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(Aus Velias Sicht)
Ich stand vor der Schlafzimmertür; das Messer war bereits an meinem Oberschenkel befestigt.
Zwei Monate des Lächelns, zwei Monate, in denen ich zuließ, dass er mich berührte, zwei Monate, in denen ich ihm im Dunkeln zuhörte, wenn er von seinem toten Bruder sprach – und nun lief alles auf diese eine Nacht hinaus.
Khakis Finger gruben sich durch die dünne Seide des Brautkleids in meine Schultern.
„Hör auf zu zittern“, flüsterte sie. „Du hast das schon hundertmal gemacht. Er ist nur ein weiteres Ziel.“
Das war er nicht.
Aldrich Prendergast war das Ziel, auf das mich die Liga der Assassinen monatelang vorbereitet hatte. Ihn heiraten. Ihn in der Hochzeitsnacht töten. Der Organisation überlassen, sich alles zu holen, was er besaß. Das war der Befehl. Auf dem Papier klang es einfach.
Meine Hand zitterte noch immer.
„Er ist nicht einfach nur ein weiteres Ziel“, murmelte ich.
Khakis Griff verstärkte sich. „Fang gar nicht erst an. Zwei Monate, in denen du die perfekte Verlobte gespielt hast, ändern nichts an der Mission. Du tötest ihn heute Nacht. Wir beide kommen ungeschoren davon.“
Davonkommen. Als wäre das so einfach.
Ich hatte die Narbe an seinem Mund nachgezeichnet, während er halb schlief. Ich hatte ihm zugehört, wie er davon erzählte, dass er aufwachte und immer noch nach jemandem griff, der gar nicht da war. Ich hatte für Augenblicke vergessen, dass ich ihn eigentlich töten sollte.
Genau das war das Problem.
„Geh“, sagte Khaki. Ihre Stimme klang wieder emotionslos. „Verführ ihn. Mach es sauber. Ich warte direkt vor der Tür.“
Ich stieß die Tür auf.
Der Raum war dunkler, als ich erwartet hatte. Das Licht der Stadt fiel durch die hohen Fenster herein – gerade genug, um ihn zu erkennen. Aldrich stand nahe am Bett; er hatte sein Sakko abgelegt, und sein weißes Hemd war am Kragen geöffnet. Das Licht ließ die schwache Narbe an seinem Mundwinkel aufleuchten.
Als er sich umdrehte, fanden seine Augen sofort mich.
„Mrs. Prendergast“, sagte er. „Du hast dir ganz schön Zeit gelassen.“
Mein Puls hämmerte heftig in meinem Hals. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, noch ehe ich es unterdrücken konnte – Mitleid oder Schuldgefühl; ich wusste nicht, was davon schlimmer war.
„Ich wollte für meinen Mann perfekt aussehen.“
Mit drei Schritten überbrückte er die Distanz zwischen uns. Eine Hand legte sich um meine Taille. Die andere umschloss meinen Nacken, wobei sein Daumen langsam kreisende Bewegungen direkt unter meinem Ohr ausführte – als wollte er sich vergewissern, dass ich wirklich da war.
„Das tust du bereits, Vee.“
Der Kuss war langsam. Sein Mund auf meinem, ohne Hast. Hitze breitete sich an meinem Hals aus, und mein Atem geriet ins Stocken.
Die Klinge steckte in der Naht meines Strumpfhalters. Ein einziger, präziser Stoß gegen die Halsseite, und alles wäre vorbei.
Ich griff nicht danach
Er drängte mich rückwärts in Richtung Bett. Sein Mund wanderte zu meinem Hals; seine Zähne streiften die Haut unter meinem Ohr. Meine Finger krallten sich in sein Hemd, anstatt nach der Waffe zu greifen.
Tu es jetzt.
Mein Körper gehorchte nicht.
Als er den Reißverschluss herunterzog, drückte ich mich ihm entgegen, noch ehe ich mich beherrschen konnte. Die Seide sank zu meinen Füßen herab. Sein Blick glitt über die weiße Spitze, die die Liga der Assassinen genau für diesen Moment ausgewählt hatte.
