登入Dorian klopfte zweimal kurz an meine Zimmertür, bevor er ohne eine Antwort abzuwarten eintrat. Er hielt ein schlankes Tablet in der Hand, seine Gesichtszüge wie aus Marmor gemeißelt.
„Sieh dir das an“, sagte er kühl und reichte mir das Display.
Ich nahm das Tablet und überflog den Text auf dem Bildschirm. Es war eine Erpressernachricht von Lukas. Er behauptete, eindeutige Beweise dafür zu haben, dass ich mich an einen hochrangigen Vorstandsbeamten der Sterling-Gruppe herangeworfen hätte. Wenn ich nicht unverzüglich auf seine Forderungen einging, würde er das Foto des Rolls-Royce und gefälschte Geschichten an sämtliche Klatschportale schicken.
„Ist dieser Kerl eigentlich völlig den Verstand verloren?!“, schrie ich, während mir die Zornesröte ins Gesicht stieg. Meine Hände zitterten so stark vor Wut, dass das Tablet beinahe aus meinen Fingern glitt. „Er beschuldigt mich allen Ernstes, mich hochzuschlafen, und droht mir mit einer öffentlichen Schmierkampagne?!“
Dorian blieb völlig ungerührt. „Lukas’ Unternehmen steht kurz vor dem Ruin. Seine Bankkonten sind eingefroren, und die Investoren ziehen sich zurück. Eva hat zwar eine Schwarze Karte erhalten, aber da sie nicht freigeschaltet ist, bekommen sie keinerlei finanzielle Unterstützung von der Sterling-Gruppe. Sie geraten in Panik und versuchen verzweifelt, uns unter Druck zu setzen, damit die Karte aktiviert wird.“
Ein schrill-bitteres Lachen entfuhr meiner Kehle. „Sie passen wirklich perfekt zueinander. Zwei gierige, verblendete Narren, die auf demselben Niveau denken.“
Plötzlich schrillte ein lauter Benachrichtigungston von meinem Smartphone auf dem Nachtisch.
Ich griff nach dem Telefon. Eine Eilmeldung ploppte auf: Eva war auf Social Media live gegangen.
Auf dem Bildschirm erschien ihr verweintes, inszeniertes Gesicht. Sie hielt die gefälschten Bilder hoch, die Lukas vor der Boutique gemacht hatte, zusammen mit verzerrten Schnappschüssen aus unserer Vergangenheit. Unter erstickten Tränen jammerte sie in die Kamera, dass ich ihr den Verlobten gestohlen, versucht hätte, ihr ungeborenes Baby umzubringen, und nun meinen reichen „Sugar Daddy“ benutzte, um die kleine Firma ihres armen Verlobten zu ruinieren. Die Kommentarspalte explodierte sekündlich vor Hassnachrichten gegen mich.
„Was hast du jetzt vor?“, fragte Dorian und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nichts“, antwortete ich eiskalt, sperrte das Display und legte das Telefon beiseite. „Ich werde jetzt in ein edles Restaurant in der Innenstadt gehen und mir ein exquisites Abendessen gönnen. Ich habe Hunger.“
Dorian zog eine Braue hoch. „Hast du vergessen, dass dein Gesicht gerade im gesamten Internet als Mann-Scharfe und Mörderin gebrandmarkt wird?“
„Lass sie reden, Dorian“, lächelte ich düster und strich mein Kleid glatt. „Ich habe alles unter Kontrolle.“
Einige Zeit später saß ich in einem ruhigen VIP-Bereich des Luxusrestaurants. Ich hatte kaum den ersten Bissen genommen, als die Tür brutal aufgestoßen wurde.
Lukas marschierte herein, dicht gefolgt von zwei Männern, die laufende Smartphone-Kameras direkt auf mein Gesicht richteten.
