LOGINRavelle presste ihre Finger aneinander, die sich eiskalt anfühlten, als sie Kyles privates Arbeitszimmer verließ. In ihrer Brust brodelte es, nicht länger vor Traurigkeit, sondern vor kontrollierter Wut.
Mit ruhigen, sorgfältig kontrollierten Schritten, die kein Geräusch verursachten, wollte sie in die saubere Küche gehen, um sich ein Glas Wasser zu holen. Doch als sie den Korridor entlangging, der zur Wirtschaftsküche führte, brachten sie leise Stimmen abrupt zum Stehen. „Hast du die Medizin bereits in ihr Getränk gemischt? Herr Kyle hat dich doch angewiesen, dieser Frau warmen Tee zuzubereiten, oder?“ Es war Jessicas Stimme. Ihr Ton war nicht länger süß oder professionell wie sonst. Er klang kalt, befehlend und voller Autorität – wie die Stimme der Hausherrin. „Ja, Ma’am“, antwortete eine Frauenstimme, die Ravelle nur allzu vertraut war. Es war Soraya, die leitende Haushälterin, die seit zehn Jahren in diesem Anwesen arbeitete – die Frau, die sich stets freundlich gegeben hatte und der Ravelle am meisten vertraut hatte, wenn es um die Führung des Haushalts ging. Ravelle verbarg sich hinter einer im Schatten liegenden Säule im Korridor. Ihr Herz raste, doch ihr Verstand verarbeitete die Informationen sofort mit Höchstgeschwindigkeit. „Ma’am? Soraya nennt Jessica hinter meinem Rücken ‚Ma’am‘?“ „Gut. Sorge dafür, dass sie jeden einzelnen Tropfen trinkt“, zischte Jessica erneut. „Es darf kein einziger Tropfen übrig bleiben.“ „Ja, Ma’am. Ich habe dieselbe Dosis hinzugefügt, die Sie mich immer in ihre Speisen und Getränke mischen lassen.“ „Immer? Dieselbe Dosis?“ Diese beiden Sätze trafen Ravelles Bewusstsein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Augenblicklich fügten sich die Puzzleteile ihrer gesundheitlichen Beschwerden der vergangenen Jahre zusammen. Die chronische Erschöpfung. Die plötzlich auftretenden Schwindelanfälle. Selbst die Diagnose der Unfruchtbarkeit durch den von Kyle empfohlenen Hausarzt ... „Also haben sie mich vergiftet? Diese Bastarde haben meine Gesundheit absichtlich von innen zerstört?“ Ravelle ballte die Hände in den Taschen ihres Mantels so fest zu Fäusten, dass ihre Fingernägel beinahe ihre Haut durchbohrten. Anstatt sie zur Rede zu stellen und ihre Energie zu verschwenden, wich sie so lautlos wie eine Feder zurück und kehrte ohne das geringste Geräusch in den zweiten Stock zurück. Einige Minuten später ertönte ein sanftes Klopfen an der Tür des Hauptschlafzimmers. „Ma’am? Ich bin es, Soraya. Ich habe den warmen Tee gebracht, den Herr Kyle bestellt hat.“ Ravelle veränderte innerhalb weniger Sekunden ihren Gesichtsausdruck vor dem Spiegel. Sie stellte ihre Tasche ab, legte sich aufs Bett, zog die Decke über sich und setzte einen blassen, erschöpften Ausdruck auf. „Komm herein, Soraya. Die Tür ist nicht abgeschlossen.“ Die Tür öffnete sich. Soraya trat mit einem warmen Lächeln ein, das in Ravelles Augen nun wie das Gesicht eines Monsters wirkte. Die Haushälterin stellte ein Tablett mit einer Tasse Tee, aus der ein intensiver Jasminduft aufstieg, auf den Nachttisch. „Hier ist Ihr Tee, Ma’am. Trinken Sie ihn, solange er warm ist, damit Ihre Kopfschmerzen nachlassen. Herr Kyle hat mich ausdrücklich angewiesen, darauf zu achten, dass Sie ihn vollständig austrinken“, sagte Soraya aufmerksam. Ravelle warf mit absichtlich müdem Blick einen Blick auf die Tasse. „Lass ihn einfach dort stehen, Soraya. Der Geruch ist für meine Kopfschmerzen etwas zu stark. Ich trinke ihn, sobald es mir etwas besser geht.“ Soraya schien zu zögern. Ihre Augen huschten nervös zur Tasse. „Aber, Ma’am ...“ „Ich sagte, lass ihn dort stehen“, unterbrach Ravelle sie. Ihre Stimme war nicht laut, doch die Kälte, die dem Blut der Bransons eigen war, ließ Soraya augenblicklich zurückweichen. „Ich möchte etwas Ruhe haben.“ „Ja, Ma’am. Ich gehe dann.