FAZER LOGINLéa
Er sitzt dort, in dem Sessel, den er hasst. Aufrecht, die Hände auf den Armlehnen verschränkt, sein Blick fest in meinen. Immer zu intensiv. Immer zu echt.
— Du wirkst abwesend, sagt er ruhig.
Ich zucke mit den Schultern, versuche zu lächeln. Aber er ist es, der mich verunsichert. Seine Art, still zu bleiben, während alles in ihm vibriert. Seine scheinbare Ruhe ist ein Trugschluss. Ich kenne ihn. Innen brodelt er. Ich auch.
Ich trete näher, zögerlich. Er kann nicht auf mich zukommen. Ich muss den Schritt machen. Und vielleicht ist es das, was mich erschreckt.
— Ich habe nachgedacht.
— Über was?
Ich lehne mich ein wenig vor, tue so, als würde ich etwas auf dem Couchtisch suchen. Mein Arm streift seinen. Wärme. Elektrizität. Das allein. Ein einfaches Berühren. Und doch habe ich das Gefühl, dass es zu viel ist. Oder nicht genug.
— Über dich, murmle ich ohne nachzudenken.
Die Stille setzt ein. Er rührt sich nicht. Aber seine Finger verkrampfen sich ein wenig auf der Armlehne. Winziges Detail. Riesige Schockwelle.
Nathan
Über mich. Sie dachte an mich. Diese Worte zerreißen mich.
Ich beiße die Zähne zusammen. Ich will sie berühren, doch meine Beine bleiben tot. Es ist eine konstante Realität. Ein dumpfer Schmerz, den ich seit langem verschweige. Nicht wegen des physischen Schmerzes, der ist zu einer alten, stillen Begleiterin geworden, sondern wegen dem, was er mir jeden Tag stiehlt.
Aber Léa ist hier. Nah. Zu nah. Und nicht nah genug.
— Du solltest dich setzen, sage ich, mit trockener Kehle. Du wirkst, als würdest du zittern.
Sie gehorcht, langsam, ohne mir aus den Augen zu lassen. Sie setzt sich neben mich auf das Sofa. Nicht gegenüber. Neben mir. Diese Nuance bringt mich durcheinander.
— Ich zittere, ja. Ich bin nicht gut in… intensiven Momenten.
Sie meidet meinen Blick. Und ich habe nichts anderes. Meinen Blick. Mein Schweigen. Mein zurückgehaltener Wunsch.
Ich strecke die Hand aus. Sie liegt auf ihrem Oberschenkel, Handfläche nach oben. Angeboten. Ich berühre nicht. Ich biete an.
Léa
Ich senke die Augen auf seine Hand. Sie berührt nicht. Sie wartet. Das ist schlimmer.
Ich lege langsam meine Hand darauf. Unsere Finger verschlängen sich ohne ein Wort. Und plötzlich verlangsamt sich die Welt. Nichts existiert außer diesem Kontakt. Einfach. Riesig.
Ich wende mich zu ihm. Er ist schön. Selbst wenn er leidet. Besonders wenn er leidet. Er versucht nicht, mich zu verführen. Er ist einfach da. Echt. Zerbrochen. Und doch ganz.
— Nathan… Du machst mir Angst.
Er runzelt die Stirn, überrascht. Ich mache weiter, ungeschickt.
— Nicht weil du anders bist. Weil ich spüre, dass wenn ich falle… es echt sein wird.
Nathan
Sie sagt mir, dass sie wankt. Und ich möchte schreien. Weil ich nicht aufstehen und sie ergreifen, sie an mich drücken kann. Also drücke ich ihre Hand fester.
— Ich brauche nicht, dass du fällst. Nur, dass du bleibst, Léa.
Sie blinzelt, als würde es stechen. Als wäre es das erste Mal, dass jemand ohne Maske mit ihr spricht.
Ich hebe die linke Hand. Die, die ein wenig zittert. Ich berühre sanft ihre Wange. Meine Hand ist ungeschickt, aber sie weicht nicht zurück. Sie schließt die Augen. Atmet ein. Und dieser Atem ist mein neuer Herzschlag.
Léa
Seine Hand zittert. Ich nicht.
Und doch ist er es, der mich verankert. Ich lege meine Lippen auf seine Handfläche. Nur ein Kuss. Nichts weiter. Noch nicht.
Aber genau da kippt alles.
