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Kein Kontakt

작가: Xoxo Oreng
last update 게시일: 2026-10-29 22:16:37

„Wer schreibt dir da, Aurora?“

Lucianos Stimme war flach und kalt geworden; von dem verzweifelt wirkenden Mann, der noch vor wenigen Minuten vor ihr gekniet hatte, war nichts mehr zu spüren. Auroras Daumen schwebte über dem gesperrten Display; ihr Herz hämmerte so laut, dass er es ihrer Meinung nach hören musste.

„Das spielt keine Rolle“, sagte sie.

„Für mich schon.“ Er trat näher – so nah, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seinem Blick standzuhalten. „Du hast gerade miterlebt, wie mein Vater hier hereingekommen ist und uns beide bedroht hat. Wenn das Killian ist, der dir da schreibt, dann muss ich das wissen.“

„Du musst es wissen?“ Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihr. „Du hast die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, mir durch Verschweigen die Wahrheit vorzuenthalten – und jetzt verlangst du Ehrlichkeit von mir?“

Lucianos Kiefer spannte sich an. Er antwortete nicht darauf.

Aurora blickte auf das Telefon in ihrer Hand. Aus neun Minuten waren bereits sieben geworden. Irgendwo da draußen, hinter den hohen Hecken und dem Kiesweg, stand Killian am Osttor und wartete darauf, dass sie eine Entscheidung traf.

Sie dachte daran, einfach durch die Tür hinauszugehen. An den Sog, den sie in dem Moment gespürt hatte, als sie ihn heute Abend sah – scharf, elektrisierend und erschreckend, weil das Gefühl auch nach fünf Jahren kaum nachgelassen hatte. Daran, wie einfach es wäre, sich von ihm alle Antworten präsentieren zu lassen – mundgerecht serviert, so wie er es offensichtlich wollte. Daran, wie viel unkomplizierter ihr Leben wäre, wenn sie einfach ihrem ersten Instinkt vertrauen könnte, der ihr zuflüsterte, zu ihm zu laufen.

Und genau das war das Problem. Ihrem Instinkt zu vertrauen, hatte für sie noch nie funktioniert – weder bei den geschäftlichen Entscheidungen ihres Vaters noch bei ihrem früheren Glauben daran, dass Killian zu ihr zurückkehren würde; eigentlich bei gar nichts.

„Ich gehe nirgendwohin“, sagte sie, mehr zu sich selbst.

Luciano blinzelte. „Wohin gehen?“

Sie ließ das Telefon in ihre Clutch gleiten und schnappte die Tasche zu. „Nirgendwohin. Ich werde heute Abend nichts von dem tun, was ihr beide von mir wollt.“

„Aurora …“

„Nein.“ Sie hob die Hand, und etwas in ihrer Stimme brachte ihn tatsächlich dazu, innezuhalten. „Du hattest fünf Jahre Zeit, um ein Szenario für diesen Abend vorzubereiten – eines, in dem ich alles auf einmal erfahre, in einem Raum, den du kontrollierst, zu deinen Bedingungen. Killian hatte offensichtlich auch seine eigene Version im Kopf. Ich habe es satt, immer als Letzte zu erfahren, was in meinem eigenen Leben vor sich geht.“

Sie wandte sich der Tür zum Arbeitszimmer zu.

„Wohin gehst du?“, fragte Luciano, und zum ersten Mal an diesem Abend schwang in seinem befehlenden Tonfall etwas mit, das fast wie Angst klang.

„An einen Ort, an den mir keiner von euch folgen kann.“ Sie sah nicht zurück, um seine Reaktion zu beobachten. Das konnte sie sich nicht leisten. Würde sie heute Abend noch einmal einen Anflug von Schuld auf seinem Gesicht sehen, wusste sie nicht, ob sie noch die Kraft aufbringen könnte, überhaupt durch diese Tür hinauszugehen.

