ログイン„Fass mich nicht an.“
Die Worte rutschten ihr heraus, noch bevor Aurora sie zurückhalten konnte. Sie wich so hastig von Luciano zurück, dass sie beinahe stolperte, und schuf so Distanz zwischen ihnen. Seine Berührung haftete noch immer an ihrer Taille – ein Gefühl, bei dem ihr übel wurde.
Im Ballsaal herrschte plötzlich absolute Stille. Hunderte Menschen sahen zu, und sie spürte jeden einzelnen Blick auf sich ruhen. Schwer und erdrückend. Sie konnte kaum atmen. Die Kristallkronleuchter über ihnen, die noch vor einer Stunde so romantisch gewirkt hatten, erstrahlten nun hell über der Menge. Diamantcolliers blitzten auf, als sich die Köpfe der Gäste drehten. Das Orchester verstummte; zurück blieben nur Stille und die Erwartung eines Skandals.
„Aurora.“ Lucianos Stimme war leise. Vorsichtig. „Lass es mich erklären.“
Er machte einen halben Schritt auf sie zu; seine großen Handflächen waren leicht nach außen gedreht – eine Geste, die allzu einstudiert und allzu gelassen wirkte. Er verkörperte den perfekten Erben der Morettis bis ins kleinste Detail: kein Haar, das nicht perfekt saß, ein tadellos geschneiderter schwarzer Smoking, eine gebieterische Haltung. Doch Aurora bemerkte die Anspannung in seinen Mundwinkeln und die Art, wie seine dunklen Augen ihr Gesicht mit einer berechnenden Intensität abtasteten – als wäre sie eher ein Problem, das es zu lösen galt, als eine Ehefrau, die Trost brauchte.
„Was willst du erklären?“ Ihre Stimme brach, und sie hasste es – hasste den Gedanken, dass der ganze Raum es hören konnte. Sie schluckte schwer und drückte den Kloß der Demütigung, der ihr die Kehle zuschnürte, hinunter. Sie ballte die Hände in den Stoff ihres Kleides, um ein Zittern zu unterdrücken. „Willst du erklären, warum du so ausgesehen hast? Als hättest du etwas getan, von dem du wusstest, dass es falsch ist?“
Er antwortete nicht.
Seine Lippen pressten sich zu einem schmalen, grimmigen Strich zusammen, und sein Blick wanderte ein kleines Stück an ihrer Schulter vorbei.
Sein Schweigen lieferte ihr die Antwort.
Ein paar Schritte entfernt stand Killian, die Hände in den Taschen. Er wirkte müde – die Schultern hingen herab, ein erschöpfter Schatten lag in seinen Augen –, als hätte er endlich eine Last abgelegt, die er viel zu lange mit sich herumgetragen hatte. Er sah keineswegs aus wie ein Sieger, der eine gelungene Sabotage feierte; Er wirkte wie jemand, der dabei zusah, wie etwas endgültig zerfiel, das schon lange kaputt gewesen war.
„Rora.“ Nadias Hand legte sich auf ihren Arm und umklammerte ihn fest. Die scharfen, manikürten Fingernägel ihrer besten Freundin gruben sich in Auroras nackte Haut – ein Halt gebender, zugleich aber verzweifelter Griff. Nadias Parfüm wirkte in dem heißen Raum viel zu aufdringlich. „Wir müssen hier raus … sofort. Ein Reporter an der Bar macht schon Fotos.“
Aurora rührte sich nicht.
Ihr Blick blieb starr auf Luciano gerichtet – auf den Mann, dem sie noch am selben Morgen ein Jahr ihres Lebens versprochen hatte. In ihrer Brust breitete sich plötzlich eine seltsame Ruhe aus. Die Verwirrung und der kurze Stich des Schmerzes wandelten sich in eine scharfe, unnachgiebige Wut. Sie betrachtete seine markante Kieferpartie, die teure Uhr, die an seinem Handgelenk glänzte, und den Ring an seiner linken Hand – das Gegenstück zu ihrem eigenen. Ihr wurde klar, wie wenig sie eigentlich über den Mann wusste, der sich hinter diesem milliardenschweren Namen verbarg.
„Ich will die Wahrheit wissen“, sagte sie. „Sofort. Sonst beende ich diese Ehe, noch bevor sie überhaupt begonnen hat.“
Die Drohung hing klar und unmissverständlich im Raum. Ein Raunen ging durch die umliegenden Tische; die Gäste, die ihre Worte mitbekommen hatten, beugten sich neugierig vor, die Augen weit aufgerissen.
