LOGINLysander trommelte mit den Fingern gegen sein Kristallglas. Der langsame, spöttische Rhythmus hallte durch den gewaltigen Raum.
„Das Timing ist viel zu makellos, Saskia. Das Konklave ist verzweifelt auf der Suche nach einem Ankerpunkt, um mein Königreich in den Dreck zu ziehen. Sie haben eine Spionin geschickt, verpackt in eine kosmische Schleife. Sie hoffen, dass ihr hübsches Gesicht meine Mauern von innen aufweicht.“
„Niemand hat sie hierher geschickt, Lysander!“ Saskia trat vor. Sie übertönte seine Vorwürfe. „Das Universum nimmt keine Befehle von Politikern entgegen. Sie ist nicht mit einem Plan in dein Territorium marschiert. Sie hat auf deinem Teppich geblutet, weil deine eigenen leichtsinnigen Vampire beschlossen haben, nachzuprüfen, ob sie ein Werwolf ist.“
Lysander hob abrupt die Hand. Seine Handfläche brachte Saskias Worte augenblicklich zum Verstummen. Der Raum hielt den Atem an.
Drei lange Sekunden lang blieb sein dunkler Blick zur Decke gerichtet. Er lauschte der absoluten Stille. Dann zog ein langsames, gefährliches Lächeln an seinen Mundwinkeln. Er senkte seinen Blick zum Samtsofa.
„Ich weiß, dass du jetzt wach bist.“ Lysanders Stimme schnurrte mit absoluter Gewissheit. Er machte einen langsamen Schritt auf sie zu. Seine Stiefel klackten auf dem Parkettboden. „Steh auf und gib mir die Lügen, die du dir in diesem kleinen Kopf zurechtgelegt hast.“
Hayley stieß leise die Luft aus. Ihr wurde klar, dass ihr Schweigen jede Wirkung verloren hatte. Sie stemmte sich langsam hoch. Ihre Glieder zitterten vor Erschöpfung durch den Trank, doch sie zwang ihre Füße, festen Halt zu finden.
Sie hob den Kopf. Ihr Blick traf auf das sagenumwobene Monster von Berlin.
Die Geschichten hatten gelogen. Sie hatten ein hirnloses, groteskes Biest gemalt. Die Wirklichkeit, die vor ihr stand, war ein zwei Meter großes Meisterwerk der Grausamkeit. Eine scharfe, geschwungene Kieferlinie umrahmte sein Gesicht. Es sah aus, als hätte es ein verdrehter Gott erschaffen. Seine perfekten, hypnotischen Augen trugen eine dunkle Wärme in sich.
Sie warf einen Blick zu Saskia. Dann richtete sie ihren Blick sofort wieder fest auf Lysander. Sie weigerte sich, ihn den Schrecken sehen zu lassen, der direkt in ihrem Kopf tobte.
„Ich komme aus dem Werwolfrudel von Liechtenstein“, begann Hayley und stellte seine Autorität direkt in Frage.
Sie richtete einen festen Finger auf ihn, dann zurück auf ihre eigene Brust.
„Ich bin als Strafe nach Deutschland gekommen. Mein ursprünglicher Alpha hat mich verbannt, weil ich ihn abgelehnt habe. Und glaub mir, ich spüre den Funken dieser Bindung zwischen uns. Aber die Gerüchte haben mich rechtzeitig vor dir gewarnt. Du bist hundertmal schlimmer als das Monster, das ich zurückgelassen habe. Also löse ich unsere Bindung hiermit auf der Stelle. Dir bleiben zwei Möglichkeiten, König. Entweder du tötest mich hier und jetzt, oder du schickst mich in ein benachbartes Werwolfterritorium.“
Lysanders gefährliches Lächeln erstarrte. Ihre Rede traf ihn völlig unvorbereitet. Jede Wölfin im ganzen Land betete darum, in sein Bett gezerrt zu werden, um einen Hauch seiner Krone zu kosten. Und doch warf diese blutende, zerbrechliche Kreatur ihm seinen eigenen Namen ins Gesicht. Jeder wollte einen Funken Güte in ihm finden, doch sie sah ihn an, als wäre er nichts als Müll.
Lysander machte einen langsamen, raubtierhaften Schritt näher. Er musterte ihr Gesicht genau, analysierte jede ihrer Bewegungen. „Hast du dich schon verwandelt?“
Die Frage stürzte Hayleys Gedanken ins Chaos. Die blutigen Legenden über den Hybridkönig waren überall zu hören. Wenn sie wahr waren, hätte ihr Kopf für dieses freche Auftreten längst von ihrem Hals getrennt sein müssen.
„Nein, habe ich nicht“, fauchte sie. „Ich bin nur eine gewöhnliche Omega.“
„Kannst du deinen Wolf spüren?“
„Ja, kann ich.“
„Wie alt bist du?“, verlangte er zu wissen. Seine Stimme kam als tiefes Grollen heraus.