Sie verließ das Arbeitszimmer, ohne eine Antwort abzuwarten. Ihre Absätze klackten hart und schnell auf dem Marmorboden, während sie sich von den Trümmern der letzten Stunde entfernte. Sie ging nicht zurück in Richtung Ballsaal. Sie ertrug den Anblick der Kronleuchter, des Streichquartetts und all der Gesichter nicht, die nur darauf warteten, jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht zu registrieren.

Stattdessen fand sie einen Seitenausgang in der Nähe der Küche, schlüpfte hindurch und trat hinaus in die kalte Nachtluft des Privatgartens auf dem Anwesen der Morettis. Gepflegte Hecken säumten einen Kiesweg, der an einem ruhenden Brunnen vorbeiführte – der im Mondlicht silbern schimmerte. Das gesamte Gelände wirkte gespenstisch still, verglichen mit dem Chaos, das sie hinter sich gelassen hatte.

Ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihren Vater – wie er da im Krankenhausbett lag, klein und mit grauem Gesicht, und ihren Namen aussprach, als wäre es eine Entschuldigung. Sie hatte den Vertrag unterschrieben, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren. Sie hatte einen Fremden geheiratet, um ihn vor dem Ruin zu schützen. Und nun musste sie feststellen, dass beide Bedrohungen von ebenjener Familie inszeniert worden waren, die jetzt über jede Stunde ihrer Zukunft bestimmte. Sie fragte sich – nicht zum ersten Mal an diesem Abend –, ob es überhaupt ein Szenario für dieses Jahr gegeben hätte, das nicht damit endete, dass sie etwas Unersetzliches verlor.

Sie überlegte, ihren Vater jetzt anzurufen, ihn zu wecken und zu fragen, was er eigentlich über die Morettis wusste, bevor das alles begann. Doch sie konnte es nicht riskieren – nicht, solange Salvatores Drohungen noch im Raum standen; nicht, bevor sie genau verstand, in welche Gefahr sie ihn mit einem einzigen Telefonanruf bringen könnte.

Die Stille draußen wirkte nach dem Lärm im Inneren fast schon gewaltsam. Aurora legte ihre Handfläche gegen die steinerne Hauswand und atmete tief ein und aus, bis ihr Puls nicht mehr ganz so heftig gegen ihre Rippen hämmerte.

Neun Minuten waren vergangen. Sie war nicht zum Osttor gegangen.

Gut, sagte sie sich. Das war die richtige Entscheidung.

Es fühlte sich nicht wie die richtige Entscheidung an. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas Unabgeschlossenes in der Dunkelheit zurückgelassen – und ein kleiner, verräterischer Teil von ihr fragte sich, ob Killian wohl noch dort stand und wartete, oder ob er bereits aufgegeben hatte und gegangen war, so wie er es schon einmal, vor fünf Jahren, getan hatte.

„Du bist nicht gekommen.“

Sie wirbelte herum.

Killian stand ein paar Schritte entfernt, halb verborgen im Schatten einer gestutzten Hecke. Die Hände in den Taschen, beobachtete er sie mit einem Ausdruck, den sie nicht recht deuten konnte. Nicht wütend. Nicht selbstgefällig. Eher so, als wäre er nicht überrascht – wie ein Mann, der sich auf genau diesen Ausgang eingestellt hatte und nun keinerlei Genugtuung daraus zog, recht behalten zu haben.

„Du hättest gar nicht hier sein sollen“, sagte Aurora und schlang die Arme fester um sich, um sich gegen die Kälte zu schützen. „Ich hatte dir doch das Osttor genannt.“

„Ich weiß. Ich bin ohnehin davon ausgegangen, dass du nicht auftauchen würdest.“ Ein flüchtiges, humorloses Lächeln huschte über sein Gesicht. „Also bin ich stattdessen zu dir gekommen.“

„So läuft das nicht, Killian. Ich richte mich nicht nach einem Countdown, den du vorgibst.“