In Lucianos Blick flackerte etwas auf. Kein Zorn – eher Panik. Doch der Ausdruck verschwand so schnell, wie er gekommen war, und wich der gelassenen Autorität eines Mannes, der ein ganzes Imperium beherrschte. Er holte scharf Luft.
„Nicht hier“, sagte er schließlich, die Kiefer fest zusammengepresst. „Komm mit.“
Er wartete gar nicht erst ab, ob sie ihm folgen würde. Er wandte sich ab und steuerte auf eine Seitentür am anderen Ende des Festsaals zu; mit langen, zielstrebigen Schritten bahnte er sich seinen Weg durch die Menge.
Nach einem langen Moment folgte Aurora ihm. Sie ignorierte Nadias Hand, die nach ihrem Ärmel griff, und überhörte das Flüstern, das ihr folgte. Ihre Schritte fühlten sich schwer an. Ihre Absätze klackten auf dem Marmorboden. Sie hielt das Kinn erhoben und den Rücken gerade, doch ihr Herz schmerzte unter den Blicken der Menschen, die sie voller Mitleid und Neugier anstarrten. Sie ergriff die schwere Schleppe des Kleides mit zitternden Fingern und folgte ihm aus dem Licht hinaus.
Der Flur hinter der Tür war still, wie es im Ballsaal nie möglich gewesen wäre. Gedämpftes goldenes Licht säumte die Wände. Alte Gemälde von Moretti-Männern hingen in schweren Rahmen, jedes einzelne mit demselben kalten, undurchschaubaren Ausdruck, den Luciano gerade trug.
Er führte sie in ein Arbeitszimmer am Ende des Flurs. Dunkles Holz. Hohe Regale, vollgestopft mit Büchern, die wohl seit Jahren niemand mehr gelesen hatte. Eine einzelne Lampe auf dem Schreibtisch warf einen kleinen Lichtkreis durch den Raum und ließ die Ecken im Schatten. Die Luft roch nach altem Papier, Leder und dem leichten, bitteren Unterton von teurem Scotch. Es war ein Zimmer, in dem private Angelegenheiten erledigt wurden.
Er schloss die Tür hinter ihnen. Das Klicken des Schlosses war das lauteste Geräusch, das Aurora je gehört hatte. Sie stand mitten auf dem Perserteppich. Die Weite des Raumes ließ sie in ihrem schwarzen Kleid winzig erscheinen, doch sie weigerte sich, sich zu verkleinern.
„Reden Sie“, sagte sie mit verschränkten Armen und stand mitten im Raum, als könne sie sich allein durch Sturheit beruhigen. Sie stemmte die Füße gegen die Füße und spürte, wie die Kälte des Bodens durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe drang.
Luciano fuhr sich mit der Hand durchs Haar – das erste, was sie an diesem Abend von ihm gesehen hatte. Sein ordentlich gestyltes Haar wirkte plötzlich zerzaust und wild, und für einen Moment bröckelte seine ruhige Maske. Er holte tief und unregelmäßig Luft, und seine Schultern entspannten sich, als er sich ihr über den schweren Mahagonischreibtisch hinweg zuwandte.
„Vor fünf Jahren“, sagte er, „gab mein Vater Ihrem Vater einen Kredit. Er wurde über Briefkastenfirmen abgewickelt, damit er nicht direkt zu uns zurückverfolgt werden konnte. Ihr Vater brauchte das Geld, um die Firma auszubauen.“
„Ich weiß von dem Kredit.“ Ihr Vater hatte ihn vor Jahren einmal erwähnt, als wäre es nichts Besonderes. Eine einfache Geschäftstransaktion unter alten Kollegen, eine routinemäßige Kapitalspritze, um einen vorübergehenden Markteinbruch zu überbrücken. „Ich verstehe nicht, warum du mir das erst jetzt erzählst.“
„Weil der Kredit eine Klausel hatte.“ Lucianos Hände pressten sich fest auf den Schreibtisch, als bräuchte er etwas Festes zum Festhalten. Seine Knöchel traten weiß hervor auf dem dunklen, polierten Holz. „Mein Vater hätte den vollen Betrag jederzeit mit nur dreißig Tagen Kündigungsfrist zurückfordern können. Das hat er vor achtzehn Monaten getan. Genau zu der Zeit, als dein Vater drei Projekte gleichzeitig am Laufen hatte und kein Geld übrig war.“
Ihr wurde schwindlig. Aurora griff nach der Stuhllehne und hielt sich fest. Der geschnitzte Samt der Polsterung fühlte sich rau unter ihren Fingerspitzen an, das Einzige, was Halt gab in einer Welt, die immer mehr aus den Fugen geriet. Sie dachte an die achtzehn Monate zuvor zurück – an die plötzlich ergrauten Haare ihres Vaters, die nächtlichen Telefonate, die er in seinem Arbeitszimmer bei verschlossener Tür führte, die abrupte Absage ihres jährlichen Familienurlaubs. Sie hatte gedacht, es läge nur am wirtschaftlichen Druck.