„Da sitzt die feine Dame ja!“, brüllte Lukas lautstark, sodass es im gesamten Restaurant hallte. Er knallte einen Stapel ausgedruckter Papiere und verschwommener Videostills auf meinen Tisch. „Gib mir sofort die Eigentumsurkunden für den Modeladen, den du damals vor unserer Hochzeit gekauft hast!“
Ich starrte ihn verächtlich an. „Wie bitte?“
„Tu nicht so ahnungslos!“, zischte Lukas und beugte sich bedrohlich über den Tisch. „Eva hat mir erzählt, dass du dieses Geschäft besitzt! Du schuldest mir das, Dora! Du hast meine Firma ruiniert, also überschreibst du mir jetzt diesen Laden, um deinen Schaden wiedergutzumachen! Wenn du weigerst, sorge ich dafür, dass du nie wieder einen Fuß in diese Stadt setzen kannst!“
„Ich werde dir gar nichts geben“, sagte ich mit eiskalter, ruhiger Stimme. „Verwisch dich aus meinen Augen.“
„Du elende, verlogene Schlampe!“, brüllte Lukas vollkommen außer Kontrolle, wandte sich an die Kameras und zeigte mit dem Finger auf mich. „Seht sie euch an! Das ist die Frau, die ihr eigenes Kind abtreiben wollte und jetzt ehrliche Geschäftsleute erpresst!“
Die Blitze der Kameras zuckten unaufhörlich in meine Augen. Die Verleumdungen, das eiskalte Scheinwerferlicht und der gestaute Hass der letzten Tage schlagen wie eine Welle über meinem Kopf zusammen.
Mein Herz begann unkontrolliert zu rasen. Ein stechender, vertrauter Schmerz schoss mir plötzlich in den Kopf—meine alte Kindheitsverletzung aus dem Autounfall loderte mit voller Wucht auf.
Meine Sicht begann verschwommen zu flimmern. Die Geräusche um mich herum wurden dumpf, als sitze ich unter Wasser. Ich presste die Hände an meine Schläfen, während kalter Schweiß auf meine Stirn trat. Die Stimmen von Lukas und den Reportern klangen wie ein entferntes, schreckliches Dröhnen. Ich fühlte mich hilflos, gefangen in einem Albtraum, während hefstige Tränen unwillkürlich über meine Wangen liefen.
Plötzlich legte sich ein schwerer, warmer Stoff über meine zitternden Schultern. Der vertraute, beruhigende Duft von teurem Zedernholz und Leder umhüllte mich.
Eine sanfte, aber stahlharte Hand strich mir vorsichtig die Tränen von den Wangen.
„Ich bin hier, Dora. Atme. Du bist nicht allein.“
Der vertraute Klang und seine Präsenz schnitten durch den Nebel in meinem Verstand. Dorian hielt mich eisern fest, schirmte mich vor den Blicken des Restaurants ab und hob mich sanft auf die Beine.
Er stützte mich, führte mich durch den Hinterausgang und setzte mich behutsam auf den Rücksitz seines Wagens.
Als er die Tür schloss und auf den Fahrersitz stieg, warf er einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
„Ich bringe dich jetzt nach Hause ins Anwesen“, sagte er ruhig und startete den Motor.
„Nein!“, stieß ich verzweifelt hervor und richtete mich auf. „Ich will nicht in dieses verdammte Anwesen! Bring mich in eine Bar, Dorian!“
Dorian sah mich durch den Spiegel streng an und schüttelte den Kopf.
„Absolut nicht“, lehnte er ab. „Du bist vollkommen instabil und stehst unter Schock. Du gehörst ins Bett.“
Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. Die Wut und der Schmerz, die ich fünf Jahre lang stumm ertragen hatte, brachen unkontrolliert aus mir heraus.
„Ich bin nicht instabil!“, schrie ich ihn mit tränenerstickter Stimme von hinten an. „Hör auf, mir Befehle zu erteilen! Habe ich als Mensch denn nicht einmal das verdammte Recht, meine Sorgen in Alkohol zu ertränken?! Weißt du überhaupt, was ich all die Jahre runterschlucken musste, während ich für diesen Verräter alles geopfert habe?!“
Dorian schwieg. Er sah meine Tränen im Spiegel, spürte das schwere Beben in meiner Stimme und lenkte den Wagen schließlich ohne ein weiteres Wort in Richtung der VIP-Meile.
Eine Stunde später saßen wir im dunkelsten Winkel einer exklusiven VIP-Bar. Der schwere, süßliche Alkohol brannte in meiner Kehle, während die Hemmungen in meinem Verstand vollkommen schmolzen.
Ich hatte mehrere Gläser getrunken. Mein Kopf war schwer, mein Herz brannte, und ein gefährlicher Mut überkam mich.
