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Sie stirbt

Author: POLYCARP
last update publish date: 2026-08-22 06:42:22

(Velias Sicht)

„Vee, lauf. Er ist nicht allein.“

Die Worte hallten noch in meinen Ohren nach, als sich die Luft über mir bewegte.

Ich blickte zu spät auf.

Ein bulliger Mann ließ sich von den Deckenbalken herabfallen; seine Hände griffen bereits nach meiner Kehle. Mein Körper erstarrte. Ich konnte mich nicht schnell genug bewegen.

Khaki war schneller.

Ihre Faust krachte gegen sein Gesicht und schleuderte ihn zur Seite. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, war sie über ihm; ein Messer blitzte einmal an seiner Kehle auf. Warmes Blut spritzte auf ihre Wange und die Vorderseite ihres zerrissenen Kleids.

Sie sah mich an. Für einen Moment wich der gewohnte, ausdruckslose Blick aus ihren Augen. Ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie etwas sagen. Dann war der Ausdruck verschwunden.

Ich konnte bereits Stiefel hören. Mehrere Paare. Sie näherten sich vom Flur her.

Aldrich kam auf mich zu.

Seine Hand schoss auf meinen Arm. Khaki warf sich zwischen uns, drückte ihre Schulter gegen seine Brust und warf sie beide zu Boden. Sie landete auf ihm, ihre Knie drückten seine Hüften fest. Er packte sie mit der rechten Hand am Hals. Sie drehte sich, ihre Finger berührten in zwei schnellen Bewegungen die Seite seines Halses und die weiche Stelle unter seinem Arm. Sein Arm wurde schlaff.

Sie hob ihre Hand und schlug hart auf seinen Nacken.

Er hatte immer noch genug Kraft, seine andere Hand um mein Handgelenk zu legen und mich nach vorne zu ziehen. Unsere Gesichter kamen sich für eine halbe Sekunde näher. Seine Augen waren dunkel und wütend, aber unter der Wut blitzte etwas anderes auf – Verletzung oder Wiedererkennen oder beides. Ich fühlte es in meiner Brust wie einen blauen Fleck.

Khaki löste sich aus seinem Griff und zog mich hoch.

„Beweg dich“, schnappte sie.

Wir sind gerannt.

Der Korridor brach aus. Von beiden Enden strömten Männer herein.

„Links“, befahl sie.

Wir gingen nach links. Zwei Männer versperrten den Weg. Khaki schlug den ersten tief, während ich dem zweiten Mann meinen Ellbogen in die Kehle rammte. Wir haben nicht damit aufgehört, sie fertigzustellen. Weitere kamen bereits.

Meine Lungen brannten. Bei jedem Schritt drückte die unbenutzte Klinge gegen meinen Oberschenkel – eine ständige Erinnerung daran, was ich versäumt hatte zu tun. Fragen hämmerten im Takt meines Herzschlags in meinem Kopf.

Wann hatte er es herausgefunden?

Wie lange wusste er schon davon?

War es heute Abend gewesen? Gestern? Von Anfang an?

„Vee!“, drang Khakis Stimme durch den Lärm. „Links abbiegen.“

Ich bog ab.

„Rechts. Sprung.“

Ohne nachzudenken sprang ich über den umgestürzten Stuhl. Meine nackten Füße klatschten auf den kalten Boden. Tränen ließen meine Sicht verschwimmen, doch ich ließ sie nicht über die Wangen laufen. Dafür blieb keine Zeit.

Wir erreichten den letzten Flur. Claribel stand an der Hintertür, die Hand auf der Klinke. Als sie uns sah, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wusste Bescheid.

Ich konnte sie nicht ansehen. Jede stille Geste der Freundlichkeit aus den vergangenen zwei Monaten lastete schwer auf meiner Brust.

Khaki schob sie beiseite. Wir stürmten hinaus in den Innenhof.

Kühle Nachtluft traf mein Gesicht. Das Tor lag direkt vor mir. Ich rannte darauf zu; meine Beine zitterten, und meine Unterwäsche klebte mir vor Schweiß am Körper.

Ich blickte einmal zurück.

Das Fenster des Schlafzimmers, das wir gerade verlassen hatten, war noch immer dunkel. Ein kleines, scharfes Aufblitzen war im Inneren zu sehen – die Reflexion eines Zielfernrohrs.

Scharfschütze.