“ Soraya verbeugte sich und verließ hastig das Zimmer. In dem Moment, als die Tür vollständig geschlossen war, stand Ravelle sofort vom Bett auf. Sie füllte die Flüssigkeit nicht mit zitternden Händen um. Sie ging taktisch vor. Sie nahm ein luftdicht verschließbares steriles Probengefäß aus ihrem persönlichen Medikamentenset, das sie stets bei sich aufbewahrte, und überführte den gesamten vergifteten Tee mithilfe einer sauberen Pipette in das Gefäß, ohne auch nur einen einzigen Tropfen außerhalb der Tasse zu verschütten. Nachdem sie das Probengefäß sicher in einem versteckten Fach ihrer Tasche verstaut hatte, trug Ravelle die nun leere Teetasse ins Badezimmer, spülte sie gründlich unter fließendem Wasser aus und füllte sie anschließend mit einer kleinen Menge warmen Wassers, vermischt mit den verbleibenden Teeresten aus der kleinen Teekanne. So entstand der Eindruck, sie hätte jeden Tropfen ausgetrunken. „Diese Probe geht direkt ins private Labor des Krankenhauses der Familie Branson“, dachte Ravelle scharf. Noch bevor sie ihre Kleidung richten konnte, öffnete sich die Schlafzimmertür ohne anzuklopfen. Kyle trat mit einem charmanten Lächeln ein, das Ravelle inzwischen Übelkeit bereitete. Kyle ging sofort zum Bett und strich ihr über das Haar. „Wie fühlst du dich, Liebling?“ Kyle küsste Ravelle auf die Stirn. Ravelle setzte all ihre Willenskraft ein, um sich davon abzuhalten, dem Mann direkt ins Gesicht zu erbrechen. Sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln, das erschöpft wirkte. „Etwas besser.“ „Das ist gut. Mach dich für heute Abend fertig, hm? Ich habe bereits einen Tisch im exklusivsten Restaurant der Innenstadt reserviert. Wir werden unseren zehnten Hochzeitstag gebührend feiern“, sagte Kyle begeistert. „Natürlich, Kyle. Ich freue mich darauf.“ Kyle lächelte zufrieden, vollkommen überzeugt davon, dass die Frau vor ihm noch immer vollständig unter seiner Kontrolle stand. „Dann gehe ich nach unten und sehe mir einige Berichte an, die Jessica mitgebracht hat. Ruh dich aus.“ In dem Moment, als Kyle gegangen war, stand Ravelle sofort auf. Sie zog ein elegantes, weinrotes Abendkleid mit einem scharf geschnittenen Design an, trug eine dünne Schicht roten Lippenstifts auf, um ihren blassen Teint zu kaschieren, und hängte sich ihre Hermès-Tasche über die Schulter. Sie musste die Probe sofort ins Labor bringen. Als Ravelle die große Treppe zum Erdgeschoss hinunterstieg, sah sie Kyle, Jessica und Calysta noch immer im Familienzimmer. Als Calysta sah, dass Ravelle vollständig angezogen war und offenbar das Haus verlassen wollte, sprang sie sofort vom Sofa. Das siebenjährige Mädchen sah Ravelle mit demselben fordernden Gesichtsausdruck an, den sie immer zeigte, wenn sie nicht bekam, was sie wollte. „Tante Jessica! Ich habe Hunger! Ich will jetzt Mittagessen! Sag dieser Frau, sie soll mir Pasta machen, bevor sie geht!“, rief Calysta und zeigte dabei unhöflich auf Ravelle. Ravelles Schritte kamen auf der letzten Stufe zum Stillstand. Ihre Augen verengten sich schlagartig. „Tante Jessica?“ Ravelle höhnte innerlich. „Hinter meinem Rücken nennt sie sie ‚Mommy Jessica‘, und jetzt, vor mir, hat sie es auf Anweisung dieser Schlampe in ‚Tante Jessica‘ geändert.“ Jessica stand sofort auf und setzte einen gespielt erschrockenen Gesichtsausdruck auf, während sie Calysta hastig hinter sich zog. „Calysta, Schatz, sprich nicht so ... Mrs. Ravelle ist deine Mutter.“ Kyle, der gerade aus seinem Arbeitszimmer gekommen war, hatte den Tumult gehört und kam sofort mit tief gerunzelter Stirn auf sie zu. Er sah Ravelle mit einem Anflug von Missbilligung an, weil er glaubte, seine „Ehefrau“ schüchtere sein geliebtes Kind und seine Sekretärin ein. „Ravelle, was soll das jetzt? Warum siehst du ein kleines Mädchen so streng an?