LOGIN(Aus Velias Sicht)
Er hatte abgedrückt.
Ich stürzte mich auf ihn. Meine Fäuste trafen seine Brust, doch es steckte kaum noch Kraft dahinter. Ich schlug trotzdem weiter zu, rutschte an ihm herab, bis meine Knie auf den Steinboden aufschlugen, und hieb weiter auf seine Beine ein, auf seine Schuhe, auf alles, was ich erreichen konnte. Schluchzer brachen roh und hässlich aus mir hervor.
„Wie konntest du nur?“
Aldrich rührte sich nicht.
Ich blickte zurück zu Khaki. Sie versuchte immer noch, die Wunde abzudrücken, während ihr Blut aus dem Mund quoll. Panik stieg mir die Kehle hinauf.
„Bitte, Al – rette sie.“ Meine Hände umklammerten seinen Knöchel. „Ich tue alles. Bitte.“
Er trat einen Schritt zurück. Der Lauf des Gewehrs hob sich und drückte gegen meine Stirn. Kalt. Ruhig. Er hielt ihn dort, lange genug, damit sich jede Sekunde wie eine Ewigkeit anfühlte.
Dann senkte er die Waffe.
„Stabilisiere die Frau“, befahl er dem nächststehenden Mann. „Lass sie nicht sterben. Fessel sie, falls sie sich bewegt.“
Er ging vor mir auf ein Knie. Seine Finger packten mein Kinn und zwangen mich, den Kopf zu heben. Sein Blick war ausdruckslos und konzentriert.
„Deine Schwester ist jetzt in meiner Gewalt.“ Seine Stimme blieb leise. „Sie haben meinen Bruder geholt. Sie haben meine Mutter geholt. Du wirst mir helfen, die Liga der Assassinen zu zerschlagen. Ich kann dich noch gebrauchen. Wenn du dich widersetzt, stirbt sie.“
Er stand auf und ging auf das Herrenhaus zu. An der Türschwelle hielt er nur kurz inne, um Claribel auf die Beine zu helfen und ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Ihre Augen weiteten sich, dann wichen sie einem sanften, kleinen Lächeln.
Ich blieb am Boden sitzen. Ich konnte ihn nicht ansehen, als er im Haus verschwand.
Claribel kam auf mich zu. Als sie sprach, war die Wärme, die sonst in ihrer Stimme lag, verschwunden. „Mrs. Prendergast.“
Der Name traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. So hatte sie mich noch nie genannt.
„Meine Schwester …“
Sie fuhr mich an. Ihre Augen waren bereits feucht. „Du hast kein Recht, nach ihr zu fragen. Nicht nach dem, was du ihm angetan hast.“ Bei dem letzten Wort brach ihre Stimme. „Ich hätte niemals …“
Eine Hand legte sich von hinten auf ihren Mund.
„Genug, Claribel.“ Aldrichs Stimme war leise, aber bestimmt. Er zog sie an seine Brust zurück. Sie brach in Schluchzen aus, während er sie festhielt.
Er sah mich einmal an. Ich hielt seinem Blick nicht stand.
„Deine Schwester ist in Sicherheit“, sagte er. „Wenn du mir nicht glaubst, schau auf dein Handy.“ Er holte es aus der Tasche und ließ es neben mir auf den Boden fallen.
Mit blutverschmierten, zitternden Händen griff ich danach. Das Handy rutschte mir einmal aus der Hand, bevor ich das Passwort eingeben konnte. Das Display leuchtete auf und zeigte eine Live-Übertragung: Es war alles schnell zu erkennen – Khaki lag in einem Bett, verbunden, die Monitore zeigten stabile Werte, ihr Brustkorb hob und senkte sich. Die Wände im Hintergrund verrieten mir, dass sie sich noch immer in der Villa befand.
Ein Schluchzen entfuhr mir so heftig, dass es weh tat.
„Aldrich – danke –“ Die Worte brachen unter meinen Tränen.
Aldrich sah mich einen Moment lang an, drehte sich dann um und ging mit Claribel, die sich noch immer an ihn klammerte, zurück ins Herrenhaus.
Sie ließen mich dort auf dem Stein zurück.
