로그인XAVER
Sie hatte mir gerade eine Leine angelegt, und das Schlimmste war, dass ich keine Angst vor ihr hatte. Ich saß da, den Arm noch halb erhoben, mein Herzschlag viel zu laut, während mein eigener Wolf im Kreis lief, denn auch er hatte keine Angst vor ihr gehabt. Er hatte nur Angst davor, wie wenig es ihm ausmachte.
Sie hatte nach dem Messer gegriffen, kaum dass das Silber erloschen war. Jetzt waren ihre Finger weiß um den Griff, und ihre Hand war nicht ruhig.
„Jetzt weißt du also, was Ravenmere will", sagte Jorinde tonlos. „Großartig. Danke für den Kaffee. Raus."
„Ich habe es ernst gemeint. Ich werde dich nicht zu ihnen bringen."
„Komisch. Das sagt jeder."
Ich hasste, dass sie gelernt hatte, es so mühelos zu sagen. Ich trat näher, die Hände offen, bis die Spitze durch mein Hemd drückte, und ihre Augen weiteten sich.
„Dann tu es. Wenn du glaubst, dass ich lüge, tu es. Ich halte dich nicht auf."
Eine lange Weile atmete keiner von uns. Ihr Blick ging vom Messer zu meinem Gesicht und zurück, und ich spürte das Zittern die Klinge hinaufwandern. Dann senkte sie sie, und etwas in meiner Brust löste sich so heftig, dass ich die Knie durchdrücken musste, um nicht nach ihr zu greifen.
„Du bist ein Idiot", flüsterte sie.
„Das hat man mir schon gesagt."
„Sechs Jahre hat mich niemand gefunden. Dann hast du zwei Stunden in meinem Café gesessen, und eine Stunde später waren sie mir auf den Fersen. Hast du sie mitgebracht?"
Ich wollte Nein sagen, und ich wollte es so sehr, dass mein Kiefer schmerzte. Aber ich dachte an diesen Ecktisch und die zwei Stunden, die ich damit verbracht hatte, sie zu beobachten statt die Straße, und ich brachte es nicht fertig zu lügen.
„Ich weiß es nicht", sagte ich. „Ich war nur auf der Durchreise. Ich hatte wegen eines Kaffees angehalten, und dann wurde mein Wolf still und ließ mich nicht gehen. Ich hätte die Straße beobachten sollen. Ich habe dich angesehen."
Etwas huschte über ihr Gesicht, zu schnell, um es zu benennen. Sie legte das Messer auf die Anrichte, und als sie sich wieder umdrehte, wich sie nicht zurück. Sie trat näher, bis sie den Kopf heben musste, um zu mir aufzusehen, und ihre Finger fanden mein Handgelenk und drehten es um, und ihr Daumen zeichnete den schwarzen Sichelmond nach, dort, wo ihr Silber gegriffen hatte.
„Das habe ich dir angetan", sagte sie, so leise, dass ich es fast überhört hätte. „Zwei Sekunden, und es war so leicht. Das macht mir Angst. Nicht sie. Ich selbst."
„Du hast aufgehört."
„Weil ich Glück hatte."
„Weil du du bist." Meine Stimme kam rauer heraus, als ich wollte. „Eine Leine sagt nicht Stopp. Wer meine zweihundert Jahre lang hielt, hat es nie ein einziges Mal gesagt."
Sie antwortete nicht. Ihr Daumen blieb auf dem Mond liegen, und dort, wo ihre Haut auf meine traf, regte sich unter ihren Fingern ein schwacher silberner Schimmer, hungrig und hell, als Antwort auf das Zeichen. Sie sah es und riss die Hand zurück, versteckte sie hinter sich, als hätte man sie beim Stehlen erwischt.
„Nicht", sagte sie, zu mir oder zu dem Licht, ich konnte es nicht sagen.
Ihr Puls hämmerte an ihrem Hals in einem Rhythmus, der meinem glich, und sie wusste, dass ich es hören konnte. Sie hob trotzdem das Kinn. „Ich könnte dich bis Sonnenaufgang dort stehen lassen. Ich könnte dich jede Lüge erzählen lassen, die du je erzählt hast. Verstehst du, wie sehr ich wissen will, dass du nicht lügst?"