„Es war kein Pech“, sagte Luciano leise. „Es war geplant.“
„Warum?“, flüsterte Aurora. „Warum sollte er das tun? Sie waren doch Freunde.“
„Weil ihm eine marode Firma mehr wert war als eine gesunde, mit der er hätte verhandeln müssen.“ Lucianos Kiefer zuckte. „Er wollte die Patente. Die Verträge. Alles, was dein Vater zwanzig Jahre lang aufgebaut hat.“
„Also diese Ehe …“ Aurora wurde übel. Ein bitterer, saurer Geschmack stieg in ihr auf. Sie blickte an ihrem Kleid hinunter. Das reine, makellose Schwarz fühlte sich plötzlich schwer an, wie eine Uniform für ein Geschäft, das sie nie wirklich verstanden hatte. „Damit rettest du nicht die Firma meines Vaters. Es ist nur das letzte Puzzleteil. Du vollendest, was dein Vater begonnen hat.“
„Nein.“ Luciano durchquerte schnell den Raum und blieb so nah stehen, dass sie den Kopf zurückneigen musste, um ihm in die Augen zu sehen. Der Duft seines Parfums, reichhaltig und herb mit Zedernholznote, erfüllte den Raum zwischen ihnen. „Das war meine Idee. Nicht seine. Ich habe deinem Vater das Geld unter der Bedingung angeboten, dass ich die Kontrolle darüber habe, nicht er. Das habe ich absichtlich getan, damit er nicht mehr rankommt.“
„Und das soll ich dir einfach so glauben?“ Aurora lachte kurz und bitter. Ihr Lachen klang hohl und hallte von der hohen Decke und den Reihen ungelesener Bücher wider. Sie wich zurück, löste die von ihm erzwungene Nähe und weigerte sich, sich von seiner Anwesenheit beeinflussen zu lassen. „Du hast es mir nicht gesagt, weil du erst meine Unterschrift brauchtest, Luciano. Das ist der einzige Grund.“
Er stritt es nicht ab.
Wieder sein Schweigen. Immer sein Schweigen.
„Woher soll ich wissen, dass das alles überhaupt stimmt?“, fragte sie. „Woher soll ich wissen, dass das nicht nur eine nettere Version derselben Lüge ist?“
„Weil ich Beweise habe.“ Seine Stimme wurde leiser, rau. Ein verzweifelter Unterton in seinem Tonfall überraschte sie. „Die Original-Darlehensunterlagen. Die Benachrichtigung meines Vaters, mit der er das Darlehen zurückgerufen hat. Alles ist in einem Safe in diesem Zimmer eingeschlossen. Ich zeige Ihnen alles jetzt, wenn Sie das brauchen.“
Einen Moment lang schwiegen beide.
„Zeig es mir“, sagte Aurora. „Jetzt.“
Luciano nickte kurz und ging zur Wand hinter dem Schreibtisch. Er schob eine Abdeckung beiseite und gab einen kleinen, in das Holz eingelassenen Safe frei. Seine Finger flogen über das Tastenfeld, so schnell, dass Aurora erkannte, dass er ihn nicht zum ersten Mal allein im Dunkeln geöffnet hatte, wenn niemand zusah. Er kannte den Code auswendig.
Das Schloss klickte.
Der schwere elektronische Mechanismus gab ein scharfes, metallisches Geräusch von sich, als er sich löste.
Er riss die Tür auf.
Dann erstarrte er.
Aurora sah, wie sich seine Schultern verkrampften, wie die Farbe langsam aus seinem Gesicht wich, während er in den Safe starrte, als wäre er völlig leer. Er rührte sich nicht, atmete nicht, seine Hand klebte am Griff der offenen Safetür.
„Luciano?“ Sie trat näher. Die kalte Angst in ihrem Magen breitete sich aus und kroch ihr in die Brust. „Was ist los?“
„Das ist unmöglich. Niemand hat Zugang zu diesem Safe.“ Seine Stimme hatte jegliche Ruhe verloren. Sie war dünn, brüchig, die Stimme eines Mannes, dem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen war. Er griff hinein und klopfte auf das leere Fach, als ob der Ordner dort auftauchen könnte, wenn er nur genau genug hinsähe. Seine Hand glitt durch das leere Metallinnere, seine Finger kratzten an den blanken Eisenwänden in einer verzweifelten, vergeblichen Suche.
