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Kapitel 2

Author: Genesis
last update publish date: 2026-04-23 17:48:23

Der Donner krachte nieder, als würde der Himmel auseinanderreißen. Jeder Donnerschlag erschütterte mich bis in die Knochen, und ich zitterte wie Espenlaub. Beta Dravok – der ruhigste und gefassteste Mann, den ich kannte – klang vollkommen aufgelöst, als seine Stimme mich durch die Gedankenverbindung erreichte. Allein das drehte mir den Magen um. Meine Gedanken sprangen sofort zu den schlimmsten Möglichkeiten.

Was zur Hölle war mit meinen Eltern passiert? Waren sie verletzt? Hatte ein rivalisierendes Rudel angegriffen? Oder brauchten sie mich einfach nur als Tochter des Alphas bei irgendeinem Notfall?

Mein Kopf war ein einziges Chaos aus Fragen während des gesamten fünfzehnminütigen Spints zurück zum Rudelhaus. Es war ein riesiges Anwesen, das für die Familie des Alphas und die Ältesten gebaut worden war, mit kleineren Häusern drumherum wie in einem kleinen Dorf.

Als ich endlich die Territoriumsgrenze erreichte, wimmelte es überall von Deltas und Kriegern in höchster Alarmbereitschaft, doch das Haupttor wirkte seltsam verlassen. Wie schlimm war es wirklich?

Mein Herz hämmerte so heftig, dass es sich anfühlte, als könnte es jeden Moment zerspringen. Ich hatte nicht einmal Geschwister, mit denen ich die Panik hätte teilen können. Gott, warum antwortete Dravok nicht? Die Stille zerriss mich innerlich.

Ich rannte direkt auf die Türen des Rudelhauses zu. Einer meiner Absätze brach auf halbem Weg ab, aber das war mir egal. Schwer atmend, die Hand auf die Brust gepresst, kam ich schlitternd vor zwei langen Kisten zum Stehen, die auf dem Boden lagen und zugedeckt waren.

„W-was …“

„Nyra!“ Es war Beta Dravok.

„D-Dravok … was ist los? Was sind das für Kisten? Ich rieche … Blut. Was zur Hölle geht hier vor?“ Meine Stimme zitterte. Er packte mich an den Armen und sah mir direkt in die Augen.

„Ich wollte es dir nicht so sagen, aber … es tut mir leid, Nyra. Deine Eltern sind tot. Und ich lasse nicht zu, dass du ihre Leichen siehst – sie wurden auf die schlimmste vorstellbare Weise zerfetzt. Es tut mir so leid. Ausgerechnet heute Nacht hätte das nicht passieren dürfen.“

Mein Herz rutschte mir in den Magen.

Nein.

Nicht heute. Niemals.

Meine Eltern waren tot?

Doch niemand um mich herum brach so zusammen wie ich. Alle wirkten einfach nur beschäftigt, als wäre das nur eine weitere Aufgabe auf ihrer Liste.

Was zur Hölle ging hier vor?

Ich keuchte auf, als ich jemanden hinter mir spürte.

Drei Autos fuhren nacheinander vor, jedes mit zwei unserer Rudelältesten – den weisesten Wölfen des Darkforest-Rudels, die jeder respektierte.

Ich hoffte, sie würden mich wenigstens in den Arm nehmen oder etwas Tröstendes sagen. Ich brauchte es in diesem Moment mehr als alles andere.

Beta Dravok schüttelte mich sanft, um mich in die Gegenwart zurückzuholen.

„Komm sofort in die Versammlungshalle. Wir müssen entscheiden, wer die Führung übernimmt. Es ist ein schrecklicher Verlust, Nyra, aber du musst jetzt wie eine Alpha denken. Lass uns gehen.“

Er tätschelte meine Schulter und ging mit den Ältesten davon. Dravok … so etwas sagt man nicht zu einer Achtzehnjährigen, die gerade ihre Eltern an ihrem eigenen Geburtstag verloren hat.

Und die Ältesten – jeder Einzelne von ihnen sah mir im Vorbeigehen direkt in die Augen, als wäre ich eine Enttäuschung. Eine Missgeburt.

„Ruhe!“, bellte der jüngste Älteste. Ich zuckte zusammen.

Ich starrte auf den Boden, während die alten Wölfe ihre Pläne für das Rudel darlegten.

„Im Moment herrscht ein klares Machtvakuum. Und ausgerechnet heute hat jemand ihren achtzehnten Geburtstag … doch sie hat ihren Wolf immer noch nicht erweckt.“ Meine Augenbrauen schossen in die Höhe.

Warum sprach er mich so an? Ausgerechnet heute Nacht?

Mein wütender Blick traf seinen enttäuschten. Dann sah ich mich im Raum um und bemerkte, dass fast alle mich auf dieselbe Weise anstarrten.

Pure Abscheu.

Was zur Hölle hatte sich verändert? Früher waren sie immer so freundlich zu mir gewesen, bevor alles auseinanderbrach. Was stimmte nicht mit ihnen?

Alles um mich herum begann zu verschwimmen, doch die Demütigung brannte tief in meiner Brust und ließ nicht los. Was auch immer das war – es war kein Zufall. Jemand hatte es geplant. Das spürte ich tief in meinem Inneren.