„Dann frag mich", sagte ich. „Frag ohne es."
Das Silber erlosch zwischen ihren Fingern, und die Luft zwischen uns summte weiter.
„Was ist das?", fragte sie heiser. „Das, was passiert, wenn du mich berührst."
Mein Wolf drängte hart gegen meine Rippen. Ich hatte ihr einen Tag geben wollen, aber sie sah mich an, als wäre sie bereit, es zu hören, und ich hatte sie nie belügen können, nicht einmal in meinen Träumen.
„Mein Wolf nennt dich seit dem Moment, als du mir diesen Kaffee gereicht hast, nur ein Wort", sagte ich. „Gefährtin."
Sie lachte, atemlos und leise und ein wenig nervös, und es ging mir direkt durch die Brust. Doch ihr Atem war vor dem Lachen gestockt, und ihr Blick war für einen halben Moment auf meinen Mund gefallen, bevor sie ihn wieder hochriss, und sie hasste, dass ich es gesehen hatte. Ich hasste nichts daran.
„Guter Witz."
„Ich lüge nicht."
„Natürlich nicht." Ihr Lächeln starb so schnell, dass es mich erschreckte, und ihre Stimme wurde kalt und gleichmäßig, obwohl ihre Hand an ihrer Seite zitterte, als wollte sie zu mir zurück. „Ravenmere nannte es eine Bindung. Euer Volk nennt es Gefährtin. Anderes Wort, dasselbe. Es ist nur eine andere Art, jemanden zu besitzen, und ich habe ein Leben lang erfahren, wie es ist, besessen zu werden."
Mein Kiefer verkrampfte sich. Zorn brannte heiß und scharf in mir, und ich wollte jede Hexe finden, die ihr diesen Ausdruck ins Gesicht gesetzt hatte, und sie langsam auseinandernehmen. Aber die Leine war ihre gewesen und ich hatte sie getragen, also wusste ich, was das Wort kostete, wenn jemand anderes das andere Ende hielt.
„Ich würde nie zulassen, dass dir jemand wehtut."
„Menschen, die das sagen, haben meistens das andere Ende einer Leine in der anderen Hand." Sie sagte es leise, die Augen feucht und wütend. „Und das Schreckliche ist, dass ich dir glauben will. Ich will es so sehr, dass ich ihm nicht trauen kann."
Sie suchte mein Gesicht ab, und etwas an den Rändern ihres Ausdrucks wurde weicher, und für einen Herzschlag dachte ich, sie könnte mir glauben. Dann verriegelte sie es wieder.
„Ich werde niemandes Besitz sein", sagte sie. Ihr Blick fiel auf mein Handgelenk, und ihre Stimme brach bei den letzten Worten. „Und ich werde auch niemanden besitzen. Nie wieder."
Die Beleidigungen berührten mich nicht, aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht tat es. Sie hasste uns alle bis auf den Grund, und sie hatte sich jedes bisschen davon verdient, und trotzdem hatte sie mein Handgelenk nicht losgelassen.
Ich drehte meine Hand und befreite sie sanft, entdeckte einen Stift auf dem Tisch und zog die Kappe mit den Zähnen ab. Ich nahm ihre Hand, schob ihren Ärmel hoch und schrieb meine Nummer auf ihre Haut, so leicht drückend, wie ich konnte. Wieder liefen Funken zwischen uns, und ich sah alte Narben an ihrem Arm und zwang mich, sie zu übersehen.
„Wenn du mich je brauchst, wofür auch immer, ruf an."
Ich hob ihr Handgelenk und küsste es einmal. Sie sog scharf den Atem ein und riss die Hand zurück, aber nicht, bevor ich das Zittern ihrer Finger gespürt hatte.
Ich schlüpfte in meine Jacke und ging zur Tür, und jeder Schritt kostete alles, was ich hatte, denn wenn ich mich umdrehte, würde ich nicht mehr gehen können. Die Tür fiel hinter mir zu, und ich hörte den Schlüssel sich drehen, und durch das Holz hörte ich sie langsam ausatmen und länger dort stehen, als nötig gewesen wäre.