Ein einziger Schlag. Mehr wäre nicht nötig.
Der Gedanke traf mich hart und hinterließ ein hässliches Gefühl. Mein Magen zog sich zusammen – bei dem, was sich allzu sehr nach Abscheu anfühlte: Abscheu vor mir selbst und davor, wie leicht ich vergessen konnte, warum ich hier war.
„Verdammt“, murmelte er, fast zu sich selbst.
Er drehte mich um, sodass ich zum Kopfende des Bettes blickte. Eine Hand drückte sich zwischen meine Schulterblätter und beugte mich nach vorn. Die andere zog meine Hüften fest an ihn heran. Ich spürte seine Erregung hart durch den Stoff seiner Hose. Sein Daumen begann, langsame Kreise auf meinen unteren Rücken zu zeichnen – genau so, wie er es früher getan hatte, wenn wir allein waren und er glaubte, ich würde einschlafen.
Der Winkel war perfekt. Eine einzige Drehung. Eine präzise Bewegung. Die Klinge würde die Arterie treffen.
Ich rührte mich nicht.
Aldrich beugte sich über mich; seine Brust war warm an meinem Rücken, sein Atem heiß an meinem Ohr. Seine Hand glitt an meiner Wirbelsäule empor, während die andere locker meinen Hals umschloss; sein Daumen rieb noch immer über dieselbe Stelle an meinem Nacken.
„Du bist heute Abend still, Velia.“
Ich versuchte, mich auf die Klinge an meinem Oberschenkel zu konzentrieren. Seine Finger wanderten weiter – sie zeichneten die Kurve meiner Taille nach, den Rand der Spitze, die empfindliche Haut direkt unter meinen Rippen. Hitze breitete sich unter meiner Haut aus – ein Gefühl, das an Scham erinnerte. Mein Magen zog sich zusammen. Dennoch lehnte ich mich in seine Berührung.
Dann hörte ich es.
Ein dumpfer Aufprall. Etwas Schweres, das sich direkt hinter den Türen bewegte.
Ich spannte mich an. „Hast du das gehört?“
Seine Hand hielt für einen Wimpernschlag inne, dann fuhr sie fort.
„Das Haus setzt sich“, sagte er an meinem Ohr. „Ein altes Anwesen. Ignorier es einfach.“
Ein weiteres Geräusch – leiser. Als würde Stoff über den Boden gezogen.
Ich drehte den Kopf. „Al …“
„Vergiss es.“ Seine Stimme wurde tiefer. „Wir sind noch nicht fertig.“
Sein Griff um meinen Hals verstärkte sich gerade so weit, dass mein Kinn nach hinten kippte. Die kreisenden Bewegungen an meinem unteren Rücken wurden fester, eindringlicher. Einen Moment lang hätte ich mich beinahe darauf eingelassen. Meine Finger zuckten in Richtung der Klinge, doch dann hielten sie inne – nutzlos.
Mein Herzschlag beschleunigte sich nicht – er wurde lauter. Jeder Schlag fühlte sich an, als würde er gegen mein Halsinneres hämmern.
Er wusste es.
„Al … bitte.“
Ich wand mich ruckartig herum und stieß meinen Ellbogen nach hinten. Sein Griff löste sich. Das Herz hämmerte gegen meine Rippen, während ich mich über das Bett auf den Boden rettete und herumwirbelte, um ihm gegenüberzutreten. Die Klinge lag bereits in meiner Hand.
Er beobachtete mich nur. Dunkle Augen. Ruhiger Atem. Nicht die Spur von Überraschung.
Ich schob mich langsam zur Tür und kalkulierte dabei Distanz, Winkel und Zeit. Jeder Fluchtweg schien versperrt. Er bewegte sich mit mir mit – langsam und kontrolliert –, ohne mir jemals eine freie Bahn nach draußen zu lassen.
„Velia“, sagte er leise. Fast sanft. „Lass es.“
Ich hielt die Klinge erhoben, den Rücken gegen die Wand gepresst, und suchte nach einer Lücke, die es nicht gab.
Etwas Feuchtes berührte meinen nackten Fuß.
Ich sah hinunter.
