LOGINKapitel Sechs
DAS GEFLÜSTER
*Saras POV
Ich schlief nicht, nachdem ich den Zettel gefunden hatte. Ich saß die meiste Nacht am Fenster und starrte auf die elegante, feminine Handschrift, bis die Worte ineinander verschwammen. *Verlasse Silvermoon, oder du wirst enden wie dein Vater.* Ich redete mir ein, es bedeute nichts. Eine Einschüchterungstaktik. Lira wollte mich weg, nicht tot. Doch die dolchscharfe Ordentlichkeit der Buchstaben ließ meinen Magen jedes Mal verkrampfen, wenn ich sie ansah.
Bis zum Morgen hatte ich beschlossen, nichts zu sagen. Nicht Kael. Nicht einmal Snow.
Wenn ich es Kael sagte, würde er es als Rudelpolitik abtun, einen weiteren Grund, von meiner Anwesenheit gereizt zu sein. Wenn ich es Snow sagte, würde er Lira selbst konfrontieren wollen, und das würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken. Also faltete ich den Zettel klein und steckte ihn unter die lose Diele unter meinem Bett, und ich tat so, als wäre nichts geschehen.
Es war schwieriger als erwartet.
Lira beobachtete mich beim Frühstück mit einem ruhigen, zufriedenen Blick, der mir die Haut kriechen ließ. Sie wusste, dass ich ihn gelesen hatte. Sie wusste, dass ich schwieg. Und irgendwie schien dieses Schweigen ihr mehr zu gefallen als Panik es getan hätte.
Ich hielt mich beschäftigt. Die Bibliothek war zu meinem Zufluchtsort geworden, dem einzigen Ort in Silvermoon, wo mich niemand ansah wie eine Krankheit, die darauf wartete, sich auszubreiten. Ich kehrte zu den alten Karten zurück und verfolgte die Grenzen zwischen Blackthorn- und Silvermoon-Territorium, auf der Suche nach irgendetwas, das erklären könnte, warum mein Vater dafür gestorben war, dass er einfach zu nah an einer Linie auf einer Seite gestanden hatte.
Ich war tief in einem Stapel Korrespondenz versunken, verblasste Tinte und brüchiges Papier, als ich Stimmen auf dem Korridor vor der Bibliothekstür hörte. Ich erstarrte und erkannte eine davon als Garrick, einen von Kaels leitenden Kriegern.
„...zu praktisch", sagte Garrick, gedämpft und angespannt. „Verzerrte Wölfe durchbrechen unseren Sicherheitsring nicht zweimal in einer Saison ohne Hilfe von innen."
Eine zweite Stimme, älter, rauer. „Du glaubst, jemand hier gibt Blackthorn unsere Patrouillenrouten weiter."
„Ich glaube, jemand hier gibt Blackthorn alles weiter", sagte Garrick. „Und ich glaube, Kael ist zu abgelenkt, um es zu sehen."
Ihre Schritte entfernten sich, bevor ich noch mehr hören konnte. Ich saß sehr still, mein Herz hämmerte, die alten Briefe vergessen in meinen Händen. Ein Verräter. Jemand innerhalb von Silvermoon, der dem Feind Informationen zusteckte. Es erklärte zu vieles — das Timing der Angriffe, die Art, wie Blackthorns Kräfte immer genau zu wissen schienen, wo das Rudel am schwächsten war.
Ich dachte an Liras Feindseligkeit, scharf und unmittelbar, und fragte mich, ob es einfache Eifersucht war oder etwas weitaus Berechneteres.
An jenem Nachmittag fand mich Snow im Garten, sein Ausdruck angespannter als sonst.
„Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen", sagte er und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Mir geht es gut", log ich.
Er drang nicht weiter, obwohl ich merken konnte, dass er mir nicht glaubte. Stattdessen zog er mich sanft hinter die Heckenreihe, seine Hände fanden meine Taille, seine Stirn ruhte gegen meine.