Ein Schloss wie dieses konnte mich nicht draußen halten, aber sie brauchte Raum, und den würde ich ihr geben. Hinter mir, in der Stille, begann jemand, an eben diesem Schloss zu arbeiten, und ich roch sie, bevor ich den Dietrich hörte: Jasmin und kaltes Parfüm.
Die Hexe, die ich blutend auf dem Kai zurückgelassen hatte, hatte dieses Parfüm getragen. Ich hatte sie mit meinen eigenen Händen niedergestreckt und sie fallen sehen, und ich war sicher gewesen, dass sie tot war. Das machte es sehr schwer zu erklären, warum die Frau an Jorindes Tür kauerte und mir über die Schulter hinweg zulächelte, eine rote Linie noch frisch blutend quer über dem Wangenknochen, als hätte der Bolzen sie eben erst getroffen.
„Hallo, Wolf", sagte sie. „Ich sollte dir danken, dass du mir geholfen hast, eine versteckte Hexe aufzuspüren."
Verdammt.
„Und jetzt", sagte die Hexe, richtete sich auf, ihr Lächeln fast sanft. „Geh zur Seite. Du stehst zwischen mir und meinem Eigentum."
XAVER„Fassen wir das mal zusammen: Du bist spazieren gegangen, deine Gefährtin ist dir in die Arme gelaufen, und dann hast du ein paar Hexen getötet. Danach hat sie dich mit nach Hause genommen, sich um dich gekümmert und dir gesagt, du sollst verschwinden?", fragte Anneke und zog eine Augenbraue hoch.Ich fragte mich allmählich ernsthaft, ob ich eine andere Sprache sprach, dabei hatte ich den dreien gerade erst erzählt, wie ich sie kennengelernt hatte. Merten hatte auch die Mädels geholt, und so saßen wir beisammen, während ich ungeduldig immer wieder auf die Uhr sah, weil ich unbedingt zu ihr musste.„Warum sollte sie das tun?", fragte Dorle und runzelte leicht die Stirn. „Moment, sie ist ein Mensch, oder?"Okay, es war Zeit, es ihnen zu sagen, aber dann sah ich zu Merten. Seine beiden Eltern waren bei Kriemhilds Angriff gestorben, und ich erinnerte mich noch genau an den Tag, an dem man es ihm sagte, an den Schmerz und die Verleugnung in seinen Augen.Er hatte Dad angesehen und ge
XAVER„Hallo, Wölfchen“, sagte sie. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“Ich hatte diese Frau mit meinen eigenen Händen getötet, was es ziemlich unhöflich von ihr machte, jetzt hier zu stehen.„Was denn jetzt?“ Ich verdrehte die Augen. „Mir war nicht bewusst, dass Hexen von den Toten zurückkehren können.“Die Hexe kicherte gackernd.„Ach, Wolf. Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich so leicht umbringen?“Ich starrte sie an, mein Kiefer spannte sich.„Schlampig von dir“, sagte sie mit einem Lächeln. „Du hättest dich vergewissern sollen, dass ich tot bin.“„Keine Sorge. Den Fehler mache ich nicht noch einmal.“Sie schnippte mit dem Handgelenk, und eine Druckwelle traf mich mitten in die Brust und schleuderte mich rückwärts, während meine Stiefel zwei lange Furchen in den Boden gruben. Ich renkte den Nacken ein und stürmte erneut auf sie zu.Sie traf mich mit einem weiteren Zauber, dieses Mal ließ sie eine Feuerpeitsche über meinen Arm knallen, die meinen Ärmel verqu
XAVERSie hatte mir gerade eine Leine angelegt, und das Schlimmste war, dass ich keine Angst vor ihr hatte. Ich saß da, den Arm noch halb erhoben, mein Herzschlag viel zu laut, während mein eigener Wolf im Kreis lief, denn auch er hatte keine Angst vor ihr gehabt. Er hatte nur Angst davor, wie wenig es ihm ausmachte.Sie hatte nach dem Messer gegriffen, kaum dass das Silber erloschen war. Jetzt waren ihre Finger weiß um den Griff, und ihre Hand war nicht ruhig.„Jetzt weißt du also, was Ravenmere will", sagte Jorinde tonlos. „Großartig. Danke für den Kaffee. Raus."„Ich habe es ernst gemeint. Ich werde dich nicht zu ihnen bringen."„Komisch. Das sagt jeder."Ich hasste, dass sie gelernt hatte, es so mühelos zu sagen. Ich trat näher, die Hände offen, bis die Spitze durch mein Hemd drückte, und ihre Augen weiteten sich.„Dann tu es. Wenn du glaubst, dass ich lüge, tu es. Ich halte dich nicht auf."Eine lange Weile atmete keiner von uns. Ihr Blick ging vom Messer zu meinem Gesicht und zu