Dunkle Flüssigkeit breitete sich unter den Flügeltüren aus – dünnflüssig und stetig. Sie erreichte meine Haut; erst warm, dann rasch kalt werdend.
Blut.
Die Türen schwangen auf.
Khaki stand im Türrahmen.
Ihr Brautjungfernkleid war an der Schulter zerrissen und dunkel durchtränkt. Sie hielt einen Mann am Kragen – einen von Aldrichs Sicherheitsleuten, schlaff und kaum bei Bewusstsein. Blut tropfte von ihren Fingern auf den Boden. Im Korridor hinter ihr lagen weitere Körper.
Ihre Augen trafen zuerst meine und wanderten dann zu Aldrich. Sie wirkten bösartig und vollkommen ruhig. Kalt auf eine Weise, die die Luft dünner erscheinen ließ.
„Vee! Lauf. Er ist nicht allein.“
(Aus Velias Sicht)Mein eigentlicher Name.Ich stieß kurz die Luft aus und starrte in den dunklen Himmel über dem Aussichtspunkt.„Velia … Veda, Vida, Vaani, Valkyrie, Verity, Valentina, Violet, Victoria, Valerie, Vivian. Die Liste ließe sich fortsetzen.“ Ich zuckte leicht und müde mit den Schultern. „Verschiedene Namen und Identitäten für verschiedene Missionen. So ist das nun mal. Ich habe keinen echten Namen. Attentäter bekommen Codes. Meiner ist V95. Khakis ist K96.“Aldrich sagte nichts. Er beobachtete mich nur mit festem Blick, als wollte er kein einziges Wort verpassen.Erinnerungen, die ich jahrelang weggeschlossen hatte, drängten an die Oberfläche. Ich atmete kräftig aus, bis meine Lungen leer waren, und ließ den Kopf gegen die Kopfstütze zurücksinken. Die Sterne waren heute Nacht messerscharf zu sehen.Ich riss mein Handgelenk aus seinem Griff und ergriff dann, ohne nachzudenken, stattdessen seine Hand. Meine Finger schlossen sich fest um seine. Ich achtete nicht darauf, wie
(Aus Aldrichs Sicht)Der Papierkram war erledigt. Der Verkehr stockte noch immer.Sie antwortete, als ich die verbliebenen Akten ansprach. Ihre Stimme klang ruhig. Normal. Doch nach meiner letzten Bemerkung füllte sie die Stille nicht so aus, wie sie es sonst tat. Sie saß aufrecht da, den Blick geradeaus gerichtet, die Jacke noch immer über ihre Beine gebreitet. Die Stille wirkte beabsichtigt.Ich starrte aus dem Fenster. Das Verlangen lag schwer und nutzlos in meinem Magen. Wenn das Schweigen noch länger anhielt, würde ich etwas Dummes tun.Ihr Handy rutschte ihr vom Schoß und fiel auf die Fußmatte.Sie bückte sich, um es aufzuheben. Ihre Finger streiften etwas unter dem Sitz. Sie erstarrte für einen halben Moment, dann zog sie ein völlig durcheinandergeratenes Kartenspiel hervor. Die meisten Karten waren aus der Schachtel gerutscht. Sie hob eine auf, warf einen Blick darauf, und die Farbe wich so schnell aus ihrem Gesicht, dass ich es beinahe hören konnte.Ich kannte dieses Kartensp
(Aus Aldrichs Sicht)Ich saß im Dunkeln, nachdem sie gegangen war.Der Raum war noch immer von ihrem Duft erfüllt. Er haftete in der Luft und an meinen Händen. Ich konnte noch genau spüren, wo ich sie berührt hatte – an der Seite ihres Halses, an der Kurve ihrer Taille, an der Rückseite ihres Oberschenkels, als ich sie an mich gezogen hatte. Mein Mund erinnerte sich noch an die Form des ihren.Ich hatte ihr gesagt, dass ich es nicht hasste.Die Worte gingen mir immer wieder durch den Kopf, wie etwas Scharfes, das ich nicht ausspucken konnte. Ich hatte ihr einen Beweis geliefert. Einen Beweis dafür, dass die Beherrschung, die ich tagelang aufrechterhalten hatte, brüchig war. Einen Beweis dafür, dass ich sie noch immer wollte – trotz allem, was sie getan hatte.Sie hatte versucht, mich umzubringen.Sie hatte monatelang gelogen.Sie hatte jeden in diesem Haus in Gefahr gebracht.Und trotzdem hatte ich sie geküsst wie ein Mann, der kurz vor dem Verhungern war.Ich blieb länger auf dem Stu