Ich blieb auf den Knien, bis mich jemand am Arm hochzog und ins Haus führte. Das Zimmer, in das sie mich brachten, war klein und karg. Ich saß auf dem schmalen Bett, das Telefon fest in beiden Händen, und sah Khakis Brustkorb auf dem Bildschirm heben und senken, bis mir schließlich die Augen zufielen.
****************
Ich wachte mit geschwollenen Augen auf und spürte bereits einen Druck unter meinen Rippen. Meine Hände waren zitternd.
Die Nachricht wartete.
Ich würde als seine Sekretärin zurückkehren.
Ich würde ihm Informationen zukommen lassen, um die Liga zu zerstören.
Ihn zu beschützen, war meine oberste Priorität.
Jeder Versuch zu fliehen, die Liga zu kontaktieren oder Khaki Schaden zuzufügen, würde sein Leben beenden.
In der Öffentlichkeit blieb ich Mrs. Prendergast.
Ich schaltete zuerst den Livestream ein. Khaki war noch immer nicht aufgewacht. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, die Monitore zeigten ruhige Werte an, aber sie wirkte zu regungslos.
Sie lebt. Noch.
Ich wusch das getrocknete Blut unter viel zu heißem Wasser von meiner Haut. Es half nicht im Geringsten, den Druck in meiner Brust zu lösen. Man hatte ein dunkles Kleid und einen schweren Mantel aus Wolfsfell für mich bereitgelegt. Ich zog sie an. Für einen Augenblick tauchte die Erinnerung daran auf, wie Khaki vor Galas meine Kleidung zurechtgerückt hatte, doch sie verblasste ebenso schnell wieder.
Wenn ich versage, töten sie sie.
Ich senkte den Blick, während ich auf den Fluren an den Angestellten vorbeiging. Einige von ihnen hatten mich erst wenige Stunden zuvor gejagt. Unwillkürlich zogen sich meine Schultern zusammen.
Die weiße Limousine wartete bereits. Aldrich saß mir gegenüber – die Arme verschränkt, die Augen geschlossen, die Haltung starr. Er würdigte mich keines Blickes, bis der Wagen vor dem Gebäude der Prendergast Corp. zum Stehen kam.
Das Gebäude erhob sich in klaren, kalten Linien aus dunklem Glas; es spiegelte den Himmel so scharf wider, dass der Anblick fast schmerzte.
Die Tür öffnete sich. Von beiden Seiten prasselte das Blitzlichtgewitter der Kameras auf uns ein.
„Lächle für sie“, sagte Aldrich leise, ohne mich anzusehen. „Und lass meinen Arm nicht los.“
Ich hakte mich bei ihm unter. Das Lächeln, zu dem ich mich zwang, wirkte steif und falsch. Sein Ärmel fühlte sich unter meiner Hand warm an. Ich hasste es, wie notwendig sich diese Berührung anfühlte. Ich konnte nicht tief durchatmen.
Lächeln. Einfach nur lächeln. Sie ist noch immer bewusstlos.
Blitzlichter zuckten unaufhörlich auf. Jemand rief meinen neuen Nachnamen. Ich winkte so, wie es sich für eine frischgebackene Ehefrau gehörte, während meine Finger sich fest um seinen Arm klammerten, damit ich mich nicht losriss. Meine Wangen schmerzten. Jeder Schritt auf den Eingang zu fühlte sich schwerer an als der vorherige.
Wir betraten die Lobby. Die Glastüren schlossen sich hinter uns und schirmten den Lärm ab. Erst dann ließ ich mein Lächeln fallen.
Das Personal erhob sich und klatschte Beifall, als wir vorbeigingen. Der Aufzug leerte sich in dem Moment, als sie ihn sahen. Drinnen wirkte die Stille noch dichter als sonst. Er stand vollkommen regungslos da, den Blick geradeaus gerichtet. Ich fixierte die leuchtenden Etagenanzeigen und konzentrierte mich darauf, wie sich meine Brust beim Atmen behutsam hob und senkte. Das Handy in meiner Tasche fühlte sich viel zu schwer an.
Im obersten Stockwerk öffneten sich die Türen.