“ Ravelle ließ sich nicht dazu provozieren, wie eine billige Frau laut zu werden. Stattdessen richtete sie die Schultern auf und betrachtete die drei nacheinander mit absoluter Überlegenheit – mit dem Blick einer echten Branson, die auf eine Ansammlung von Insekten herabsah. „Wenn sie Hunger hat, ruf jemanden aus der Küche. Oder bitte diese äußerst fähige ‚Sekretärin‘, ihr etwas zu kochen“, erwiderte Ravelle. Ihre Stimme war flach, klar und außergewöhnlich kalt. „Ich muss jetzt gehen. Ich habe eine Verabredung zum Mittagessen.“ Ravelle ging an ihnen vorbei in Richtung Eingang. Doch Kyles erhobene Stimme ließ sie mitten im Schritt innehalten. „Eine Verabredung zum Mittagessen? Mit wem?!“ Kyles Ton wurde herrisch und besitzergreifend und war von der Autorität eines Ehemannes erfüllt, der es gewohnt war, über jeden Aspekt des Lebens seiner Frau zu bestimmen. Zehn Jahre lang hatte Ravelle dieses Haus niemals verlassen, ohne seine schriftliche Erlaubnis oder Zustimmung zu haben. „Seit wann wagst du es, das Haus ohne meine Erlaubnis zu verlassen, Ravelle?! Heute Morgen war es offensichtlich etwas anderes – du warst unterwegs, um ein Geschenk zu kaufen!“ Ravelle blieb direkt vor den gewaltigen Doppeltüren der Villa stehen. Langsam drehte sie sich um und warf Kyle über die Schulter einen Blick zu, begleitet von dem schmalsten, kältesten und fremdartigsten Lächeln, das er jemals in seinem Leben gesehen hatte. „Seit heute, Kyle! Na gut, dann gehe ich jetzt. Mein Freund wartet bereits auf mich!“ Kyle erstarrte. Diese kurze Antwort war ohne erhobene Stimme und ohne jeden Zorn ausgesprochen worden. Und doch ging von ihr eine eisige Kälte aus, die ihm die Nackenhaare aufstellte. Zum ersten Mal in zehn Jahren hatte Kyle das Gefühl, dass die Frau vor ihm nicht die gehorsame Ravelle war, die er kannte, sondern eine mächtige Fremde, die in der Lage war, ihn im Handumdrehen zu vernichten.Kapitel 70Die Stille im Kinderzimmer wurde immer erdrückender; nur noch das unregelmäßige Atmen der kleinen Calysta war an Ravelles Brust zu hören. Kyle starrte seine Ex-Frau mit Augen voller verzweifelter Hoffnung an, als hätte er endlich die perfekte Gelegenheit gefunden, Ravelle wieder in den Käfig zurückzuziehen, den er einst erbaut hatte.Langsam hob Ravelle den Kopf. In ihren Augen lag weder Zögern noch Unsicherheit. Alles, was blieb, war ein eiskalter, stechender Blick voller absoluter Entschlossenheit.„Das wird niemals passieren, Kyle“, sagte Ravelle. Ihre Stimme war klar, ruhig und unerschütterlich. „Ich werde einem Lügner und Betrüger wie dir niemals eine zweite Chance geben. Niemals.“Kyles Gesicht wurde augenblicklich bleich. Das hoffnungsvolle Lächeln auf seinen Lippen verschwand, ersetzt durch Zorn und maßlose Enttäuschung.„Und was ist dann mit unserer Tochter, Ravelle?!“, schrie Kyle, während seine Stimme um eine Oktave anstieg und die Frustration ihn auffraß. Er zei
Kapitel 69Die Räder von Erlans Luxuslimousine kamen im dämmrigen Hof des Anwesens der Stevens sanft zum Stehen. In dem Moment, als sich die Autotür öffnete, fühlte sich die Atmosphäre rund um die einst prachtvolle Residenz erdrückend an. Die hell erleuchteten Gartenlampen waren erloschen, und keine Reihe von Bediensteten stand mehr auf der Veranda bereit. Nur eine unheimliche Stille blieb zurück.Ravelle wartete nicht auf Kyle, der gerade hinter ihnen aus dem Wagen gestiegen war. Mit eiligen Schritten ging sie ins Haus, stieg die Haupttreppe hinauf, passierte die zentrale Halle, die noch immer die Spuren des Chaos vom Tag trug, und machte sich rasch auf den Weg zum Schlafzimmer im zweiten Stock.Als Ravelle die unverschlossene Schlafzimmertür aufschob, fiel ihr Blick augenblicklich auf die Ecke des Raumes neben dem Kleiderschrank. Calysta war noch immer dort, auf dem Boden zusammengerollt, während ihr kleiner Körper heftig zitterte, sie ihre Knie umklammert hielt und leise vor sich h
