LOGINJUNE
Fionas weitere Worte verblassten, während ich auf den riesigen Kronleuchter starrte, der über meinem Bett hing. Der einzige Kronleuchter in meiner gesamten Siedlung gehörte Alpha Roger – und selbst seiner funkelte nicht so wie dieser. Göttin … waren wir wirklich so arm? Offenbar hatte Fiona eine Frage gestellt; als ich nicht antwortete, stieß sie einen tiefen Seufzer aus, der so viel sagen wollte wie: „Stell meine Geduld nicht auf die Probe.“ „Das Abendessen gibt es um acht“, hörte ich, bevor ihre Absätze lautstark aus meinem Zimmer klackerten. Meine Hände blieben hinter meinem Kopf verschränkt, während ich weiter auf den Kronleuchter starrte und mir alle möglichen Dinge ausmalte. Was, wenn er im Schlaf auf mich herabfiel? Oh, Moment, das wäre eigentlich großartig … es sei denn, es würde mich umbringen. Ach je – ein leichtes Stirnrunzeln legte sich auf mein Gesicht. Ich brauchte hier drin ein bisschen Spaß. Ich spähte in die Ecken meines Zimmers, und ein Welle der Aufregung durchströmte mich; ich schwang die Beine aus dem Bett und eilte zu dem Schminkspiegel, den ich zwischen dem begehbaren Kleiderschrank und dem Badezimmer entdeckt hatte. Ich starrte auf mein Spiegelbild, und mein Magen zog sich zusammen. Noch nie hatte ich mich so unzulänglich gefühlt wie heute. Ich hätte gerne behauptet, dass wir in meiner Siedlung nicht viele Spiegel hatten, aber ich war es wohl einfach leid, mich jede verdammte Minute selbst schlechtzureden. Doch es entsprach der Wahrheit. Spiegel waren Luxus – selbst Alpha Roger besaß keinen. Nun ja, eigentlich hatte er einen gehabt, aber jemand hatte ihn aus Unachtsamkeit zerstört, und er hatte es nicht für nötig gehalten, ihn zu ersetzen. Die Erinnerung zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht, und ich hielt mir die Hand vor den Mund, um mein Lachen zu unterdrücken. Ich wünschte, ich hätte noch etwas mehr Zeit gehabt, Alpha Roger zu ärgern, doch das war mir nicht vergönnt; das Schicksal hatte andere Pläne mit mir. Meine Hände fuhren durch mein lockiges Haar, während ich versuchte, mein Gesicht zu betrachten. Früher hatte ich mich für schön gehalten. Doch nachdem ich vorhin die Frauen hier gesehen hatte … war ich mir da nicht mehr so sicher. „Ahhh“, entwich es meinen Lippen, während ich mir gleichzeitig auf beide Wangen klatschte. „Konzentrier dich, June“, sagte ich zu mir selbst. „Du bist nicht hier, um dich mit irgendjemandem zu vergleichen. Wenn möglich, fall bei der ersten …“ Ich brach mitten im Satz ab, als mir Fionas Worte einfielen: „Du hast die erste Runde in deiner Siedlung ja schon überstanden.“ „Na gut“, ich fasste mir ein Herz und atmete tief durch. „Du musst alles daransetzen, in der nächsten Runde zu versagen.“ Ich erhob mich vom Schminktisch und ging auf den Kleiderschrank zu. Mir klappte die Kinnlade herunter, sobald ich die Türen aufzog. Niemals … nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir vorgestellt, solche Kleidung zu tragen. Die Stoffe waren so seidig glatt, dass meine Hände kaum Halt fanden. Die Auswahl reichte von Nachtwäsche über Unterwäsche bis hin zu zahlreichen klassischen Stücken. Es wäre meine eigene Barbie-Welt gewesen – wäre der Raum nicht lila gestrichen. Trotzdem liebte ich es. Ich kicherte und vollführte einen kleinen Freudentanz. In diesem Moment fiel mir das Ticken