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Kapitel 4: Das Angebot

Author: LovelyAurora
last update publish date: 2026-06-29 18:29:26

„Kommen Sie.“

Ich runzle die Stirn, aber er ist bereits aus seinem Büro getreten. Sein Ton ist keine Einladung — und doch folge ich ihm. Nicht, als würde er mir wirklich eine Wahl lassen, denke ich.

Wir gehen mehrere stille Korridore entlang, bevor er eine Tür zu den oberen Stockwerken öffnet. Die Luft verändert sich sofort: kühler, schärfer, frischer.

Er stößt die letzte Tür auf, und ich bleibe abrupt stehen.

Das Dach erstreckt sich vor uns, offen zur ganzen Stadt. Türme aus Glas und Stahl glänzen im fahlen Licht, und aus dieser Höhe wirkt alles winzig — Straßen, Fußgänger, Autos — als könnte man alles von oben überblicken.

Ich verschränke die Arme, zögere, zu nah an den Rand zu gehen, mache aber trotzdem einen kleinen Schritt nach vorn.

Er geht zum Geländer, stützt eine Hand auf das kalte Metall und wendet sich dann leicht zu mir.

„Die Luna dient dem Rudel, aber sie ist keine Dienerin. Sie verkörpert Autorität; sie ist für jedes Mitglied zugänglich, was es mir ermöglicht, mich auf die heikleren, härteren Aufgaben der Führung zu konzentrieren. Sie leitet das Rudel mit Sanftmut, aber auch mit Bestimmtheit — etwa wie eine Mutter für alle.“

„Warum erzählen Sie mir das? Ich sehe nicht, wie ich irgendwie nützlich sein könnte. Ich bin keine Luna — nicht einmal eine Wölfin.“

„Ich weiß“, antwortet er mit dem Lächeln eines Raubtiers. „Und genau das macht Sie zur idealen Kandidatin. Meine Position verlangt, dass ich eine Luna an meiner Seite habe, sei es durch Heirat oder Vertrag. Das Problem ist, ich will keine echte Luna. Wölfinnen erwarten Liebe, Hingabe, und ich habe kein Interesse an einer emotionalen Bindung.“

„Ich verstehe…“, murmele ich, immer noch unsicher, was ich davon halten soll. „Sie wollen wirklich ohne Liebe leben?“

„Ganz genau. Und genau da passen Sie perfekt. Sie sind ein Mensch — Sie können also niemals die Partnerbindung eingehen. Wir werden einen einfachen Vertrag unterschreiben, ohne Bindungen, ohne Verpflichtungen. Kein Risiko, dass Sie sich in mich verlieben oder mehr verlangen.“

Er reibt sich fast erwartungsvoll die Hände.

„Sie erhalten das ganze Geld, das Sie brauchen, um Ihr Studium zu bezahlen, die Miete und alles andere, was Ihnen fehlt. Keine körperlichen Verpflichtungen, keine emotionalen Forderungen. Die perfekte Lösung — ohne Hintergedanken.“

„Aber ich bin kein Wolf“, erinnere ich ihn. „Ich weiß nicht, wie man ein Rudel führt oder für es spricht. Ich habe keinerlei Erfahrung.“

„Wir können Ihren Geruch maskieren“, sagt er. „Mein Beta wird Ihnen alles beibringen, was Sie wissen müssen: wie man geht, wie man steht, wie man sich gibt wie eine von uns. Es ist nicht kompliziert. Sie bekommen die richtigen Kleider, die richtigen Accessoires, und Sie werden lernen, sich genau so zu präsentieren, wie es nötig ist.“

Ich spüre, wie mir die Wangen heiß werden. Er spricht, als sähe er mich schon in seinem Plan aufgehen.

„Sie bekommen Ihr Gehalt, und ich behalte die Kontrolle über mein Rudel, ohne wieder heiraten zu müssen. Wenn der Rat glaubt, dass ich endlich eine feste Begleiterin habe, wird er mich mindestens acht Monate in Ruhe lassen. Bis dahin habe ich neue Friedensverträge mit benachbarten Rudeln unterzeichnet, und hoffentlich ist die Sache dann ein für alle Mal erledigt.“

Er legt alles ruhig dar, als wäre es die normalste Vereinbarung der Welt. Für mich fühlt es sich viel komplizierter an.

