LOGINHayley zwang ihre Augen auf.
Die dunkle Zimmerdecke rückte langsam ins Blickfeld. Sie keuchte fast augenblicklich, als ein tiefer Schock ihre Gedanken durchfuhr. Sie befand sich noch immer im Land der Lebenden.
Hayley blickte hoch und sah Lysander. Er saß direkt dort und starrte sie an, als hätte er stundenlang nur darauf gewartet, sie die Augen öffnen zu sehen.
„Ich habe es dir gesagt. Du gehörst mir.“ Lysander stand auf und blickte auf sie herab. „Bring dich tausendmal um, und ich hole dich tausendundein Mal zurück.“ Er lächelte sie an. „Du musst hungrig sein.“
Lysander blickte zur Tür. Er befahl seinem Dienstmädchen, ein Tablett mit Essen hereinzubringen.
Hayley starrte auf den Teller. „Ich hoffe, das Essen ist vergiftet“, sagte sie.
Lysander zuckte mit den Schultern. „Warum isst du nicht einfach und findest es heraus?“
Sie zog das Tablett näher zu sich und aß das Essen. Lysander setzte sich zurück in seinen schweren Sessel. Er nahm sein Kristallglas auf, schwenkte die dunkle Flüssigkeit darin und behielt dabei seinen Blick fest auf ihr Gesicht gerichtet. Er blinzelte nicht ein einziges Mal. Er beobachtete jeden Bissen, ein kleines, wissendes Grinsen ruhte auf seinen Lippen.
Ein paar Minuten vergingen. Plötzlich würgte Hayley. Sie ließ die Gabel fallen, während ihre Hände zu ihrer Kehle schnellten. Sie kämpfte um Atem, während ihre Lungen sich weigerten, Luft aufzunehmen. Das Essen war tatsächlich vergiftet gewesen.
Lysander rührte keinen Muskel, um zu helfen. Er stützte sein Kinn auf seine Hand, den Ellbogen auf der Armlehne, und verfolgte einfach nur die panischen Bewegungen ihrer Brust. Er sah ihr beim Kampf um ihr Leben zu, als wäre es eine gewöhnliche Vorstellung. Ihre Sicht verschwamm, ihr Kopf sank auf das Kissen, und sie starb erneut.
Saskia kam ins Zimmer. Sie blickte auf Hayleys schlaffen Körper. „Du weißt, dass es weltweit nur noch sieben von diesen Tränken gibt.“
„Und zum Glück haben wir drei davon“, erwiderte Lysander, ohne auch nur einmal von Hayleys blassem Gesicht aufzublicken.
Saskia schüttelte den Kopf. „Nein, nach diesem hier haben wir nur noch einen.“
Lysander zuckte mit den Schultern. Er deutete auf das Bett. „Benutz ihn an ihr.“
Saskia kniete sich hin. Sie flößte Hayley den Trank ein. Innerhalb von zehn Minuten schnappte Hayley nach Luft. Sie erwachte und holte tief Atem.
Lysander lächelte sie an. „Siehst du? Versuch, dich eine Million Mal umzubringen, und ich hole dich jedes Mal zurück. Ich besitze dich.“
Hayley fühlte sich geschlagen. Sie hasste die Tatsache, dass dieser Mann sie besaß. Doch etwas ergab keinen Sinn. Den Gerüchten zufolge tötete Lysander jeden, der sich ihm widersetzte. Jetzt hielt er sie am Leben. Warum?
Lysander führte sie durch die Villa. Er zeigte ihr die Flure und die Zimmer. „In drei Tagen werde ich dem ganzen Land von dir erzählen“, verkündete er.
Hayley hasste diesen Gedanken. Sie hielt den Mund geschlossen, doch ein Plan formte sich in ihrem Kopf. Sie beschloss, in den Wald zu fliehen, sobald die Dunkelheit hereinbrach.
Als die Nacht kam, schlich sie sich aus der Villa. Der Vollmond schien hell am Himmel und erleuchtete den Pfad. Sie rannte tief in den dichten Grunewald hinein, ihr Atem ging schwer, während sie sich zu den dichten Bäumen vorkämpfte.
Doch ein plötzliches Rascheln von Blättern hinter ihr ließ sie erstarren.
Lysander und Saskia traten aus den Bäumen hervor und blickten auf sie, wohl wissend, was sie vorhatte.
