ANMELDENDer private Salon im exklusiven, diskreten Club am Rande der Stadt war in ein gedimmtes, warmes Licht getaucht. Schwere, schalldichte Vorhänge schirmten den Raum komplett von der lauten Außenwelt ab, und in der Luft lag der feine Geruch von teurem Tabak und gereiftem Cognac.Ich saß an dem polierten Mahagonitisch, mir gegenüber Baron von Berg, einer unserer einflussreichsten Privatinvestoren und langjährigen Verbündeten der Sterling-Gruppe. Wir sprachen leise, aber mit der unerbittlichen Schärfe von Geschäftsleuten, die wussten, dass ein falsches Wort das gesamte Imperium kosten konnte. Es ging um die Umstrukturierung der Assets, um die Absicherung unserer Liquidität gegen die anhaltenden Angriffe der Black Holdings und vor allem darum, das Vertrauen des Marktes nach den jüngeren Unruhen zu stabilisieren.„Die Aktionäre sind unruhig, Dorian“, sagte der Baron und nahm einen langsamen Schluck aus seinem Kristallglas. Seine grauen Augen musterten mich scharf über den Rand hinweg. „Das Da
Der Morgen schlich sich nur zögernd in mein Zimmer. Das helle, scharfe Tageslicht, das durch die Ritzen der schweren Vorhänge drang, fühlte sich an wie kleine Nadelstiche, die sich gnadenlos in meine geschwollenen, müden Augen bohrten. Jede einzelne Faser meines Körpers schmerzte, als hätte mich ein Lastwagen überrollt. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren, und ein unangenehmer, pelziger Geschmack von billigem Rotwein und bitterem Alkohol lag auf meiner Zunge.Ich stöhnte leise auf, drehte mich auf die Seite und schlug die Augen mühsam auf.Die Decke meines Schlafzimmers schien zu kreisen. Ich brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, wo ich war. Das hier war nicht das Büro. Das hier war nicht die kalte Hölle der Zentrale. Ich befand mich in meinem eigenen Bett in der Sterling-Residenz.Erinnerungsfragmente der vergangenen Nacht schossen plötzlich mit ungeheurer Wucht durch meinen vernebelten Verstand: das trübe Licht der Skyline, das Weintrinken in der E
Der dunkle Rotwein brannte auf meiner Zunge, als ich noch einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche nahm. Die Welt um mich herum schwankte leicht, das grelle Lichtermeer der Stadt hinter dem Fenster verschwamm zu bunten, schimmernden Streifen. „Du verfluchter Heuchler...“, flüsterte ich mit lallender, gebrochener Stimme in das stumme, abgedunkelte Büro hinein. Ich lachte leise auf – ein raues, bitteres Lachen, das sofort in einem erneuten Schluchzen erstarb. „Du eiskalter, verdammter Bastard... Schwester... Du hast mich vor allen verleugnet... Ich hasse dich, Dorian. Ich hasse dich so sehr...“ Plötzlich ertönte das harte Klacken des Schlosses. Die schwere Bürotür schwang auf, und das helle Licht des Korridors schnitt wie ein gleißendes Messer durch die Dunkelheit des Raumes. Dorian stand im Rahmen. Seine Haare waren leicht zerzaust, das Revers seines Anzugs saß schief, und in seinen dunklen Augen lag eine wilde, panische Unruhe. Seine Brust hob und senkte sich stoßweise. „Dora!
„Schwester...“Das Wort entwich meinen Lippen wie ein Hauch eiskalten Rauchs. Ich wiederholte es leise, beinahe ungläubig, während mein Blick fest an Dorians Gesicht verankert blieb. Schwester. Es hallte in meinen Ohren nach, schrecklich laut, dröhnend, und schnitt mit der Präzision eines Skalpells durch jede einzelne Schicht meines Herzens.Dorian wich meinem Blick für den Bruchteil einer Sekunde aus. Ich sah das feine Zucken an seiner Kiefermuskulatur, sah die Schatten unter seinen Augen und den qualvollen Riss in seiner eisernen Rüstung. Doch anstatt auch nur einen Schritt auf mich zuzugehen, wandte er sich mit einer erzwungenen, aalglatten Höflichkeit wieder der Frau an seinem Arm zu.„Verzeihen Sie die Störung, Victoria“, sagte Dorian mit einer Stimme, die so glatt und makellos klang, dass sie mich vor Abscheu schaudern ließ. Er machte eine leichte Geste in meine Richtung. „Erlauben Sie mir, Sie einander vorzustellen. Das ist Dora Sterling... meine jüngere Schwester und die Vizep
Der Montagmorgen in der Zentrale der Sterling-Gruppe begann mit dem monotonen, aber beruhigenden Summen der Klimaanlage und dem gleichmäßigen Ticktack der digitalen Uhr auf meinem Schreibtisch. Die Sonne schob sich mühsam durch die dichten Wolken und warf ein kaltes, mattes Licht auf die unzähligen Papierstapel, die sich vor mir auftürmten.Seit jener schrecklichen Morgenstunde im Anwesen, seit dem Moment, in dem ich mich von Dorian abgewandt und die Flucht ergriffen hatte, gab es für mich nur noch einen einzigen Zufluchtsort: die Arbeit. Das Büro im obersten Stockwerk war zu meiner Festung geworden. Ich hatte mich in den letzten Tagen hinter Akten, Verträgen und Projektanalysen vergraben, um nicht an die blutende Lippe zu denken, nicht an den wilden, verzweifelten Kuss im Foyer und vor allem nicht an die klaffende Leere, die sich in meiner Brust ausgebreitet hatte. Jede Sekunde, in der mein Verstand zur Ruhe kam, driftete zu ihm ab. Und genau das durfte ich nicht zulassen.Ich beugte
Die Stille im großen Foyer war nach ihrem fluchtartigen Verschwinden fast greifbarer und schneidender als zuvor.Ich stand wie angewurzelt auf dem polierten Marmorboden. Der stechende, pulsierende Schmerz an meiner geplatzten Unterlippe und das brennende, rote Mal auf meiner linken Wange brannten wie Feuer, doch sie waren reine Nebensache im Vergleich zu dem unerträglichen, klaffenden Loch in meiner Brust.Mein Blick heftete sich starr und bewegungslos auf die geschwungene Haupttreppe – auf jene Stufen, hinter denen sie eben noch im Dunkeln verschwunden war. Das Echo ihrer schnellen, hallenden Schritte und das wütende Zuschlagen des schweren Holzes ihrer Zimmertür hallten in meinem Verstand nach wie ein dröhnender Hammerschlag. Ich hatte es getan. Ich hatte in einem einzigen Moment des Kontrollverlusts die allerletzte, unsichtbare Grenze überschritten, die uns vor dem Abgrund geschützt hatte. Ich hatte sie geküsst – roh, verzweifelt und voller unkontrollierter, jahrelang angestauter G