„Diese ganze Luna-Sache klingt zu verzwickt. Ich will nicht in Rudelkonflikte hineingezogen werden.“

„Die Rolle der Luna ist für einen Menschen nicht gefährlicher als jede andere Position hier“, entgegnet er. „Menschen werden oft für einfache Aufgaben eingestellt, und sie riskieren seltener, in interne Kämpfe verwickelt zu werden. Aber wenn Sie diesen Vertrag unterschreiben, haben Sie den vollen Schutz des Rudels — und meinen. Im Gegenzug helfen Sie mir, diese schwierige Zeit zu überstehen.“

Ein leises Geräusch von Schritten nähert sich. Seine Sekretärin, Evelyn, erscheint lautlos, legt einen dicken Ordner auf das Geländer und verschwindet ebenso leise wieder.

Er nimmt ihn und hält ihn mir hin.

„Lesen Sie.“

Ich nehme ihn vorsichtig entgegen. Meine Augen überfliegen die ersten Zeilen und bleiben dann abrupt an der angegebenen Summe hängen.

Mir stockt für einen Moment der Atem.

Es ist mehr, als ich je zu hoffen gewagt hätte — genug, um die Studiengebühren zu decken, Schulden zu begleichen und trotzdem noch etwas übrig zu haben.

Ich blättere um.

„Vertragsdauer: acht Monate. Verpflichtung, das Rudel offiziell bei allen Zeremonien, Versammlungen und öffentlichen Anlässen zu vertreten.“

„Sie wollen also eine Marionette, an deren Fäden Sie ziehen können?“, sage ich unverblümt.

Er hebt nicht die Stimme, wirkt nicht beleidigt. Er bleibt so ruhig und unerschütterlich wie immer.

„Acht Monate. Kein Tag länger.“

„Und danach?“

„Danach sind Sie frei.“

Frei… Es klingt zu schön, um wahr zu sein.

Ich überfliege den Rest der Klauseln: verpflichtende Anwesenheit, öffentliche Aufgaben, Wahrung des äußeren Bildes. Ich schlucke schwer.

„Sie nennen das einen Arbeitsvertrag?“

„Eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung“, sagt er.

Er greift nach dem Ordner, um ihn zurückzunehmen. Als seine Finger die meinen streifen, halte ich unwillkürlich den Atem an — seine Berührung ist warm und fest.

„Sie brauchen das Geld, Lily.“

Ich halte seinem Blick stand.

„Und Sie glauben, das allein reicht, um mich zu überzeugen?“

Ein schwaches, kaum merkliches Lächeln umspielt seine Lippen.

„Nein.“

Sein Blick fällt kurz auf meine Hand, bevor er wieder zu meinem Gesicht wandert. Dann greift er hoch und streicht mir eine Haarsträhne mit einer langsamen, bedachten Bewegung aus dem Gesicht. Sein Daumen streift dabei meine Haut.

Ein Schauer läuft durch mich, und ich bleibe völlig still.

„Sehen Sie?“, sagt er leise. „So kompliziert ist es nicht.“

Ich starre auf die Seiten, aber die Worte verschwimmen vor meinen Augen.

„Sind Sie immer so sicher?“

„Nur, wenn ich recht habe.“

Seine Hand sinkt herab. Die Luft fühlt sich plötzlich kälter an ohne sie. Ich drücke den Ordner fest an meine Brust.

„Und wenn ich nein sage?“

Sein Kiefer spannt sich kaum merklich an.

„Dann sagen Sie nein.“

Er sagt nichts weiter — wartet nur. Der Wind weht sanft, und mein Herz schlägt schneller. Ein Teil von mir will sofort ablehnen. Der andere kann nicht aufhören, an das zu denken, wovor ich stehe.

„Sie haben kein Recht, das von mir zu verlangen, als wäre es selbstverständlich.“

„Ich bitte Sie nicht, mich zu lieben“, erwidert er. „Nur, darüber nachzudenken.“

Ich beiße die Zähne zusammen.

