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Durch das Glas

Author: POLYCARP
last update publish date: 2026-08-22 06:44:24

(Aus Aldrichs Sicht)

Ich hatte nicht geschlafen.

Die Glaswände der obersten Etage ließen das frühe Licht aus allen Richtungen herein. Ich stand am Fenster, den schwarzen Kaffee in der Hand, der langsam abkühlte, und blickte auf die Stadt, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Claribels Schritte näherten sich von hinten.

„Ihr Zustand ist weiterhin stabil“, sagte sie. „Keine Veränderung.“

Ich nickte kurz. Sie stellte eine frische Tasse auf den Beistelltisch und ging. Ich bedankte mich nicht bei ihr.

Vor fünf Tagen war der Mann über Kanäle zu mir gelangt, die eigentlich gar nicht hätten existieren dürfen. Er legte mir die Beweise vor – Standbilder aus Überwachungsaufnahmen, Akten, Zeitstempel.

Ich las sie zweimal durch.

Die Frau, die zwei Nächte zuvor mit den Fingern über die Narbe an meinem Mund gefahren war – diejenige, die an meiner Schulter eingeschlafen war, während ich von meinem Bruder erzählte –, gehörte zu derselben Gruppe von Auftragsmördern, die ihm eine Kugel durch den Schädel gejagt und meine Mutter geholt hatten, als ich zwölf war.

In meiner Brust breitete sich ein Gefühl der Leere aus. Dann Kälte.

Nachdem er gegangen war, saß ich noch lange im Dunkeln. Die Zukunft, die ich mir unbemerkt aufgebaut hatte, war dahin. An ihre Stelle trat ein einziger Entschluss: die Hochzeit stattfinden lassen, sie lebend fassen und sie als Hebel benutzen, um sie alle zu vernichten.

Selbst während die Beweise noch auf dem Bildschirm zu sehen waren, drängte sich ungebeten die Erinnerung an ihr nacktes Bein auf meinen Laken in mein Gedächtnis. Ich hasste es, dass das geschah.

Im Innenhof wäre beinahe alles schiefgegangen.

Als sie zu fliehen versuchte, überkam mich so plötzlich Wut, dass ich nicht mehr nachdachte. Ich griff nach dem Scharfschützengewehr im Schrank neben dem Bett, hob es an und drückte ab.

Die Reue kam einen Bruchteil einer Sekunde zu spät – genau in dem Moment, als die Kugel den Lauf verließ. Für einen kurzen, klaren Augenblick sah ich nicht die Auftragsmörderin, sondern die Frau, die ich immer noch begehrte, in der Schusslinie stehen.

Dann trat ihre Schwester vor sie.

Ich sah zu, wie die Kugel den falschen Körper traf.

Ich schloss diese Erinnerung tief in mir weg.

Das leise Summen der Stadt drang von der Straße herauf.

Ich wandte mich vom Fenster ab.

In der Limousine herrschte Stille. Draußen war es genau umgekehrt – wir waren gerade vor meinem Gebäude angekommen. Velias Hand ruhte auf meinem Arm, so wie ich es ihr gesagt hatte. Kameras blitzten auf, sobald sich die Tür öffnete. Ich richtete den Blick starr nach vorn.

„Lächle“, sagte ich, ohne sie anzusehen. „Lass meinen Arm nicht los.“

Sie tat, wie ihr geheißen. Durch den Stoff meines Ärmels spürte ich das leichte Zittern ihrer Finger. Dieselben Finger, die einst die Konturen meiner Brust nachgezeichnet hatten, als sie glaubte, ich würde schlafen. Ein Hauch von Hitze flammte tief in meinem Bauch auf, bevor ich sie unterdrückte.

Im Gebäudeinneren standen die Angestellten und applaudierten. Der Aufzug leerte sich, sobald sie mich sahen. Während der gesamten Fahrt nach oben ließ sie die Augen geschlossen. Ich beobachtete, wie die Zahlen höher kletterten, und versuchte, den zarten Duft ihrer Haut zu ignorieren.

Im obersten Stockwerk trat ich zuerst hinaus.

„Dein Schreibtisch ist dort in der Ecke. Setz dich.“

Das tat sie.

Ich ließ die Glaswände zwischen dem Innenbüro und dem Hauptraum offen. Von meinem Schreibtisch aus konnte ich jede ihrer Bewegungen verfolgen.

„Wo ist mein Kaffee?“

Sie stand sofort auf. Ich beobachtete sie durch das Glas, während sie ihren langen Mantel ablegte. Das dunkle Kleid darunter schmiegte sich auf eine Weise an sie, die ganz bewusst wirkte. Mein Kiefer spannte sich an.

Das Kleid schmiegte sich an sie wie damals.

Ihre Hüften unter meinen Händen – die Erinnerung überkam mich, noch ehe ich sie unterdrücken konnte. Eine heiße Welle, tief und stechend.

Dann das Geräusch, das sie immer von sich gab, wenn ich sie gegen die Glasscheibe drückte.

Dann das Gefühl ihres unregelmäßigen Atems an meinem Hals.

Ich unterband diese Gedanken abrupt. Meine Hände hatten sich bereits zu Fäusten geballt.

Vor Monaten hätte ich sie mir auf der nächstbesten Ablagefläche genommen, noch bevor der Mantel den Boden berührt hätte. Jetzt gehörte derselbe Körper der Feindin.

