Mag-log inJORINDE
Ich hatte einen letzten Funken und etwa zwei Sekunden, um ihn auszugeben. Ich grub in das abgeriegelte Dunkel meiner Magie, am Klauen in meiner Brust vorbei, und etwas stieg auf, um das ich nicht gebeten hatte, ein dünner silberner Faden, hell wie Draht in der Dämmerung.
Er traf das Seil ein paar Handbreit über dem Haken. Es war kaum mehr als ein Stups, aber der Bogen senkte sich ein Haar tiefer, und ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, woher er kam.
„Runter!"
Ich war bereits so weit unten, wie ein Mensch nur sein konnte. Er wartete nicht, sondern warf sich so schnell über den Beton, dass er verschwamm, und baute sich vor mir auf, genau als der Haken heranschwang.
Er war auf mein Bein gezielt gewesen und hätte ihn verfehlen müssen, als er sich vor mir aufrichtete. Stattdessen krachte er ihm in den Bauch, mit einem Geräusch wie bei einem Autounfall, denn mein Stups hatte ihn um fünfzehn Zentimeter gesenkt. Die Luft entwich ihm in einem einzigen harten, nassen Husten, und Blut spritzte auf meine Schürze.
Ich hatte sein Leben gerettet und ihn in einem einzigen Schnippen aufgeschlitzt, und darüber würde ich später nachdenken.
Er richtete sich auf, einen Arm an den Bauch gepresst, und sah sich nach mir um, mit lodernden Augen. „Alles okay bei dir?"
„Ob bei mir alles okay ist? Du …"
Er blutete den ganzen Beton voll und sah mich trotzdem an, als wäre ich diejenige in Gefahr. Unter dem Schmerz regte sich etwas Warmes, Unerwünschtes, und ich fand kein einziges Wort.
Der Vollstrecker war wieder auf den Beinen, Feuer in beiden Händen, doch der Wolf packte sein Handgelenk, bevor die Flammen seine Finger verlassen konnten. Knochen brach, und als der Mann den Mund zum Schreien öffnete, schloss sich eine Hand um seine Kehle. Ich sah weg und hörte es trotzdem.
Als ich wieder hinsah, ging der Wolf auf die Hexe zu, humpelnd, das Hemd blutdurchtränkt. Sie riss eine Containertür aus den Angeln und schleuderte sie auf ihn, und er fing sie mit einem Arm ab, bis sie zusammenknickte.
„Du wirst weglaufen wollen", sagte er leise. „Es wäre mir lieber, du tätest es."
Sie tat es nicht. Ihr Schrei brach mitten im Atemzug ab, und dann war der Kai still bis auf den Wind in losen Blechplatten.
Er stand schwankend da, die Hand bis zum Gelenk rot, und als er sich zu mir umdrehte, huschte etwas Unlesbares über sein Gesicht. „Mir geht's gut", sagte er. „Du bist in Sicherheit. Das ist alles, was …"
Seine Augen rollten nach hinten, und er fiel in meine Arme, und ich ging mit ihm zu Boden.
Eine sehr vernünftige Stimme in meinem Kopf sagte, ich könnte ihn einfach hier liegen lassen, er war ein Wolf und ich eine Hexe, er würde aufwachen, heilen und mich vergessen. Doch irgendwo hinter den Containern heulten Sirenen, mit jedem Atemzug näher, und zwei tote Ravenmere-Hexen würden Schlimmeres nach sich ziehen als die Polizei. Ich wusste längst, dass ich nicht das Kluge tun würde.
Ich schob die Arme unter seine Schultern und schleifte ihn durch sechs Häuserblocks voller Hinterhöfe und Schatten, die Rippen jaulend, die Lippe blutig gebissen. Seine Stiefel zogen zwei lange Furchen in den Dreck, und ich trat im Gehen Staub darüber.
Kurz vor der ersten Ecke blickte ich zurück zum Kai, und ich glaubte zu sehen, wie sich die Finger der Frau auf dem Beton krümmten. Ich redete mir ein, es sei der Wind gewesen.
Irgendwo um die dritte Ecke herum begannen seine Füße sich von allein zu bewegen, bewusstlos und stur, als hätte sein Körper beschlossen, dass er irgendwo hinmusste. Nur deshalb schaffte ich es.
Bis zum Bett kam ich, dann gaben meine Arme nach. Ich ließ ihn auf die Matratze fallen, und er zog mich mit sich hinunter, sodass ich auf seiner Brust landete, unsere Gesichter eine Handbreit voneinander entfernt, sein Atem warm auf meiner Wange.
Sein Herz schlug stark und stur unter meiner Hand, und mein eigenes stolperte, weil es versuchte, im Takt zu bleiben. Selbst bewusstlos wandte er mir das Gesicht zu, als wüsste ein Teil von ihm genau, wo ich war.