„… Wir brauchen einen neuen Anführer.“

Nach all dem Gerede traf mich der letzte Satz des Ältesten endlich richtig. Bevor ich den Mund aufmachen konnte, sprang Beta Dravok ein.

„Ich übernehme es, Ältester. Ich bin erfahrener, reifer und war Alpha Vaelor Virellions rechte Hand für zweieinhalb Jahrzehnte – lange bevor unsere Prinzessin überhaupt geboren wurde.“ Die Art, wie er es sagte, ließ die Wut in mir hochkochen.

„Ich bin die Tochter von Vaelor Virellion und Elyndra Virellion“, brachte ich die Worte mühsam an dem Kloß in meinem Hals vorbei. „Ich bin die einzige Erbin dieses Rudels.“

„Dieses Rudel von einer unreifen Göre führen lassen?“, höhnte der Älteste. „Du hast nicht einmal deinen Wolf erweckt. Du bist ungebildet, hast keine Ahnung von Kampfstrategie, bist impulsiv und leichtsinnig. Sieh dir nur an, was du heute Abend trägst!“

Er zeigte direkt auf mein Kleid, und ich keuchte laut auf.

„Was zur Hölle haben meine Kleider damit zu tun?“

„Oh, das sagt alles, Schätzchen. Jetzt ist klar, dass du nie dazu bestimmt warst, zu führen. Du bist nichts weiter als eine verwöhnte Göre in deinem eigenen Rudel – ist dir das nie aufgefallen?“

Die Dinge hatten schon den Tiefpunkt erreicht, doch das hier war etwas ganz anderes. Jemand hatte eindeutig schon lange vor dem Tod meiner Eltern geplant, mir mein Geburtsrecht zu stehlen. Ich war nur das Mädchen, das endlich volljährig geworden war.

Ich schlug mit den Fäusten auf die Stuhllehne und sprang auf die Beine.

„Ich bin fertig damit. Wenn ihr mich jetzt alle so behandelt … dann verlasse ich das Rudel.“

Der dritte Älteste schnaubte verächtlich.

„Wir wären dir dankbar, wenn du das tätest, Nyra Virellion.“

Tränen brannten in meinen Augen. Ein letztes Mal blickte ich durch die Halle, dann drehte ich mich um und ging hinaus in die schwere Stille.

Mein Blick fiel auf Dravok. Er sah mich nicht einmal an. Warum, Dravok? Was hast du getan? Du hast mich doch nicht verraten … oder? Diese Leute waren grausam und gierig, und sie hatten endlich ihre wahre Farbe gezeigt.

Ich hatte ihr Spiel durchschaut.

Und ich schwor mir in diesem Moment, dass ich eines Tages stärker zurückkehren und mir zurückholen würde, was mir gehörte.

Für den Augenblick jedoch hatte ich alles verloren.

Doch im strömenden Regen fing der Ring an meiner linken Hand das Licht ein und funkelte.

Warte … ich hatte nicht alles verloren. Ich hatte noch Zephyros. Mein Verlobter würde zu mir stehen – daran zweifelte ich keine Sekunde. Er war immer mein süßer Gentleman gewesen.

Ich holte mein Handy heraus, lächelte unter Tränen und wählte die Nummer, die ich auswendig kannte. Genau in diesem Moment poppte eine Nachricht auf.

Regentropfen verschmierten den Bildschirm, doch ich öffnete sie trotzdem.

Die E-Mail trug den Betreff „Zephyros’ Geheimnis“ und hatte ein Video angehängt.

Die Neugier siegte. Ich drückte auf Play.

„… N-Nein … das kann nicht sein …“

Ich brachte kein Wort mehr heraus.

In dem Video lag Zephyros im Bett mit mehreren Frauen, die ihn verwöhnten, als wäre es eine Show. Jede von ihnen hinterließ Knutschflecken, die ich ihm niemals hätte machen können. Zwei von ihnen spielten mit seinem Glied, während er das Ganze mit einem Selfie-Stick filmte.

Dann erhob sich eine Frau zwischen seinen Beinen, sein Geschmack noch auf ihren Lippen, und küsste ihn leidenschaftlich.

Sie drehte sich zur Kamera – und in diesem Moment erstarb meine Stimme endgültig.

Es war Kaelith.

Die anderen … während das Video weiterlief … waren Sylphae und Olivia.

Nein … das konnte nicht real sein. Mein Verlobter und meine eigenen Freundinnen hatten hinter meinem Rücken miteinander geschlafen und mich verraten.

Nicht heute. Nicht alles an ein und demselben verdammten Tag.

An diesem Tag – dem Tag, an dem ich achtzehn wurde – verlor ich alles und gewann nichts. Ich hatte nicht einmal meinen Wolf, der mir Gesellschaft leisten konnte.

Ich brach mitten auf der Straße zusammen, schluchzte wie ein Kind, das seine ganze Welt verloren hatte, und irrte ziellos durch den Regen. Meine Füße taten höllisch weh, mein Kleid war an einem Zaun zerrissen, mein Herz war in Fetzen, und ein Teil von mir wünschte sich einfach, dass alles enden würde.

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