„Ich hasse das", murmelte Snow. „Schleichen. Verstecken. Zusehen, wie du durch dieses Rudelhaus gehst, als wärst du aus Glas, während die eine Hälfte von ihnen dich loswerden will und die andere Hälfte es gleichgültig ist, ob du zerbrichst."
„Es gibt nichts anderes, was wir tun können", sagte ich. „Noch nicht."
„Ich weiß." Sein Daumen zog langsame Kreise gegen meine Hüfte, und die Berührung sandte Hitze tief in meinen Bauch, schärfer als zuvor. „Aber ich bin es müde, so zu tun, als wollte ich nicht mehr als das."
Die Luft zwischen uns veränderte sich, schwerer, schwerer zu atmen. Seine Augen senkten sich auf meinen Mund.
„Snow"
„Ich weiß", sagte er erneut, diesmal leiser, und zog sich zurück, bevor einer von uns sich völlig verlieren konnte. „Noch nicht. Aber bald, Sara. Das meine ich ernst."
Das Versprechen verweilte den Rest des Tages warm und gefährlich in meiner Brust.
In jener Nacht kam Kael erst weit nach Mitternacht in mein Zimmer, und als er es tat, lag eine Unruhe in ihm, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Er schritt zunächst am Fenster auf und ab, den Kiefer angespannt, bevor die Bindung ihn zu mir zog, wie sie es immer tat, heftig und wortlos und unmöglich zu bekämpfen. Danach saß er eine lange Weile am Bettrand mit dem Kopf in den Händen, bevor er sprach.
„Zwei weitere Patrouillen verschwunden", sagte er, fast zu sich selbst. „Wir verlieren Boden."
„Kael." Ich richtete mich auf und zog das Laken um mich. „Was, wenn jemand ihnen hilft?"
Sein Kopf wandte sich scharf. „Was meinst du damit?"
Ich wäre fast dazu gebracht worden, ihm zu erzählen, was ich belauscht hatte. Doch Garricks Stimme hallte in meinem Kopf — *zu abgelenkt, um es zu sehen* — und ich wusste noch nicht, ob ich darauf vertrauen konnte, wohin diese Information gelangen würde, oder wer zuhören könnte.
„Nichts", sagte ich stattdessen. „Nur ein Gedanke."
Kael betrachtete mich noch einen Moment länger, Verdacht flackerte hinter seinen Augen, bevor er aufstand und sich schweigend anzog. An der Tür hielt er inne.
„Wenn du etwas weißt, Sara, sag es mir."
„Ich weiß nichts", sagte ich. Es war fast die Wahrheit.
Er ging ohne ein weiteres Wort, und ich lag lange danach wach und drehte Garricks Warnung und Liras Drohung immer wieder in meinem Kopf um, zwei Fäden, die sich enger um dasselbe ausgefranste Seil zogen. Irgendwo in Silvermoon wollte jemand, dass ich verschwand. Jemand wollte das Rudel geschwächt. Und ich begann zu befürchten, dass es dieselbe Person sein könnte.
