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Kapitel Vier: Das Anwesen

Author: U.C BELLE
last update publish date: 2026-10-25 01:26:39

Am Donnerstagmorgen bog der Wagen durch eiserne Tore, die Reifen knirschten über den Kies, der so präzise geharkt war, dass er wie aufgemalt wirkte. Clara presste ihre Handfläche flach gegen die Fensterscheibe, während sich das Anwesen der De Lucas aus dem Morgennebel erhob: Stein und Efeu und Fenster, die das frühe Licht einfingen wie etwas aus einem Gemälde, das sie nie hatte berühren dürfen, geschweige denn sich vorstellen können, eines Tages darin zu leben.

Am Vorabend hatte sie alles, was sie besaß, in einen einzigen Koffer gepackt. Es hatte nicht lange gedauert. Nach vier Jahren im Haus von Donna Marchesi hatte sie weniger vorzuweisen als an dem Tag, an dem ihr Vater gestorben war: ein paar Kleider, ein Foto, dessen Ränder durch häufiges Anfassen weich geworden waren, und den abgeplatzten Rosenkranz ihrer Mutter, den Rosa sich nie die Mühe gemacht hatte zu stehlen, weil er niemandem etwas bedeutete außer Clara.

In der Nacht zuvor hatte sie kaum geschlafen. Sie hatte wach auf dem Dachboden gelegen und ein letztes Mal gelauscht, wie sich das Haus um sie herum setzte, hatte sich den Wasserfleck an der Decke eingeprägt, der wie ein fliegender Vogel aussah, und das Knarren der dritten Treppenstufe, der sie seit Jahren aus dem Weg ging. Sie hatte sich von niemandem verabschiedet. Es gab niemanden, bei dem es sich gelohnt hätte, Lebewohl zu sagen.

Der Wagen verlangsamte sich und kam am Fuß einer breiten Steintreppe zum Stehen. Auf der obersten Stufe wartete bereits eine Frau in grauer Uniform, die Hände gefaltet, den Rücken kerzengerade wie ein Gewehrlauf.

„Signorina Ricci.“ Die Stimme der Frau klang klar und effizient und verriet nichts. „Ich bin Teresa, die Leiterin des Hauspersonals. Bitte folgen Sie mir.“

Im Inneren ragten die Decken zwei volle Stockwerke hoch. Von den Kronleuchtern tropften Kristalle herab, die das Licht einfingen und über die Böden verstreuten, die so glänzend poliert waren, dass Clara ihr eigenes Spiegelbild darin erkennen konnte, verzerrt und klein. Porträts von Vorfahren der De Lucas blickten aus vergoldeten Rahmen entlang der Treppe finster auf sie herab: dunkle Augen, kantige Kiefer, Generationen von Männern, die alle denselben Ausdruck kontrollierter, wachsamer Autorität zu tragen schienen wie Luca. Ein Porträt nahe dem Treppenabsatz hielt ihren Blick länger fest als die anderen. Es zeigte eine ältere Frau mit silbernem Haar und scharfen, amüsierten Augen, das einzige Gesicht an der gesamten Treppe, bei dem man sich vorstellen konnte, dass es einmal über etwas gelacht hatte. Clara fragte sich kurz, wer diese Frau gewesen war, doch dann riss Teresas Stimme sie aus ihren Gedanken und trieb sie weiter.

Clara hatte solche Böden schon einmal geschrubbt, auf den Knien, im Dienst einer Familie, der sie nicht angehörte. Nicht ein einziges Mal hatte sie sich vorgestellt, eines Tages über ihnen schlafen zu dürfen.

„Es ist wunderschön“, sagte Clara, hauptsächlich, um die Stille zu füllen, denn Teresas zügiger Schritt den Flur entlang lud nicht gerade zu einem Gespräch ein, und Clara wusste noch nicht, ob Schweigen hier sicherer war als Reden.

„Es ist eine Menge Haus, das sauber gehalten werden muss“, erwiderte Teresa, weder unfreundlich noch besonders herzlich. „Sie werden nicht damit rechnen müssen, dabei zu helfen. Ihre einzige Aufgabe hier ist diejenige, die in Ihrem Vertrag festgelegt wurde.“

„Und wenn ich helfen möchte? Ich bin geschickt mit meinen Händen. Vier Jahre Übung.“

Teresa wurde ein wenig langsamer und blickte mit etwas über die Schulter zurück, das Überraschung sein mochte. „Sie werden nicht viele Frauen finden, die durch diese Tür kommen und darum bitten, arbeiten zu dürfen, Signorina. Die meisten verbringen ihre Zeit damit, dem Personal einzureden, sie seien sich für solche Arbeiten zu fein.“

„Ich bin nicht wie die meisten Frauen.“

„Nein“, sagte Teresa nach einem kurzen Moment und wandte sich wieder dem Flur zu. „Das beginne ich zu verstehen.“

„Ihr Zimmer“, sagte Teresa und öffnete eine Tür am Ende eines stillen Korridors im Ostflügel. Es war kleiner als die Zimmer, an denen sie vorbeigekommen waren, bemerkte Clara, abgelegen wie ein nachträglicher Einfall, wenn auch immer noch prachtvoller als alles, worin sie seit dem Tod ihres Vaters geschlafen hatte. Ein Himmelbett. Ein Fenster, das sich tatsächlich öffnen ließ. „Ihre Mahlzeiten werden Ihnen hier serviert, sofern der Don nicht verlangt, dass Sie sich andernorts zu ihm gesellen. Unter keinen Umständen dürfen Sie sich in den Westflügel begeben. Mit Gästen der Familie dürfen Sie nicht sprechen, es sei denn, diese sprechen Sie zuerst an.“

„Bin ich eine Ehefrau oder eine Gefangene?“, fragte Clara und bereute sofort die Schärfe in ihrer eigenen Stimme, nahm die Frage jedoch nicht zurück.

