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Kapitel 2

Pria Ambre
Das Abendessen endete genauso, wie es begonnen hatte: steif, still und beklemmend.

Viola wartete nicht, bis Vanessa oder ihre Mutter aufstanden. Kaum hatte Rafael seinen Stuhl zurückgeschoben, stand sie auf und entfernte sich unauffällig vom Tisch. Mit gesenktem Kopf ging sie den Flur entlang, bis sie die schweren Glastüren zur Ostterrasse erreichte.

Sie stieß die Türen auf und trat hinaus in die kühle Nachtluft.

Ihre Brust hob und senkte sich heftig, als sie langsam und stockend Atem holte. Die Angst, die ihr den ganzen Abend die Kehle zugeschnürt hatte, ließ endlich nach. Sie lehnte sich gegen das steinerne Geländer und schlang die Arme fest um ihre Rippen.

Hier draußen war es still und sicher.

Ein scharfes, metallisches Klicken durchbrach die Stille.

Viola erstarrte.

In der hintersten Ecke der Terrasse flammte in der Dunkelheit ein kleines Feuer auf. Es beleuchtete seine markante Kieferpartie, die kaum sichtbare Narbe nahe seinem Mund und seine kalten, bernsteinfarbenen Augen.

Sebastian.

Mit einem scharfen Klicken klappte er das silberne Feuerzeug zu. Der Tabakgeruch zog durch die kühle Luft, als er eine dünne graue Rauchwolke ausstieß. Er trat nicht aus dem Schatten. Er stand einfach da, an die Steinmauer gelehnt, und beobachtete sie.

Violas Herz begann heftig gegen ihre Rippen zu hämmern. Sie wich einen kleinen Schritt zurück und tastete mit der Hand blind nach dem Griff der Glastür.

„Willst du wieder hineinrennen?“ Seine raue Stimme trug mühelos über die Terrasse.

Sie hielt inne. Ihre Hand schwebte über dem Türgriff. Ihr Blick blieb auf den steinernen Boden geheftet. „Ich wusste nicht, dass jemand hier draußen ist.“

„Offensichtlich.“ Er nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette. „Du siehst aus, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen.“

Tatsächlich war sie kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Ihre Finger krallten sich um das Geländer hinter ihr, aber sie schwieg, denn wenn sie nervös war, verriet ihre Stimme sie stets.

„Du hast nichts gegessen“, stellte er fest. Es war keine Frage.

Viola schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Deine Schwester hat genug für euch beide gegessen und genug geredet, um den ganzen Tisch zu unterhalten“, sagte Sebastian trocken.

Überrascht blinzelte sie und hob den Blick. Auf seinem Gesicht lag ein kaum merkliches, spöttisches Lächeln. Er machte sich über Vanessa lustig. Niemand machte sich jemals über Vanessa lustig. Männer überschlugen sich normalerweise, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, aber Sebastian klang schon beim bloßen Gedanken an sie gelangweilt.

Er stieß sich von der Wand ab und ging langsam auf sie zu.

Viola stockte der Atem. Er bewegte sich langsam und selbstsicher, wie ein Mann, der es nie eilig haben musste, weil ihm früher oder später ohnehin alles zufiel. Je näher er kam, desto furchteinflößender wirkte er. Er war zu groß, zu breit und nahm auf der offenen Terrasse viel zu viel Raum ein.

Wenige Schritte von ihr entfernt blieb er stehen. Er war nah genug, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen. Schnell senkte sie den Blick stattdessen auf seine dunklen Schuhe.

„Warum zitterst du so sehr?“, fragte er und ließ den Blick auf ihre Hände sinken.

Sie versteckte sie in ihren Ärmeln. Ihre Brust hob und senkte sich viel zu schnell. „Ich ... ich zittere nicht.“

„Du lügst.“

Ihre Kehle war schmerzhaft trocken. „Ich sollte wieder hineingehen. Meine Mutter wird mich suchen.“

„Deine Mutter sucht dich nicht. Sie ist damit beschäftigt, meinen Vater davon zu überzeugen, wie nützlich ihre älteste Tochter für mein Kartell wäre“, sagte er flach und ohne jedes Mitgefühl.

Die Schonungslosigkeit seiner Worte traf sie wie einen körperlichen Schlag. Sie wusste, dass es stimmte. Es laut ausgesprochen zu hören, machte es nur noch schmerzhafter. Sie hielt den Blick auf den dunklen Stoff seines Anzugs gerichtet und atmete kurz und flach.

„Sieh mich an.“

Der Befehl war leise, ließ ihr aber keinen Raum für Widerspruch.