Er trat zuerst hinaus. „Dein Schreibtisch steht noch in der Ecke. Setz dich.“
Ich folgte ihm in das geräumige Büro und ließ mich auf den Stuhl sinken. Mein alter Schreibtisch wirkte kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ohne ein weiteres Wort ging er in sein eigenes Büro weiter und ließ die Tür hinter sich halb offen stehen.
Ich öffnete erneut den Live-Feed. Khaki war immer noch nicht aufgewacht.
Meine Gedanken begannen abzuschweifen – wie wir als Kinder durch die Trainingshallen gerannt waren, an jenen seltenen Tagen, an denen Mrs. Pam uns spielen ließ …
Wenn ich versage, bringen sie sie um. Dieser Gedanke schnitt die Erinnerung jäh ab. Ein Druckgefühl schnürte mir die Brust unter den Rippen zusammen.
„WO IST MEIN KAFFEE?“
Seine Stimme durchdrang den Raum.
Ich zuckte zusammen, es tat weh. Sofort kehrte das Zittern in meine Hände zurück.
„Ich – es tut mir leid, ich wollte nicht –“
„Was denn?“, fragte Aldrich mit kaltem Blick, der in der Tür zu seinem Büro stand. „Dass Sie Sekretärin sind?“
(Aus Velias Sicht)Mein eigentlicher Name.Ich stieß kurz die Luft aus und starrte in den dunklen Himmel über dem Aussichtspunkt.„Velia … Veda, Vida, Vaani, Valkyrie, Verity, Valentina, Violet, Victoria, Valerie, Vivian. Die Liste ließe sich fortsetzen.“ Ich zuckte leicht und müde mit den Schultern. „Verschiedene Namen und Identitäten für verschiedene Missionen. So ist das nun mal. Ich habe keinen echten Namen. Attentäter bekommen Codes. Meiner ist V95. Khakis ist K96.“Aldrich sagte nichts. Er beobachtete mich nur mit festem Blick, als wollte er kein einziges Wort verpassen.Erinnerungen, die ich jahrelang weggeschlossen hatte, drängten an die Oberfläche. Ich atmete kräftig aus, bis meine Lungen leer waren, und ließ den Kopf gegen die Kopfstütze zurücksinken. Die Sterne waren heute Nacht messerscharf zu sehen.Ich riss mein Handgelenk aus seinem Griff und ergriff dann, ohne nachzudenken, stattdessen seine Hand. Meine Finger schlossen sich fest um seine. Ich achtete nicht darauf, wie
(Aus Aldrichs Sicht)Der Papierkram war erledigt. Der Verkehr stockte noch immer.Sie antwortete, als ich die verbliebenen Akten ansprach. Ihre Stimme klang ruhig. Normal. Doch nach meiner letzten Bemerkung füllte sie die Stille nicht so aus, wie sie es sonst tat. Sie saß aufrecht da, den Blick geradeaus gerichtet, die Jacke noch immer über ihre Beine gebreitet. Die Stille wirkte beabsichtigt.Ich starrte aus dem Fenster. Das Verlangen lag schwer und nutzlos in meinem Magen. Wenn das Schweigen noch länger anhielt, würde ich etwas Dummes tun.Ihr Handy rutschte ihr vom Schoß und fiel auf die Fußmatte.Sie bückte sich, um es aufzuheben. Ihre Finger streiften etwas unter dem Sitz. Sie erstarrte für einen halben Moment, dann zog sie ein völlig durcheinandergeratenes Kartenspiel hervor. Die meisten Karten waren aus der Schachtel gerutscht. Sie hob eine auf, warf einen Blick darauf, und die Farbe wich so schnell aus ihrem Gesicht, dass ich es beinahe hören konnte.Ich kannte dieses Kartensp