„Und wenn ich trotzdem ablehne?“

Kurzes Schweigen. Dann nickt er kaum merklich.

„Dann werde ich Sie gehen lassen.“

Ich halte ihm den Vertrag hin. Unsere Finger berühren sich noch einmal.

„Ich werde heute nichts unterschreiben.“

„Sie haben noch nicht nein gesagt“, stellt er fest.

„Machen Sie sich keine Hoffnungen“, fahre ich dazwischen.

Sein Gesichtsausdruck ändert sich nicht.

„Die Entscheidung liegt bei Ihnen.“

Er tritt beiseite, um mich vorbeizulassen. Ich gehe an ihm vorbei und gehe weiter, während ich dem Drang widerstehe, zurückzublicken.

Als wir die unteren Stockwerke erreichen, lässt der schwere Druck auf meiner Brust ein wenig nach.

Als wir uns trennen, bleibt er stehen.

„Wenn Sie es sich anders überlegen, wissen Sie, wo Sie mich finden.“

„Ich ändere meine Meinung nicht leicht“, erwidere ich.

Ich wende den Blick ab und eile durch den Empfangsbereich, die Schultern angespannt und das Herz klopfend.

„Er glaubt wirklich, Geld könne jeden kaufen?“, murmele ich vor mich hin.

Der Gedanke brennt. Ich drücke die Tür auf, und die kühle Außenluft schlägt mir ins Gesicht.

„Ich werde einen anderen Weg finden. Ich bin nicht so weit gekommen, nur um in eine Falle zu tappen.“

Ich beiße die Zähne zusammen und gehe los. Aber anstatt die belebte Hauptstraße zu nehmen, biege ich in eine schmale, ruhige Gasse ab. Ich habe nicht die Kraft, mich jetzt Menschenmengen zu stellen.

Ich lehne mich an eine kalte Backsteinmauer, und plötzlich weicht alle Anspannung aus mir. Meine Hände beginnen zu zittern.

Ich schließe für einen Moment die Augen.

„Toll… einfach perfekt“, flüstere ich mit brüchiger Stimme.

Meine Kehle schnürt sich zu. Ich rutsche an der Wand hinunter, bis ich auf dem Boden sitze, den Rücken an die Mauer gelehnt, und vergrabe mein Gesicht in den Händen.

Tränen kommen ohne Vorwarnung. Ich hasse es, mich schwach zu fühlen, aber ich habe nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Ich wische sie grob weg, nur damit noch mehr nachkommen.

Dann höre ich Schritte — fest, scharf auf dem Pflaster.

Ich hebe den Kopf schnell.

Am anderen Ende der Gasse ist eine Gestalt stehen geblieben. Sie bewegt sich nicht, halb im Schatten verborgen. Aber etwas an ihrer Haltung lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ich richte mich hastig auf und drücke meine Tasche an die Brust.

„Wer sind Sie?“, frage ich mit noch belegter Stimme.

Die Gestalt macht einen langsamen Schritt nach vorn.

Ich drücke mich zurück, bis ich an der Wand anstoße.

„Ich habe Ihnen eine Frage gestellt!“, schreie ich.

Weiterhin Stille. Sie kommt näher. Als sie aus dem Dunst tritt, erkenne ich ihre Größe, ihre breiten Schultern, ihre steife Haltung — nichts wie ein verlorener Passant.

Meine Instinkte schreien mich an. Ein starker, wilder Geruch erreicht meine Nase. Als sie den Kopf hebt, leuchten ihre Augen mit einem Licht, das alles andere als menschlich ist.

Das ist kein gewöhnlicher Mann.

„Bleiben Sie zurück!“, rufe ich.

Sie kommt weiter näher.

Dann hebt sie plötzlich eine Hand.

Finger schließen sich fest um mein Handgelenk — ein Griff wie Eisen, aus dem es kein Entkommen gibt.

Panik überkommt mich. Ich reiße mich zurück, aber der Griff wird nur fester.

„Lassen Sie mich los!“, schreie ich.

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