Share

Acht Jahre

Author: Xoxo Oreng
last update publish date: 2026-11-04 18:23:05

Aurora hatte nicht geschlafen.

Sie saß auf der Bettkante im Gästezimmer im Ostflügel des Moretti-Anwesens, noch immer in dem Kleid vom Vorabend, und starrte auf die Wand, während das graue Morgenlicht durch die Vorhänge sickerte. *Deine Mutter. Vor acht Jahren.* Killians Worte waren ihr die ganze Nacht unablässig durch den Kopf gegangen und hatten ihr keine Ruhe gelassen.

Ihre Mutter war vor acht Jahren gestorben. Ein Autounfall auf einer regennassen Straße außerhalb der Stadt – so hatte man es ihr zumindest immer erzählt. Sie war siebzehn gewesen. Alt genug, um zu trauern, aber zu jung, um die richtigen Fragen zu stellen. Und als sie schließlich alt genug war, um sie zu stellen, hatte sich die Trauer bereits verhärtet – zu etwas, das sie nicht mehr anrührte. Sie erinnerte sich nur noch bruchstückhaft an die Beerdigung: schwarze Regenschirme, die Hand ihres Vaters, die ihre eigene viel zu fest umklammerte, die seltsame Taubheit, während sie in einer Kirche stand und Fremden dabei zuhörte, wie sie eine Frau beschrieben, die sie – so hatte sie geglaubt – in- und auswendig kannte. Schon damals hatte sie den Gedanken gehabt, dass an dieser Geschichte irgendetwas zu glatt wirkte. Zu sauber. Doch die Trauer hatte diesen Gedanken verschlungen, noch bevor sie ihn näher betrachten konnte.

Nun erzählte Killian ihr von der Klausel, die sie in die Falle lockte – einer Bestimmung in einem Kreditvertrag, der zum Zeitpunkt des Todes ihrer Mutter noch gar nicht existiert hatte, der aber irgendwie mit ihr in Verbindung gebracht wurde.

Es ergab keinen Sinn. Und genau deshalb konnte sie es nicht auf sich beruhen lassen. Acht Jahre lang hatte sie sich ein Leben auf der Annahme aufgebaut, dass der Tod ihrer Mutter schlicht ein Unfall gewesen war – eine jener zufälligen Grausamkeiten, die das Universum manchmal bereithält, ohne dass ein tieferer Sinn dahintersteckt. Wenn das nicht stimmte – wenn es einen Namen gab, der damit verknüpft war, einen Grund, einen Plan –, dann war der Boden, auf dem sie ihr gesamtes Erwachsenenleben gestanden hatte, in Wahrheit nie fest gewesen.

Es klopfte an ihrer Tür – leise und zögerlich, ganz anders als das selbstbewusste dreimalige Klopfen, mit dem sich Salvatore am Vorabend bemerkbar gemacht hatte.

„Ich bin’s“, drang Nadias Stimme durch das Holz. „Bitte lass mich rein, Rora. Ich versuche schon seit Mitternacht, dich zu erreichen.“

Aurora durchquerte den Raum und öffnete die Tür. Nadia stand da, ebenfalls in ihrem gestrigen Kleid, die Wimperntusche unter ihren Augen verschmiert, und sah aus, als hätte sie auch kaum geschlafen. Ihre High Heels baumelten an ihrer Hand, irgendwo gegen drei Uhr morgens vergessen, wie man an ihren nackten, aufgeschürften Füßen erkennen konnte.

„Oh, Gott sei Dank.“ Nadia zog sie in eine Umarmung, bevor Aurora etwas sagen konnte, und hielt sie einen Moment länger als sonst fest. „Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Niemand konnte dich finden, nachdem du und Luciano den Ballsaal verlassen hattet. Ich habe dem Sicherheitspersonal gesagt, ich würde selbst die Polizei rufen, wenn sie dich nicht innerhalb von zehn Minuten finden. Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Ich glaube, das könnte ich“, sagte Aurora leise.

Sie erzählte Nadia alles – das Arbeitszimmer, die Klausel, Salvatores Ultimatum, den leeren Safe, den Garten, Killians Abschiedsworte. Nadia hörte zu, ohne zu unterbrechen. Sie saß im Schneidersitz am Fußende des Bettes, ihr Gesichtsausdruck wechselte im Laufe der Geschichte zwischen Schock, Wut und Vorsicht – so wie immer, wenn Nadia versuchte, ihre eigene Reaktion zu unterdrücken, um Auroras Reaktion Raum zu geben.

