FAZER LOGINDas Haus stand auf dem höchsten Hügel des Territoriums – ganz aus dunklem Holz und Stein, die Fenster leuchteten wie wachsame Augen. Alexander sagte kein Wort, während er sie die breiten Stufen hinaufführte. Die Tür öffnete sich, bevor er sie erreichte. Eine Frau mit grauweißem Haar und einem vorsichtigen Gesicht trat wortlos zur Seite und senkte den Kopf. Ihre Augen huschten einmal zu Lyra, dann zum Anhänger und wieder hinunter.
Drinnen war die Luft wärmer. Sie roch nach Holzrauch, Leder und nach ihm.
Alexander blieb im Eingang stehen. „Du blutest.“
Lyra blickte hinunter. Die Schnitte an ihren Handflächen hatten sich wieder geöffnet. Blut war in dünnen braunen Linien über ihre Handgelenke getrocknet.
„Mir geht’s gut.“
Er gab einen tiefen Laut von sich, der nicht ganz Zustimmung war. „Gästezimmer ist oben. Zweite Tür links. Bad ist dabei. Wasch dich. Ich schicke Essen.“
Sie bewegte sich nicht. „Bin ich Gast oder Gefangene?“
Sein Blick hielt den ihren. Das Gold in seinen Augen hatte sich zu etwas Dunklerem, Schwererem verdichtet. „Heute Nacht bist du beides. Morgen entscheiden wir, was bleibt.“
Das Band zog erneut – scharf, tief in ihrem Unterleib. Sie spürte es in dem stechenden Gefühl auf ihrer Haut, in dem kürzer werdenden Atem, als er näher trat, um ihr die Tasche von der Schulter zu nehmen. Seine Finger streiften ihre Schulter. Der Kontakt war flüchtig. Trotzdem schickte er einen Schock von Hitze direkt ihre Wirbelsäule hinunter.
Er wurde still.
Einen Moment lang bewegte sich keiner von beiden.
Lyra spürte seine Wärme durch den dünnen Raum zwischen ihren Körpern. Sie konnte die Nachtluft riechen, die noch an seiner Kleidung hing. Ihr Puls schlug hart an der Seite ihres Halses. Sie sah, wie sich sein Kiefer anspannte, wie sein Blick auf ihren Mund fiel und dort ein wenig zu lange verweilte.
Er trat als Erster zurück.
„Geh“, sagte er. Seine Stimme war tiefer geworden. Rau. Voll Kraft und Kontrolle.
Sie ging.
Das Gästezimmer war größer als jeder Ort, an dem sie und ihre Mutter in den letzten Jahren übernachtet hatten. Breites Bett. Schwere Vorhänge. Ein Bad mit richtig heißem Wasser. Lyra stand unter dem fließenden Wasser, bis es klar von Blut und Schmutz war, bis ihre Hände aufhörten zu zittern. Sie zog das einzige saubere Hemd an, das ihr noch geblieben war, und setzte sich auf den Bettrand, starrte die geschlossene Tür an.
Trauer lag wie ein Stein in ihrer Brust. Jedes Mal, wenn sie blinzelte, sah sie die Hand ihrer Mutter, die sich nach ihr ausstreckte. Jedes Mal, wenn sie atmete, roch sie Kiefer und Rauch und den Mann unten, der sie ansah, als wäre sie zugleich eine Bedrohung und etwas, das er mit dem Mund berühren wollte.
Eine Stunde später kam es zu einem Klopfen.
Sie öffnete die Tür. Alexander stand da mit einem Tablett Essen. Er hatte sich nicht umgezogen. Immer noch in denselben dunklen Kleidern. Immer noch so, als hätte er sich nicht entschieden, ob er sie behalten oder den Wölfen zurückwerfen sollte.
Er stellte das Tablett auf den kleinen Tisch am Fenster. Ging nicht.
„Du kanntest meinen Namen“, sagte sie.
Er sagte kein Wort, während er neben ihr stand, sie ansah und lächelte. Doch man konnte erkennen, dass es kein echtes Lächeln war.
„Ich kannte die Blutlinie.“ Seine Augen folgten erneut dem Anhänger.
„Meine Mutter hat mich laufen lassen.“
„Sie war klug.“ Er ging zur Tür, lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen. Die Bewegung spannte sein Hemd über die Brust. Lyra hasste es, dass sie das bemerkte. „Dein Vater war kein Verräter. Nicht so, wie sie es erzählt haben. Aber das Rudel, das ihn zu Fall brachte, brauchte eine Geschichte – und der Name Owen war praktisch.“
Ihre Kehle zog sich zu. „Wer hat ihn getötet?“
Alexanders Ausdruck veränderte sich nicht. „Jemand, der noch in diesem Territorium lebt. Jemand, der nicht erfreut sein wird, wenn du in meinem Haus bleibst.“
Das Band pochte zwischen ihnen – heiß und fordernd. Lyra stand auf und trat einen Schritt näher, ohne es zu wollen. Die Luft fühlte sich dünner an. Sie konnte den Puls an der Basis seines Halses sehen. Sie wollte ihren Mund dorthin legen. Der Gedanke kam ungebeten, scharf, und ließ sie vor Wut über den eigenen Körper erröten.