(Aus Aldrichs Sicht)Ich saß im Dunkeln, nachdem sie gegangen war.Der Raum war noch immer von ihrem Duft erfüllt. Er haftete in der Luft und an meinen Händen. Ich konnte noch genau spüren, wo ich sie berührt hatte – an der Seite ihres Halses, an der Kurve ihrer Taille, an der Rückseite ihres Oberschenkels, als ich sie an mich gezogen hatte. Mein Mund erinnerte sich noch an die Form des ihren.Ich hatte ihr gesagt, dass ich es nicht hasste.Die Worte gingen mir immer wieder durch den Kopf, wie etwas Scharfes, das ich nicht ausspucken konnte. Ich hatte ihr einen Beweis geliefert. Einen Beweis dafür, dass die Beherrschung, die ich tagelang aufrechterhalten hatte, brüchig war. Einen Beweis dafür, dass ich sie noch immer wollte – trotz allem, was sie getan hatte.Sie hatte versucht, mich umzubringen.Sie hatte monatelang gelogen.Sie hatte jeden in diesem Haus in Gefahr gebracht.Und trotzdem hatte ich sie geküsst wie ein Mann, der kurz vor dem Verhungern war.Ich blieb länger auf dem Stu
(Aus Velias Sicht)Die eisige Behandlung dauerte zwei Tage an.Aldrich sprach nur mit mir, wenn es unbedingt nötig war. Im Auto blickte er aus dem Fenster. Im Büro ließ er die Tür halb geschlossen. Wenn wir bei öffentlichen Anlässen nebeneinanderstehen mussten, legte er seine Hand nie mehr so auf meinen Rücken wie früher. Die Inszenierung war auf ein Minimum reduziert, befreit von jeder zusätzlichen Berührung.Dennoch hegte ich eine leise, hartnäckige Hoffnung. Er hatte für einen kurzen Moment auf den ersten Kuss reagiert, bevor er mich von sich stieß. Dieser eine Moment spielte sich nachts immer wieder vor meinem geistigen Auge ab – klein und beharrlich. Er ließ die Distanz schmerzhafter erscheinen, als es eine klare Zurückweisung gewesen wäre.Das Personal beobachtete mich nun offener. Gespräche verstummten, wenn ich vorbeiging. Das Haus wirkte enger.Am zweiten Abend verließen wir das Gebäude später als gewöhnlich. In der Limousine erhielt Aldrich einen Anruf. Er gab dem Fahrer ein
(Aus Velias Sicht)Er stieß mich zurück.Nicht so fest, dass es wehtat, aber bestimmt genug, damit die Botschaft unmissverständlich war. Seine Hände lösten sich von meinen Schultern, als hätte ihn die Berührung verbrannt. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund; seine Augen waren dunkel vor etwas, das wie Wut aussah – und noch etwas anderem, das er nicht beim Namen nennen wollte.Ich blieb stehen, wo ich war; sein Geschmack haftete noch immer an meinen Lippen, und mein Hinterkopf pochte leicht von Claribels Wutausbruch.Er stand auf und schritt langsam im Kreis durch den Raum; eine Hand lag im Nacken, der Kiefer war fest zusammengepresst. Er blieb unter der Deckenleuchte stehen, die Augen geschlossen, die Atmung kontrolliert. Als er sie wieder öffnete, sah er mich an – nur ein einziges Mal –, drehte sich dann um und ging hinaus.Die Tür fiel so hart ins Schloss, dass die Wände bebten.Stille.Ich saß auf der Bettkante, die Hände im Schoß. Mein Mund fühlte sich verändert an, a
(Aus Aldrichs Sicht)Ich blieb länger draußen, als nötig gewesen wäre.Die Luft half mir, den Lärm in meinem Kopf zu vertreiben, doch sie löschte nicht das Gespräch aus, das ich gerade hinter mir gelassen hatte. Irgendetwas bedrückte mich noch immer. Ich hatte vergessen, ihr eine Sache zu sagen – eine Kleinigkeit, die jedoch wichtig war: wie ich die Wahrheit herausgefunden hatte. Ich drehte mich um und ging zurück zum Arbeitszimmer.Sie waren fort.Stimmen drangen leise den Flur entlang zu mir herüber. Ich folgte ihnen.Der Gang, der zu ihrem Zimmer führte, war dunkler als der Rest des Hauses. Eines der Lichter flackerte. Schimmel fleckte die Deckenecke. Ich war seit Jahren nicht mehr in diesem Teil des Herrenhauses gewesen. Claribel hatte dieses Zimmer nach der Hochzeit für sie ausgesucht. Ich hatte nie gefragt, welches es war.Ich blieb vor der Tür stehen.Claribels Stimme war deutlich zu hören.„Bring dich um. Oder geh. Wenn dir wirklich etwas an ihm liegt – an irgendeinem von uns