„Deine Mutter“, sagte Nadia langsam, als Aurora geendet hatte. „Rora, bist du sicher, dass er dich nicht nur verunsichern wollte? Dich dazu bringen, ihm statt Luciano zu vertrauen? Solche Männer – sie sagen Dinge, um sich unentbehrlich zu machen. Das ist eine Taktik.“

„Ich weiß es nicht.“ Aurora sank zurück aufs Bett und presste die Handflächen gegen die Augen. „Aber es hat funktioniert, wenn er das wollte. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel an meine Mutter gedacht, und jetzt geht es mir nicht mehr aus dem Kopf.“

„Okay.“ Nadia setzte sich neben sie, nahm ihre Hand, und ihre Stimme, die sonst so scharf und humorvoll war, wurde ruhiger. „Also, lass uns herausfinden, ob es stimmt. Was weißt du eigentlich über ihren Tod? Nicht die Gefühle. Die Fakten.“

„Nur das, was mein Vater mir erzählt hat. Autounfall. Nasse Straße. Sie war spät abends auf dem Rückweg von einer Baustellenbesichtigung.“ Auroras Kehle schnürte sich bei den Worten zu, die ihr gleichzeitig alt und fremd vorkamen. „Ich habe nie einen Polizeibericht gesehen. Ich habe nie etwas gesehen. Ich war siebzehn. Man fragt seinen trauernden Vater nicht nach Papierkram, wenn er kaum aus dem Bett kommt.“

„Du bist keine siebzehn mehr.“

Aurora sah ihre Freundin an. Zum ersten Mal seit dem Garten kehrte etwas Ruhe in ihre Brust zurück. „Nein. Bin ich nicht.“

Sie drehte das Handy in ihren Händen um, der Bildschirm war dunkel, und überlegte, ob sie Killian zurückrufen sollte. Sie hatte seine Nummer gelöscht, sobald sie am Abend zuvor wieder ins Haus gekommen war – ein reflexartiger Akt der Selbsterhaltung –, und jetzt bereute sie es zutiefst. Sie überlegte kurz, Nadia zu bitten, ihn aufzuspüren, verwarf den Gedanken aber wieder. Jeder, den sie in diese Sache hineinzog, geriet mit ihr in Gefahr, und Nadia hatte sie schon genug dem Feuer ausgesetzt, um ein ganzes Leben lang nicht in Gefahr zu geraten.

Sie duschte, weil sie nicht wusste, was sie sonst mit ihren Händen anfangen sollte. Sie stand unter dem viel zu heißen Wasser, bis ihre Haut rosa wurde und ihre Gedanken für einen Moment zur Ruhe kamen. Als sie aus der Dusche trat, hing bereits ein Mitarbeiter einen Kleidersack an der Schranktür – ihr Brautkleid, gebügelt und bereit zum Abholen, eine stumme Erinnerung daran, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, nur weil sich ihr gesamtes Verständnis ihres Lebens über Nacht erschüttert hatte.

Sie rührte den Sack nicht an. Stattdessen zog sie ihre schlichten, zerknitterten Kleider vom Vortag an und machte sich auf die Suche nach ihrem Vater.

Die Hochzeit war für vier Uhr angesetzt. Aurora hatte sechs Stunden Zeit, ein Anwesen der Morettis voller Angestellter, die direkt Salvatore unterstellt waren, und ein Telefon, dessen Benutzung ihr große Angst machte.

Sie fand ihren Vater in einem Gästezimmer am Ende des Flurs. Er trug noch immer seinen Smoking vom Vorabend und sah älter aus als je zuvor – graue Schläfen, was ihr erst in diesem Moment so richtig bewusst geworden war. Seine Schultern hingen schwer nach vorn, als läge eine Last dauerhaft auf ihnen.

