تسجيل الدخولDer März begann mit Tauwetter, wie der März immer begann, aber dieses Mal hatte das Tauwetter eine andere Qualität als in den Jahren davor.Mara bemerkte es an einem Morgen Anfang des Monats, als sie durch die Küche des Solis-Hauses ging und das Küchenfenster aufmachte, zum ersten Mal seit November, weil die Luft draußen eine Einladung enthielt, die sie annehmen wollte. Die Luft, die hereinkam, roch nach Erde, nach dem Aufwachen von Dingen, die geschlafen hatten, nach dem spezifischen März-Geruch, der kein Frühling war, aber kein Winter mehr, das Dazwischen, das niemanden zufriedenstellte und das trotzdem schön war, weil es überging, weil es auf dem Weg zu etwas war.Sie stand am Fenster und sah in den Garten.Der Apfelbaum, kahl, die Äste noch ohne Blatt, aber — da war etwas. An den Spitzen der Äste, an den äußersten Punkten, wo das Holz am dünnsten war, das erste Anschwellen, noch kein Knospen, noch nicht das, noch die Sekunde davor, die Sekunde der Entscheidung, in der der Baum sic
Der Abend endete, wie gute Abende endeten — langsam, ohne klaren Abschluss, in dem allmählichen Weniger-Werden von Stimmen und Schritten, bis nur noch die blieben, die nicht gehen wollten oder konnten oder sollten.Die Presse war gegangen, die offiziellen Gäste, die Menschen, die Einladungen gehabt hatten und andere Termine nach diesem. Berger hatte sich verabschiedet, mit dem professionellen Handschlag und dem Ausdruck von jemandem, der wusste, dass es gut gelaufen war und der das nicht ausschreien musste, weil es genug war, es zu wissen. Ihre zwei Mitarbeiter räumten leise auf, leere Gläser, Servietten, die kleinen Spuren eines Abends.Was blieb: Mara und Damian, Lena, Rafael, Henrik, der eingeschlafen war auf einem der Stühle im vierten Raum, die Gitarre neben sich abgestellt, den Kopf auf dem Arm, vollständig schlafend mit der Vollständigkeit von Kindern, die entschieden hatten, dass jetzt Schlafenzeit war, und das war so. Hildegard und Ingrid, Reinhardt, Klaus Aldenberg.Sie stan
Berlin war dieses Mal anders als beim ersten Mal.Nicht die Stadt selbst — Berlin blieb Berlin, laut und geschichtig und gleichgültig gegenüber einzelnen Besuchen, weil es zu viele davon gab und weil eine Stadt, die so viel getragen hatte, gelernt hatte, den einzelnen Moment in den größeren Strom einzuordnen. Aber Mara war anders. Das spürte sie, als sie am Bahnhof ankam und aus dem Zug trat in die Berliner Februarkälte, die schärfer war als die Ravenmoors, die Kälte einer Stadt, die auf einer Ebene lag und den Wind nicht aufhielt.Sie war das erste Mal als Besucherin gekommen.Dieses Mal kam sie als jemand, dem etwas gehörte, das in dieser Stadt hing.Das war ein anderes Gewicht.Damian stand neben ihr auf dem Bahnsteig, den Koffer in der Hand, und sah sie an mit dem Blick, der fragte, ohne zu fragen. Mara schüttelte leicht den Kopf — nicht Nein, nur das Zeichen, dass alles in Ordnung war, nur anders, nur groß, nur das, was es war.Lena war einen Tag früher angereist. Sie hatte Berge