Kapitel 68Die Nacht legte sich immer dunkler über die Skyline der Stadt und hüllte das Anwesen der Familie Branson in eine eiskalte Luft, die in jeden Winkel des Hauses sickerte. Im klassisch gestalteten Wohnzimmer blätterte Ravelle gerade in den Unterlagen für das Expansionsprojekt der Branson Group, als eine Bedienstete zögerlich eintrat.„Fräulein Branson“, flüsterte die Bedienstete mit einer respektvollen Verbeugung. „Draußen … Herr Kyle Stevens bittet darum, Sie zu sprechen. Er weigert sich zu gehen, ehe er Sie gesehen hat.“Ravelle blickte nicht sofort auf. Die Finger, die den Stift hielten, verharrten kurz, ehe sie einen leisen Seufzer ausstieß.„Sagen Sie ihm, dass ich nicht gestört werden möchte.“„Das habe ich ihm bereits gesagt, Fräulein“, erwiderte die Bedienstete besorgt. „Aber Herr Kyle sagte … es gehe um den Zustand der kleinen Fräulein Calysta. Er weint und kniet vor dem Haupttor.“Als sie Calystas Namen hörte, regte sich eine feine Erschütterung in Ravelles Brust. Ei
Kapitel 67Dateien zur Vermögensliquidation und Mahnschreiben von Privatbanken lagen regellos über Kyles Schreibtisch zerstreut. Der Raum war düster erleuchtet, nur erhellt vom schwachen Schein einer Schreibtischlampe. Kael dröhnte der Kopf heftig, als würde eine schwere Last unerbittlich gegen seinen Schädel hämmern. Die Zahlen auf dem Monitor zeigten den Aktienchart der Stevens Corporation auf dem tiefsten Stand in der Geschichte des Unternehmens.Doch mitten in dem immer überwältigenderen Niedergang weigerte sich Kyles Ego noch immer, die Insolvenz zu akzeptieren. Der Mann umklammerte die Kante des Schreibtisches fest, seine Brust blähte sich vor Beklemmung.„Nein ... ich werde nicht aufgeben“, murmelte Kyle vor sich hin, seine Stimme heiser und voller Trotz. „Ich habe die Stevens Corporation aus dem Nichts aufgebaut. Ich werde nicht zulassen, dass dieses Unternehmen nur wegen dieses Skandals zusammenbricht!“Er kippte den restlichen kalten Whisky in seinem Glas hinunter und versuc
Kapitel 66Ein Woche war vergangen seit dem Skandal, der die Stadt erschüttert und die Stevens Corporation in die Knie gezwungen hatte. Doch in der kalten, feuchten Gefängniszelle im Polizeihauptquartier des Zentralbezirks schien die Zeit für Jessica stillegestanden zu sein.Der schrille Klang hysterischer Schreie zerschnitt erneut die Stille des Trakts für weibliche Insassen, als der Morgen allmählich verblasste. Jessica, gekleidet in eine weite, orangefarbene Gefängniskluft, saß zusammengekauert auf dem harten Betonbett. Ihr Haar, das einst stets perfekt gestylt gewesen war, war nun verfilzt und zerzaust. Ihr wunderschönes Gesicht war fahl geworden, und ihre Augen waren rot unterlaufen vor Verzweiflung.„Lasst mich hier raus!! Wisst ihr denn alle nicht, wer ich bin?!“, schrie Jessica gellend, während ihre Finger die Eisengitter umklammerten und sie heftig mit den Füßen aufstampfte. „Mein Anwalt wird jeden Einzelnen von euch verklagen! Kyle! Kyle wird mich ganz bestimmt retten kommen
Kapitel 65Das Blut, das aus Kyles linker Schläfe rann, war bereits getrocknet und hinterließ eine dunkle, purpurrote Spur, die sich über seine Wange und seinen Hals zog. Doch der Schmerz in seinem Kopf war nichts im Vergleich zu der Leere, die in diesem Moment seine Brust erdrückte. Der Mann saß immer noch wie erstarrt auf dem Wohnzimmerboden, als ein Dienstmädchen aus dem ersten Stock herbeigelaufen kam, ihr Gesicht bleich vor Sorge.„Herr Kyle!“, rief das Dienstmädchen mit zitterner Stimme und rang am Ende der Treppe nach Luft. „Die kleine Miss ... Die kleine Miss Calysta hat wieder einen hysterischen Anfall in ihrem Zimmer! Sie hat die Tür abgeschlossen, schreit ununterbrochen vor Angst und will auf niemanden hören!“Die schockierende Nachricht riss Kyle augenblicklich in die Realität zurück. Trotz des heftigen Pochens in seinem Kopf kämpfte er sich auf die Beine und schwankte dabei leicht. Er schob die ausgestreckte Hand des Dienstmädchens beiseite, die ihm aufhelfen wollte, und







