu und legte krachend den Rückwärtsgang ein.
Innerhalb von zehn Sekunden war die Straße völlig leer. Das Dröhnen des Motors verklang in der Ferne und hinterließ eine erdrückende, schwere Stille.
Ich stand erstarrt mitten in der Einfahrt, der kalte Morgenwind biss durch meinen dünnen Baumwollhoodie. Der Mann, von dem ich geglaubt hatte, er liebe mich, der Mann, für den ich bereit war, alles zu riskieren, hatte mich beim ersten Anzeichen einer Bedrohung im Stich gelassen. Er hatte nicht einmal zurückgeblickt.
Tränen reiner, ätzender Demütigung brannten in meinen Augen und liefen über meine Wimpern, bevor ich sie aufhalten konnte. Ich schlang die Arme um meine Brust und fühlte mich plötzlich kleiner und gefangener als je zuvor in meinem Leben.
Das schwere Aufsetzen eines taktischen Stiefels ertönte auf dem Pflaster.
Viktor drehte sich langsam zu mir um. Er schob das Tablet zurück in seinen Mantel, seine Hand löste sich von der Waffe. Er blickte auf meine zitternden Schultern hinab, auf die Tränen, die sich durch die Kälte auf meinen Wangen zogen, und auf die völlige Verzweiflung in meinem Gesicht.
Ich erwartete, dass er mich verspotten würde. Ich erwartete, dass er sagen würde, er habe recht gehabt.
Aber sein Ausdruck war völlig unlesbar.
Doch was stand in dem Text, das Julian solche Angst gemacht hatte?, fragte ich mich.
LenaIch stand vor dem Spiegel in meinem Ankleidezimmer und strich mit den Händen über den Stoff eines Kleides, von dem ich wusste, dass es Viktor in den Wahnsinn treiben würde. Ich wollte ihn so lange provozieren, bis er mich nicht mehr ertragen konnte.Das Kleid war aus karmesinroter Seide, rückenfrei und umschmeichelte meine Kurven genau richtig. Es war die Art von Kleid, die bei einem Wohltätigkeitsempfang alle Blicke auf sich zieht und mich zum Mittelpunkt des Raumes macht; vor allem aber war es dazu gedacht, jede Grenze auszureizen, die mein sogenannter Bodyguard hatte.Mein Spiegelbild blickte mich an. Mein dunkles Haar fiel in weichen Wellen, und ich trug knallroten Lippenstift. Ich sah umwerfend aus, ganz wie die verwöhnte, rebellische Erbin, für die mein Vater mich hielt.Erinnerungen an Julians Verrat von vor ein paar Tagen füllten meine Gedanken: wie sein Auto wie das eines Feiglings aus meinem Blickfeld verschwand und wie er sich nicht einmal nach mir umgedreht hatte.„Bi
ViktorIch hatte nicht geschlafen. Ich hatte seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen, und mein Körper war dieser Tatsache gegenüber vollkommen gleichgültig.Ich stand auf meinem Posten vor Lenas Schlafzimmertür, völlig reglos.Meine Gedanken spulten immer wieder zur Einfahrt zurück. Dahin, wie ihr die Farbe vollständig aus dem Gesicht gewichen war, als Julian vom Anwesen davonraste und sie im Stich ließ. Ich hatte erwartet, dass sie mich anschreien würde. Ich hatte erwartet, dass sie zuschlagen und Beleidigungen schleudern würde, so wie sie im Arbeitszimmer ihres Vaters gegen mich gekämpft hatte.Stattdessen hatte sie einfach im eiskalten Nebel gestanden, ihr dünner Baumwollhoodie bot keinerlei Schutz gegen die Kälte. Sie hatte die Arme um die eigenen Rippen geschlungen und wirkte noch kleiner.Ich konnte ihr keinen Trost spenden. Friedrich Roth hatte meine tödlichen Fähigkeiten gekauft, damit seine Tochter am Leben blieb, bis ihr Treuhandvermögen ausgezahlt wurde. Er hatte mich