(Aus Velias Sicht)Die eisige Behandlung dauerte zwei Tage an.Aldrich sprach nur mit mir, wenn es unbedingt nötig war. Im Auto blickte er aus dem Fenster. Im Büro ließ er die Tür halb geschlossen. Wenn wir bei öffentlichen Anlässen nebeneinanderstehen mussten, legte er seine Hand nie mehr so auf meinen Rücken wie früher. Die Inszenierung war auf ein Minimum reduziert, befreit von jeder zusätzlichen Berührung.Dennoch hegte ich eine leise, hartnäckige Hoffnung. Er hatte für einen kurzen Moment auf den ersten Kuss reagiert, bevor er mich von sich stieß. Dieser eine Moment spielte sich nachts immer wieder vor meinem geistigen Auge ab – klein und beharrlich. Er ließ die Distanz schmerzhafter erscheinen, als es eine klare Zurückweisung gewesen wäre.Das Personal beobachtete mich nun offener. Gespräche verstummten, wenn ich vorbeiging. Das Haus wirkte enger.Am zweiten Abend verließen wir das Gebäude später als gewöhnlich. In der Limousine erhielt Aldrich einen Anruf. Er gab dem Fahrer ein
(Aus Velias Sicht)Er stieß mich zurück.Nicht so fest, dass es wehtat, aber bestimmt genug, damit die Botschaft unmissverständlich war. Seine Hände lösten sich von meinen Schultern, als hätte ihn die Berührung verbrannt. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund; seine Augen waren dunkel vor etwas, das wie Wut aussah – und noch etwas anderem, das er nicht beim Namen nennen wollte.Ich blieb stehen, wo ich war; sein Geschmack haftete noch immer an meinen Lippen, und mein Hinterkopf pochte leicht von Claribels Wutausbruch.Er stand auf und schritt langsam im Kreis durch den Raum; eine Hand lag im Nacken, der Kiefer war fest zusammengepresst. Er blieb unter der Deckenleuchte stehen, die Augen geschlossen, die Atmung kontrolliert. Als er sie wieder öffnete, sah er mich an – nur ein einziges Mal –, drehte sich dann um und ging hinaus.Die Tür fiel so hart ins Schloss, dass die Wände bebten.Stille.Ich saß auf der Bettkante, die Hände im Schoß. Mein Mund fühlte sich verändert an, a
(Aus Aldrichs Sicht)Ich blieb länger draußen, als nötig gewesen wäre.Die Luft half mir, den Lärm in meinem Kopf zu vertreiben, doch sie löschte nicht das Gespräch aus, das ich gerade hinter mir gelassen hatte. Irgendetwas bedrückte mich noch immer. Ich hatte vergessen, ihr eine Sache zu sagen – eine Kleinigkeit, die jedoch wichtig war: wie ich die Wahrheit herausgefunden hatte. Ich drehte mich um und ging zurück zum Arbeitszimmer.Sie waren fort.Stimmen drangen leise den Flur entlang zu mir herüber. Ich folgte ihnen.Der Gang, der zu ihrem Zimmer führte, war dunkler als der Rest des Hauses. Eines der Lichter flackerte. Schimmel fleckte die Deckenecke. Ich war seit Jahren nicht mehr in diesem Teil des Herrenhauses gewesen. Claribel hatte dieses Zimmer nach der Hochzeit für sie ausgesucht. Ich hatte nie gefragt, welches es war.Ich blieb vor der Tür stehen.Claribels Stimme war deutlich zu hören.„Bring dich um. Oder geh. Wenn dir wirklich etwas an ihm liegt – an irgendeinem von uns