Léa
Ich spüre seine Haut noch warm auf meinen Lippen. Seine Hand liegt immer noch an meiner Wange. Er bewegt sich nicht. Ich auch nicht. Ich habe Angst, dass die kleinste Geste das bricht, was wir gerade aufgebaut haben. Dieses fast Nichts, dieses fast Alles.
Er sieht mich an. Seine Augen sind von einem erschreckenden Ruhe, aber sein Atem verrät etwas anderes. Eine Dringlichkeit. Einen Sturm.
— Warum hast du mich in dein Leben gelassen, Nathan? Warum mich?
Ich weiß nicht einmal, warum ich die Frage stelle. Vielleicht um mich zu beruhigen. Vielleicht um dem zu entkommen, was ich hier und jetzt fühle. Aber er antwortet ohne Umschweife.
Nathan
— Weil du keine Angst hattest. Nicht für eine Sekunde.
Seine Stimme ist heiser. Ich weiß es, ich höre es. Ich habe meine vergessen. Sie ist irgendwo zwischen seinem Blick und meiner Haut geblieben.
— Doch, murmele ich. Ich hatte Angst. Aber nicht vor dir.
Ich spüre sein Knie gegen meinen Oberschenkel. Er hat es nicht bewegt, nicht absichtlich. Aber dieser einfache Kontakt bringt mich zurück in die Realität. In seinen Körper. In das, was er jeden Tag erlebt. In das, was er mir bietet, trotz allem.
— Ich will dich nicht verletzen, Nathan.
Er lacht leise. Ein Lachen ohne Freude.
Nathan
— Léa, ich bin bereits verletzt.
Aber sie schüttelt den Kopf, wütend. Sie beugt sich zu mir, nah. Zu nah. Und doch nicht nah genug. Ihre Hände zittern an meinen Oberschenkeln, direkt am Rand. Als würde sie sich nicht trauen, weiterzugehen. Als würde sie um Erlaubnis bitten.
Ich nicke.
Und sie legt ihren Kopf auf meine Brust.
Ich bleibe wie erstarrt. Mein Herz schlägt wild. Ich habe das seit… ich weiß nicht mehr, nicht mehr so gefühlt. Sie schließt die Augen. Ihr Körper gegen meinen. Sanft. Langsam. Still. Es ist fast nichts. Aber für mich ist es überwältigend.
Léa
Seine Brust ist warm unter meiner Wange. Ich höre sein Herz. Es schlägt. Stark. Es lebt. Es ist hier.
Ich möchte stundenlang dort bleiben. Ich möchte, dass er mich umarmt, dass er mich festhält, dass er mir sagt, dass er mich will. Aber ich weiß, dass alles komplizierter ist. Dass sein Körper, sein Schmerz, seine Angst… alles vermischt sich in dieser Stille zwischen uns.
Ich richte mich ein wenig auf. Ich küsse ihn. Nur unter dem Kiefer. Dort, wo sein Bart beginnt. Er zittert. Ich spüre es. Er sieht mich an, verwüstet.
Und plötzlich…
— Nathan?
Die Stimme kommt vom Eingang. Ich zucke zusammen. Ziehe mich zurück. Zu schnell.
Eine Frau. Groß. Elegant. Vielleicht fünfunddreißig. Sie trägt einen beigen Anzug, zu teure High Heels. Ihre Haare sind zu einem perfekten, tiefen Pferdeschwanz gebunden.
Sie sieht uns an. Mich, vor allem.
Nathan
— Maëlle…
Ich beiße die Zähne zusammen. Es ist nicht der Zeitpunkt. Nicht jetzt.
Sie tritt näher, mit scharfem Blick. Sie sieht Léa an, als hätte sie etwas Wertvolles beschmutzt.
— Du hast nicht geantwortet. Ich war in der Nähe. Ich hatte Papiere, die du unterschreiben solltest.
Sie legt einen Umschlag auf den Tisch, ohne mich aus den Augen zu lassen. Dann wendet sie sich an Léa.
— Ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Und schon gar nicht dieser Art.
Léa
Ich stehe auf. Mein Herz schlägt hundert Stunden pro Minute. Ich mag ihren Ton nicht. Ich mag nicht, was sie andeutet. Und vor allem mag ich nicht, welchen Einfluss sie anscheinend auf Nathan hat. Er zieht sich zurück. Er wird zur Statue.
— Ich wollte gerade gehen, sage ich kalt.
Aber Nathan packt mein Handgelenk. Schwach. Aber genug.
— Nein. Bleib.
