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Karl Richters „persönlicher Assistent“ zu sein, war genau so, als wäre man ein Hund an einer sehr kurzen, sehr teuren Leine.
Am dritten Tag herrschte reges Treiben in der Schule. Ich konnte keinen Schritt durch den Flur gehen, ohne den Blick hunderter Augen im Nacken zu spüren. Ich war der „Stipendiat“, der Typ, der normalerweise mit der beigen Farbe der Universitätswände verschmolz. Jetzt war ich der Schatten des Campus-Gottes.
Ich trug seine schwere Sporttasche aus Leder. Ich hielt seine Wasserflasche. Ich musste sogar vor seiner Klassenzimmertür warten, bis er mit seinen Vorlesungen fertig war. Es war demütigend, aber jedes Mal, wenn ich daran dachte, einfach zu gehen, spürte ich das imaginäre Gewicht der Stipendienunterlagen in meiner Hand. Er hatte mich in der Hand, und er wusste es.
"Hey, hol ihn!"
Ich ignorierte die Stimme. Ich saß an einem Tisch hinten in der Cafeteria und stocherte an einem Teller Spaghetti herum, auf den ich keinen Appetit hatte.
Drei Jungs aus dem Schwimmteam – Karls „Freunde“ – ließen sich mir gegenüber auf die Stühle gleiten. Sie waren alle groß, breitschultrig und trugen denselben selbstgefälligen Blick, den Leute aufsetzen, die wissen, dass sie ganz oben in der Nahrungskette stehen.
„Wir reden mit dir, Streber“, höhnte der Anführer, ein Typ namens Marcus. Er griff nach meiner Gabel und schnippte sie aus meinem Essen. „Was soll das? Hat Richter eine Wette verloren? Oder bist du sein neues Lieblingsprojekt?“
„Ich bin nur seine Assistentin“, sagte ich und blickte weiter auf meinen Teller. Mein Herz hämmerte vor Angst heftig gegen meine Rippen, obwohl ich versuchte, ruhig zu wirken.
„Assistent“, spottete Marcus, und die anderen beiden lachten. „Er braucht keinen Assistenten. Er braucht einen Handtuchjungen. Vielleicht gefällt es ihm einfach, etwas Kleines und Lächerliches um sich zu haben, damit er noch größer wirkt.“
Er griff nach dem Riemen von Karls Tasche, die neben mir auf dem Stuhl lag. „Mal sehen, was der Goldjunge hier so versteckt hat. Vielleicht ein paar geheime Vitamine?“
„Lass es“, sagte ich, und meine Stimme fand endlich wieder etwas Kraft. „Er hat mir verboten, irgendjemanden an seine Ausrüstung zu lassen.“
Marcus lachte, ein schrilles, kratziges Lachen. „Und was willst du dagegen tun? Mich anbellen?“
Er riss an der Tasche. Ich hielt sie fest. Es war dumm – das wusste ich sofort –, aber ich war müde. Ich war es leid, unsichtbar zu sein, und ich war es leid, mich von Typen schikanieren zu lassen, die sich nie Sorgen um ihre nächste Mahlzeit machen mussten.
Marcus verzog das Gesicht. Er stand auf und griff über den Tisch, um mich am Hemd zu packen. „Du hast ganz schön Nerven für einen Kerl, der nur wegen der Wohltätigkeit hier ist, Elian.“
Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre in der Cafeteria.
Dasselbe Gefühl herrschte schon in der Umkleidekabine.
Die Cafeteria, die eben noch von Klatsch, Smalltalk und klappernden Tabletts erfüllt gewesen war, verstummte. Marcus erstarrte. Seine Hand krallte sich noch immer in mein Hemd, doch sein Gesicht wurde kreidebleich, und sein Blick huschte zum Eingang.
Karl stand dort.
Er schrie nicht. Er rannte nicht. Er ging einfach auf uns zu, die Hände in den Hosentaschen, aber seine Schultern wirkten so hochgezogen, dass er doppelt so groß erschien. Jeder Student, an dem er vorbeiging, wich instinktiv zurück, als wollte er einem Hurrikan ausweichen.
Er blieb etwa einen halben Meter von unserem Tisch entfernt stehen. Er sah Marcus’ Freunde nicht an. Er sah mich nicht einmal an. Sein Blick fiel direkt auf Marcus’ Hand auf meinem Hemd.
„Lass los“, sagte Karl.
