LOGINDie zwei Wochen vergingen sehr langsam, obwohl Susan ziemlich sicher war, dass dem eigentlich nicht so war. Es fühlte sich für sie nur so an, weil sie die Tage in einem dauerhaften Zustand der Sorge und Unruhe verbracht hatte. Bislang hatte sie keine neuen Informationen, da Samuel alles in seiner Macht Stehende tat, um sie herauszuhalten. Er wollte sie nicht darin verstrickt sehen, weshalb er sich weigerte, ihr irgendetwas zu erzählen, und ihr untersagte, ihn erneut zu besuchen.
Susan war beinahe versucht gewesen, ins Auto zu steigen und zu seinem Haus zu fahren, genau wie beim letzten Mal. Aber Samuel hatte sie auch davor ausdrücklich gewarnt, und ehrlich gesagt fehlte ihr dazu auch schlichtweg der Mut – die Begegnung mit den beiden Männern, die sie nur als Leo und Asher kennengelernt hatte, steckte ihr immer noch in den Knochen. Nach einer Woche siegte schließlich die Neugier, und sie begann, Fragen zu stellen und Nachforschungen anzustellen. Im Internet fand sie zwar nicht die Informationen, die sie eigentlich suchte, aber immerhin seinen vollständigen Namen: Leonard Spencer. Alles, was sie ausfindig machen konnte, waren sein Name und die Berufsbezeichnung „Unternehmer“. Susan rollte bei dieser Information mit den Augen. Unternehmer, dass ich nicht lache, spottete sie vor sich hin. Es gab zwar einige Blogartikel über ihn, aber die bestanden im Grunde nur aus Gerüchten ohne jegliche handfeste Beweise. Dieser Leo Spencer verfügte offensichtlich über Verbindungen – genau wie Samuel es ihr gesagt hatte – und hinterließ keinerlei Spuren. Sie verlegte sich darauf, im Umfeld gezielte Fragen zu stellen, und schließlich stieß sie auf etwas … ein kleines Detail über den mächtigen Leo Spencer. Hannah, eine Kollegin aus dem Büro, war eine sehr gesprächige Dame und mehr als bereit, alles auszuplaudern, was sie über den Bandenboss Leo Spencer wusste. Sie erwähnte, dass sie ihn einmal auf einer Party gesehen hatte, und schwärmte danach eine gefühlte Minute lang darüber, wie attraktiv er war – eine Tatsache, die Susan längst registriert, aber weigert hatte zu überdenken. Hannah erwähnte jedoch auch, dass Leo Spencer einen Nachtclub besaß und dort oft seine Nächte verbrachte. Dieses kleine Detail blieb an Susan hängen, doch sie behielt es für sich. Sie erzählte Samuel nichts von ihrer Entdeckung, da sie versprochen hatte, sich aus der Sache herauszuhalten. Aber erwartete er im Ernst von ihr, dass sie sich an ein so lächerliches Versprechen hielt und absolut nichts unternahm, um ihm zu helfen? Also wartete sie ab, und am Ende der zwei Wochen rief sie ihren Bruder an. Panik machte sich breit, als sie ihn nicht erreichen konnte, obwohl sein Telefon durchgehend klingelte. Sehr früh am nächsten Morgen saß Susan bereits im Auto und fuhr zu Samuels Haus, ohne sich auch nur im Geringsten um die Geschwindigkeitsbegrenzung zu scheren. Die gesamte Fahrt über hoffte und betete sie, dass es ihm gut ging, und machte sich gleichzeitig Vorwürfe, weil sie auf ihn gehört und nichts unternommen hatte. Oh Gott, wenn ihm etwas zugestoßen war, dann … Sie kam zum Stehen und hastete aus dem Auto. Als sie bemerkte, dass sein Wagen nicht in der Einfahrt stand, rannte sie zur Haustür. Ohne anzuklopfen, versuchte sie die Tür zu öffnen. Als diese sich nicht rührte, tastete sie die Oberseite der Lampe ab, wo er gewöhnlich seinen Ersatzschlüssel aufbewahrte, fand dort jedoch nichts. Da sie sich nicht mehr beherrschen konnte, hämmerte sie wiederholt mit den Händen gegen die Tür. „Sam! Sam, bist du da drin?“, schrie sie und schlug ununterbrochen gegen das Holz, sodass sie gar nicht hörte, wie die Tür von innen aufgeschlossen und geöffnet wurde. Die Tür schwang auf, und sie fiel beinahe hinein. Susan kämpfte darum, das Gleichgewicht zu halten. Als sie aufblickte, stand ihr Bruder im Bademantel vor ihr. Voller Erleichterung schlang Susan die Arme um ihn. Er stöhnte vor Schmerz auf, woraufhin sie ihn sofort losließ und zurückwich. Erst jetzt bemerkte sie das blaue Auge, die Schnittwunden und die Prellungen in seinem Gesicht. Sie unterdrückte einen Schrei, um ihn nicht zu erschrecken, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Zuerst half sie ihm aufs Sofa und bat ihn, sich zu setzen, dann eilte sie in die Küche, um warmes Wasser und ein Tuch zu holen. Als sie zurückkehrte und das warme Tuch behutsam auf seine Wunden drückte, zuckte er zusammen. „Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen“, sagte sie leise. Samuel schüttelte den Kopf. „Es sind nur Prellungen. In ein, zwei Tagen geht’s mir wieder besser.