Kapitel sechsundsechzig: Die Tür öffnet sichSaras Perspektive„Sara“, sagte Kael, die Arme noch immer um mich. „Sprich mit mir.“„Ich bin hier“, sagte ich. „Ich bin noch hier.“„Was fühlst du?“, sagte Snow. Er war direkt neben mir, seine Hand an meinem Gesicht, seine Augen suchten meine.„Es ist wie in einer Strömung zu stehen“, sagte ich. „Sie zieht mich nirgendwohin. Sie bewegt sich durch mich hindurch.“ Ich sah Luca an, der noch immer auf dem Pfad stand. „Du hast das von Anfang an geplant. Nicht die Bindung. Mich. Dafür zu sorgen, dass ich hier stehe.“„Ja“, sagte Luca. Ohne Triumph. Ohne Entschuldigung. Nur ein Mann, der eine Tatsache feststellte, die er lange mit sich herumgetragen hatte. „Sera Voss hat etwas über die Schatten-Omega-Blutlinie verstanden, das Thalira nie vollständig akzeptiert hat. Der Erbe öffnet die Tür nicht mit Kraft. Der Erbe öffnet die Tür, indem er über dem strukturellen Punkt anwesend ist, wenn der Bruch das kritische Stadium erreicht. Deine Kraft erledig
Kapitel fünfundsechzig: In die umkämpftenLandeSaras PerspektiveWir verließen Silvermoon, bevor das Rudel das Frühstück beendet hatte.Zu viert. Ich, Kael, Snow, Lira. Nach Osten durch das äußere Tor, ohne Ankündigung oder Zeremonie.Thalira stand am Tor, als wir vorbeikamen. „Ich werde den Bruch so lange halten, wie ich kann“, sagte Thalira. „Lasst mich ihn nicht länger halten, als ich kann.“„Werden wir nicht“, sagte ich.Sie nickte einmal, und wir ließen sie dort zurück.Ich hatte Mira gebeten zurückzubleiben. Sie hatte es nicht gut aufgenommen.„Du lässt mich hier“, sagte Mira flach, als ich es ihr sagte.„Ich brauche jemanden, dem ich vertraue, innerhalb dieser Mauern, während wir fort sind“, sagte ich. „Jemanden, der nicht Thalira ist, weil Thalira die Bindung managen wird und nicht gleichzeitig das Rudel beaufsichtigen kann.“„Du willst, dass ich babysitte“, sagte Mira.„Ich will, dass du meine Augen bist“, sagte ich. „Das ist ein Unterschied.“Mira hatte mich einen langen Mo
Kapitel vierundsechzig: Zu spätSaras PerspektiveWir verließen den Kriegsraum gemeinsam und gingen, um Aldric zu suchen.Kael stieß seine Tür auf, ohne anzuklopfen.Der Geruch erreichte uns vor allem anderen. Snow legte seine Hand auf meinen Arm. Thalira trat an uns beiden vorbei und ging zuerst hinein.Aldric saß auf dem Stuhl neben dem Fenster. Diese besondere Reglosigkeit, die keine Abstufungen kennt und keinen Zweifel daran lässt, was sie bedeutet.Kael durchquerte den Raum und kauerte sich neben ihn. Er presste zwei Finger an Aldrics Kehle und hielt sie länger dort, als nötig gewesen wäre. Dann stand er auf, drehte sich um, und sein Gesicht machte das, was es immer machte, wenn etwas Ungeheures in einer Tiefe festgehalten wurde, die erst später sichtbar werden würde.„Wie lange?“, sagte Snow.„Nicht lange“, sagte Thalira. Sie untersuchte den Türrahmen und fuhr mit den Fingern langsam über das Holz. „Jemand, der genau wusste, was er tat, und keine Zeit damit verschwendet hat.“„L
Kapitel dreiundsechzig: Alte Allianzen, neue GefahrenSaras PerspektiveDer Kriegsraum fühlte sich anders an, als wir alle vier gleichzeitig am selben Tisch saßen und dieselbe Richtung hatten.Keine Krise, die uns dorthin zog. Keine unmittelbare Bedrohung, die das Gespräch erzwang. Nur Sara, Kael, Snow und Thalira um den steinernen Tisch, mit allem, was wir wussten, zwischen uns ausgebreitet und einem klaren Ziel, das zum ersten Mal im Zentrum stand.Ich hatte ihnen erzählt, was ich Kael auf dem Trainingshof gesagt hatte. Der Name meines Vaters. Ryker, der vor einer Menge stand. Die Wahrheit, die in Blackthorn ans Licht kam, auf eine Weise, die nicht gemanagt oder begraben werden konnte.Niemand widersprach. Niemand bot ein anderes Ziel an. Was mir sagte, dass sie alle darauf gewartet hatten, dass ich es laut aussprach.„Das Instrument zuerst“, sagte Kael. „Vor allem anderen. Wir können nichts aufbauen, solange jemand aktiv gegen uns innerhalb dieser Mauern arbeitet.“„Einverstanden“,