„Außer deinem Vater“, sagte Aurora leise.
Luciano antwortete nicht. Er musste nicht. Sie sah zu, wie ihn die Wahrheit wie ein Schlag traf, sah zu, wie er direkt vor ihren Augen begriff, dass er in seinem eigenen Haus gerade überlistet worden war.
Es klopfte an der Tür zum Arbeitszimmer.
Nicht gehetzt. Nicht nervös. Drei langsame, bedächtige Schläge, als hätte derjenige, der draußen stand, genau auf diesen Moment gewartet. Das Klopfen hallte langsam und selbstsicher durch den stillen Raum.
Luciano ging durch den Raum und riss die Tür auf. Seine Bewegungen waren nun mechanisch, die eines Mannes, der rein instinktiv handelte. Sein Gesicht war ausdruckslos vor Schock, so tief, dass es wie eine Maske wirkte.
Aurora sank das Herz in die Hose.
Salvatore Moretti stand im Türrahmen, silberhaarig, vollkommen gefasst, keine Falte seines maßgeschneiderten Anzugs fehl am Platz. Er sah makellos aus, ein erschreckender Kontrast zu dem plötzlich zerzausten Aussehen seines Sohnes. In der einen Hand hielt er einen dicken Ordner. Das schwere Manilapapier war unverkennbar, die Ränder leicht abgenutzt, ein sichtbarer Beweis für die Macht, die er über beider Familien ausübte.
Er sah seinen Sohn nicht an. Sein Blick fiel direkt auf Aurora, und er lächelte – langsam, kalt und vollkommen zufrieden.
„Suchst du das hier?“, fragte er und hob die Mappe nur ein wenig an. Die Papiere darin raschelten, ein trockenes, papierartiges Geräusch, das ihr ein flaues Gefühl im Magen verursachte. „Komm schon, Liebe
s. Setz dich. Es wird Zeit, dass du endlich verstehst, in was für eine Familie du da eingeheiratet hast.“
Auroras Welt zerbrach mit einer einzigen Frage.Im Wohnzimmer trat Stille ein – eine Stille, die schwer von acht Jahren verdrängtem Grauen lastete.Ihr Vater saß wie erstarrt in seinem Sessel, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände fest zwischen den Knien ineinander verschränkt. Die Schatten auf seinem Gesicht ließen ihn älter wirken, als Aurora ihn je zuvor gesehen hatte.„Sag schon was, Dad“, flüsterte Aurora; ihre Stimme drang kaum durch das leise Summen der Klimaanlage. „Sag mir, dass er lügt.“Sie holte zittrig Luft.„Sag mir, dass du nicht in diesem Raum mit dem Mann gesessen hast, der Mama ermordet hat.“Richard Graves vergrub sein Gesicht in den zitternden Händen; ein unterdrücktes Schluchzen entwich ihm.Das erschreckte Aurora mehr als Salvatores Drohungen, ein Bundesgefängnis oder der Diamantring an ihrem Finger.„Ich konnte es nicht beweisen, Rora“, flüsterte Richard, während seine Schultern bebten.„Gott steh mir bei. Ich konnte absolut nichts davon beweisen.“„Was b
Aurora hatte nicht geschlafen.Sie saß auf der Bettkante im Gästezimmer im Ostflügel des Moretti-Anwesens, noch immer in dem Kleid vom Vorabend, und starrte auf die Wand, während das graue Morgenlicht durch die Vorhänge sickerte. *Deine Mutter. Vor acht Jahren.* Killians Worte waren ihr die ganze Nacht unablässig durch den Kopf gegangen und hatten ihr keine Ruhe gelassen.Ihre Mutter war vor acht Jahren gestorben. Ein Autounfall auf einer regennassen Straße außerhalb der Stadt – so hatte man es ihr zumindest immer erzählt. Sie war siebzehn gewesen. Alt genug, um zu trauern, aber zu jung, um die richtigen Fragen zu stellen. Und als sie schließlich alt genug war, um sie zu stellen, hatte sich die Trauer bereits verhärtet – zu etwas, das sie nicht mehr anrührte. Sie erinnerte sich nur noch bruchstückhaft an die Beerdigung: schwarze Regenschirme, die Hand ihres Vaters, die ihre eigene viel zu fest umklammerte, die seltsame Taubheit, während sie in einer Kirche stand und Fremden dabei zuhö