Das neue Jahr begann still.Nicht weil es nichts zu sagen hatte — sondern weil die Stille die richtige Eröffnung war, nach allem, was das vergangene Jahr gewesen war. Mara saß am ersten Januarmorgen auf der Bank im Garten des Solis-Hauses, eingewickelt in den Wintermantel, die Hände um einen Thermobecher Kaffee, der dampfte in der Kälte, und sah den Apfelbaum an, der im Schnee stand, ruhig und kahl und vollständig damit einverstanden, was er war.Sie hatte keine Kamera mitgenommen.Das war die erste Entscheidung des Jahres, die bewusste: kein Fotografieren, heute, nur Sehen. Nur da sein, ohne das Festhalten, das manchmal half und manchmal zwischen einem und dem Moment stand, den man eigentlich sehen wollte.Der Apfelbaum stand.Der Schnee lag.Ravenmoor war still, noch, die Stadt, die um diese Stunde zwischen Nacht und Morgen schwankte, in dem Zustand der Schwebe, der nur an wenigen Tagen im Jahr da war, Neujahr war einer davon.Mara trank den Kaffee und dachte an das Jahr, das kommen
Der Dezember begann mit Schnee.Nicht der zögerliche Schnee des frühen Winters, der fiel und zweifelte und bis Mittag wieder verschwand — sondern der entschlossene, der am ersten Dezembertag anfing und drei Tage anhielt und Ravenmoor unter einer Schicht hinterließ, die blieb, die sich setzte, die die Stadt in etwas verwandelte, das ruhiger war als sie sonst war, gedämpfter, als hätte der Schnee der Stadt das Laute weggenommen und nur das Wesentliche gelassen.Mara stand am Küchenfenster des Solis-Hauses und sah in den Garten.Der Apfelbaum, kahl, mit Schnee auf den Ästen, die horizontalen Flächen weiß, die vertikalen dunkel — es war ein Bild, das sie kannte aus anderen Wintern, anderen Bäumen, anderen Städten, aber das hier war anders, weil es ihres war, weil sie wusste, wie der Baum aussah, wenn er blühte, und wie er aussah, wenn er trug, und jetzt wusste sie auch, wie er aussah, wenn er schlief.Das war das Wissen, das nur die Zeit gab.Sie fotografierte ihn, wie sie ihn immer fotog
Sie lasen sie langsam.Das war keine Entscheidung, die getroffen worden war — es hatte sich einfach so ergeben, die Langsamkeit, die Art, mit der man Dinge las, die wichtig waren und die man nicht verlieren wollte durch zu schnelles Lesen, durch das Vorbeikommen an einem Satz, der mehr enthielt, als man ihm auf den ersten Blick ansah. Damian hatte die Kiste ins Solis-Haus getragen — nicht ins Penthouse, das war Maras unausgesprochener Wunsch gewesen und er hatte ihn gespürt, ohne dass sie es sagen musste — und sie hatten die Notizbücher auf dem Küchentisch ausgebreitet, in einer ersten Sichtung, die nicht wirklich eine Sichtung war, sondern ein Kennenlernen.Sieben Notizbücher.Verschiedene Größen, verschiedene Einbände, verschiedene Tintensorten, die das Alter der Einträge anzeigten — die ältesten verblasst und bräunlich, die jüngsten noch schwarz, noch klar, noch frisch auf eine Art, die unwirklich war nach zwanzig Jahren.Die Briefe, dreizehn, an Menschen adressiert, manche abgesch
Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ravenmoor schien nicht zu wissen, wie man aufhörte zu trauern.Lena saß bereits am Küchentisch, als Mara herunterkam. Der Laptop stand offen, daneben ein leeres Kaffeebecher und drei Seiten handgeschriebene Notizen, die in der chaotischen Handschrift verfasst w
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der
Ravenmoor schlief nicht gut im Oktober. Das war Maras erste Erkenntnis nach einer Woche, in der sie versucht hatte, die Stadt neu zu lernen wie eine Sprache, die man einmal gesprochen und dann vergessen hatte. Die Wörter kamen zurück, aber die Grammatik stimmte nicht mehr.Am Donnerstag frühmorgens
Zwei Tage nach dem Notartermin kam der Strom zurück ins Solis-Haus, und mit ihm eine Stille, die lauter war als das Dunkel. Mara begann damit, Räume zu inventarisieren. Das war sachlich, praktisch, und ließ keinen Raum für Gefühle, was genau die Intention war.Sie arbeitete von oben nach unten. Das