Es ist ein Befehl. Ein erstickter Schrei. Ein Ruf.
Ich bleibe. Trotz ihr. Trotz mir.
Maëlle
— Du änderst dich nicht, Nathan. Immer noch so impulsiv.
Sie lächelt. Falsch. Dann mustert sie mich.
— Wer bist du genau?
— Léa.
Das ist alles, was ich sage. Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung. Ich bin Léa. Und ich war in seinen Armen.
Sie kichert leise, als ob das das bestätigte, was sie dachte. Dann beugt sie sich zu Nathan.
— Ich komme später wieder.
Und sie geht. Ohne die Tür zu schlagen, aber fast.
Nathan
Die Stille kehrt zurück. Léa steht. Ich, immer noch hier. Gefangen in meinem Sessel und meinen Erinnerungen.
Sie sieht mich an. Anders. Nicht mit Mitleid. Nicht mit Wut. Mit… etwas Rohem. Etwas Seltsamen.
— Wer war das? frage ich.
Sie zögert. Dann antwortet sie:
— Diejenige, die dich vor mir verletzt hat?
Ich senke den Blick. Sie hat es verstanden.
Léa
Ich trete näher. Ich knie mich vor ihn. Ich halte sein Gesicht in meinen Händen.
— Sag mir, dass du keine Angst hast.
— Ich habe Angst, dass du gehst.
Dann küsse ich ihn.
Kein Berühren. Kein Versprechen. Ein echter Kuss. Viszeral. Langsam. Tief.
Und in diesem Kuss verstehe ich, dass ich schon dabei bin zu fallen. Wirklich.
NathanIch dachte, sie würde mich heute Morgen in Ruhe lassen. Nach der Dusche. Nach dem Kaffee. Nach diesem Augenblick, in dem sich unsere Hände berührten, ohne ein Wort. Ich hatte geglaubt, sie würde verstehen, dass das schon viel war. Dass es ausreichend war. Dass ich nicht mehr wollte. Nicht heute.Aber nein.Léa steht auf. Lässt mich einen Moment allein im Zimmer, kommt dann mit einem Tablett zurück. Sie setzt sich an die Bettkante mit dieser ruhigen Selbstsicherheit, die mich immer gestört hat, selbst als sie nur meine Assistentin war. Besonders seit sie viel mehr ist als das. Näher. Manchmal zu nah.— Du isst, sagt sie.Keine Frage. Kein „Möchten Sie?“. Nur ein Befehl. Sanft, aber bestimmt.So war sie schon immer. Selbst im Büro stellte sie keine Fragen. Sie wusste. Sie las zwischen den Zeilen. Sie antizipierte. Als ich noch aufrecht stand, noch Herr über alles um mich herum war, war Léa nicht nur ein Schatten hinter mir. Sie war das stille Getriebe, das die Uhr am Laufen hielt
NathanDas Wasser wurde schließlich lauwarm und dann fast kalt. Ich war zu lange unter der Dusche geblieben. Nicht, weil ich es körperlich brauchte. Sondern weil ich den Moment hinauszögerte, an dem ich herauskommen würde. Den Moment, in dem ich mich dem stellen würde, was sie sehen würde.Mein Körper. Was davon übrig ist.Nicht nur die Wunden, die Narben, die Spannungslinien, die man nicht im Licht zeigt. Sondern alles, was ich nicht mehr tun kann. Die Stille meiner Beine. Die Leere zwischen dem, was ich war, und dem, was ich geworden bin.Als ich schließlich anrief — ein einfaches „Léa?“ kaum hörbar, zwischen meinen Zähnen erstickt — kam sie. Sofort. Kein Wort, keine Frage. Sie öffnete die Tür langsam, geräuschlos, als würde sie ein zerbrechliches Heiligtum betreten.Sie war da. Saß in einer Ecke des Badezimmers, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme um die Knie geschlungen. Sie hatte gewartet, bis ich bereit war. Sie sagte nichts. Bewegte sich nicht. Aber ich wusste, dass sie al