Viola zögerte. Langsam zwang sie sich, den Blick zu heben und seinem zu begegnen. Aus der Nähe waren seine Augen nicht einfach nur bernsteinfarben. Sie waren scharf und gefährlich, wie ein Warnzeichen, das sie ignorierte.

„Du hast Angst vor mir“, stellte er fest.

„Ja“, flüsterte sie, ehe sie sich zurückhalten konnte.

Sebastian sah sie lange und eindringlich an. Er führte die Zigarette an seine Lippen, ließ sie aber keine Sekunde aus den Augen.

„Gut. Bleib so, Schatz“, murmelte er und blies den Rauch zwischen sie.

Viola runzelte die Stirn. „Was soll das bedeuten?“

Sebastian legte den Kopf schief. In seinen Augen blitzte dunkle Belustigung auf, als er einen Hauch näher trat und sie mit seiner hochgewachsenen Gestalt am Geländer einschloss.

„Es bedeutet, dass du wunderschön zitterst“, murmelte er. Sein Blick sank auf ihre zitternden Lippen und wanderte dann langsam wieder zu ihren Augen hinauf. „Bei deinem Zittern könnte ein Mann meinen, du würdest geradezu seine Aufmerksamkeit suchen.“

Entsetzt wich Viola zurück, bis ihre Schultern gegen den kalten Stein stießen. Sie öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor.

Ein langsames, gefährliches Grinsen legte sich auf Sebastians Mundwinkel. „Entspann dich, Schatz. Ich tue nichts“, sagte er gedehnt.

Dann senkte sich sein Blick auf ihren Ärmel, auf die Stelle, an der der Wollstoff ihr Handgelenk bedeckte.

Viola drehte sich der Magen um. Hastig und instinktiv zog sie den Ärmel weiter nach unten.

Bevor sie ihre Hand zurückziehen konnte, hielt er sie fest.

Kein Wort. Keine Warnung. Seine Finger schlossen sich fest und warm um ihr Handgelenk, und sie erstarrte. Seine Hand war so groß, dass sie ihr Handgelenk vollständig umschloss. Selbst wenn sie es versucht hätte, hätte sie sich nicht losreißen können. Sie versuchte es nicht. Sie bekam keine Luft.

Langsam schob er den Ärmel zurück.

Im Dunkeln lag der schwarzviolette Bluterguss zwischen ihnen. Selbst im schwachen Licht waren die Abdrücke seiner Finger deutlich zu erkennen. Sebastians Kiefer spannte sich an. Ein Muskel zuckte kurz und entspannte sich wieder.

Dann strich sein Daumen über die Male.

Ein einziges Mal. So sanft, dass die Berührung überhaupt nicht zu ihm passte. Sie passte weder zu den Narben auf seinen Knöcheln noch zu dem Mann, der seinem eigenen Vater beim Abendessen gesagt hatte, dass Rafael eine Enttäuschung war, weil er noch atmete.

Viola sah ihm in die Augen.

Er sah sie bereits an. Für einen kurzen, unbewachten Moment bewegte sich etwas hinter dem kalten Bernsteinton, etwas Dunkles und Zielgerichtetes. Dann war es verschwunden.

Sie wartete auf seine Frage. Er stellte keine.

Er ließ ihren Ärmel wieder über ihr Handgelenk gleiten, gab sie frei und trat zurück, um ihr Platz zu machen, als wäre nichts geschehen.

Er wandte sich um und ging auf die Glastüren zu. Kurz bevor er sie erreichte, hielt er inne und sah über seine breite Schulter zurück.

„Noch nicht.“

Er stieß die Tür auf und verschwand im Haus. Ein schwacher Tabakgeruch und ein unverkennbar männlicher Duft blieben zurück.

Viola rührte sich erst, als sie hörte, wie die schwere Glastür hinter ihm ins Schloss klickte.

Dann versuchte sie, sich aufzurichten, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht.

Ihre Knie gaben nach. Sie klammerte sich mit beiden Händen an das steinerne Geländer und rutschte hinunter auf den kalten Terrassenboden. Ihr Herz hämmerte in ihren Ohren, und ihr Handgelenk kribbelte an der Stelle, die sein Daumen berührt hatte.

Jeder, der sie in diesem Haus jemals berührt hatte, hatte ihr wehtun wollen.

Er hatte ihren Bluterguss berührt, als wäre er ihm wichtig.

Und während sie allein in der Kälte saß, konnte sie an nichts anderes denken als an die Art, wie er sie angesehen hatte. Als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt.

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