“ Sturer Sam, dachte Susan. Sie hatte gewusst, dass er das sagen würde. „Er hat dir das angetan, nicht wahr?“, fragte sie. Samuel nickte. „Ja, sie haben auch mein Auto mitgenommen. Asher meinte, Leo gibt es mir zurück, sobald ich bezahlt habe.“ „Jetzt reicht’s aber!“, sagte Susan und wischte sich mit der freien Hand über die Wange. „Mir ist völlig egal, was du sagst, Sam. Ich gehe zur Polizei. Niemand darf mit so etwas einfach davonkommen!“ „Leo schon“, entgegnete Samuel. „Glaub mir, Susan. Es macht alles nur noch schlimmer. Außerdem habe ich es nicht anders verdient. Aber ich arbeite an etwas. Sobald ich bezahlen kann, bekomme ich mein Auto zurück.“ Susan stand wütend auf und pfefferte das Tuch in die Schüssel. „Ach wirklich? Und du vertraust dem Mann, der dir das angetan hat, dass er dir wiedergibt, was er dir weggenommen hat?“ „Leo hält sein Wort.“ Susan spottete: „Oh, ganz bestimmt tut er das! Er hat angedroht, dich zu verletzen, wenn du ihm sein Geld nicht innerhalb von zwei Wochen wiedergibst, und genau das hat er getan. Natürlich hält er sein Wort. Ich verstehe absolut, warum du so ein großes Vertrauen in ihn hast“, fügte sie sarkastisch hinzu. „Und woran genau ‚arbeitest‘ du diesmal? Leihst du dir Geld von noch einem anderen Mafia-Boss oder tätigst du die nächste Fehlinvestition?“ Lange Zeit herrschte Schweigen zwischen ihnen, und Susan fühlte sich furchtbar. „Es tut mir leid“, sagte sie zu ihm. „Aber ich mache mir einfach solche Sorgen um dich, Sam. Schau dir doch an, was er dir angetan hat! Was wird er beim nächsten Mal tun, wenn er kommt und du sein Geld immer noch nicht hast?“ „Ich komme schon allein zurecht“, sagte Samuel. Und obwohl Susan ihm glaubte, war sie ebenso davon überzeugt, dass er ihre Hilfe brauchte – ob er wollte oder nicht. Wenn er sie nicht annehmen wollte, musste sie ihre Pläne eben ohne ihn durchziehen. Langsam begann sie wieder, seine Wunden zu versorgen, doch in diesem Moment fasste sie einen Entschluss. Zur Polizei konnte sie nicht gehen, und sie hatte keine Möglichkeit, ihrem Bruder dabei zu helfen, das geschuldete Geld aufzutreiben. Aber sie hatte eine Idee – eine Idee, die ihr Leben vermutlich für immer verändern würde. Doch sie steckte nun einmal mittendrin, und es gab kein Zurück mehr.Leo erinnerte sich zum hundertsten Mal daran, warum er mit Susan zusammen war.Sie war schwanger. Sie erwartete sein Baby, und sie wollte einen Weihnachtsbaum in ihrer Wohnung haben. Das war der Grund, warum er heute hier war. Nicht, um Spaß zu haben – aber es war einfach verdammt leicht, sich in ihrer Gesellschaft zu verlieren, und er musste zugeben, dass er es über alle Maßen genoss, mit ihr durch die Stadt zu spazieren, Bäume zu kaufen und darüber zu diskutieren, wo sie was essen würden, während sie für die ganze Welt wahrscheinlich wie ein glückliches Liebespaar aussahen. Er fühlte sich bei Susan wohler, als er sollte, und er mochte sie mehr, als er sollte.Sie ruhte mehr in sich selbst als die meisten Frauen, die er je kennengelernt hatte, und ihre eigene Gelassenheit machte es auch anderen leicht, sich in ihrer Nähe wohlzufühlen. Er konnte nicht anders als zu denken: In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, in einer anderen Welt … in einer perfekten Welt wäre es zwischen ihn
Susan bemerkte Leos herablassenden Blick, als er auf das kleine Bäumchen hinabsah, vor dem sie stehen geblieben war. „Was?“, fragte sie.„Er ist einfach so … klein“, erwiderte Leo.„Was ist das nur mit euch Männern und der Baumgröße? Das ist wie so eine Art phallisches Ding. Ich verspreche dir, die Größe deines Baumes sagt absolut nichts über die Größe deiner … Manneskraft aus. Okay?“Er rollte mit den Augen und schlenderte hinüber zum nächstgrößeren Baum. „Hast du das als Kind mit deinen Eltern gemacht? Jedes Jahr einen Baum aussuchen gegangen?“„Ein paar Mal, aber da wir die meisten Feiertage auf Reisen verbracht haben, hatten wir normalerweise keinen Baum.“„Keinen Weihnachtsbaum? Wo hat der Weihnachtsmann denn die Geschenke hingelegt?“„In unsere Strümpfe. Die haben wir immer eingepackt und jedes Jahr mitgenommen, und weil alles, was wir bekamen, für den Rückflug in unseren Koffer passen musste, habe ich immer klitzekleine Geschenke bekommen.“„Mein Großvater und ich sind in den W