„Ich will dich nicht kontrollieren.“ Er machte einen Schritt auf sie zu, hielt dann aber inne – als hätte er sich gerade noch rechtzeitig gebremst –, um ihr den Raum zu lassen, um den sie zwar nicht gebeten hatte, für den sie aber dennoch dankbar war. „Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich bezüglich der Klausel nicht gelogen habe. Salvatore hat sie nicht verfasst. Ich weiß das, weil ich den ursprünglichen Entwurf gesehen habe – den, bevor die Anwälte von Moretti Holdings ihre Finger im Spiel hatten.“

Aurora zog sich der Magen zusammen. „Woher willst du den gesehen haben?“

„Das kann ich dir hier draußen nicht erklären – nicht in fünf Minuten und schon gar nicht in der Dunkelheit.“ Sein Kiefer spannte sich an; in seinen Augen blitzte eine alte Frustration auf. „Es hängt mit Dingen zusammen, von denen ich dir noch nicht erzählt habe. Dinge, über die ich damals ebenfalls nicht sprechen konnte.“

„Das ist ja praktisch.“ Aurora verschränkte die Arme vor der Brust, als könnte sie so die Wärme festhalten, die ihr angesichts der nächtlichen Kälte fehlte. „Du verschwindest für fünf Jahre, ohne jede Erklärung, und jetzt heißt es jedes Mal, wenn ich dir eine ernsthafte Frage stelle: ‚Noch nicht‘ oder ‚Das kann ich jetzt gerade nicht erklären‘. Verstehst du, wie das aus meiner Sicht klingt?“

„Ich weiß, wie es klingt.“ Ein rauer Unterton schlich sich in seine Stimme. „Ich weiß ganz genau, wie es klingt, Aurora – denn ich habe fünf Jahre damit verbracht, in Gedanken jede erdenkliche Version unseres Gesprächs durchzuspielen, in der ich dir endlich alles erzähle. Und in keiner dieser Versionen glaubst du mir am Ende.“

„Warum sollte es dann ausgerechnet heute Abend anders sein?“

„Ist es nicht.“ Er sagte es schlicht, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich erwarte nicht, dass du mir heute Abend glaubst. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich hier nicht der Feind bin – auch wenn ich verstehe, warum es so aussieht.“

Aurora betrachtete sein Gesicht im schwachen Licht, das aus den Fenstern des Ballsaals fiel. Sie suchte nach dem Jungen, den sie einst gekannt hatte – verborgen hinter den härteren Zügen des Mannes, der nun vor ihr stand. Sie fand Spuren von ihm – in der Art, wie sein Kiefer zuckte, wenn er etwas zurückhielt; in der rastlosen Weise, wie er sein Gewicht verlagerte, als stünde er ständig kurz davor, sich zu bewegen. Doch ansonsten war er ihr ein Fremder, und das beunruhigte sie mehr, als es sein plötzliches Auftauchen je hätte tun können.

„Du sprichst ständig von Dingen, von denen du mir noch nichts erzählen kannst“, sagte sie, während die Kälte in ihre unbedeckten Arme biss. „Irgendwann klingt ‚noch nicht‘ verdammt nach ‚niemals‘, Killian. Das haben mich fünf Jahre des Schweigens gelehrt – ob du das nun beabsichtigt hast oder nicht.“

„Ich weiß.“ Seine Stimme brach bei diesen Worten leicht, und für einen Moment bröckelte seine sorgsame Beherrschung – ein Blick auf etwas Roheres, das darunter verborgen lag. „Glaub mir, ich weiß genau, wie das klingt. Aber manches davon ist nicht allein mein Geheimnis, das ich einfach so preisgeben könnte. Einiges davon könnte Menschen gefährden, die ich nach wie vor zu schützen versuche.“

Aurora musterte ihn einen langen Moment lang. Die Kälte ließ ihre Fingerspitzen taub werden, während aus dem Ballsaal hinter ihnen leise die Klänge eines Streichquartetts herüberwehten.