JORINDEEr zuckte nicht zusammen, als die Klinge seine Kehle berührte, also drückte ich, bis die Haut nachgab.Ein Mann, der nicht zusammenzuckt, sagt entweder die Wahrheit oder wurde von besseren Leuten als mir belogen. Ich konnte es mir nicht leisten, herauszufinden, was von beidem stimmte.„Ich habe dich verfolgt", sagte er schließlich, rau. „Alle drei Nächte. In der Nacht, in der die Leine riss, hat jeder Wolf im Norden gespürt, wie sie zersprang, und ich bin dem Riss gefolgt, weil ich sehen wollte, wer es getan hatte."Seine Kehle bewegte sich gegen den Stahl. „In der zweiten Nacht wollte ich dich nur noch erreichen, bevor sie es taten, und an der Klippe wollte ich dich nicht fangen. Ich wollte dich zurückziehen."„Du hast nie ein Wort gesagt. Drei Nächte lang."„Hätte ich gerufen, wärst du schneller gerannt, und jeder Jäger in Hörweite hätte mich gehört." Sein Mund verzog sich. „Schweigen war der einzige Weg, wie ich zwischen dir und ihnen bleiben konnte."Eine Hand aus dem Dunk
XAVERIch hatte letzte Nacht eine Hexe getötet und war im Bett einer Fremden aufgewacht, einen Arm über die Kante hängend wie jemand, der ein Taxi heranwinkt. Nur eines von beidem war mir peinlich.„Alles in Ordnung?"Ich drehte den Kopf sehr langsam. Sie stand in der Tür, ein Handtuch um die Haare gewickelt, ein viel zu großes Shirt um den Körper, und hielt eine Zahnbürste, als hätte sie sich noch nicht entschieden, ob es eine Waffe war.Sie sah mich an, wie man einen Hund ansieht, der gerade gegen eine Glastür gelaufen ist, besorgt und ein wenig vorwurfsvoll. Zwischen ihren Brauen lag eine winzige Falte, und mein Wolf, der seit meinem Aufwachen geschwiegen hatte, regte sich und zog sich in meiner Brust zusammen.„Alles gut", sagte ich und ließ den Arm mit so viel Würde sinken, wie ein Mann in einem fremden Bett aufbringen kann. „Ich habe mich gestreckt."„Zur Decke hin?"„Sie war im Weg."Ihr Mundwinkel zuckte, und sie presste ihn sofort flach, doch ich hatte es gesehen und wie eine
JORINDEIch hatte einen letzten Funken und etwa zwei Sekunden, um ihn auszugeben. Ich grub in das abgeriegelte Dunkel meiner Magie, am Klauen in meiner Brust vorbei, und etwas stieg auf, um das ich nicht gebeten hatte, ein dünner silberner Faden, hell wie Draht in der Dämmerung.Er traf das Seil ein paar Handbreit über dem Haken. Es war kaum mehr als ein Stups, aber der Bogen senkte sich ein Haar tiefer, und ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, woher er kam.„Runter!"Ich war bereits so weit unten, wie ein Mensch nur sein konnte. Er wartete nicht, sondern warf sich so schnell über den Beton, dass er verschwamm, und baute sich vor mir auf, genau als der Haken heranschwang.Er war auf mein Bein gezielt gewesen und hätte ihn verfehlen müssen, als er sich vor mir aufrichtete. Stattdessen krachte er ihm in den Bauch, mit einem Geräusch wie bei einem Autounfall, denn mein Stups hatte ihn um fünfzehn Zentimeter gesenkt. Die Luft entwich ihm in einem einzigen harten, nassen Husten, und Blut







