ANMELDENAuroras Welt zerbrach mit einer einzigen Frage.Im Wohnzimmer trat Stille ein – eine Stille, die schwer von acht Jahren verdrängtem Grauen lastete.Ihr Vater saß wie erstarrt in seinem Sessel, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände fest zwischen den Knien ineinander verschränkt. Die Schatten auf seinem Gesicht ließen ihn älter wirken, als Aurora ihn je zuvor gesehen hatte.„Sag schon was, Dad“, flüsterte Aurora; ihre Stimme drang kaum durch das leise Summen der Klimaanlage. „Sag mir, dass er lügt.“Sie holte zittrig Luft.„Sag mir, dass du nicht in diesem Raum mit dem Mann gesessen hast, der Mama ermordet hat.“Richard Graves vergrub sein Gesicht in den zitternden Händen; ein unterdrücktes Schluchzen entwich ihm.Das erschreckte Aurora mehr als Salvatores Drohungen, ein Bundesgefängnis oder der Diamantring an ihrem Finger.„Ich konnte es nicht beweisen, Rora“, flüsterte Richard, während seine Schultern bebten.„Gott steh mir bei. Ich konnte absolut nichts davon beweisen.“„Was b
Aurora hatte nicht geschlafen.Sie saß auf der Bettkante im Gästezimmer im Ostflügel des Moretti-Anwesens, noch immer in dem Kleid vom Vorabend, und starrte auf die Wand, während das graue Morgenlicht durch die Vorhänge sickerte. *Deine Mutter. Vor acht Jahren.* Killians Worte waren ihr die ganze Nacht unablässig durch den Kopf gegangen und hatten ihr keine Ruhe gelassen.Ihre Mutter war vor acht Jahren gestorben. Ein Autounfall auf einer regennassen Straße außerhalb der Stadt – so hatte man es ihr zumindest immer erzählt. Sie war siebzehn gewesen. Alt genug, um zu trauern, aber zu jung, um die richtigen Fragen zu stellen. Und als sie schließlich alt genug war, um sie zu stellen, hatte sich die Trauer bereits verhärtet – zu etwas, das sie nicht mehr anrührte. Sie erinnerte sich nur noch bruchstückhaft an die Beerdigung: schwarze Regenschirme, die Hand ihres Vaters, die ihre eigene viel zu fest umklammerte, die seltsame Taubheit, während sie in einer Kirche stand und Fremden dabei zuhö
„Wer schreibt dir da, Aurora?“Lucianos Stimme war flach und kalt geworden; von dem verzweifelt wirkenden Mann, der noch vor wenigen Minuten vor ihr gekniet hatte, war nichts mehr zu spüren. Auroras Daumen schwebte über dem gesperrten Display; ihr Herz hämmerte so laut, dass er es ihrer Meinung nach hören musste.„Das spielt keine Rolle“, sagte sie.„Für mich schon.“ Er trat näher – so nah, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seinem Blick standzuhalten. „Du hast gerade miterlebt, wie mein Vater hier hereingekommen ist und uns beide bedroht hat. Wenn das Killian ist, der dir da schreibt, dann muss ich das wissen.“„Du musst es wissen?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Du hast die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, mir durch Verschweigen die Wahrheit vorzuenthalten – und jetzt verlangst du Ehrlichkeit von mir?“Lucianos Kiefer spannte sich an. Er antwortete nicht darauf.Aurora blickte auf das Telefon in ihrer Hand. Aus neun Minuten waren bereits sieben gewor
Salvatore Moretti schloss die Tür zum Arbeitszimmer langsam – mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der nie befürchtet hatte, entlarvt zu werden. Die schwere Eichentür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss; ein Geräusch, das eher an eine zuschnappende Falle erinnerte.„Setzt euch“, sagte er und ließ die Aktenmappe mit einem gezielten, dumpfen Schlag auf den Schreibtisch gleiten. „Ihr beide. Das geht schneller, wenn hier niemand so herumsteht, als wolle er jeden Moment die Flucht ergreifen.“„Ich setze mich nicht.“ Auroras Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte – brüchig angesichts der erdrückenden Präsenz des Familienoberhaupts der Morettis. Sie stemmte die Hände auf die Lehne des Ledersessels; ihre Knöchel traten weiß unter der dunklen Oberfläche hervor. „Du hast diese Unterlagen aus dem Safe deines Sohnes genommen. Das ist Diebstahl, Salvatore.“Salvatore zuckte nicht einmal mit der Wimper, noch wirkte er irgendwie gekränkt. Seelenruhig rückte er seine Manschettenknöpf
„Fass mich nicht an.“Die Worte rutschten ihr heraus, noch bevor Aurora sie zurückhalten konnte. Sie wich so hastig von Luciano zurück, dass sie beinahe stolperte, und schuf so Distanz zwischen ihnen. Seine Berührung haftete noch immer an ihrer Taille – ein Gefühl, bei dem ihr übel wurde.Im Ballsaal herrschte plötzlich absolute Stille. Hunderte Menschen sahen zu, und sie spürte jeden einzelnen Blick auf sich ruhen. Schwer und erdrückend. Sie konnte kaum atmen. Die Kristallkronleuchter über ihnen, die noch vor einer Stunde so romantisch gewirkt hatten, erstrahlten nun hell über der Menge. Diamantcolliers blitzten auf, als sich die Köpfe der Gäste drehten. Das Orchester verstummte; zurück blieben nur Stille und die Erwartung eines Skandals.„Aurora.“ Lucianos Stimme war leise. Vorsichtig. „Lass es mich erklären.“Er machte einen halben Schritt auf sie zu; seine großen Handflächen waren leicht nach außen gedreht – eine Geste, die allzu einstudiert und allzu gelassen wirkte. Er verkörper
„Unterschreib, Aurora. Andernfalls wandert dein Vater bis morgen früh in ein Bundesgefängnis.“Diese Worte stammten nicht von einem Monster in einer dunklen Gasse. Sie kamen von Salvatore Moretti – einem Mann in einem Fünftausend-Dollar-Anzug, der in einem verglasten Konferenzraum saß, von dem aus man die Skyline von Manhattan überblicken konnte. Er erhob seine Stimme nicht. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die Drohung prallte von den glatten Oberflächen ab und ließ die Luft, die aus der Klimaanlage strömte, noch einmal zehn Grad kälter wirken, als sie ohnehin schon war.Aurora Graves starrte auf den schweren Füllfederhalter zwischen ihren Fingern. Das Metall fühlte sich eiskalt auf ihrer feuchten Haut an. Am Ende des zweiunddreißigseitigen Dokuments wies ein kleiner gelber Haftnotizzettel auf eine freie Zeile.Ihre Hand zitterte. Sie presste ihre Fingerknöchel fest gegen die Tischkante, in dem verzweifelten Versuch, das Zittern zu unterdrücken. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, ei