„Rora.“ Er stand auf, sobald sie hereinkam. Erleichterung huschte über sein Gesicht, verschwand aber schnell, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Niemand wollte mir sagen, wo du warst. Geht es dir gut? Was ist nach dem Ballsaal passiert? Ich habe die ganze Nacht Geflüster gehört, und niemand wollte mir etwas Konkretes sagen.“

„Ich muss dich etwas fragen“, sagte sie und schloss die Tür hinter sich. Ihre Hand verweilte einen Moment länger als nötig am Türgriff. „Und ich brauche die Wahrheit von dir, egal wie sehr sie uns beiden wehtut.“

Das Gesicht ihres Vaters wurde blass. Langsam setzte er sich wieder hin, als ob seine Beine ihm nicht mehr trauten. Seine Hände fanden sich in seinem Schoß, wie immer, wenn er mit schlechten Nachrichten rechnete.

„Mamas Unfall“, sagte Aurora. „Ich brauche alles, was du wirklich darüber weißt. Nicht die Version, die du einem trauernden Siebzehnjährigen erzählt hast, der nicht mehr hätte ertragen können. Die Wahrheit, Dad. Alles.“

Lange Zeit schwieg ihr Vater. Seine in seinem Schoß gefalteten Hände begannen zu zittern, erst schwach, dann deutlich.

„Warum fragst du mich das jetzt?“, flüsterte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. „Ausgerechnet heute Abend, wo doch schon alles andere so schlimm ist …“

„Weil mir gerade jemand gesagt hat, dass ihr Tod mit den Morettis zusammenhängt“, sagte Aurora mit zitternder Stimme, obwohl sie sich alle Mühe gab, ruhig zu bleiben. „Und ich muss wissen, ob das stimmt, bevor ich in sechs Stunden in diese Familie einheirate, Dad. Ich muss wissen, worauf ich mich einlasse, und ich brauche dich, um endlich aufzuhören, mich vor der Wahrheit zu beschützen, damit ich mich selbst schützen kann.“

Das Gesicht ihres Vaters verzog sich. Es war keine Verwirrung. Es war kein Schock.

Es war Schuld – genau dieselbe Schuld, die sie am Abend zuvor auf Lucianos Gesicht im Ballsaal hatte aufblitzen sehen, dieselbe Schuld, die sie allmählich als das Wesen jedes Mannes erkannte, der jemals behauptet hatte, sie zu beschützen.

„Dad.“ Ihre Stimme zitterte. „Was weißt du? Bitte. Ich kann das nicht mehr ertragen – die Wahrheit stückchenweise zu erfahren, von Fremden, in Räumen, in denen ich nicht sein will.“

 Er öffnete den Mund, um zu antworten, seine Augen hoben sich schließlich und trafen ihre, glasig und alt und voller etwas, das für einen kurzen Augenblick wie Erleichterung darüber aussah, endlich gefragt worden zu sein.

Die Tür flog auf, bevor er etwas sagen konnte.

Salvatore Moretti stand im Türrahmen, tadellos gekleidet für eine Hochzeit, die noch sechs Stunden entfernt war. Sein freundlicher Gesichtsausdruck ließ Aurora erschaudern. Er sah aus, dachte sie, wie ein Mann, der pünktlich zu einem Treffen erschien, von dem nur er wusste.

„Guten Morgen“, sagte er und trat ungebeten ein. Sein Blick wanderte mit offener Belustigung zwischen Vater und Tochter hin und her. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

Auroras Vater erstarrte neben ihr. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Hände ruhten regungslos im Schoß – ein Gefühl, das sich noch schlimmer anfühlte als das Zittern zuvor.

„Wir haben uns gerade unterhalten“, sagte Aurora vorsichtig und positionierte sich unbewusst etwas zwischen Salvatore und ihrem Vater.

„Natürlich.“ Salvatores Lächeln wurde breiter, und zum ersten Mal sah Aurora etwas in seinen Augen, das fast wie Genuss aussah, ein kurzes Aufblitzen echten Vergnügens über das, was er gerade mitbekommen hatte. „Vielleicht sprachen Sie über Elena? So ein tragischer Verlust. Ich denke immer noch an sie, wissen Sie. Öfter, als Sie denken würden, nach all den Jahren.“

Es herrschte absolute Stille im Raum. Selbst die Geräusche des Anwesens draußen – Schritte im Flur, ferne Stimmen, die die Hochzeit vorbereiteten – schienen zu verklingen.

Auroras Vater stieß ein leises Geräusch aus, etwas zwischen Warnung und Bitte. Sein Blick huschte zu Salvatore, mit einer Angst, die Aurora noch nie zuvor in seinem Gesicht gesehen hatte, nicht einmal im Krankenhausbett, nicht einmal im Gefängnis.