Ehe Dorian reagieren konnte, krabbelte ich auf der Ledercouch direkt auf seinen Schoß. Ich setzte mich rittlings auf seine Oberscheinel und schlang meine Arme fest um seinen Nacken.
Dorian erstarrte augenblicklich, seine Muskeln spannten sich wie Stahlseile an.
„Dora, geh von mir runter“, befahl er mit dunkler, rauer Stimme und griff nach meinen Hüften, um mich abzusetzen.
Ich ignorierte seine Warnung komplett. Stattdessen schmiegte ich meinen Körper noch enger an seine breite Brust, strich sanft über seine Schultern und fuhr mit meinen Fingerspitzen langsam über seine markante Kieferlinie hinab zu seinen Lippen.
„Warum?“, wimmerte ich leise und sah ihn aus verweinten, berauschten Augen an. „Bin ich etwa nicht süß genug für dich? Bin ich dir nicht attraktiv genug, dass du mich ständig wegschiebst?“
Dorians Atem ging schlagartig schwer. Seine Finger krampften sich unkontrolliert in den Stoff meiner Hose an meinem Gesäß.
„Ich warne dich, Dora...“, knurrte er heiser, während seine Augen dunkel vor verbotener Verlangen aufflammten. „Ich tue hier gerade alles, was in meiner Macht steht, um mich zu beherrschen.“
Ich neigte meinen Kopf, fuhr mit meiner Zunge sanft über meine Unterlippe und hauchte meinen warmen Atem direkt gegen seinen Mund.
„Und wer...“, flüsterte ich und drückte mich noch intimer an ihn, „...hat dich eigentlich darum gebeten, dich zu beherrschen?“
Der private Salon im exklusiven, diskreten Club am Rande der Stadt war in ein gedimmtes, warmes Licht getaucht. Schwere, schalldichte Vorhänge schirmten den Raum komplett von der lauten Außenwelt ab, und in der Luft lag der feine Geruch von teurem Tabak und gereiftem Cognac.Ich saß an dem polierten Mahagonitisch, mir gegenüber Baron von Berg, einer unserer einflussreichsten Privatinvestoren und langjährigen Verbündeten der Sterling-Gruppe. Wir sprachen leise, aber mit der unerbittlichen Schärfe von Geschäftsleuten, die wussten, dass ein falsches Wort das gesamte Imperium kosten konnte. Es ging um die Umstrukturierung der Assets, um die Absicherung unserer Liquidität gegen die anhaltenden Angriffe der Black Holdings und vor allem darum, das Vertrauen des Marktes nach den jüngeren Unruhen zu stabilisieren.„Die Aktionäre sind unruhig, Dorian“, sagte der Baron und nahm einen langsamen Schluck aus seinem Kristallglas. Seine grauen Augen musterten mich scharf über den Rand hinweg. „Das Da
Der Morgen schlich sich nur zögernd in mein Zimmer. Das helle, scharfe Tageslicht, das durch die Ritzen der schweren Vorhänge drang, fühlte sich an wie kleine Nadelstiche, die sich gnadenlos in meine geschwollenen, müden Augen bohrten. Jede einzelne Faser meines Körpers schmerzte, als hätte mich ein Lastwagen überrollt. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren, und ein unangenehmer, pelziger Geschmack von billigem Rotwein und bitterem Alkohol lag auf meiner Zunge.Ich stöhnte leise auf, drehte mich auf die Seite und schlug die Augen mühsam auf.Die Decke meines Schlafzimmers schien zu kreisen. Ich brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, wo ich war. Das hier war nicht das Büro. Das hier war nicht die kalte Hölle der Zentrale. Ich befand mich in meinem eigenen Bett in der Sterling-Residenz.Erinnerungsfragmente der vergangenen Nacht schossen plötzlich mit ungeheurer Wucht durch meinen vernebelten Verstand: das trübe Licht der Skyline, das Weintrinken in der E
Der dunkle Rotwein brannte auf meiner Zunge, als ich noch einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche nahm. Die Welt um mich herum schwankte leicht, das grelle Lichtermeer der Stadt hinter dem Fenster verschwamm zu bunten, schimmernden Streifen. „Du verfluchter Heuchler...“, flüsterte ich mit lallender, gebrochener Stimme in das stumme, abgedunkelte Büro hinein. Ich lachte leise auf – ein raues, bitteres Lachen, das sofort in einem erneuten Schluchzen erstarb. „Du eiskalter, verdammter Bastard... Schwester... Du hast mich vor allen verleugnet... Ich hasse dich, Dorian. Ich hasse dich so sehr...“ Plötzlich ertönte das harte Klacken des Schlosses. Die schwere Bürotür schwang auf, und das helle Licht des Korridors schnitt wie ein gleißendes Messer durch die Dunkelheit des Raumes. Dorian stand im Rahmen. Seine Haare waren leicht zerzaust, das Revers seines Anzugs saß schief, und in seinen dunklen Augen lag eine wilde, panische Unruhe. Seine Brust hob und senkte sich stoßweise. „Dora!