LenaMir blieb der Atem komplett in der Lunge stecken.Ich stand wie erstarrt am Rand der Garage, die kalte Morgenluft schlug mir gegen die Wangen, aber ich spürte sie nicht. Ich sah Viktor.Er stand mitten in der Einfahrt wie ein Kriegsgott mit bedrohlicher Silhouette. Er sah nicht wie ein Bodyguard aus. Er sah aus wie ein Henker, der auf seinen Befehl wartet. Mein Blick wanderte zum Porsche und zu Julian. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und Julian stieg aus. Er trug sein Lieblings-Designerpolo, den Kragen hochgestellt, sein perfekt gesträhntes blondes Haar sorgfältig gestylt. Normalerweise ließ mich Julians Anblick vor Zuneigung in der Brust ziehen. Aber jetzt war er mein Ausweg.Doch wie er so drei Meter von Viktor Kravitz entfernt stand, wirkte Julian plötzlich wie ein zerbrechliches Kind, das in den Kleidern seines Vaters spielt.„Hey!“, rief Julian, seine Stimme brach leicht. Er marschierte die Einfahrt hinauf und zeigte mit dem Finger auf Viktors Brust. „Wer zum Teufel sind Si
ViktorSie hielt sich für unglaublich schlau. Aber ich war der Schlauste.Ich saß in der Dunkelheit der unterirdischen Sicherheitszentrale des Anwesens, das blaue Licht von einem Dutzend Überwachungsmonitoren spiegelte sich in meinen Augen. Es war fünf Uhr morgens. Der Rest der Roth-Villa war totenstill. Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte nicht einmal meine taktischen Stiefel ausgezogen. Schlaf war ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte, wenn man ein hochwertiges Ziel bewachte, besonders eines, das sich aktiv in Schwierigkeiten bringen wollte.Ich nahm einen langsamen Schluck schwarzen Kaffee und hielt den Blick ohne zu blinzeln auf Kamera 4 gerichtet.Ich sah, wie sie die Tür öffnete. Sie musste einen Zweitschlüssel gehabt haben. Das war mir völlig entgangen. „Dieses Mädchen ist wirklich etwas Besonderes“, murmelte ich vor mich hin.Sie kam gerade die Treppe herunter, ihre teuren Designer-Sneaker fest in der linken Hand. Sie trug enge schwarze Jeans und einen übergroßen grau
LenaDie Fahrt zurück zum Anwesen war erstickend.Die gesamten dreißig Minuten saß ich auf dem Rücksitz des abgedunkelten SUV gefangen und schrie gegen seinen Hinterkopf an, bis meine Kehle wund war. Ich warf ihm mein ganzes Gewicht an den Kopf. Ich drohte mit seinem Job, seiner Zukunft und seinen Bankkonten. Ich beschimpfte ihn. Nichts davon wirkte, er blieb von meinen Worten völlig unbeeindruckt.Er sagte kein einziges Wort. Er ignorierte mich, als existierte ich nicht, und ließ mich frustriert zurück. Ich war in keinem guten Zustand: Mein Haar war zerzaust, meine Augen waren vor Wut gerötet, und die Wimperntusche lief mir übers Gesicht, sodass ich wie eine verrückte Hexe aussah.Er saß einfach auf dem Fahrersitz, ohne meine Anwesenheit zu beachten, die Haltung vollkommen starr.Er behandelte meine absolute Wut wie Hintergrundgeräusch. Irgendwie war sein Schweigen tausendmal frustrierender, als wenn er zurückgebrüllt hätte.Als sich die schweren Eisentore des Roth-Anwesens endlich ö
LenaDie Musik im Nachtclub dröhnte nicht nur in meinen Ohren, sie vibrierte durch meine Adern und beruhigte meinen Geist.Für alle anderen war es nur ein ganz gewöhnlicher Donnerstagabend. Für mich war es eine taktische Operation. Ich hatte diese Flucht wochenlang geplant.Ich hielt den Kopf gesenkt und ließ mein dunkles Haar wie einen Vorhang vors Gesicht fallen, um mich vor den neugierigen Blicken aus dem VIP-Bereich zu verbergen. Ich drängte mich an einem Pärchen vorbei, das wild knutschte, und verdrehte die Augen. Ich ging einfach weiter und glitt schnell wie ein Geist durch die Menge.Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und durfte trotzdem nicht allein nach draußen. Mein Vater glaubte nicht an Erziehung, er glaubte an Vermögensverwaltung. Für ihn war ich keine Tochter, sondern ein wandelndes, sprechendes Aktienportfolio, das bewacht werden musste. Seine Aufgabe bestand darin, mich mit Bodyguards zu umgeben, mich zur Schule zu schicken und mir Essen zu geben. Zeit mit mir verbrachte