der Uhr im Zimmer auf – es war bereits nach sieben. „Oh nein“, murmelte ich und eilte zu der Tür auf der rechten Seite. Wieder klappte mir die Kinnlade herunter, und meine Augen weiteten sich vor Staunen. Ich unterdrückte den Drang, diesen Raum mit dem winzigen Waschraum im Haus des Rudels zu vergleichen. Mein Wolf regte sich unruhig unter meiner Haut, neugierig und wachsam, während ich den atemberaubenden Raum vor mir in mich aufnahm. Es gab eine Badewanne, eine strahlend weiße Toilette mit einer ganzen Reihe von Knöpfen daneben und … als Krönung des Ganzen noch einen Spiegel. Ich brauchte eine ganze Weile, um mich im Badezimmer zurechtzufinden – ich hätte beinahe Fiona gerufen –, doch schließlich begriff ich, wie alles funktionierte. Die Seife duftete nach Blumen und Milch; ich rieb sie auf meiner Haut und beobachtete, wie sich das abfließende Wasser leicht bräunlich färbte. Ich wusch mich gründlich und nahm dann schnell meine Kleidung aus dem Badezimmer mit. Ich prüfte die Tasche meines Oberteils – das Foto meiner Eltern war noch unversehrt. Ich zog die Schublade meines Schminktisches auf und legte das Bild behutsam hinein. „Ich werde euch stolz machen, Mama … Papa“, flüsterte ich, drückte einen sanften Kuss auf ihr Foto und schob dann behutsam die Schublade zu. Ich verteilte fast den gesamten Inhalt der cremigen Flaschen auf meiner Haut, auch wenn ich es vielleicht falsch machte. Schließlich entschied ich mich für ein weißes Kleid mit Blumenmuster, das knapp über dem Knie endete. Man kann es mir nicht verübeln – ich hatte schöne Beine und wollte sie auch zeigen. Ich drehte mich vor dem Spiegel hin und her, während ich mein Spiegelbild betrachtete und meine Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz band. Im Zimmer lag ein Schminkset bereit, doch ich benutzte es nicht. Als ich mit meinem Aussehen zufrieden war, wollte ich gerade zum Bett zurückkehren, als ein lautes Glockensignal durch den Raum hallte. Instinktiv sah ich auf die Uhr; es war 20 Uhr. Ich entschied mich für flache Ballerinas, nahm meine Zimmerkarte mit und verließ das Zimmer. Mein Zimmer lag ganz am Ende des Ganges auf der linken Seite; Fiona und ich hatten auf dem Weg hierher drei solcher Abschnitte durchquert. Wie sich herausstellte, gab es in diesem Bereich nur fünf Zimmer. „Das kann doch nicht so schwer sein“, lächelte ich in mich hinein, während ich weiter abbog, bis ich schließlich vor der Tür stand, hinter der ich den Speisesaal vermutete. Ich wischte meine verschwitzten Handflächen an meinem Kleid ab und flehte meinen Atem innerlich an, sich zu beruhigen, bevor ich eine Panikattacke bekam. Doch das Stimmengewirr und das Lachen hinter der Tür trugen kaum dazu bei, meine Nerven zu beruhigen. Ich drehte mich um, in der Hoffnung, Fiona zu sehen, doch sie war nirgends zu entdecken. Vielleicht sollte ich das Abendessen einfach ausfallen lassen, sagte ich mir. Ich hatte ohnehin keinen großen Hunger. Doch genau in diesem Moment verriet mich mein Magen mit einem lauten Knurren. Gerade dann hörte ich Schritte hinter mir, und Hoffnung keimte in mir auf. Doch als mir ihr Duft in die Nase stieg – teures Parfüm, das die unverkennbare Aura von Wölfen hohen Ranges überlagerte –, sank mir das Herz in die Hose. Oh nein. Ich wollte heute Abend eigentlich keinen Ärger. Ich drehte mich sofort