„Sie kannten meine Mutter“, sagte Aurora langsam, jedes Wort wie ein Stein, der in stilles Wasser fällt.

„Kannten Sie sie?“, fragte Salvatore. Sein Lächeln wich nicht, es flackerte nicht einmal. „Mein liebes Mädchen, ich war der Letzte, der mit ihr sprach, bevor sie starb.“

Auroras Beine fühlten sich unsicher an. Instinktiv griff sie nach der Stuhllehne, wie schon am Abend zuvor im Arbeitszimmer. Irgendwie hatte sie bereits begriffen, dass man in diesem Haus immer Halt brauchte. Hinter ihr hörte sie, wie ihr Vater stockte, sein Atem stockte, wie der eines Mannes, der zusehen musste, wie eine Wunde, die er acht Jahre lang verborgen hatte, vor seinen Augen wieder aufbrach.

„Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte Aurora, obwohl sie innerlich schon wusste, dass sie die Antwort noch nicht hören wollte.

Salvatores Blick huschte zu ihrem Vater. Ein fast zärtlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht, jene besondere Zärtlichkeit eines Raubtiers, das eine Wunde betrachtet, die es vor langer Zeit geschlag

en und nie ganz vergessen hat.

„Frag deinen Vater“, sagte er leise. „Er war auch da.“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen    Das Vorspiel & Der Einzug

    Auroras Welt zerbrach mit einer einzigen Frage.Im Wohnzimmer trat Stille ein – eine Stille, die schwer von acht Jahren verdrängtem Grauen lastete.Ihr Vater saß wie erstarrt in seinem Sessel, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände fest zwischen den Knien ineinander verschränkt. Die Schatten auf seinem Gesicht ließen ihn älter wirken, als Aurora ihn je zuvor gesehen hatte.„Sag schon was, Dad“, flüsterte Aurora; ihre Stimme drang kaum durch das leise Summen der Klimaanlage. „Sag mir, dass er lügt.“Sie holte zittrig Luft.„Sag mir, dass du nicht in diesem Raum mit dem Mann gesessen hast, der Mama ermordet hat.“Richard Graves vergrub sein Gesicht in den zitternden Händen; ein unterdrücktes Schluchzen entwich ihm.Das erschreckte Aurora mehr als Salvatores Drohungen, ein Bundesgefängnis oder der Diamantring an ihrem Finger.„Ich konnte es nicht beweisen, Rora“, flüsterte Richard, während seine Schultern bebten.„Gott steh mir bei. Ich konnte absolut nichts davon beweisen.“„Was b

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen    Acht Jahre

    Aurora hatte nicht geschlafen.Sie saß auf der Bettkante im Gästezimmer im Ostflügel des Moretti-Anwesens, noch immer in dem Kleid vom Vorabend, und starrte auf die Wand, während das graue Morgenlicht durch die Vorhänge sickerte. *Deine Mutter. Vor acht Jahren.* Killians Worte waren ihr die ganze Nacht unablässig durch den Kopf gegangen und hatten ihr keine Ruhe gelassen.Ihre Mutter war vor acht Jahren gestorben. Ein Autounfall auf einer regennassen Straße außerhalb der Stadt – so hatte man es ihr zumindest immer erzählt. Sie war siebzehn gewesen. Alt genug, um zu trauern, aber zu jung, um die richtigen Fragen zu stellen. Und als sie schließlich alt genug war, um sie zu stellen, hatte sich die Trauer bereits verhärtet – zu etwas, das sie nicht mehr anrührte. Sie erinnerte sich nur noch bruchstückhaft an die Beerdigung: schwarze Regenschirme, die Hand ihres Vaters, die ihre eigene viel zu fest umklammerte, die seltsame Taubheit, während sie in einer Kirche stand und Fremden dabei zuhö