Seine Stimme war nicht laut, aber sie hatte etwas Vibrierendes an sich – ein tiefes, animalisches Summen, das mir die Haare auf den Armen aufstellte.
"Hey, Karl, wir waren doch gerade noch..." begann Marcus mit zitternder Stimme.
Karl bewegte sich so schnell, dass ich ihm nicht folgen konnte. Im einen Moment stand er noch still, im nächsten hatte er Marcus am Hals gepackt und ihn gegen die schwere Säule hinter dem Tisch gedrückt. Marcus’ Füße baumelten nur wenige Zentimeter über dem Boden.
„Ich erinnere mich nicht, nach einer Erklärung gefragt zu haben“, flüsterte Karl. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von Marcus’ entfernt, und für einen kurzen Augenblick sah ich es. Das Braun seiner Augen verdunkelte sich nicht einfach; es fing das Licht ein und schimmerte golden.
„Richter, Mann, hör auf! Du erstickst ihn!“, rief einer der anderen Schwimmer, hielt sich aber fern. Niemand wollte dieser Energie nahekommen.
„Elian gehört mir“, sagte Karl mit einer Stimme, die völlig unmenschlich klang. „Er trägt meine Tasche. Er sitzt an meinem Tisch. Und wenn du ihn noch einmal anfasst, werfe ich dich nicht nur aus dem Team. Ich sorge dafür, dass man dich nie findet.“
Er ließ Marcus fallen. Der große Kerl stürzte zu Boden, rang nach Luft und umfasste seinen Hals.
Karl drehte sich zu mir um. Das Gold in seinen Augen war noch da, flackerte wie eine erlöschende Flamme. Er blickte auf mein zerknittertes Hemd, die Kiefer angespannt. Einen Moment lang dachte ich, er würde mich auch anfahren. Ich dachte, er würde mir die Schuld für die Szene geben.
Stattdessen streckte er die Hand aus. Seine Finger streiften meinen Kragen und strichen den Stoff glatt. Seine Berührung war überraschend sanft, doch seine Hand zitterte – nicht vor Angst, sondern weil er etwas zurückhalten musste.
„Nimm die Tasche!“, befahl er.
Ja, das habe ich. Meine Hände zitterten so stark, dass ich es fast fallen gelassen hätte, aber ich schaffte es, den Riemen über die Schulter zu heben.
„Wir gehen“, sagte er.
Wir verließen die Cafeteria in völliger Stille. Ich spürte die Blicke aller Schüler auf uns gerichtet, aber zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht wie ein Opfer. Ich fühlte mich, als ginge ich hinter einem Schutzschild. Einem gefährlichen, furchteinflößenden Schild, aber dennoch einem Schutzschild.
Wir erreichten eine ruhige Ecke des Campus, unter einer großen Eiche, wo sich normalerweise niemand aufhielt. Karl blieb stehen, lehnte sich an den Stamm und schloss die Augen. Er atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich, als hätte er gerade einen Marathonlauf hinter sich.
„Das hättest du nicht tun müssen“, flüsterte ich und blickte ins Gras. „Ich hätte sie erledigen können.“
Karl öffnete die Augen. Sie waren wieder braun, sahen aber erschöpft aus. „Nein, das könntest du nicht. Diese Kerle sind Idioten, aber sie sind gemein. Und wenn ihnen langweilig ist, suchen sie nach Dingen, die sie kaputtmachen können.“
Er sah mich an, sein Blick intensiv und schwer. „Das Summen in meinem Kopf … es wurde wieder lauter.“
Er kam näher und drang in meine persönliche Zone ein. Er berührte mich nicht, aber ich spürte seine Ausstrahlung. Er beugte sich vor, seine Nase nur wenige Zentimeter von meinem Hals entfernt, genau dort, wo er mich in der Umkleidekabine gerochen hatte.
Er holte tief und langsam Luft. Ich sah, wie seine Schultern sanken. Die Anspannung in seinem Kiefer verschwand.
„Geh nicht wieder in Schwierigkeiten. Am besten gehst du Marcus und seiner Bande aus dem Weg“, sagte er und wandte sich ab. „Bleib lieber an meiner Seite. Ich kann nicht zulassen, dass du verprügelt wirst, wo ich dich doch noch brauche.“
„Karl, ich habe ein Leben“, protestierte ich, obwohl es sich selbst für mich schwach anhörte.
„Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt“, kicherte er und tippte mir auf die Wange.