um, doch ich war zu spät. „Schaut mal, wen wir da haben“, sagte Mariel – eines der Mädchen, die zuvor behauptet hatten, ich sei eine Dienerin – und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie stand neben Adeline, der schönsten und vielleicht einflussreichsten der drei. Adeline lächelte, als sie näher kam; ihr blaues Kleid war atemberaubend und doch schlicht. Ihr Blick wanderte von meinem Kopf bis zu meinen Füßen hinab. Dann durchschnitt ihre Stimme die Luft – wohlklingend und klar. „Ich wusste gar nicht, dass sich die Dienstbotenkleidung hier geändert hat.“ Mist! Ich biss mir auf die Unterlippe. Das würde Ärger geben.JUNE„Wo ist diese kleine Schlampe, die du Freundin nennst?“, fuhr Ashley fort, während sie auf mich zukam.Hitze stieg in meiner Brust auf, als ich langsam den Abstand zwischen uns verringerte – die Fäuste geballt, während der Schmerz meiner blutenden Handfläche wie ein Riss durch meinen Schädel fuhr. „Erstens: Achte auf deine Wortwahl mir gegenüber … Sonst sorge ich womöglich dafür, dass du die Fähigkeit zu sprechen verlierst.“Jezebel und Rex wurden bleich und wichen zurück, doch Ashley blieb standhaft, die Arme vor der Brust verschränkt.„Zweitens“, fuhr ich fort, während ich sie umkreiste, „ist Lily nicht meine Freundin.“„Wo ist sie dann?“, herrschte sie mich an. „Wir müssen nur wissen, welchen dummen Hinweis sie für diese Runde bekommen hat, das ist alles … Wir würden ihr nichts tun, ich verspreche es – es sei denn, sie reizt uns ebenfalls.“Ich lächelte und trat einen Schritt vor. Dieses Gör wusste einfach nicht, wann Schluss war. „Sie muss es schon geschafft haben. Und ich ra
JUNIIch hatte diesen Wolf schon einmal gesehen. Da war ich mir sicher. Silbernes Fell. Tödliche Anmut. Augen, die zu intelligent waren, um sie zu vergessen. Der Gedanke ließ mich nicht los, während ich in das Labyrinth hineinging. Oder war es sein Geruch?Er war der schönste Wolf, den ich je gesehen hatte – ein Tier, das man für eine Wölfin gehalten hätte, wären da nicht seine Kraft und sein Körperbau gewesen.Die Teilnehmer rannten noch immer umher und durchkämmten das Labyrinth. Ich fand einen Platz im Inneren und legte mich auf den Boden. Hier schien es weitaus sicherer zu sein als im Wald. Pfeil und Bogen, die ich hatte mitnehmen müssen, lagen griffbereit neben mir, während ich versuchte einzuschlafen.Doch der Lärm der Teilnehmer machte dieses Vorhaben unmöglich.„Scheiße!“, fuhr es aus jemandem im benachbarten Abschnitt des Labyrinths heraus. „Wir sind jetzt schon fast eine Stunde hier drin, und anscheinend findet niemand irgendetwas“, fügte die Stimme hinzu.„Und was hat es mi
KILLIANBlaise hatte den Palast auf den Kopf gestellt, wütend darüber, dass ich den königlichen Ring verloren hatte. Zofen und Wachen durchsuchten die Räume, warfen Tische und Kissen um, als hätte sich der Ring in Luft aufgelöst. Ich lehnte am Treppengeländer und beobachtete das Treiben mit einem Hauch von belustigtem Mitleid. Sie suchten nach etwas, das gar nicht verloren gegangen war.Schließlich gab Blaise auf und beschloss, einen Ersatz anfertigen zu lassen.***Jake hockte neben mir und schnürte meine Stiefel mit zitternden Fingern. „Der Beta würde mich sicher umbringen, wenn er herausfände, dass ich dir geholfen habe“, murmelte er mit vor Sorge belegter Stimme.Ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen. Jake war immer so ängstlich.„Blaise muss es ja nicht erfahren“, sagte ich ruhig und ließ meine Zuversicht auf ihn wirken. Widerwillig reichte er mir die Stiefel zurück; seine Hände bebten leicht.„Ich kann für dich spionieren, Eure Hoheit“, bot er zögernd an. „Du musst wirklic