„Ich habe die Klausel gelesen“, sagte sie schließlich. „Salvatore hat es sehr deutlich ausgedrückt: Bei jedem Kontakt mit dir fordert er den Kredit zurück. Mein Vater landet im Gefängnis. Die Firma geht zugrunde.“ Sie schluckte schwer; die kalte Luft brannte in ihrer Kehle. „Was auch immer das hier ist … was auch immer du versuchst, zwischen uns wieder aufzubauen – es hat jetzt seinen Preis. Einen echten Preis. Es geht nicht mehr nur um meinen Stolz. Es geht um das Leben meines Vaters.“ „Ich kann das nicht mehr so abwägen, wie ich es vielleicht vor fünf Jahren getan hätte – damals, als nur mein eigenes Herz auf dem Spiel stand.“

Auf Killians Gesicht regte sich etwas; Schuld und Wut vermischten sich. „Er benutzt dich als Waffe gegen mich. Siehst du das denn nicht? Bei dieser Klausel geht es gar nicht wirklich um dich und mich. Es geht um Kontrolle. Es ging schon immer um Kontrolle.“

„Es ist mir egal, worum es geht.“ Ihre Stimme brach, nur ein ganz kleines bisschen. „Mir geht es darum, dass jedes Mal, wenn du in meiner Nähe bist, jemand, den ich liebe, zu Schaden kommt. Das ist kein Zufall, den ich einfach weiter ignorieren kann, Killian. Das ist ein Muster.“

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen, und für einen Moment bereute sie es fast, das gesagt zu haben – fast. Doch dann erinnerte sie sich an die leere Kaffeetasse auf ihrer Küchenzeile vor fünf Jahren, an die Stille, die sie ein halbes Jahrzehnt lang begleitet hatte.

„Also ist das der Abschied“, sagte er leise. „Schon wieder.“

„Ich weiß nicht, was das hier ist.“ Aurora verschränkte die Arme vor dem Körper, um sich gegen die Kälte zu schützen. „Ich weiß nur, dass ich es mir heute Abend nicht leisten kann, das herauszufinden. In weniger als achtzehn Stunden steht meine Hochzeit an – und mein Vater ist darauf angewiesen, dass ich sie über die Bühne bringe, ohne dass es zu einem weiteren Eklat kommt.“

Killian nickte langsam; eine gewisse Resignation legte sich auf seine Schultern. Er trat einen Schritt zurück und schuf so die Distanz zwischen ihnen, die sie selbst nicht hatte herstellen können. Seine Silhouette wurde halb vom Schatten der Hecke verschluckt.

„Nur damit du es weißt“, sagte er, „ich habe nie aufgehört, zu versuchen, das hier in Ordnung zu bringen. Selbst als ich dir nicht sagen konnte, warum ich gegangen bin, habe ich immer versucht, alles wiedergutzumachen.“

Er wandte sich zum Gehen; seine Stiefel knirschten leise auf dem Kiesweg.

„Killian.“ Das Wort entwich ihr, noch bevor sie sich dazu entschlossen hatte, es auszusprechen.

Er hielt inne, die Schultern angespannt, als wüsste er bereits, dass alles Folgende von Bedeutung sein würde.

„Die Klausel.“ Ihre Stimme war nun fester, schärfer, durchdrang die kalte Nachtluft. „Wenn Salvatore sie nicht geschrieben hat – wer dann?“

Killian schwieg lange, seine grauen Augen im Dunkeln undurchschaubar, ein innerer Kampf tobte hinter ihnen, dem sie nicht folgen konnte. Als er schließlich sprach, hatte seine Stimme ihre vorherige Ruhe verloren.

„Deine Mutter“, sagte er. „Vor acht Jahren. Bevor wir beide wussten, wozu die Morettis wirklich fähig waren.“

Die Welt geriet ins Wanken.

„Was hast du gerade gesagt?“

Doch er ging bereits fort, verschwand im Schatten hinter der Hecke und ließ sie allein in der

Kälte zurück, mit einem Satz, der alles, was sie über ihr Leben zu wissen glaubte, auf den Kopf gestellt hatte.

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