Teresas Miene regte sich nicht im Geringsten. „Sie sind ein vertraglich gebundener Gast, Signorina. Denken Sie an Ihren Platz, halten Sie sich im Hintergrund, und Ihr Jahr hier wird schnell genug vergehen.“ Sie machte eine Pause, schwer und bewusst gesetzt. „Sie sind hier nichts weiter als eine Leihmutter. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie das nicht vergessen.“

Die Worte trafen Clara härter, als sie sich gewappnet hatte. Sie hatte sich eingeredet, auf all das vorbereitet zu sein: auf die Kälte, auf die Regeln, die sich wie Ziegelsteine übereinanderschichteten, als würde eigens eine Mauer errichtet, um sie einzusperren. Sie hatte nicht erwartet, dass es sich anfühlen würde, als hätte man sie erneut für wertlos erklärt, nur diesmal in einem Haus, das so wunderschön war, dass die Beleidigung dadurch noch schärfer, noch präziser wirkte, als würde man sie mit etwas Poliertem statt mit etwas Rostigem schneiden.

„Ich verstehe“, sagte Clara leise, denn es gab nichts anderes, was sie hätte sagen können, ohne etwas zu riskieren, dessen Verlust sie sich noch nicht leisten konnte.

„Gut.“ Teresa ging zum Fenster und zog den Vorhang um einen Zentimeter zurück, sodass ein schmaler Lichtstreifen über den Boden fiel. „Noch etwas, Signorina. Die Großmutter des Don, Nonna Amalia, wird wahrscheinlich noch vor dem Abendessen nach Ihnen sehen. Das tut sie bei jedem, der neu ins Haus kommt. Antworten Sie ihr ehrlich. Sie hat keine Geduld für Schmeicheleien und noch weniger für Lügen. Schon nach einem einzigen Satz wird sie wissen, womit Sie es versuchen.“

„Ist sie wie er? Der Don?“

Über Teresas sorgfältig beherrschtes Gesicht huschte etwas hinweg, kein richtiges Lächeln, aber etwas, das nah genug daran war, dass Clara es bemerkte.

„Nein, Signorina. Nonna Amalia ist die einzige Person in diesem Haus, die keine Angst vor ihm hat. Sie wären gut beraten, sie sich zur Verbündeten zu machen, wenn Sie können.“

Teresa ließ sie mit ihrem einzigen Koffer und vier kahlen Wänden allein. Die Tür fiel hinter ihr mit einem leisen, endgültig klingenden Klicken ins Schloss, als hätte sie damit etwas für immer verschlossen.

Clara setzte sich auf die Bettkante und erlaubte sich genau eine Minute, den Schmerz zu spüren, der sich in ihrer Brust ausbreitete. Eine Minute, um dem Geist des Hauses ihres Vaters nachzutrauern, um das Leben zu betrauern, das sie vielleicht hätte führen können, wenn er noch lebte, um sich klein, verängstigt und vollkommen allein zu fühlen in einem Herrenhaus, das offenbar dafür gebaut worden war, jedem genau dieses Gefühl zu vermitteln. Dann stand sie auf, packte ihre wenigen Habseligkeiten mit Händen aus, die sie durch schiere Willenskraft ruhig hielt, und sagte sich dasselbe, was sie sich jeden einzelnen Tag im Haus ihrer Stiefmutter gesagt hatte, jenes Mantra, das sie bis hierher getragen hatte und sie noch weiter tragen musste.

Das ist nur vorübergehend. Überlebe es.

Sie wusste noch nicht, dass Luca De Luca irgendwo im Westflügel hinter einer Tür, der sie sich nicht nähern durfte, an seinem eigenen Fenster stand und auf die leere Kiesauffahrt blickte, auf der ihr Wagen verschwunden war. Und dass er ihretwegen bereits eine Regel gebrochen hatte, ohne es sich ganz einzugestehen: Er konnte einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie sie gesagt hatte: Ich habe einen Namen. Wie sie das Kinn gehoben hatte, statt den Kopf zu senken. Wie die Angst sie nicht klein gemacht hatte, so wie sie jeden anderen in seiner Umgebung klein machte.

Er wusste noch nicht, was er damit anfangen sollte. Es beunruhigte ihn mehr, als er zugeben wollte, allein in einem Zimmer zu stehen, das für einen Mann geschaffen worden war, den nichts jemals aus der Ruhe bringen sollte.

Unten, in dem Zimmer, das man ihr zugewiesen hatte, ließ Clara die Finger an der Kante der Fensterbank entlanggleiten und prüfte den Riegel, bis er nachgab. Dann stieß sie das Fenster gerade weit genug auf, dass die kühle Morgenluft ihr über das Gesicht strömte. Irgendwo jenseits der Gärten hörte sie Hunde leise bellen, einen Wagen, der die lange Auffahrt hinunterfuhr, und die gewöhnlichen Geräusche eines Hauses, in dem nichts gewöhnlich war. Sie schloss die Augen und ließ sich atmen, wirklich atmen, zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Niemand stand hinter ihrer Schulter und beobachtete sie. Niemand wartete darauf, sie bei etwas Falschem zu ertappen.

Es würde nicht lange anhalten. Das wusste sie bereits, aus einem Instinkt heraus, den vier Jahre der Erfahrung geschärft hatten und der ihr genau gezeigt hatte, wie schnell man ihr den Frieden wieder nehmen konnte. Doch jetzt, in diesem einen unbewachten Augenblick, erlaubte sie sich trotzdem, ihn zu genießen.

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