„Dieses Ding“, sagte sie leise. „Was auch immer passiert, wenn du mich ansiehst?“
Doch er sagte kein Wort.
Er stieß sich vom Türrahmen ab. Zwei Schritte, und er war nah genug, dass sie den Kopf zurückneigen musste. Nah genug, dass seine Wärme in ihre Vorderseite eindrang. Seine Hand hob sich langsam und strich eine feuchte Haarsträhne von ihrer Wange. Die Berührung war behutsam. Trotzdem wurden ihre Knie weich.
„Du spürst es auch“, sagte er. Keine Frage.
„Ja.“
Sein Daumen fuhr den Rand ihres Kiefers entlang. „Dann verstehst du, warum ich dich hier nicht einfach gehen lassen kann. Das Rudel wird wittern, was du bist. Diejenigen, die die alte Blutlinie auslöschen wollen, werden nach dir kommen. Und das hier…“ Seine Finger glitten hinunter und ruhten leicht an der Seite ihres Halses, genau über ihrem Puls. „…das wird mich jeden töten lassen, der es versucht.“
Sie hörte eine Weile auf zu atmen. Sie hasste, wie sehr sie wollte, dass er fester drückte. Hasste, wie sich ihr Körper in die Berührung lehnte, als hätte er jahrelang genau darauf gewartet.
„Ich habe nichts davon verlangt“, flüsterte sie.
„Ich auch nicht.“
Einen langen Moment blieben sie so – seine Hand an ihrem Hals, ihre Hände fest in das Vorderteil seines Hemdes gekrallt, das Band zwischen ihnen brennend wie ein lebender Draht. Sie spürte die Zurückhaltung in ihm, die Art, wie sich jeder Muskel versteift hatte, um den letzten Zentimeter nicht zu schließen.
Dann klopfte jemand hart an die Tür unten.
Lyras Augen blitzten pur gold auf. Er trat zurück, der Kiefer angespannt, und der Verlust seiner Wärme traf sie wie kaltes Wasser.
„Bleib im Zimmer“, sagte er. „Schließ die Tür ab.“
Er drehte sich bereits weg.
Lyra griff nach seinem Handgelenk. „Wer ist das?“
Er blickte zu ihr zurück, der Ausdruck unlesbar.
„Die Frau, die Luna werden sollte“, sagte er. „Und sie weiß bereits, dass du hier bist.“
Der Ratssaal lag im Herzen des Haupthauses – lang, mit niedriger Decke und ausgekleidet mit dunklem Holz, das immer noch nach altem Rauch roch. Ein breiter Tisch beherrschte die Mitte. Zwölf Stühle. Die meisten bereits besetzt.Lyra spürte, wie jeder Blick auf ihr lastete, in dem Moment, als sie hinter Alexander durch die Tür trat.Sie trug immer noch sein Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die schlichte silberne Kette sichtbar an ihrem Schlüsselbein. Niemand hatte ihr andere Kleidung angeboten. Sie hatte nicht danach gefragt. Sollten sie ruhig starren.Alexander hielt nicht inne. Er ging geradewegs zum Kopfende des Tisches und zog den Stuhl zu seiner Rechten heraus. Keine Bitte. Ein Befehl.Lyra setzte sich.Calista war bereits da, drei Plätze weiter auf der gegenüberliegenden Seite. Sie trug Schwarz, das Haar perfekt glatt, der Ausdruck ruhig. Nur ihre Augen glitten einmal über Lyras geliehenes Hemd, einmal über die schwachen Markierungen, die noch an Alexanders Hal
Lyra wachte vom Geräusch des Regens an den Fenstern und dem schweren Gewicht eines Arms über ihrer Taille auf.Ein paar Sekunden lang rührte sie sich nicht. Das Zimmer war noch dunkel. Sie erhob sich von Alexanders Brust und ließ sich sanft auf den Rücken sinken. Sein Atem war warm an ihrem Nacken. Eines seiner Beine war mit ihrem verschlungen.Das Band lag still zwischen ihnen, aber längst nicht verschwunden. Es summte leise und gleichmäßig, wie ein zweiter Herzschlag. Sie hätte sich sicherer fühlen sollen.Stattdessen blitzte das Bild der offenen Augen des toten Jungen vor ihrem inneren Auge auf. Die Stimme der Frau aus der Vision. Der Blick, mit dem Calista sie angesehen hatte – als wäre sie bereits zum Entfernen markiert.Lyra glitt vorsichtig unter Alexanders Arm hervor. Er wachte nicht auf. Sie zog sein liegengelassenes Hemd über, der Stoff reichte ihr bis über die Hüften, knapp über die Knie.Der Wald sah im grauen Morgenlicht anders aus. Nass. Wachsam. Sie berührte die sch
