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KAPITEL 5: DER ANRUF

Author: Whitefield
last update publish date: 2026-09-09 23:47:33

ROWANS SICHT

Mein Handy vibrierte in meiner Hand, und auf dem Display leuchtete der Name meiner Mom auf. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, drang ein lautes Stöhnen durch die Wand aus Jaces Zimmer.

„Scheiße“, flüsterte ich und presste das Handy gegen meine Brust, um das Geräusch zu dämpfen.

Das Vibrieren verstummte.

Ich stand wie erstarrt neben meinem Bett und starrte die Wand an, als hätte sie mich persönlich verraten. Durch sie drang ein weiteres Stöhnen – hoch und atemlos –, gefolgt von einem Kichern, das mir den Magen umdrehte.

Ausgerechnet heute Nacht.

Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem Mom anrufen konnte.

Hier konnte ich nicht rangehen. Mom würde alles hören. Sie würde Fragen stellen, die ich nicht beantworten konnte. Und dann? Müsste ich ihr erklären, warum ich allein in meinem Zimmer saß, während mein Stiefbruder auf der anderen Seite des Flurs einen Dreier hatte.

Das Handy begann erneut zu klingeln.

„Scheiße, scheiße, scheiße.“

Ich fummelte daran herum, während mein Daumen über der Taste zum Ablehnen schwebte.

Aber ich konnte sie nicht ignorieren.

Mom war nicht der Typ Mensch, der ohne Grund mehr als zweimal anrief. Wenn sie um diese Uhrzeit anrief, musste sie etwas beschäftigen.

Oder schlimmer noch – sie würde so lange anrufen, bis ich ranging.

Ich blickte zu meiner Schlafzimmertür.

Der Flur war mein einziger Ausweg.

Mit wild hämmerndem Herzen durchquerte ich das Zimmer und öffnete die Tür nur einen Spalt.

Der Flur erstreckte sich vor mir, dunkel und still. Das einzige Licht kam von dem schmalen Schein, der unter Jaces Tür hervordrang.

Nur war seine Tür nicht vollständig geschlossen.

Sie stand einen Spalt offen.

Und durch diesen Spalt drangen Licht, Lachen, geflüsterte Worte und all die Dinge, die ich verzweifelt nicht hören wollte.

„Oh Gott, genau da …“

Die Stimme eines Mädchens, atemlos und laut.

Ich kniff die Augen zusammen.

Vielleicht würden sie fertig werden, wenn ich nur lange genug wartete.

Vielleicht konnte ich danach unbemerkt nach unten gehen.

„Hör nicht auf, bitte, hör nicht auf …“

Das rhythmische Knarren des Bettrahmens folgte.

Zuerst langsam.

Dann schneller.

Meine Finger schlossen sich fester um den Türgriff, bis meine Knöchel schmerzten.

Ich konnte mich nicht bewegen.

Meine Füße fühlten sich an, als wären sie am Boden festgenagelt.

Ich hatte keine Ahnung, warum ich immer noch dort stand.

Vielleicht war es der Schock.

Vielleicht die Verlegenheit.

Vielleicht wartete irgendein dummer Teil von mir einfach darauf, dass die Geräusche aufhörten, damit ich so tun konnte, als wäre das alles nie passiert.

Aber sie hörten nicht auf.

Stattdessen drang erneut ein Schwall Gelächter aus dem Zimmer.

Ich senkte den Blick.

Der Boden unter mir schien plötzlich weitaus interessanter zu sein als die halb geöffnete Tür.

Dann hörte ich Jaces Stimme – tief, rau und vollkommen gleichgültig.

„Du bist ganz schön laut.“

Das Mädchen lachte atemlos.

„Deine Schuld. Du bist einfach zu gut.“

Eine weitere Stimme mischte sich ein.

Das zweite Mädchen.

„Soll die Tür offen sein? Was, wenn uns jemand hört?“

Mein Magen zog sich zusammen.

Dann ertönte Lilys Stimme.

Scharf.

Spöttisch.

„Entspann dich. Da draußen ist nur sein Loser-Stiefbruder.“

Mein Blut gefror.

„Der heult wahrscheinlich gerade in seinem Zimmer oder so.“

Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

Das andere Mädchen kicherte.

„Stimmt, oder? Er ist immer so still. Ehrlich gesagt irgendwie unheimlich.“

Ich starrte auf den Boden.

Jedes Wort fühlte sich absichtlich gewählt an.

Jedes Lachen wie ein weiterer Stoß.

Ich hatte jahrelang versucht, niemandem zur Last zu fallen.

Versucht, allen aus dem Weg zu gehen.

Versucht, mich so klein zu machen, dass niemand einen Grund hatte, sich über mich zu beschweren.

Und irgendwie war selbst das nicht genug.

Offenbar machte mich meine Stille unheimlich.

Meine Einsamkeit machte mich erbärmlich.

Und Jaces Stiefbruder zu sein, machte mich zu einem leichten Ziel.

„Redet nicht über ihn“, sagte Jace.

Mein Atem stockte.

Warte.

Verteidigte er mich gerade?

Für eine idiotische Sekunde flackerte Hoffnung in meiner Brust auf.

Vielleicht war er doch nicht so herzlos, wie ich dachte.

Vielleicht hatte er endlich erkannt, wie weit das Ganze gegangen war.

Vielleicht—

Dann schnaubte Lily.

„Seit wann interessiert dich dieser Freak?“

„Tut es nicht.“

Jaces Stimme war jetzt kalt.