JUNEAls Sage sich umdrehte und fortging, schien der Innenhof wieder Luft zu holen. Erst da begriff ich, dass ich den Atem angehalten hatte.Niemand sagte ein Wort.Selbst das übliche Rascheln von Stoff war verstummt, als könnte jede Bewegung ihn zurückrufen.Die Gefahr hing noch lange in der Luft, nachdem er hinter dem Torbogen verschwunden war. Und eine unglückliche Teilnehmerin hatte sie bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen.„Miss Jasmine …“ Adelines Hand verharrte in der Luft – wie die einer höflichen Schülerin, die eine Frage stellt, wenn der Lehrer den Unterricht beendet hat.Ich schnaubte verächtlich und wandte den Blick ab, auch wenn meine Ohren gespannt auf ihr nächstes Wort warteten.„Ja?“, erwiderte Jasmine.„Wenn eine von uns zwar einen Schlüssel hat, es aber nicht rechtzeitig zurückschafft – gilt das dann trotzdem als Sieg?“„Vergisst du zu essen, wenn du Hunger hast?“, entgegnete Jasmine sarkastisch.Adeline senkte den Kopf; Mariel und Anna taten es ihr gleich. „Ne
JUNEVor meiner Tür lag ein scharlachroter Brief. Vorsichtig umkreiste ich ihn und ließ meine Hand darüber gleiten. Ich blickte noch einmal den Flur entlang, doch dort war niemand.Wer mochte ihn wohl dort hingelegt haben? Diese Frage geisterte mir durch den Kopf, als ich in mein Zimmer zurückkehrte; der Gedanke an Colt verblasste, während ich mein Tagebuch behutsam zurück in seine Schatulle legte.Ich ließ den scharlachroten Brief aufs Bett fallen und überlegte noch immer, ob es sicher war, ihn zu öffnen. Ich schlüpfte in meine Nachtwäsche – ein hübsches, aufeinander abgestimmtes Set – und bürstete mein feuerrotes Haar, wobei mein Blick immer wieder zu dem Brief schweifte, der unbewegt dort lag.Hatten meine neuen Feindinnen ihn geschickt?War es Colt gewesen? Ich schlug mir im Geiste an die Stirn. Warum sollte Colt mir einen Brief schicken?Ich stieß einen tiefen Seufzer aus und schlurfte vom Spiegel hinüber zu meinem Bett. „Was soll schon Schlimmes passieren?“, murmelte ich und ris
JUNIEine Woche war seit Adelines Geburtstag vergangen. Überraschenderweise ließ sie mich in Ruhe; in diesen Tagen schwärmten alle nur davon, wie großartig ihre Geburtstagsfeier gewesen war.Ich aß schweigend mein Frühstück und nahm jedes Klirren von Besteck wahr, jedes Flüstern, das sofort verstummte, sobald ich aufblickte.Es war nie vorgesehen, dass ich so lange in Warding bleiben würde. Höchstens ein paar Tage – mein Plan war einfach gewesen: Bei der Auswahl durchfallen, nach Hause zurückkehren und alles vergessen.Doch eine Woche später … war ich immer noch hier.Und irgendetwas sagte mir, dass ein Weggang nicht so einfach sein würde, wie ich einst geglaubt hatte.„Beruhigt euch, meine Damen.“Jasmines Duft drang in meine Nase, und Ava drängte mich instinktiv dazu, aufzublicken. Sie schritt mit müheloser Präzision zwischen unseren Tischen hindurch; ihre Absätze trafen leise auf den Marmorboden.„Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, drang ihre sanfte Stimme zu uns herüber.Ein le