Er drehte sich um und ging in Richtung Sportzentrum, in der Erwartung, dass ich ihm folgen würde. Und das tat ich. Denn so sehr ich die Erpressung auch hasste und so sehr ich das Monster in ihm fürchtete, eines wusste ich ganz sicher.
Marcus hatte in einem Punkt Recht. Karl Richter hatte keine Freunde. Er hatte Beute und Rivalen.
Und in einer Welt voller Raubtiere ist es für den Alpha eine sehr gefährliche Art von Sicherheit, nichts anderes zu brauchen. Es fühlte sich seltsam an, aber ich hasste es nicht – ich hasste ihn nicht.
Elian HarperDie Sonne ging über den Baumwipfeln auf und tauchte den Himmel in goldene und rosafarbene Töne. Ich saß auf der Lichtung, Karls Kopf ruhte noch immer in meinem Schoß, meine Finger verfingen sich in seinem Haar. Er schlief, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, sein Gesicht war zum ersten Mal seit Tagen friedlich.Ich rührte mich nicht. Ich wollte ihn nicht wecken. Er brauchte das. Wir beide brauchten es.Meine Mutter stand am Rand der Lichtung, die Arme verschränkt, den Blick auf uns gerichtet. Sie hatte sich seit ihrer Ankunft nicht bewegt. Sie stand einfach nur da, beobachtete und wartete.Hinter ihr standen die von ihr mitgebrachten Vollstrecker in einem lockeren Halbkreis. Es waren ehemalige Rudelmitglieder, Wölfe, die der Herrschaft meines Vaters überdrüssig geworden waren, Wölfe, die auf jemanden wie Karl gewartet hatten, der sich erhob. Meine Mutter hatte sie gefunden. Sie hatte sie um sich geschart. Sie hatte sie hierher gebracht.Ich sah sie an, mein Herz voller
Elian HarperDas Auto hielt nicht lange. Wir schafften vielleicht 30 Kilometer, bevor der Motor anfing zu stottern und die Tankanzeige gefährlich nahe an leer sank. Karl fuhr auf einen schmalen Feldweg, seine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.„Wir gehen von hier aus zu Fuß“, sagte er.Ich habe nicht gestritten. Ich bin einfach aus dem Auto gestiegen und ihm in den Wald gefolgt.Der Wald war hier dicht, das Blätterdach so dicht, dass kaum Mondlicht hindurchdrang. Karl bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die mir verriet, dass er genau wusste, wo er hinwollte, selbst in der Dunkelheit.„Wie weit?“, fragte ich."Weit genug."Wir liefen stundenlang. Meine Beine brannten, meine Füße waren voller Blasen, aber ich beschwerte mich nicht. Ich konnte nicht. Karl verausgabte sich genauso sehr, vielleicht sogar noch mehr. Er erholte sich noch von der Schicht, vom Kampf, von allem. Aber er wurde nicht langsamer.Schließlich stolperte ich. Mein Fuß verfing
Elian HarperDer Boden raste auf uns zu, und ich wappnete mich für den Aufprall. Doch Karl drehte sich in der Luft, sein Körper schlang sich um meinen, und wir schlugen mit solcher Wucht auf, dass mir der Atem stockte. Er fing den Aufprall ab, sein Körper dämpfte meinen, und dann war er wieder auf den Beinen und zog mich hoch.„Geht es Ihnen gut?“ Seine Stimme klang scharf und eindringlich.Ich nickte und rang nach Luft. „Mir geht es gut. Aber meine Mutter …“„Sie ist Polizeihauptmann. Sie kann auf sich selbst aufpassen.“ Er packte meine Hand und zog mich vorwärts. „Wir müssen weiter.“Wir rannten über den Parkplatz, immer im Schatten. Hinter uns herrschte Chaos im Motel: Polizisten schrien, Sirenen heulten, und Schüsse hallten noch immer in der Nacht wider. Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht.Karl führte mich zum Waldrand am Rand des Parkplatzes. Der Wald ragte vor uns auf, dunkel und einladend. Wir tauchten in den Wald ein, gerade als weitere Polizeiwagen mit quietschenden Reife