LéaAm nächsten Morgen dringt das blasse Licht durch die zugezogenen Vorhänge. Der Tag erhebt sich langsam, als hätte er Angst, das zerbrechliche Gleichgewicht dieses viel zu stillen Raumes zu stören. Eine Art Licht, das noch nicht wärmt, aber grausam das beleuchtet, was man lieber im Schatten behalten hätte.Ich bin schon lange wach. Auf dem kleinen Sofa liegend, mit steifem Nacken und schmerzenden Muskeln, starre ich an die Decke, ohne sie wirklich zu sehen. Ich höre. Kein Wort. Keine Bewegung. Aber ich weiß, dass er wach ist. Ich spüre es in der Atmosphäre, in der angespannten Stille, die zwischen den Wänden schwebt. Sein Atem ist nicht mehr der eines Schlafenden. Er ist langsamer, tiefer, fast kontrolliert. Als würde er versuchen, sich unauffällig zu machen. Oder sich selbst zu überzeugen, dass er nicht hier ist.Ich stehe lautlos auf. Meine nackten Füße streifen über den kalten Boden. Ich durchquere den Raum in Stille, vermeide es, die Dielen knarren zu lassen. Die Kaffeemaschine
LéaDie Stille im Raum ist erstickend. Mein Herz schlägt schneller, meine Hände zittern leicht, während ich mir Mühe gebe, ruhig zu bleiben. Nathan sitzt vor mir, regungslos in seinem Sessel, sein Blick ins Leere gerichtet. Ich sehe seine müden Augen, seine zitternden Lippen. Selbst bewegungslos scheint er in einem Schmerz gefangen, den ich nicht mehr zu verstehen weiß. Es ist, als würde sein ganzer Körper sich weigern, seine eigene Qual zu akzeptieren. Als hätte er in dieser Lähmung die Fähigkeit verloren, zu kämpfen.Ich könnte fliehen. Es wäre die einfachste, logischste Lösung. Aber ich tue es nicht. Warum? Weil ich das Gefühl habe, ich müsste etwas beweisen. Nicht ihm. Nicht der Welt. Sondern mir selbst. Vielleicht habe ich mich zu sehr mitreißen lassen, zu sehr in dieses Geflecht von Gefühlen und Ängsten verstrickt. Vielleicht sollte ich endlich die Realität akzeptieren: Nathan will nicht gerettet werden.Ich komme ein Stück näher, breche die Distanz zwischen uns. Aber ich wage e
LéaIch wache mit einem Schreck auf. Der Morgen ist noch jung, ein blasses Licht filtert durch die Vorhänge. Ich liege auf der Couch, die Laken umschlingen mich wie ein zerbrochener Kokon. Die Erinnerung an die letzte Nacht verfolgt mich bereits. Nathan, seine Augen auf mich gerichtet, seine Hand ausgestreckt, dieser Kuss, den ich niemals für möglich gehalten hätte. Es war so real, so wahr, und doch scheint alles bereits zu entgleiten. Alles scheint bereits zerbrochen, bevor es überhaupt die Zeit hatte, sich wieder aufzubauen.Ich drehe meinen Kopf. Nathan ist da, reglos in seinem Sessel, sein Blick ins Leere gerichtet. Er hat sich nicht bewegt. Nicht einen Zentimeter. Vielleicht hat er sogar die ganze Nacht nicht geschlafen. Er ist erschöpft, und ich auch. Aber es ist die Angst, die mich erdrückt, diese dumpfe und heimtückische Angst, die mich seit dem Moment nagt, als ich diese Schwelle überschritt, als ich akzeptierte, in diesen Abgrund mit ihm zu fallen.Langsam stehe ich auf, mei
Léa Er sitzt dort, in dem Sessel, den er hasst. Aufrecht, die Hände auf den Armlehnen verschränkt, sein Blick fest in meinen. Immer zu intensiv. Immer zu echt.— Du wirkst abwesend, sagt er ruhig.Ich zucke mit den Schultern, versuche zu lächeln. Aber er ist es, der mich verunsichert. Seine Art, still zu bleiben, während alles in ihm vibriert. Seine scheinbare Ruhe ist ein Trugschluss. Ich kenne ihn. Innen brodelt er. Ich auch.Ich trete näher, zögerlich. Er kann nicht auf mich zukommen. Ich muss den Schritt machen. Und vielleicht ist es das, was mich erschreckt.— Ich habe nachgedacht.— Über was?Ich lehne mich ein wenig vor, tue so, als würde ich etwas auf dem Couchtisch suchen. Mein Arm streift seinen. Wärme. Elektrizität. Das allein. Ein einfaches Berühren. Und doch habe ich das Gefühl, dass es zu viel ist. Oder nicht genug.— Über dich, murmle ich ohne nachzudenken.Die Stille setzt ein. Er rührt sich nicht. Aber seine Finger verkrampfen sich ein wenig auf der Armlehne. Winzig