Lysander verschränkte die Arme. Er betrachtete sie mit ruhiger, dunkler Belustigung. „So schnell schon auf der Flucht, kleiner Wolf? Und dabei dachte ich, wir fangen an, uns zu verstehen.“
Hayley wich zurück. Sie keuchte schwer und versuchte, nach dem langen Sprint wieder zu Atem zu kommen. „Ich bleibe nicht hier. Ich lasse mir von dir keine Leine anlegen.“
„Ich habe dir zweimal das Leben gerettet“, sagte Lysander, seine Stimme senkte sich zu einem tiefen, glatten Grollen. „Du gehörst jetzt in mein Königreich. Es gibt nirgendwo sonst, wohin du gehen könntest.“
„Das ist mir egal!“, rief Hayley zurück, ihre Finger ballten sich zu Fäusten. „Du besitzt mich nicht, Lysander. Ich würde lieber noch tausendmal in diesem Wald sterben, als als dein Preis zu leben!“
Lysander machte einen Schritt vor und deutete auf den steilen Felspfad vor ihr. „Komm herunter von dem Grat, Hayley. Zwing mich nicht, dich zurückzuzerren.“
Hayley hob das Kinn, ihre Augen blitzten vor Zorn. „Ich werde niemals—“
Ein plötzliches, widerliches Knacken schnitt ihr das Wort ab.
Hayley fiel auf die Knie. Der Knochen ihres rechten Beins brach gewaltsam gegen ihren Willen. Sie stieß einen scharfen, atemlosen Schrei aus. Bevor sie die Qual überhaupt verarbeiten konnte, hallte ein weiteres lautes Krachen durch die Lichtung. Ihr linkes Bein verbog sich völlig aus der Form. Sie brach auf dem Waldboden zusammen und stieß ein schmerzerfülltes Stöhnen aus, während sich die Haut an ihren Armen zu dehnen begann.
*Verwandelt sie sich?*
Sie versuchte, gegen die Verwandlung anzukämpfen. Sie kniff die Augen fest zusammen und zwang ihren Körper, still zu bleiben, in dem Versuch, die Bestie zurückzuhalten. Doch je mehr sie sich wehrte, desto schmerzhafter wurde das Knacken.
Lysander sah ihren Kampf. Er stand mehrere Meter entfernt und rief über die Lichtung. „Wehr dich nicht dagegen! Es ist ein Teil von dir! Schmerz ist Freiheit! Wehr dich nicht!“
„Es tut weh!“, schrie Hayley zurück, ihre Finger gruben sich in den Boden.
„Ich weiß! Jeder macht das durch!“, rief Lysander. „Aber du musst den Wolf übernehmen lassen, sonst wird dich der Schmerz zerbrechen!“
Hayley gab den Kampf auf. Sie ließ zu, dass ihre Knochen brachen und sich neu formten. Während die Verwandlung sie übernahm, explodierten ihre Sinne. Sie konnte die Käfer im Erdreich hören und die Kiefernnadeln kilometerweit entfernt riechen.
Saskia beobachtete die Verwandlung. Ihre Hand schoss vor, und sie tippte Lysander auf die Schulter. „Ihre Augen sind leuchtend rot. Und ihr Fell… es ist weiß.“
Lysander runzelte die Stirn. „Und?“
„Jetzt weiß ich, warum sie sich vorher nicht verwandeln konnte“, flüsterte Saskia.
„Warum?“
„Sie ist ein weißer Wolf“, verkündete Saskia. Ihre Stimme zitterte. „Wenn die Mythen stimmen, dürften wir gar nicht hier sein. Wir müssen sofort fliehen!“
Saskia drehte sich um, um davonzustürmen, doch Lysander packte ihren Arm. Sein Griff war wie ein Schraubstock aus Eisen. „Wovon redest du?“
„Weiße Wölfe verwandeln sich nur, wenn sie jemanden töten, der ihnen sehr nahesteht“, sagte Saskia und versuchte, sich loszureißen. „Sie hat sich gestern Nacht selbst getötet, Lysander! Jetzt ist sie hier, und sie will uns die Köpfe abreißen!“
Lysander ließ nicht los. „Ich kann mit ihr fertigwerden.“
„Du kannst es nicht mit einem weißen Wolf bei Vollmond aufnehmen!“, zischte Saskia leise. „Sie wird dir den Kopf von den Schultern reißen!“
„Unsere Paarungsbindung wird nicht zulassen, dass sie mich tötet“, sagte Lysander.