Elian HarperDie Polizisten erstarrten, die Waffen noch immer auf Karl gerichtet, ihre Blicke huschten zwischen ihm und der Gestalt im Türrahmen hin und her. Meine Mutter betrat den Raum; ihre Präsenz war gebieterisch, ihr Blick musterte die Szene mit einer ruhigen Autorität, die die Beamten zögern ließ.„Senkt eure Waffen“, sagte sie erneut. „Jetzt.“Der ranghöchste Offizier wandte sich ihr mit gerunzelter Stirn zu. „Captain Harper, wir haben Befehl zu –“„Eure Befehle interessieren mich nicht.“ Die Stimme meiner Mutter war eiskalt. „Diese Männer stellen keine Bedrohung dar. Haltet euch zurück.“Die Beamten wechselten Blicke. Dann senkten sie langsam ihre Waffen.Ich starrte meine Mutter an, mein Herz raste. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie hatte uns gerettet. Sie stand in der Tür eines billigen Motelzimmers, in der Uniform eines Polizeihauptmanns, und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte."Mama?" Meine Stimme versagte.Sie sah mich an, und für einen
Elian HarperDie Vollstrecker rührten sich nicht. Sie knieten fest, die Köpfe gesenkt, die Körper zitternd. Marcus lag noch immer am Boden, sein Gesicht verzerrt vor Demütigung und Wut. Karl stand mitten auf der Lichtung, seine Ausstrahlung gebieterisch, seine violetten Augen musterten sie alle.„Steh auf“, sagte Karl leise.Sie haben sich nicht bewegt."Ich sagte: Stehen."Langsam und vorsichtig erhoben sich die Vollstrecker. Sie hielten die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie hatten Angst. Ich konnte es an ihrer Haltung sehen, an der Anspannung in ihren Schultern, am Zittern ihrer Hände an ihren Seiten.Karl schritt langsam und bedächtig zwischen ihnen hindurch. Vor jedem einzelnen blieb er stehen, sah ihnen in die Augen und musterte sie. Einige zuckten zusammen. Andere hielten seinem Blick stand, ihre Loyalität ungewiss.„Du hast meinem Vater gedient“, sagte Karl. „Du hast seine Befehle befolgt. Du hast Dinge getan, die niemals hätten getan werden dürfen.“Die Vol
Elian HarperDer Wald war still. Zu still. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen, und das übliche Rascheln der Kleintiere im Unterholz war völlig verstummt. Karl stand neben mir, angespannt, den Blick über die Baumgrenze schweifen lassend. Ich spürte die Kraft, die von ihm ausging, ein leises Summen, das die Luft schwer erscheinen ließ.„Er ist ganz nah“, sagte Karl leise. „Ich kann ihn riechen.“Ich drückte seine Hand fester. „Was sollen wir tun?“„Wir warten.“ Seine Stimme war ruhig. „Er wird zu uns kommen.“Wir mussten nicht lange warten.Marcus trat aus dem Wald hervor, flankiert von einem Dutzend Schlägern. Sein Lächeln war kalt und räuberisch, seine Augen funkelten vor Bosheit.„Karl.“ Er neigte spöttisch den Kopf. „Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich aufhörst zu rennen.“„Ich laufe nicht weg.“ Karl trat vor und stellte sich zwischen mich und Marcus. „Ich warte.“Marcus lachte. „Worauf wartest du? Darauf, dass ich das vollende, was dein Vater begonnen hat?“"Ich w
ELIANS SICHTIch ging davon aus, dass mein Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, vollständig gelungen war, aber es stellte sich heraus, dass ein Luftloch immer ein Luftloch bleiben wird.„Richter scheint in letzter Zeit sehr an dir zu hängen“, sagte Marcus und lehnte sich zurück. „Es ist seltsam.
ELIANS SICHTIch hatte eigentlich vor, in mein Zimmer zurückzukehren, sobald er eingeschlafen war, aber der Stress der Nacht hat mich völlig überrascht.Ich wachte vom Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster auf und spürte etwas Schweres um meine Taille.Die Sonne lugte gerade durch die Kie
ELIANS SICHTAm nächsten Tag~Die Hütte am See sollte eigentlich ein „Zusammengehörigkeitsgefühl stärken“, aber das war für mich kaum der Fall, zumindest nicht, wenn ich ständig in Karls Nähe bleiben musste.Karl hatte eine private Suite im zweiten Stock der Hauptlodge, und er hatte dafür gesorgt,
ELIANS SICHTWenn es schon ein Albtraum war, Karls Assistent in der Schule zu sein, dann war es eine Reise auf einen anderen Planeten, ihn zu einer exklusiven Party zu begleiten.Karl hatte mir zwei Stunden vor der Veranstaltung einen Kleidersack aufs Bett gelegt. Darin befand sich ein Anzug, der w