Auf dem Rückweg sprachen sie kein Wort.Das Compound war still, als sie es erreichten. Der Großteil des Rudels hatte sich zurückgezogen, nachdem der Körper gebracht worden war. Alexander entließ die letzten beiden Wachen mit einem Blick und führte Lyra die Treppe hinauf. Er brachte sie nicht ins Gästezimmer.Er brachte sie in sein Zimmer.Die Tür fiel hart hinter ihnen zu. Einen Moment lang standen sie nur da im Dunkeln und atmeten dieselbe Luft. Das Band zwischen ihnen fühlte sich jetzt dichter an, fast sichtbar – ein lebender Strom unter der Haut.Lyras Hände zitterten immer noch von der Vision. Von den offenen Augen des toten Jungen. Von der Frauenstimme, die so sicher geklungen hatte, als sie ihren Namen als Waffe befohlen hatte. Trauer lag schwer in ihrer Brust. Darunter brannte etwas Heißeres.Alexander drehte den Schlüssel um.Dann war er über ihr.Es gab nichts Behutsames an der Art, wie er sie diesmal küsste. Mund offen, Zähne schabten, eine Hand ballte sich in ihrem Haar, um
Lyra blieb vier Minuten, nachdem die Vordertür zugefallen war.Dann zog sie ihre Stiefel an, schob den silbernen Anhänger unter ihr Hemd und folgte ihm.Die Nachtluft traf kalt und scharf. Sie folgte der Richtung, in die der Rudelangehörige gewiesen hatte – nach Süden, durch die Bäume, wo der Boden zu einem schmalen Bach hin abfiel. Stimmen trugen voraus. Leise. Angespannt. Sie blieb im Schatten, bewegte sich so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte: Ferse zur Zehe, Atem ruhig, Augen auf die Lücken zwischen den Stämmen.Sie fand sie am Wasserrand.Alexander stand mit drei anderen Wölfen in Menschengestalt da, alle blickten hinunter auf den Körper.Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Die Kehle aufgerissen. Blut hatte sich in das Moos gesogen und das Bachwasser rosa gefärbt. Seine Augen waren noch offen.Lyras Magen drehte sich um. Sie drückte eine Hand gegen den nächsten Baum und zwang die Übelkeit hinunter.Alexander hockte sich neben den Körper. Er berührte ihn nicht. Schließ
Lyra schloss die Tür ab.Dann schloss sie sie wieder auf und öffnete sie gerade weit genug, um zu hören, was sie sagten.Stimmen drangen die Treppe hinauf – Alexanders tief und kontrolliert, die einer Frau schärfer, mit einem Unterton, der fast wie Lachen klang.„Du hast eine Owen ins Haus gebracht.“ Die Stimme der Frau war glatt, kultiviert. „Nach allem, was dieses Rudel getan hat, um diesen Namen zu begraben.“„Sie steht unter meinem Schutz.“„Sie ist eine Belastung. Und du lässt das Band für dich denken.“Lyra trat näher an das Geländer. Die Luft unten roch jetzt anders – Parfüm über dem Holzrauch, süß und teuer. Sie konnte gerade den Rand eines dunklen Mantels sehen, einen langen Fall schwarzer Haare, die scharfe Linie eines Frauenprofils.Calista.„Sie ist halb tot und blutet“, sagte Alexander. „Ich werfe sie nicht in den Wald.“„Wie edel.“ Calista trat vollständig ins Blickfeld. Sie war schön. Ihre Augen hoben sich, fanden den Spalt in der oberen Tür und hielten inne. Ein langsa
Das Haus stand auf dem höchsten Hügel des Territoriums – ganz aus dunklem Holz und Stein, die Fenster leuchteten wie wachsame Augen. Alexander sagte kein Wort, während er sie die breiten Stufen hinaufführte. Die Tür öffnete sich, bevor er sie erreichte. Eine Frau mit grauweißem Haar und einem vorsichtigen Gesicht trat wortlos zur Seite und senkte den Kopf. Ihre Augen huschten einmal zu Lyra, dann zum Anhänger und wieder hinunter.Drinnen war die Luft wärmer. Sie roch nach Holzrauch, Leder und nach ihm.Alexander blieb im Eingang stehen. „Du blutest.“Lyra blickte hinunter. Die Schnitte an ihren Handflächen hatten sich wieder geöffnet. Blut war in dünnen braunen Linien über ihre Handgelenke getrocknet.„Mir geht’s gut.“Er gab einen tiefen Laut von sich, der nicht ganz Zustimmung war. „Gästezimmer ist oben. Zweite Tür links. Bad ist dabei. Wasch dich. Ich schicke Essen.“Sie bewegte sich nicht. „Bin ich Gast oder Gefangene?“Sein Blick hielt den ihren. Das Gold in seinen Augen hatte si