Saskia schnaubte. „Warum, glaubst du, haben die Alten weiße Wölfe eine Abscheulichkeit genannt? Sie verwandeln sich nach Belieben, und wenn der Wahnsinn sie ergreift, erkennen sie niemanden mehr!“
Lysander blickte auf die riesige weiße Bestie, die sich in den Schatten formte. „Ich kann sie hier nicht ganz allein zurücklassen. Die Zeloten werden merken, dass sie sich verwandelt hat. Sie werden jeden Moment hier sein, und ich werde nicht zulassen, dass sie sie töten.“
„Entweder stirbst du durch die Zeloten, oder du stirbst durch sie!“, rief Saskia. „So oder so müssen wir fliehen!“
Ein tiefes, furchterregendes Knurren hallte vom felsigen Grat herab.
Hayley stand in ihrer Wolfsgestalt. Sie war ein gewaltiger weißer Wolf mit glühend roten Augen. Sie begann, den Abhang hinabzugehen. Ihre Bewegungen waren langsam und bedacht. Sie richtete ihre Augen fest auf Lysander und musterte ihn wie Beute.
Ein Schauer durchfuhr Lysander. Er spürte einen Anflug echter Furcht, doch seine Füße weigerten sich zu weichen. Er wollte bleiben.
Er ließ den Griff um die Hexe los. „Du kannst gehen. Ich kann sie hier nicht zurücklassen. Renn, so schnell du kannst.“
Saskia taumelte zurück, hielt dann aber inne. „Es tut mir leid. Ich kann dich hier auch nicht zurücklassen.“
„Nein! Du musst Verstärkung holen!“, brüllte Lysander. Er schob sie in Richtung des Pfades. „Wenn ich sie jetzt so ansehe, weiß ich, dass ich sie nicht allein bewältigen kann! Geh! Geh!!“
Saskia drehte sich um und rannte in die Dunkelheit hinein.
Lysander hielt seine Position. Er stellte sich dem weißen Wolf, während Hayley den Abstand zwischen ihnen schloss.
„Mal sehen, was du draufhast, kleiner Wolf“, murmelte er und blickte Hayley aufmerksam entgegen, während sie sich näherte.
Die Gruppe verbrachte den gesamten Tag damit, das Anwesen von Jonas hinter dem felsigen Bergrücken aus sorgfältig zu beobachten, anstatt überstürzt in das Gelände einzudringen.Sie lagen auf dem flachen Boden unter dichten Kiefernzweigen und wechselten sich dabei ab, die drei Meter hohe Betonmauer durch Vanes Fernglas zu beobachten.Vane und Henrik überwachten die Wachwechsel mithilfe eines Timers und notierten jedes Mal, wenn eine bewaffnete Patrouille am südlichen Zaun entlangging oder auf die oberen Eisenbalkone trat.Lysander studierte den Aufbau des Haupthauses, zählte die Zeitabstände der Patrouillen und markierte jede gut nutzbare tote Ecke auf einer groben Skizze, die er mit einem abgebrochenen Kiefernzweig in die feuchte Erde zeichnete.Gideon saß neben ihnen und steuerte alle zusätzlichen Einzelheiten bei, an die er sich aus seiner Zeit innerhalb des Anwesens vor einigen Wochen erinnern konnte.„Die innere Kellertür bleibt von außen verschlossen“, erklärte Gideon und deutete
Bis vier Uhr am Samstagmorgen waren die Vorbereitungen endlich abgeschlossen.Der Lastwagen stand mit laufendem Motor in der großen Garage. Der Motor brummte leise und gleichmäßig, während Vane die letzten beiden Holzkisten auf die hintere Ladefläche lud.Hayley, Lysander, Vane, Henrik und eine kleine Eskorte aus zwei Wachen bildeten das Einsatzteam. Sie hielten die Gruppe bewusst klein und schnell, anstatt eine größere militärische Einheit einzusetzen, die auf den Hauptstraßen sofort Aufmerksamkeit erregt hätte.Gideon reiste trotz seiner noch nicht vollständig verheilten Verletzungen und seiner geringen körperlichen Kraft mit ihnen. Saskie hatte dagegen protestiert, dass er die Krankenstation verließ, doch Gideon bestand darauf, dass er der Einzige war, der aufgrund seiner erst kürzlich erfolgten Flucht durch die nördliche Zaunlinie die Bewegungsmuster von Jonas' Anwesen wirklich kannte. Er saß auf dem hinteren Beifahrersitz des Lastwagens und trug einen dunklen Canvas-Mantel, währe