Der Gedanke kam kalt und klar. Ein Teil von mir glaubte, ich hätte die Kugel verdient. All die Menschen, denen ich auf Befehl hin Leid zugefügt hatte. All die Nächte, in denen ich mit Blut unter den Fingernägeln zur Liga der Assassinen zurückgekehrt war, während mein Vater zusah. Dem hier ein Ende zu setzen, fühlte sich fast gerecht an.

Aber Khaki war noch bei mir.

Ich würde sie nicht zurücklassen.

Der Schuss peitschte durch die Luft.

Etwas Schweres prallte von der Seite gegen mich. Ich schlug hart auf dem Boden auf; Knie und Handflächen schürften sich am Stein auf. Ein Schmerzschwall durchfuhr meinen Bauch. Ich sah an mir herab und erwartete, mein eigenes Blut zu sehen.

Es war nicht meins.

Sie hatte mich aus der Schusslinie gestoßen.

Khaki lag vor mir, beide Hände auf ihren Bauch gepresst. Dunkles Rot breitete sich rasch zwischen ihren Fingern aus.

Einen Moment lang weigerte sich mein Verstand zu begreifen, was ich da sah.

Dann brach ein Laut aus mir hervor – roh, gebrochen, eher ein Schrei als ein Wort.

„Khaki –!“

Ich kroch auf Händen und Knien zu ihr hinüber. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es bis in die Zähne spürte. Tränen ließen meine Sicht bereits verschwimmen.

„Nein, nein, nein – bitte –“

Ich presste meine Hände auf ihre. Sie zitterten so stark, dass ich kaum Druck auf die Wunde ausüben konnte. Heißes Blut quoll zwischen unseren Fingern hervor und sickerte unaufhaltsam hindurch, ganz gleich, wie fest ich drückte.

Sie hustete. Rote Spritzer benetzten ihre Lippen und landeten auf meiner Wange. Ihre Augen suchten die meinen. Selbst jetzt blickten sie ruhig.

„Lauf, Vee“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang schwach. „Sie können uns nicht beide kriegen. Wenn du überlebst … wird Vater …“

„Hör auf!“ Das Wort brach laut und brüchig aus mir heraus. Tränen liefen mir über das Gesicht und tropften auf ihr Kleid. „Wage es ja nicht, so zu reden. Wir kommen hier gemeinsam raus. Hörst du mich? Khaki – sieh mich an – wir kommen hier raus!“

Meine Stimme versagte immer wieder. Ich konnte es nicht verhindern. Ich beugte mich über sie, die Stirn fast an ihrer, und drückte weiterhin auf die Wunde, als könnte ich ihr Leben mit meinen Händen festhalten.

Ihr Mund zuckte, fast ein Lächeln. Dann flatterten ihre Augen.

Stiefel umringten uns.

Hände packten meine Arme und Haare und rissen mich nach hinten. Ich kämpfte, trat und drehte mich und versuchte, über ihrem Körper zu bleiben.

Ein Stiefel, der mit meinen Rippen verbunden ist. Die Luft verließ meine Lungen in einem harten, nutzlosen Schwall.

Ein weiterer Schlag landete auf meinem Oberschenkel. Der Schmerz flammte weiß und scharf auf.

Jedes Mal, wenn sie mich wegzerrten, kroch ich zu ihr zurück. Meine Ellbogen kratzten am Stein. Meine Schultern brannten. Ich konnte Blut schmecken, wo ich mir innen in die Wange gebissen hatte.

„Bitte – hör auf, bitte – sie liegt im Sterben – ich werde alles tun –“

Jedes Mal, wenn sie mich von ihr herunterzogen, traf die kalte Luft die Stelle, an der ihr Körper an meinem gelegen hatte, und das zwang mich, noch härter zu kämpfen. Fäuste und Füße kamen immer wieder – zurück, Rippen, Oberschenkel. Meine Sicht war getunnelt. Meine Ohren fingen an zu klingeln. Trotzdem griff ich nach ihr.

Die Schläge wurden langsamer und hörten dann auf.

Der Kreis der Männer öffnete sich.

Aldrich trat hindurch.

Sein Hemd war am Kragen noch offen, dunkle Blutflecken auf dem weißen Stoff. Er blieb vor mir stehen. Einen Moment lang blickte er nur nach unten. Dann legte er die Spitze seines Schuhs unter mein Kinn und hob mein Gesicht an, bis ich gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen.

Mir stockte der Atem.

Nicht nur wegen der Schuldgefühle.

Sogar wegen des langen, schwarzen Umrisses des Scharfschützengewehrs in seiner Hand.

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