Sein Mund war direkt da, und ich sah ihn eine Sekunde zu lange an.
„Nö", flüsterte ich und rollte mich weg. Meine Wangen brannten, und ich war sehr froh, dass er bewusstlos war.
Ich holte den Erste-Hilfe-Kasten, eine Schüssel mit warmem Wasser und jedes saubere Handtuch, das ich besaß. „Nur Verbände", sagte ich mir. „Stell dir vor, du bist Krankenschwester, Indy."
Ich schnitt ab, was von seinem Hemd übrig war, und wusch ihm das Blut von der Haut. Es war eine Arbeit wie jede andere, bis ich die Bauchmuskeln sah, hart und wie gemeißelt, und meine Hände stehen blieben.
Ich redete mir ein, ich würde nur die Wunde untersuchen, und das redete ich mir mehrere sehr peinliche Sekunden lang ein, während warmes Wasser seinen Bauch hinunterlief und meine Finger ihm folgten. Seine Finger zuckten gegen das Laken, fast suchend.
Ich zog den letzten Streifen fest und steckte das Ende unter. Er war bewusstlos und trotzdem das Ablenkendste, was ich je verbunden hatte, und ich hasste, dass es mir auffiel, und noch mehr hasste ich, dass ein Teil von mir nicht aufhören wollte.
Als ich seinen Arm drehte, um die Verbrennung zu säubern, sah ich es: einen kleinen schwarzen Sichelmond, dessen Spitzen sich nach innen krümmten, auf die Innenseite seines Handgelenks gestochen. Ich kannte dieses Zeichen. Vor Jahren war es am Arm des Mannes gewesen, der mich drei Nächte lang gejagt hatte, des Spurenlesers, der mich jedes Mal fand, wo ich mich auch versteckte, und dessen Gesicht ich nie gesehen hatte.
Ich hatte keine Magie, eine verschlossene Tür und meinen Daumen auf dem Puls des Mannes, der mich gejagt hatte. Unter meinem Daumen schlug sein Puls einmal hart, wie bei einem Mann, der seinen Namen hört.
XAVER„Fassen wir das mal zusammen: Du bist spazieren gegangen, deine Gefährtin ist dir in die Arme gelaufen, und dann hast du ein paar Hexen getötet. Danach hat sie dich mit nach Hause genommen, sich um dich gekümmert und dir gesagt, du sollst verschwinden?", fragte Anneke und zog eine Augenbraue hoch.Ich fragte mich allmählich ernsthaft, ob ich eine andere Sprache sprach, dabei hatte ich den dreien gerade erst erzählt, wie ich sie kennengelernt hatte. Merten hatte auch die Mädels geholt, und so saßen wir beisammen, während ich ungeduldig immer wieder auf die Uhr sah, weil ich unbedingt zu ihr musste.„Warum sollte sie das tun?", fragte Dorle und runzelte leicht die Stirn. „Moment, sie ist ein Mensch, oder?"Okay, es war Zeit, es ihnen zu sagen, aber dann sah ich zu Merten. Seine beiden Eltern waren bei Kriemhilds Angriff gestorben, und ich erinnerte mich noch genau an den Tag, an dem man es ihm sagte, an den Schmerz und die Verleugnung in seinen Augen.Er hatte Dad angesehen und ge
XAVER„Hallo, Wölfchen“, sagte sie. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“Ich hatte diese Frau mit meinen eigenen Händen getötet, was es ziemlich unhöflich von ihr machte, jetzt hier zu stehen.„Was denn jetzt?“ Ich verdrehte die Augen. „Mir war nicht bewusst, dass Hexen von den Toten zurückkehren können.“Die Hexe kicherte gackernd.„Ach, Wolf. Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich so leicht umbringen?“Ich starrte sie an, mein Kiefer spannte sich.„Schlampig von dir“, sagte sie mit einem Lächeln. „Du hättest dich vergewissern sollen, dass ich tot bin.“„Keine Sorge. Den Fehler mache ich nicht noch einmal.“Sie schnippte mit dem Handgelenk, und eine Druckwelle traf mich mitten in die Brust und schleuderte mich rückwärts, während meine Stiefel zwei lange Furchen in den Boden gruben. Ich renkte den Nacken ein und stürmte erneut auf sie zu.Sie traf mich mit einem weiteren Zauber, dieses Mal ließ sie eine Feuerpeitsche über meinen Arm knallen, die meinen Ärmel verqu