Um elf Uhr am Freitagabend war es still in der Garage.Eine einzelne Deckenlampe hing über der mittleren Werkbank und tauchte den Betonboden in klares Licht. Henrik stand auf der linken Seite des Metalltisches und hielt einen schwarzen Permanentmarker in der Hand, während Vane sich über die Eisenplatte beugte und in der rechten Hand einen Messschieber aus Messing hielt.Zwischen ihnen lagen zwei topografische Karten der südlichen Grenzregion, die direkt nach Liechtenstein führte. Rote Kreise markierten die schmalen Entwässerungskanäle, die unter Jonas' Grenzzaun verliefen, während blaue Linien die sechsstündigen Wachwechsel kennzeichneten, die Gideon aus dem Gedächtnis eingezeichnet hatte.„Das Rohr ist breit genug für jeweils zwei Personen“, sagte Vane und tippte mit dem Zeigefinger auf das Papier. „Wenn wir den Transporter um halb fünf morgens in der Nähe der Kieferngruppe abstellen, können wir durch das Rohr kriechen, bevor die Frühschicht auf den östlichen Balkon geht.“„Ich kann
In den folgenden zwei Tagen wartete Hayley weder auf Lysanders Erlaubnis noch auf seine Zustimmung.Mit ruhiger, ununterbrochener Konzentration bewegte sie sich durch das Anwesen und begann still damit, alles zusammenzustellen, was sie für einen Befreiungsversuch in Liechtenstein benötigen würde, unabhängig von der offiziellen Haltung ihres Mannes.Sie wusste, dass das Haus nach dem Angriff der Zealoten noch immer in höchster Alarmbereitschaft war. Aber sie wusste auch, dass jede Stunde, die sie damit verbrachte, im Tal über ihre Entscheidung zu diskutieren, eine weitere Stunde war, die Sabine in dem steinernen Keller unter Jonas' Anwesen eingesperrt blieb.Am Donnerstagmorgen zog Hayley zuerst Vane ins Vertrauen, unten in der Waffenkammer.Vane saß auf einem hölzernen Hocker neben der Werkbank und reinigte den langen Metalllauf seines Durchschlagsgewehrs mit einem weichen Öltuch. Er war ein pragmatischer Mann, der jahrelang außerhalb der offiziellen Rudelstrukturen gearbeitet hatte,
Bis sieben Uhr an diesem Abend wurde Gideon aus dem Hauptzimmer der Krankenstation in ein gesichertes Gästezimmer im dritten Stock gebracht.Saskie gab ihm einen zweiten Tropf mit Flüssigkeit, verordnete ihm zwölf Stunden ununterbrochene Bettruhe und stellte zwei loyale Wachen der Familie direkt vor seiner Tür ab.Die Wachen erhielten die Anweisung, dafür zu sorgen, dass es ihm an nichts fehlte, ihm warme Mahlzeiten zu bringen und seine Bewegungen zu überwachen, damit er sicher blieb, während die Führung des Anwesens die wichtigen Informationen verarbeitete, die er über die Berggrenze gebracht hatte.Hayley ging den Flur im zweiten Stock entlang, während ihre Gedanken völlig bei dem lagen, was sie am Nachmittag erfahren hatte.Sie öffnete die schweren Doppeltüren zu Lysanders Arbeitszimmer und trat ein. Der Raum war dunkel, abgesehen von zwei grünen Schreibtischlampen, die einen langen Holztisch beleuchteten, der mit Grenzkarten, Berichten über die Schutzzauber und Notizen über die si
Vier Stunden später wachte Gideon in der Krankenstation des Anwesens im zweiten Stock auf.Die Nachmittagssonne fiel durch die hohen Glasfenster und erhellte die sauberen weißen Leintücher und den kleinen Holztisch neben seinem Bett.Saskie stand auf der rechten Seite des Bettes und überwachte einen Glasbeutel mit klarer Kochsalzlösung, die durch einen dünnen Schlauch in Gideons linken Arm floss. Er war stark dehydriert gewesen, sein Körper von den tagelangen, unerbittlichen Reisen durch die nördlichen Bergpässe ausgezehrt, doch nach drei Stunden Schlaf hatte sich sein Puls stabilisiert.Hayley saß auf einem Holzstuhl direkt neben dem Bett und weigerte sich, von seiner Seite zu weichen, selbst nachdem Marlene frische Suppe und Brot für die Wachen heraufgebracht hatte.Sie hatte ihre Arme auf der Matratzenkante abgelegt und beobachtete, wie Gideons Brust sich regelmäßig hob und senkte. Auf der anderen Seite des Zimmers lehnte Lysander am Türrahmen aus Eichenholz, die breiten Arme vor d