„Schwester...“Das Wort entwich meinen Lippen wie ein Hauch eiskalten Rauchs. Ich wiederholte es leise, beinahe ungläubig, während mein Blick fest an Dorians Gesicht verankert blieb. Schwester. Es hallte in meinen Ohren nach, schrecklich laut, dröhnend, und schnitt mit der Präzision eines Skalpells durch jede einzelne Schicht meines Herzens.Dorian wich meinem Blick für den Bruchteil einer Sekunde aus. Ich sah das feine Zucken an seiner Kiefermuskulatur, sah die Schatten unter seinen Augen und den qualvollen Riss in seiner eisernen Rüstung. Doch anstatt auch nur einen Schritt auf mich zuzugehen, wandte er sich mit einer erzwungenen, aalglatten Höflichkeit wieder der Frau an seinem Arm zu.„Verzeihen Sie die Störung, Victoria“, sagte Dorian mit einer Stimme, die so glatt und makellos klang, dass sie mich vor Abscheu schaudern ließ. Er machte eine leichte Geste in meine Richtung. „Erlauben Sie mir, Sie einander vorzustellen. Das ist Dora Sterling... meine jüngere Schwester und die Vizep
Der Montagmorgen in der Zentrale der Sterling-Gruppe begann mit dem monotonen, aber beruhigenden Summen der Klimaanlage und dem gleichmäßigen Ticktack der digitalen Uhr auf meinem Schreibtisch. Die Sonne schob sich mühsam durch die dichten Wolken und warf ein kaltes, mattes Licht auf die unzähligen Papierstapel, die sich vor mir auftürmten.Seit jener schrecklichen Morgenstunde im Anwesen, seit dem Moment, in dem ich mich von Dorian abgewandt und die Flucht ergriffen hatte, gab es für mich nur noch einen einzigen Zufluchtsort: die Arbeit. Das Büro im obersten Stockwerk war zu meiner Festung geworden. Ich hatte mich in den letzten Tagen hinter Akten, Verträgen und Projektanalysen vergraben, um nicht an die blutende Lippe zu denken, nicht an den wilden, verzweifelten Kuss im Foyer und vor allem nicht an die klaffende Leere, die sich in meiner Brust ausgebreitet hatte. Jede Sekunde, in der mein Verstand zur Ruhe kam, driftete zu ihm ab. Und genau das durfte ich nicht zulassen.Ich beugte
Die Stille im großen Foyer war nach ihrem fluchtartigen Verschwinden fast greifbarer und schneidender als zuvor.Ich stand wie angewurzelt auf dem polierten Marmorboden. Der stechende, pulsierende Schmerz an meiner geplatzten Unterlippe und das brennende, rote Mal auf meiner linken Wange brannten wie Feuer, doch sie waren reine Nebensache im Vergleich zu dem unerträglichen, klaffenden Loch in meiner Brust.Mein Blick heftete sich starr und bewegungslos auf die geschwungene Haupttreppe – auf jene Stufen, hinter denen sie eben noch im Dunkeln verschwunden war. Das Echo ihrer schnellen, hallenden Schritte und das wütende Zuschlagen des schweren Holzes ihrer Zimmertür hallten in meinem Verstand nach wie ein dröhnender Hammerschlag. Ich hatte es getan. Ich hatte in einem einzigen Moment des Kontrollverlusts die allerletzte, unsichtbare Grenze überschritten, die uns vor dem Abgrund geschützt hatte. Ich hatte sie geküsst – roh, verzweifelt und voller unkontrollierter, jahrelang angestauter G