„Bitte“, spottete Hayley trocken. Ihr Zorn drückte hart gegen ihre Rippen. „Das sind völlig unnötige Fragen. Sie führen weder direkt zu meiner Hinrichtung noch zu einem Ticket ins Nachbarrudel.“
Lysander blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen. Sein gewaltiger Schatten begrub sie vollständig auf dem Boden. „Keins von beidem“, verkündete er. Seine Stimme klang endgültig und schwer von Besitzanspruch. „Du gehörst jetzt mir.“
Die Erklärung setzte Hayleys Blut in Flammen. Eine wilde, wütende Raserei explodierte in ihrem Magen. Sie weigerte sich, wie ein billiges Stück Eigentum beansprucht zu werden, nach allem, was ihre Mutter erlitten hatte.
„Nein“, sagte Hayley.
Lysanders Augen weiteten sich. Echter Schock durchbrach seine Gelassenheit. „Du hast keine Wahl, kleiner Wolf. Ich kann dich mit einem einzigen Gedanken töten.“
„Lass es mich dir leicht machen“, flüsterte Hayley.
Hayley bückte sich und riss die Tasche ihrer Jeans auf. Sie tat dies, bevor seine Geschwindigkeit die Bewegung überhaupt erfassen konnte. Ihre Finger schlossen sich um das kleine Taschenmesser, das sie versteckt hatte. Mit einem schnellen, verzweifelten Ruck rammte sie die Klinge direkt in ihren eigenen Kopf.
Ein kollektives Keuchen erstickte die Stille im Raum. Saskias Hände schnellten vor ihren Mund. Die Vampire wichen voller Entsetzen zurück.
„Zur Hölle mit der Paarungsbindung“, würgte Hayley hervor. Blut strömte sofort über ihr Gesicht. „Ich will nicht besessen werden wie irgendein Preis.“
Ihre Knie gaben nach, während ihr Körper schwer auf den teuren Teppich sank. Die Dunkelheit verschlang sie schließlich vollständig.
Lysander starrte auf das regungslose Mädchen. Der reine Wahnsinn ihrer Tat lähmte den Raum. Dann zuckte ein winziges Zucken an seinen Lippen. Aus dem Zucken wurde ein scharfes Grinsen. Aus dem Grinsen wurde ein breites Lächeln.
Plötzlich brach ein lautes, böses Lachen aus seiner Brust hervor, der Klang erschütterte die Wände der Villa selbst. Er war zutiefst amüsiert. Die schiere Unverfrorenheit ihres Auftritts belustigte seine innere Bestie mehr als alles im letzten Jahrhundert.
Er hörte auf zu lachen. Dann schoss sein dunkler Blick in die Ecke des Raumes. „Bringt sie zurück“, befahl er.
Saskia kniete sich schnell vor Hayleys blutigen Körper. Sie sprach kein Wort, während sie ihre Hand in ihren Mantel tauchte und einen Trank hervorholte.
„Bist du dir sicher, dass du das willst?“, fragte sie, und Lysander nickte nur zur Antwort.
Lysander beobachtete den Vorgang von oben herab – ein dunkler, siegreicher Glanz beherrschte seine perfekten Augen.
Die beiden dunklen Transporter rollten gerade durch die großen Eisentore des Anwesens im Tal, als die Dämmerung den Bergrücken erreichte. Die Bewohner des Anwesens hatten sich schweigend entlang der Zufahrt versammelt, doch sobald die Reifen über den Kies fuhren, setzten sich die ersten in Bewegung. Friedrich hob die Hand, um die Zufahrt freizumachen, und Henrik parkte direkt vor den Garagentoren.Vane stieg als Erster aus und half Sabine auf den Boden. Saskie stand mit ihrem Klemmbrett direkt neben der Fahrzeugtür und schenkte der Menschenmenge keinerlei Beachtung. Noch bevor Hayley vom Beifahrersitz aussteigen konnte, packte Saskie sie am Arm.„Du kommst auf direktem Weg in den Krankenraum“, sagte Saskie und hielt Hayleys Jacke fest umklammert.„Saskie, mir geht es gut“, erwiderte Hayley und versuchte, sich loszumachen. „Ich muss zuerst dafür sorgen, dass Sabine sich in ihrem Zimmer einrichten kann.“„Sabine hat drei Wachen, und Marlene kümmert sich um sie“, entgegnete Saskie und fü
Zwei Stunden später erwachte Sabine in einer Ecke der Kühllagerhalle. Die warme Wolldecke war ihr bis zum Kinn hochgezogen. Saskie hatte zuvor ihren Puls überprüft und eine Flasche sauberes Wasser sowie eine frische Schüssel mit heißer Gemüsesuppe auf der Holzkiste neben ihrem Feldbett zurückgelassen. Sabine trank langsam das Wasser, während ihre Hände allmählich ruhiger wurden und die Wärme in ihre Finger zurückkehrte.Hayley saß auf einem Metallstuhl am Fußende des Feldbetts und wartete geduldig, bis Sabine sich aufsetzte und sich im Raum umsah. Lysander und Vane standen ein paar Schritte entfernt an die Betonwand gelehnt und warteten darauf, dass Sabine wieder zu Kräften kam.Nachdem Sabine gegessen und sich ausgeruht hatte, erzählte sie ihnen alles mit ruhiger, bedachter Stimme, als würde sie Einzelheiten aus einem Vorfallsbericht vorlesen, der jemand anderem zugestoßen war.„Jonas hatte nie vor, mich zu töten“, sagte Sabine und richtete den Blick auf den grauen Betonboden. „Er hi