Kapitel zweiundsechzig: DAS VERLANGENSaras PerspektiveIch erwachte vor Sonnenaufgang und versuchte nicht, wieder einzuschlafen.Ich saß im Dunkeln auf der Bettkante und erlaubte mir etwas, das ich seit der Nacht, in der Kael mich aus dem Renegatengebiet hinausgetragen hatte, nicht mehr richtig getan hatte. Ich erlaubte mir, mich zu erinnern.Das Gesicht meines Vaters an dem Morgen, an dem sie ihn holten. Er hatte über den Platz hinweg zu mir gesehen, mit einem Ausdruck, den zu entschlüsseln ich Monate verbracht hatte. Keine Angst. Keine Entschuldigung. Etwas, das näher an Vertrauen lag. Als übergäbe er mir etwas, das er nicht mehr tragen konnte, und glaubte, ich sei stark genug, es zu halten.Dann Ryker.Er stand vor dem gesamten Rudel, seine Stimme trug über den Platz, als verkünde er etwas Alltägliches. Jedes Wort präzise und öffentlich und darauf angelegt, mit größtmöglichem Schaden zu treffen. Dein Vater war ein Verräter. Du bist nichts. Du gehörst nicht mehr zu mir. Du bist hie
Kapitel einundsechzig: Der NameSaras PerspektiveIch fand Kael kurz vor Mitternacht im Kriegsraum.Er saß am Tisch, ohne dass etwas vor ihm lag. Er sah auf, als ich hereinkam, und las mein Gesicht so, wie er es gelernt hatte – schnell und ohne zuerst unnötige Fragen zu stellen.„Setz dich“, sagte ich.Er setzte sich.Ich sagte ihm den Namen.Ich beobachtete, wie er landete. Nicht dramatisch. So, wie die schlimmste Art von Nachricht bei Menschen landet, die gelernt haben, Dinge im Stehen zu empfangen – leise, in der Reglosigkeit von jemandem, der etwas Schweres hält und in Echtzeit entscheidet, wie er es tragen soll.Kaels Blick ging in eine mittlere Ferne, in der nichts war außer der Erinnerung, die der Name gerade heraufgezogen hatte.Dann stellte er mir eine Frage.„Wie lange?“, sagte Kael.„Aldric glaubt mindestens vierzehn Monate“, sagte ich. „Möglicherweise länger.“Kael nickte einmal. Langsam. Wie ein Mann, der etwas aufnimmt, das er nicht hatte kommen sehen, das ihn aber nicht
Kapitel AchtCHAOS*Saras SichtLira stürzte sich mit erhobener Klinge auf mich. Im letzten Moment wich ich aus. Der Dolch zischte durch die Luft und verfehlte meine Kehle nur um Haaresbreite. Ich taumelte zurück, mein Herz raste.„Du Miststück“, zischte Lira, ihre Augen glühten vor Hass. „Du glaub
Kapitel SiebenSILVERMOON*Saras POVDie Spannungen in Silvermoon erreichten neue Höhen. Mehrere Krieger weigerten sich, in meiner Nähe Patrouille zu laufen. Liras Einfluss wurde jeden Tag stärker. Sie hatte eine Gruppe von Wölfinnen davon überzeugt, dass ich ein Fluch war, der geschickt wurde, um
Kapitel FünfRUDELHAUS*Saras POVAm nächsten Morgen verlegte Kael uns in einen sichereren Flügel des Rudelhauses. Ich ging neben ihm und spürte das Gewicht jedes Blickes aus dem Rudel. Manche Augen waren neugierig. Andere brannten vor offener Feindseligkeit.„Du wirst in diesem Zimmer bleiben", sa
Kapitel VierDER FEIND IM INNEREN*Saras POVIch folgte Kael die schmale Steintreppe hinunter, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Sein Griff an meinem Arm war fest, fast schmerzhaft, während Heulrufe durch das Rudelhaus hallten. Die verzerrten Wölfe waren überall.„Bleib nah bei mir", befahl Ka