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen     Kein Kontakt

    „Wer schreibt dir da, Aurora?“Lucianos Stimme war flach und kalt geworden; von dem verzweifelt wirkenden Mann, der noch vor wenigen Minuten vor ihr gekniet hatte, war nichts mehr zu spüren. Auroras Daumen schwebte über dem gesperrten Display; ihr Herz hämmerte so laut, dass er es ihrer Meinung nach hören musste.„Das spielt keine Rolle“, sagte sie.„Für mich schon.“ Er trat näher – so nah, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seinem Blick standzuhalten. „Du hast gerade miterlebt, wie mein Vater hier hereingekommen ist und uns beide bedroht hat. Wenn das Killian ist, der dir da schreibt, dann muss ich das wissen.“„Du musst es wissen?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Du hast die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, mir durch Verschweigen die Wahrheit vorzuenthalten – und jetzt verlangst du Ehrlichkeit von mir?“Lucianos Kiefer spannte sich an. Er antwortete nicht darauf.Aurora blickte auf das Telefon in ihrer Hand. Aus neun Minuten waren bereits sieben gewor

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen    Die Einladung

    Salvatore Moretti schloss die Tür zum Arbeitszimmer langsam – mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der nie befürchtet hatte, entlarvt zu werden. Die schwere Eichentür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss; ein Geräusch, das eher an eine zuschnappende Falle erinnerte.„Setzt euch“, sagte er und ließ die Aktenmappe mit einem gezielten, dumpfen Schlag auf den Schreibtisch gleiten. „Ihr beide. Das geht schneller, wenn hier niemand so herumsteht, als wolle er jeden Moment die Flucht ergreifen.“„Ich setze mich nicht.“ Auroras Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte – brüchig angesichts der erdrückenden Präsenz des Familienoberhaupts der Morettis. Sie stemmte die Hände auf die Lehne des Ledersessels; ihre Knöchel traten weiß unter der dunklen Oberfläche hervor. „Du hast diese Unterlagen aus dem Safe deines Sohnes genommen. Das ist Diebstahl, Salvatore.“Salvatore zuckte nicht einmal mit der Wimper, noch wirkte er irgendwie gekränkt. Seelenruhig rückte er seine Manschettenknöpf

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen    Was er vergrub

    „Fass mich nicht an.“Die Worte rutschten ihr heraus, noch bevor Aurora sie zurückhalten konnte. Sie wich so hastig von Luciano zurück, dass sie beinahe stolperte, und schuf so Distanz zwischen ihnen. Seine Berührung haftete noch immer an ihrer Taille – ein Gefühl, bei dem ihr übel wurde.Im Ballsaal herrschte plötzlich absolute Stille. Hunderte Menschen sahen zu, und sie spürte jeden einzelnen Blick auf sich ruhen. Schwer und erdrückend. Sie konnte kaum atmen. Die Kristallkronleuchter über ihnen, die noch vor einer Stunde so romantisch gewirkt hatten, erstrahlten nun hell über der Menge. Diamantcolliers blitzten auf, als sich die Köpfe der Gäste drehten. Das Orchester verstummte; zurück blieben nur Stille und die Erwartung eines Skandals.„Aurora.“ Lucianos Stimme war leise. Vorsichtig. „Lass es mich erklären.“Er machte einen halben Schritt auf sie zu; seine großen Handflächen waren leicht nach außen gedreht – eine Geste, die allzu einstudiert und allzu gelassen wirkte. Er verkörper

  • Zwischen Den Imperien Zerrissen    Der Vertrag

    „Unterschreib, Aurora. Andernfalls wandert dein Vater bis morgen früh in ein Bundesgefängnis.“Diese Worte stammten nicht von einem Monster in einer dunklen Gasse. Sie kamen von Salvatore Moretti – einem Mann in einem Fünftausend-Dollar-Anzug, der in einem verglasten Konferenzraum saß, von dem aus man die Skyline von Manhattan überblicken konnte. Er erhob seine Stimme nicht. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die Drohung prallte von den glatten Oberflächen ab und ließ die Luft, die aus der Klimaanlage strömte, noch einmal zehn Grad kälter wirken, als sie ohnehin schon war.Aurora Graves starrte auf den schweren Füllfederhalter zwischen ihren Fingern. Das Metall fühlte sich eiskalt auf ihrer feuchten Haut an. Am Ende des zweiunddreißigseitigen Dokuments wies ein kleiner gelber Haftnotizzettel auf eine freie Zeile.Ihre Hand zitterte. Sie presste ihre Fingerknöchel fest gegen die Tischkante, in dem verzweifelten Versuch, das Zittern zu unterdrücken. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, ei

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status