„Wer schreibt dir da, Aurora?“Lucianos Stimme war flach und kalt geworden; von dem verzweifelt wirkenden Mann, der noch vor wenigen Minuten vor ihr gekniet hatte, war nichts mehr zu spüren. Auroras Daumen schwebte über dem gesperrten Display; ihr Herz hämmerte so laut, dass er es ihrer Meinung nach hören musste.„Das spielt keine Rolle“, sagte sie.„Für mich schon.“ Er trat näher – so nah, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seinem Blick standzuhalten. „Du hast gerade miterlebt, wie mein Vater hier hereingekommen ist und uns beide bedroht hat. Wenn das Killian ist, der dir da schreibt, dann muss ich das wissen.“„Du musst es wissen?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Du hast die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, mir durch Verschweigen die Wahrheit vorzuenthalten – und jetzt verlangst du Ehrlichkeit von mir?“Lucianos Kiefer spannte sich an. Er antwortete nicht darauf.Aurora blickte auf das Telefon in ihrer Hand. Aus neun Minuten waren bereits sieben gewor
Salvatore Moretti schloss die Tür zum Arbeitszimmer langsam – mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der nie befürchtet hatte, entlarvt zu werden. Die schwere Eichentür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss; ein Geräusch, das eher an eine zuschnappende Falle erinnerte.„Setzt euch“, sagte er und ließ die Aktenmappe mit einem gezielten, dumpfen Schlag auf den Schreibtisch gleiten. „Ihr beide. Das geht schneller, wenn hier niemand so herumsteht, als wolle er jeden Moment die Flucht ergreifen.“„Ich setze mich nicht.“ Auroras Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte – brüchig angesichts der erdrückenden Präsenz des Familienoberhaupts der Morettis. Sie stemmte die Hände auf die Lehne des Ledersessels; ihre Knöchel traten weiß unter der dunklen Oberfläche hervor. „Du hast diese Unterlagen aus dem Safe deines Sohnes genommen. Das ist Diebstahl, Salvatore.“Salvatore zuckte nicht einmal mit der Wimper, noch wirkte er irgendwie gekränkt. Seelenruhig rückte er seine Manschettenknöpf
„Fass mich nicht an.“Die Worte rutschten ihr heraus, noch bevor Aurora sie zurückhalten konnte. Sie wich so hastig von Luciano zurück, dass sie beinahe stolperte, und schuf so Distanz zwischen ihnen. Seine Berührung haftete noch immer an ihrer Taille – ein Gefühl, bei dem ihr übel wurde.Im Ballsaal herrschte plötzlich absolute Stille. Hunderte Menschen sahen zu, und sie spürte jeden einzelnen Blick auf sich ruhen. Schwer und erdrückend. Sie konnte kaum atmen. Die Kristallkronleuchter über ihnen, die noch vor einer Stunde so romantisch gewirkt hatten, erstrahlten nun hell über der Menge. Diamantcolliers blitzten auf, als sich die Köpfe der Gäste drehten. Das Orchester verstummte; zurück blieben nur Stille und die Erwartung eines Skandals.„Aurora.“ Lucianos Stimme war leise. Vorsichtig. „Lass es mich erklären.“Er machte einen halben Schritt auf sie zu; seine großen Handflächen waren leicht nach außen gedreht – eine Geste, die allzu einstudiert und allzu gelassen wirkte. Er verkörper
„Unterschreib, Aurora. Andernfalls wandert dein Vater bis morgen früh in ein Bundesgefängnis.“Diese Worte stammten nicht von einem Monster in einer dunklen Gasse. Sie kamen von Salvatore Moretti – einem Mann in einem Fünftausend-Dollar-Anzug, der in einem verglasten Konferenzraum saß, von dem aus man die Skyline von Manhattan überblicken konnte. Er erhob seine Stimme nicht. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die Drohung prallte von den glatten Oberflächen ab und ließ die Luft, die aus der Klimaanlage strömte, noch einmal zehn Grad kälter wirken, als sie ohnehin schon war.Aurora Graves starrte auf den schweren Füllfederhalter zwischen ihren Fingern. Das Metall fühlte sich eiskalt auf ihrer feuchten Haut an. Am Ende des zweiunddreißigseitigen Dokuments wies ein kleiner gelber Haftnotizzettel auf eine freie Zeile.Ihre Hand zitterte. Sie presste ihre Fingerknöchel fest gegen die Tischkante, in dem verzweifelten Versuch, das Zittern zu unterdrücken. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, ei







