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Goldene Augen.

Autor: Rose vale
last update Data de publicação: 2026-10-13 18:09:12

Nicht weit hinter der letzten Tankstelle ging die Straße in einen rauen Schotterweg über.

Lyras Schuhe waren von Staub bedeckt, als der Wald näher rückte. Auch die Luft veränderte sich – kühler und schwerer. Sie ging weiter. Die Koordinaten auf der Karte hatten sie hierhergeführt, und sie hatte nichts anderes mehr, dem sie folgen konnte.

Kein Schild wies den Eingang nach Ravencrest. Nur eine verstreute Ansammlung von Holzhäusern, dunkel und halb verborgen zwischen den Bäumen. Aus einem Fenster glomm gelbes Licht, das wie eine Warnung wirkte. Sie roch Rauch und etwas anderes, Schmutziges – wie brennendes Eisen.

Sie war noch drei Straßen vom Zentrum entfernt, als sie zum ersten Mal ein leises Knurren aus den Bäumen zu ihrer Linken hörte.

Lyra blieb stehen.

Ein weiteres Knurren von rechts. Diesmal näher, hinter ihr.

Sie drehte sich langsam um. Doch sie sah nichts. Sie blickte sich um, hörte aber wieder nichts. Nach einigen Sekunden kam ein weiteres Knurren – und diesmal bewegte sich etwas aus den Bäumen heraus. Wölfe. Doch größer, als jedes normale Tier sein konnte. Schultern hoch, Köpfe gesenkt, Augen, die wie Mondlicht glänzten, wie zerbrochenes Glas. Der vordere machte einen Schritt näher.

Lyras Herz schlug schnell und hart, als wollte es gegen ihre Rippen schlagen. Sie rannte nicht, denn es gab nirgendwo mehr hin, wohin sie fliehen konnte.

Der erste Wolf machte einen weiteren Schritt.

Aus den Bäumen kam ein anderes Geräusch. Der erste Wolf blieb stehen, die Ohren gespitzt. Eine vierte Gestalt trat aus dem Dickicht. Größer, breiter, mit einer Stille bewegend, die die anderen ohne Befehl die Köpfe senken ließ.

Er war ein Mensch.

Schwarzes Haar, kalt von der Nachtluft. Schwarze Kleidung. Ein Gesicht, das aussah, als sei es aus demselben harten Stein gehauen wie die Berge. Seine Augen waren golden – dieselben goldenen Augen, die sie in der Nacht gesehen hatte, in der ihre Mutter starb.

Lyras Lungen vergaßen für einen Moment, wie man atmet.

Etwas in ihrer Brust zog sich eng zusammen, scharf und plötzlich. Hitze lief von ihrem Kopf ins Gesicht. Ihr Puls sprang so heftig, dass sie ihn im Hals spürte. Die Luft zwischen ihnen fühlte sich geladen an, dicht, fast elektrisch. Sie konnte ihn riechen – Kiefer, Rauch und etwas Dunkleres, Wärmeres, das ihren Mund trocken werden ließ.

Er blieb zehn Fuß entfernt stehen. Sein Blick glitt langsam über sie, erfasste die zerrissene Kleidung, das getrocknete Blut an ihren Händen, den silbernen Anhänger an ihrem Hals. Etwas flackerte hinter seinen Augen auf – wie ein unstetes Licht. Wiedererkennung. Dann etwas Heißeres, Gefährlicheres.

„Warum bist du hier?“  

„Du solltest nicht hier sein“, sagte er. Seine Stimme war tief und rau, als hätte er sie weniger benutzt, als er sollte.

Lyras Finger ballten sich zu Fäusten an ihren Seiten. „Ich habe nicht um Erlaubnis gebeten.“

Einer der Wölfe knurrte. Der Mann hob zwei Finger, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Das Knurren verstummte.

Er machte einen weiteren Schritt näher. Der Zug in ihrer Brust zog sich enger. Ihre Haut fühlte sich zu empfindlich an, jede Luftbewegung zu viel. Sie hasste, wie bewusst sie sich der Breite seiner Schultern war, der Art, wie sich sein Kehlkopf bewegte, wenn er schluckte, und des schwachen Geruchs von ihm, der sich unter ihrer Zunge abzusetzen schien.

„Name“, sagte er.

Sie wollte ihn fast nicht nennen. Dann erinnerte sie sich an das Papier in ihrer Tasche und daran, wie ihre Mutter gestorben war, ohne ihren Namen auszusprechen.

„Lyra Owen.“

Etwas veränderte sich in seinem Ausdruck – klein, kontrolliert, aber sie sah es. Der Name traf wie ein Stein, der in stilles Wasser fiel.

„Owen“, wiederholte er leiser, fast ängstlich. Seine Augen sanken erneut auf den Anhänger. „Natürlich.“

Er drehte den Kopf leicht zu den Wölfen. „Zurücktreten. Sie steht unter meinem Schutz.“

Der größte Wolf gab einen Laut von sich, der nicht ganz Protest war.

„Ich sagte zurücktreten“, wiederholte er.

Sie zogen sich einer nach dem anderen in die Dunkelheit zurück. Nur die Anspannung in der Luft blieb zurück.

Alexander sah sie erneut an. Das Gold in seinen Augen hatte sich verdunkelt. Er war jetzt nah genug, dass sie die schwache Narbe sehen konnte, die durch seine linke Augenbraue schnitt, und die Art, wie sich sein Kiefer einmal anspannte, als hielte er etwas zurück.

„Du kommst mit mir“, sagte er.

Lyra hob das Kinn. „Und wenn nicht?“

Sein Mund verzog sich, kein echtes Lächeln. „Dann lasse ich sie zu Ende bringen, was sie angefangen haben. Deine Wahl.“

Das Band zwischen ihnen pulsierte erneut – heiß, fordernd, fast schmerzhaft. Ihr Körper wollte näher treten. Ihr Verstand wollte weglaufen. Sie blieb genau dort stehen und atmete durch den Schmerz unter ihren Rippen.

„Geh voran“, sagte sie.

Er drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Lyra folgte ihm in die Bäume, den silbernen Anhänger warm an ihrer Haut, die Nachtluft dick vom Geruch von Kiefer und dem Mann, der drei Schritte vor ihr herging, als besäße er bereits jeden Atemzug, den sie tat.

Irgendwo hinter ihren Rippen war etwas Altes und Hungriges erwacht.

Und es blickte geradewegs auf ihn.

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