XAVERSie hatte mir gerade eine Leine angelegt, und das Schlimmste war, dass ich keine Angst vor ihr hatte. Ich saß da, den Arm noch halb erhoben, mein Herzschlag viel zu laut, während mein eigener Wolf im Kreis lief, denn auch er hatte keine Angst vor ihr gehabt. Er hatte nur Angst davor, wie wenig es ihm ausmachte.Sie hatte nach dem Messer gegriffen, kaum dass das Silber erloschen war. Jetzt waren ihre Finger weiß um den Griff, und ihre Hand war nicht ruhig.„Jetzt weißt du also, was Ravenmere will", sagte Jorinde tonlos. „Großartig. Danke für den Kaffee. Raus."„Ich habe es ernst gemeint. Ich werde dich nicht zu ihnen bringen."„Komisch. Das sagt jeder."Ich hasste, dass sie gelernt hatte, es so mühelos zu sagen. Ich trat näher, die Hände offen, bis die Spitze durch mein Hemd drückte, und ihre Augen weiteten sich.„Dann tu es. Wenn du glaubst, dass ich lüge, tu es. Ich halte dich nicht auf."Eine lange Weile atmete keiner von uns. Ihr Blick ging vom Messer zu meinem Gesicht und zu
JORINDEEr zuckte nicht zusammen, als die Klinge seine Kehle berührte, also drückte ich, bis die Haut nachgab.Ein Mann, der nicht zusammenzuckt, sagt entweder die Wahrheit oder wurde von besseren Leuten als mir belogen. Ich konnte es mir nicht leisten, herauszufinden, was von beidem stimmte.„Ich habe dich verfolgt", sagte er schließlich, rau. „Alle drei Nächte. In der Nacht, in der die Leine riss, hat jeder Wolf im Norden gespürt, wie sie zersprang, und ich bin dem Riss gefolgt, weil ich sehen wollte, wer es getan hatte."Seine Kehle bewegte sich gegen den Stahl. „In der zweiten Nacht wollte ich dich nur noch erreichen, bevor sie es taten, und an der Klippe wollte ich dich nicht fangen. Ich wollte dich zurückziehen."„Du hast nie ein Wort gesagt. Drei Nächte lang."„Hätte ich gerufen, wärst du schneller gerannt, und jeder Jäger in Hörweite hätte mich gehört." Sein Mund verzog sich. „Schweigen war der einzige Weg, wie ich zwischen dir und ihnen bleiben konnte."Eine Hand aus dem Dunk
XAVERIch hatte letzte Nacht eine Hexe getötet und war im Bett einer Fremden aufgewacht, einen Arm über die Kante hängend wie jemand, der ein Taxi heranwinkt. Nur eines von beidem war mir peinlich.„Alles in Ordnung?"Ich drehte den Kopf sehr langsam. Sie stand in der Tür, ein Handtuch um die Haare gewickelt, ein viel zu großes Shirt um den Körper, und hielt eine Zahnbürste, als hätte sie sich noch nicht entschieden, ob es eine Waffe war.Sie sah mich an, wie man einen Hund ansieht, der gerade gegen eine Glastür gelaufen ist, besorgt und ein wenig vorwurfsvoll. Zwischen ihren Brauen lag eine winzige Falte, und mein Wolf, der seit meinem Aufwachen geschwiegen hatte, regte sich und zog sich in meiner Brust zusammen.„Alles gut", sagte ich und ließ den Arm mit so viel Würde sinken, wie ein Mann in einem fremden Bett aufbringen kann. „Ich habe mich gestreckt."„Zur Decke hin?"„Sie war im Weg."Ihr Mundwinkel zuckte, und sie presste ihn sofort flach, doch ich hatte es gesehen und wie eine
JORINDEIch hatte einen letzten Funken und etwa zwei Sekunden, um ihn auszugeben. Ich grub in das abgeriegelte Dunkel meiner Magie, am Klauen in meiner Brust vorbei, und etwas stieg auf, um das ich nicht gebeten hatte, ein dünner silberner Faden, hell wie Draht in der Dämmerung.Er traf das Seil ein paar Handbreit über dem Haken. Es war kaum mehr als ein Stups, aber der Bogen senkte sich ein Haar tiefer, und ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, woher er kam.„Runter!"Ich war bereits so weit unten, wie ein Mensch nur sein konnte. Er wartete nicht, sondern warf sich so schnell über den Beton, dass er verschwamm, und baute sich vor mir auf, genau als der Haken heranschwang.Er war auf mein Bein gezielt gewesen und hätte ihn verfehlen müssen, als er sich vor mir aufrichtete. Stattdessen krachte er ihm in den Bauch, mit einem Geräusch wie bei einem Autounfall, denn mein Stups hatte ihn um fünfzehn Zentimeter gesenkt. Die Luft entwich ihm in einem einzigen harten, nassen Husten, und Blut