„Du brauchst mich sehr wohl, Suzy“, hielt er ihr gelassen entgegen, während seine Libido auf das Knistern sexueller Energie in der Luft reagierte, sodass er den Drang bekämpfen musste, sie sich einfach zu greifen. All die Jahre sexueller Praxis und Raffinesse, dachte er grimmig, und alles, was er tun wollte, war, sie wie ein Räuber auf den Sitz zu drücken und sie auf jede erdenkliche Weise zu nehmen, die sie zuließ. Zum allerersten Mal bei einer Frau war er vorsichtig.„Nein, brauche ich nicht!“, schrie Susan ihn in einer dieser plötzlichen Wutexplosionen an, die ihn immer wieder überrumpelten.„Susan, ich bin kein Unmensch … Du trägst mein Baby in dir— “„Du meinst das Würmchen?“, fuhr sie ihn gehässig an.Eine leichte Röte stieg in seine exotischen Wadenbeinknochen, und sein schöner Mund verengte sich. „Auf diesem Bild sah es nun mal wie ein Würmchen aus. Sollte ich etwa die Frau anlügen, die mir einmal gesagt hat, dass sie Ehrlichkeit schätzt?“Aus dem Nichts schoss Susan eine Well
Dr. Patel wandte sich wieder dem Gerät zu und setzte ihre Untersuchung fort. „Es gibt allerdings noch eine Sache, die ich gerne besprechen würde“, sagte sie behutsam, während ihr Tonfall etwas ernster wurde. „Würden Sie bitte beide mit in mein Büro kommen?“Sie begaben sich in Dr. Patels Büro, wo die Ärztin darauf hinwies, dass es Probleme mit dem Würmchen geben könnte, die einen Kaiserschnitt erforderlich machen könnten. Leo gefiel das ganz und gar nicht.„Susan, aufgrund der Lage des Babys und einiger anderer Faktoren besteht die Möglichkeit, dass eine Entbindung per Kaiserschnitt notwendig wird“, sagte Dr. Patel.Susans Herz rutschte in die Hose. „Warum?“„Im Moment ist das noch kein Grund zur Sorge, aber Ihre Plazenta liegt derzeit sehr tief – ein Zustand, den man Placenta praevia nennt. In den meisten Fällen legt sich das im weiteren Verlauf der Schwangerschaft von selbst, aber wir werden es genau beobachten. Wir werden auch Ihren Blutdruck im Auge behalten, um sicherzustellen, d
„Es wird spät“, sagte Susan abrupt, während ihre Stimme kühl und distanziert klang und sie seinem Blick auswich; ihre Finger spielten mit dem Saum ihres Pullovers.Leos Stirn legte sich in Falten. Er lehnte sich zurück und musterte sie mit diesem durchdringenden Blick, der immer direkt durch sie hindurchzusehen schien. Er merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Okay“, sagte er langsam, sein Tonfall ruhig, aber nachbohrend. „Was habe ich diesmal getan?“Bei seiner Frage krampfte sich ihr Herz zusammen. Die Tatsache, dass er es nicht bereits wusste, war der Beweis dafür, wie wenig er sie wirklich verstand – oder sich überhaupt darum scherte. Es zu erklären, würde nur dazu führen, dass sie sich noch alberner kam, und sie hatte nicht mehr die Kraft zu kämpfen. Das war einfach seine Art, und nichts, was sie tun oder sagen konnte, würde ihn ändern.„Nichts“, antwortete sie kurz angebunden und hielt ihre Stimme tonlos. „Habe ich gesagt, dass du etwas getan hast?“Leo kaufte ihr das keine S
Susan brach schließlich das Schweigen, allerdings um das Thema zu wechseln. „Es riecht fantastisch“, sagte sie und deutete auf den Topf mit kochendem Wasser, in dem die getrockneten Spaghetti garten.„Fast fertig“, antwortete Leo. Er goss die Pasta ab und schwenkte sie gekonnt mit der Soße in der Pfanne. Die Nudeln glänzten, als sie die leuchtende Mischung aus Tomaten, Knoblauch und Basilikum aufsaugten.Leo richtete die Pasta auf den Tellern an und garnierte sie mit etwas geriebenem Parmesan und einem letzten Hauch Basilikum. Er reichte ihr einen Teller, wobei sich ihre Finger kurz berührten.Susan zögerte, bevor sie ihn annahm. „Das sieht … überraschend gut aus.“„Überraschend?“, echote er und zog eine Augenbraue hoch.Sie schmunzelte. „Lass es dir nicht zu Kopf steigen.“Sie setzten sich an den kleinen Küchentisch, das Essen zwischen ihnen. Susan nahm den ersten Bissen, ihre Augen weiteten sich leicht. „Okay, ich gebe es zu. Das ist wirklich lecker.“Leo schenkte ihr ein rares, ehr