Sie ging zur Kaffeemaschine. Ihre Hände waren noch immer nicht ganz ruhig. Als sie einen Blick auf das Handy in ihrer Tasche warf, ließ das Zittern nach – als wäre die Live-Übertragung von ihrer Schwester das Einzige, was sie aufrecht hielt.

Die Liga der Assassinen.

Dieselben Leute, die meinen Bruder geholt hatten.

Dieselben Leute, die meine Mutter geholt hatten.

Und mein Körper reagierte noch immer darauf, wie dieses Kleid an ihren Hüften saß.

Die Gegensprechanlage summte.

Marcus’ Stimme ertönte: „Die Vertreter für die Präsentation sind da.“

„Schick sie rein.“

Velia kam mit dem Kaffee zurück, stellte ihn auf meinen Schreibtisch und trat einen Schritt zurück. Die beiden Männer, die eintraten, waren keine Vertreter. Die Narben an ihren Fingerknöcheln, ihre Körperhaltung, der billige Versuch, Business-Anzüge zu tragen – alles daran wirkte falsch.

Sie setzten sich. Sie sprachen über Landrechte und Baugenehmigungen. Ich ließ sie ihr Skript herunterleiern, während ich die Tätowierung musterte, die unter der Manschette des einen Mannes hervorlugte.

Ich ließ sie ausreden.

Dann lehnte ich ab.

Als sie schließlich drohten – „Pass auf dich auf, wir hätten dich und deine Frau schon längst erledigen können“ –, lächelte ich.

„Sagt eurem Boss, ich bin bereit zu unterschreiben“, sagte ich. „Aber nur, wenn er bereit ist, euch beide an das nächstgelegene Tierheim zu verkaufen.“

Stille. Dann ein Knurren.

Einer von ihnen bewegte sich.

Er stürmte über den Schreibtisch, das Messer bereits halb gezogen. Meine Hand griff in die oberste Schublade nach meiner neuen M1911-Pistole.

Ich erreichte es nie.

Ein leises, präzises Geräusch – Metall, das in Fleisch drang – durchschnitt die Luft. Der Mann sackte hart zu Boden. Messer steckten in seinen beiden Achillessehnen. Blut breitete sich rasch auf dem Marmor aus.

Velia stand nahe ihrem Schreibtisch. Zwei Wurfmesser fehlten bereits in dem Fächer, den sie zwischen den Fingern gehalten hatte. Ihr Gesicht hatte sich vollkommen verändert. Die zitternde, besorgte Frau, die den Kaffee gebracht hatte, war verschwunden. Zurück blieb eine ruhige, distanzierte und präzise Haltung.

In meiner Brust erstarrte etwas.

Der zweite Mann griff nach der Waffe an seinem Gürtel.

Sie bewegte sich schneller, als ich folgen konnte. Ein weiteres Messer blitzte auf und nagelte seine Hand an seiner eigenen Körperseite fest. Mit einem scharfen Schmerzenslaut taumelte er zurück.

Bevor er sich fangen konnte, überbrückte sie die Distanz zwischen uns, packte mich am Hemd und riss mich hart an sich. Mein Gesicht drückte sich in die weiche Nachgiebigkeit ihrer Brust. Gleichzeitig nahm ich den zarten Zitrusduft wahr, den sie stets trug – vertraut und doch völlig deplatziert. Einer ihrer Unterarme legte sich schützend über mein freiliegendes Ohr, während sie die Pistole hob – ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie diese aus meiner Schublade genommen hatte.

Schüsse hallten laut durch den verglasten Raum. Sie hielt meinen Kopf fest und schirmte mich so vor dem schlimmsten Lärm ab. Ihr Herzschlag unter meinem Ohr war ruhig und gleichmäßig. Meiner nicht.

Als die Schüsse verstummten, lagen beide Männer am Boden. Einer hatte ein tödliches Loch mitten auf der Stirn. Dem anderen war es nicht gelungen, auch nur einen Zentimeter weit zu kriechen.

Blut sammelte sich auf dem Boden.

Velia hielt mich noch immer fest an sich gedrückt. Warme Tropfen trafen meine Schläfe und liefen meine Wange hinab.

Ich blickte auf.

Tränen liefen ihr über das Gesicht, stetig und lautlos. Ihr Ausdruck hatte sich kein bisschen verändert – noch immer ruhig, noch immer distanziert, noch immer präzise. Sie schien die Tränen gar nicht zu bemerken.

Etwas in meiner Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

Meine Hand hob sich in Richtung ihrer Wange, noch ehe ich sie aufhalten konnte.

Ich zwang sie wieder nach unten.

Ich wollte die Tränen wegwischen.

Ich wollte meine Hände um ihren Hals legen.

Ich tat keines von beidem.

Ich löste mich aus ihrem Griff.

„Mach das hier sauber“, sagte ich, wohl wissend, dass Marcus bereits die Spezialreinigungstrupps schicken würde. Ich sah sie nicht noch einmal an.

Sie blieb inmitten des Blutes stehen, die Waffe noch immer in der Hand und die Tränen, die sie ignorierte, weiterhin auf ihre Wangen fallend.

Ich ging in das innere Büro und schloss die Glastür hinter mir, auch wenn das nichts änderte.

Ich beobachtete sie durch das Glas.

Ich kehrte nicht zurück.

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