Kai fuhr nicht direkt zurück zum Anwesen im Tal.Er wusste, dass Jonas’ Späher und seine Verfolger bis zum Mittag jede größere Straße in Richtung Berlin überwachen würden. Deshalb steuerte er die Vans stattdessen zu einer abgelegenen Kühllagerhalle am südlichen Stadtrand.Das Gebäude gehörte über drei Ebenen von Briefkastenfirmen Vampiren, die Kai aus früheren Handelsgeschäften noch große Gefallen schuldeten. Dadurch war die Lagerhalle für gewöhnliche Rudelpatrouillen und Überprüfungen in den Registern des Konklaves praktisch unsichtbar.Kai fuhr die Vans in die Ladehalle. Hinter ihnen glitt das schwere, automatisierte Metalltor zu und schirmte sie vom Lärm des morgendlichen Autobahnverkehrs ab.Hinter einer zweiten Stahltür befand sich ein trockener, sicherer und warmer Lagerraum. An der hinteren Wand standen sechs Feldbetten, daneben waren saubere Wolldecken auf Holzpaletten gestapelt. Es gab eine funktionierende elektrische Küchenzeile und vor allem eine solche Stille, dass sich di
Hinter der Gruppe wurde das Messinghorn des Anwesens von Wolfsgeheul beantwortet.Jonas’ Wölfe verwandelten sich in ihre Wolfsformen und stürmten durch die Haupttore nach draußen. Ihre Pfoten trommelten auf den harten Erdboden, während sie losrannten, um die Gruppe über das Grenzgebiet hinweg zu verfolgen und zur Strecke zu bringen.Das Heulen hallte von den Steinmauern des Tals wider, durchschnitt die dunkle Nacht und machte deutlich, dass Jonas keineswegs vorhatte, sie kampflos aus seinem Gebiet entkommen zu lassen.Die Gruppe rannte durch den dichten Kiefernwald auf die trockene Flussquerung zu, die Milo für sie auf der Karte markiert hatte.Der Boden unter den Bäumen war uneben und von dicken Wurzeln, feuchten Kiefernnadeln und scharfkantigen Steinen bedeckt, die ein schnelles Vorankommen erschwerten. Sabine lief so schnell, wie ihre dünnen Beine sie tragen konnten, doch die zwei Jahre in Gefangenschaft hatten ihren Körper geschwächt und ihre Ausdauer vollständig aufgebraucht.Noc
Die drei erreichten gerade den Rand des südlichen Entwässerungskanals, als sie glaubten, dass nichts mehr schiefgehen konnte.Sabine bewegte sich inzwischen aus eigener Kraft, wobei Hayley sie mit dem linken Arm stützte, während Lysander fünf Schritte vor ihnen mit gezogener Waffe ging. Sie waren noch fünfzehn Meter von der Grenze entfernt, an der Vane und Henrik mit dem Truck zwischen den Kiefern warteten.Dann ging schließlich alles schief, von dem sie zuvor geglaubt hatten, dass es schiefgehen könnte.Eine dreiköpfige Wachpatrouille wich unerwartet von dem Schichtmuster ab, das das Team den ganzen Tag vom Bergrücken aus sorgfältig beobachtet hatte. Statt bis neun Uhr auf der oberen Terrasse zu bleiben, umrundete die Patrouille ganze zwei Minuten zu früh die Ecke des steinernen Stalls.Der vorderste Wachmann warf einen Blick auf den Rauch, der aus dem westlichen Traktorschuppen aufstieg. Dann sah er zu den drei Gestalten hinunter, die nahe dem südlichen Zaun geduckt standen, und erk
Im Inneren war die Zelle klein, kalt und nahezu leer.Für einen schrecklichen Moment befürchtete Hayley, dass sie zu spät gekommen waren. Der kleine Raum aus Stein wirkte im ersten Licht des Flurs vollkommen verlassen. Der Betonboden war bis auf eine Holzbank und einen verrosteten Wassereimer an der hinteren Wand völlig leer.Dann bewegte sich in der hintersten Ecke schwach eine Gestalt, eng an den kalten Steinboden gekauert.Sabine war dünner, als Hayley sie jemals gesehen hatte, sichtlich gezeichnet von den monatelangen Bedingungen in dem feuchten Keller. Sie zuckte bei dem plötzlichen Licht und dem Geräusch der sich öffnenden Tür heftig zusammen, zog ihre graue Wolldecke über den Kopf und hob einen zitternden Arm, als würde sie jeden Moment mit einem körperlichen Angriff rechnen. Offensichtlich erwartete sie eine weitere Bestrafung durch Jonas' Schergen und keine Rettungsmannschaft.Es dauerte mehrere lange Sekunden, bis sie trotz ihrer Angst endlich erkannte, wer vor ihr stand.Ly