Abweisend.

„Ich will nur seinen Namen nicht in meinem Mund haben, während ich dich ficke.“

Die Worte trafen mich wie ein körperlicher Schlag.

Tut es nicht.

Er interessiert mich nicht.

Die Hoffnung in mir starb genauso schnell, wie sie aufgeflammt war.

Ich stand dort wie erstarrt, das Handy gegen meine Brust gepresst, als wäre es das Einzige, was mein Herz davon abhielt, aus meinem Körper zu fallen.

Hinter der Tür gingen die Geräusche weiter – Stöhnen, Kichern, geflüsterte Ermutigungen –, doch sie wirkten nun weit entfernt, gedämpft von dem Dröhnen in meinen Ohren.

Ich hätte es erwarten müssen.

Natürlich interessierte ich ihn nicht.

Das hatte er letzte Nacht deutlich gemacht, als er wortlos gegangen war.

Heute Morgen hatte er es erneut deutlich gemacht, als er das Haus verlassen hatte, ohne mich auch nur anzusehen.

Und jetzt machte er es wieder deutlich, indem er meine Existenz zum Witz machte, während zwei Mädchen hinter seiner Schlafzimmertür lachten.

Meine Kehle brannte.

Ich schluckte schwer.

Nicht weinen.

Nicht hier.

Nicht wegen ihm.

Ich wandte das Gesicht ab und kniff die Augen zusammen.

Ich hasste es, dass seine Worte mich immer noch trafen.

Ich hasste es, dass ein winziger Teil von mir sich immer noch darum scherte, was er dachte.

Und am meisten hasste ich mich selbst dafür, dass ich etwas anderes erwartet hatte.

Vielleicht war genau das mein Problem.

Ich erwartete immer wieder, dass Menschen sich um mich kümmerten, nur weil ich mich um sie kümmerte.

So funktionierte das nicht.

Mein Handy vibrierte erneut.

Ich blickte darauf.

Mom.

Ich war kurz davor, den Anruf abzulehnen.

Was auch immer zwischen Jace und mir vor sich ging, welche Demütigung auch immer auf der anderen Seite dieses Flurs auf mich wartete – Mom kam zuerst.

Ich blinzelte die Tränen weg, die in meinen Augen brannten.

Ihr Name leuchtete auf dem Display, ruhig und vertraut.

Eine Rettungsleine zu etwas Normalem.

Irgendwohin, wo ich sicher war.

Ich musste rangehen.

Ich öffnete die Tür weiter und schlüpfte auf den Flur.

Mit dem Rücken an der Wand bewegte ich mich Schritt für Schritt vorwärts und hielt den Blick starr auf die Treppe gerichtet.

Nicht hinsehen.

Nicht zuhören.

Einfach nach unten gehen.

Die Geräusche aus Jaces Zimmer wurden lauter, als ich daran vorbeiging – atemlose Stimmen, geflüsterte Worte, leises Fluchen und gelegentlich das Knarren des Bettes.

Hitze schoss mir ins Gesicht.

Ich hielt den Blick nach vorne gerichtet.

Stattdessen versuchte ich, mich auf Mom zu konzentrieren.

Vielleicht würde sie mir etwas völlig Alltägliches erzählen.

Vielleicht würde sie fragen, ob ich gegessen hatte.

Vielleicht würde sie sich über irgendetwas zu Hause beschweren.

Irgendetwas.

Irgendetwas Normales.

Irgendetwas, das meine Gedanken von der Demütigung hinter mir wegziehen konnte.

Fast geschafft.

Nur noch ein paar Schritte.

Ich konnte die Treppe bereits sehen.

Meine Finger schlossen sich fester um mein Handy.

Der Anruf hatte erneut aufgehört, aber Moms Name stand noch immer auf dem Display.

Ich tippte auf die Anruftaste.

Das Handy begann zu klingeln.

Ein Klingeln.

Zwei.

Verzweifelt lauschte ich auf ihre Stimme.

Komm schon, Mom.

Geh ran.

Die Geräusche hinter mir schienen plötzlich lauter zu werden.

Ich drehte mich nicht um.

Ich konnte es nicht.

Ich würde Jace oder irgendjemand anderem nicht die Genugtuung geben, zu sehen, wie sehr mich ihre Worte getroffen hatten.

Noch ein Schritt.

Dann noch einer.

Ich war fast an der Treppe, als plötzlich alles still wurde.

Das Stöhnen verstummte.

Ich erstarrte mitten im Schritt.

Mein Herz setzte in meiner Brust aus.

Stille.

Für eine furchterregende Sekunde sagte niemand etwas.

Dann—

„Wo gehst du hin, Baby?“

Die Stimme eines Mädchens, undeutlich und verwirrt, drang durch die offene Tür.

Ich bewegte mich nicht.

Atmete nicht.

„Ich brauche etwas zu trinken“, sagte Jace.

Seine Stimme klang jetzt anders.

Näher.

Viel zu nah.

Als würde er direkt neben der Tür stehen.

Mein Puls schnellte in die Höhe.

„Komm zurück ins Bett“, jammerte das andere Mädchen. „Wir sind noch nicht fertig.“

„Wartet dort.“

Meine Augen weiteten sich.

Schritte.

Einer.

Zwei.

Drei.

Sie kamen auf die Tür zu.

Mein Handy klingelte noch immer lautlos in meiner Hand.

Mom.

Jace kam heraus.

Und ich stand direkt in seinem Weg.

Panik traf mich wie eiskaltes Wasser.

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