FAZER LOGINDas Drakoria-Imperium – das Königreich der Drachen. Das Nethraval-Dominion – das Königreich der Dämonen. Elaris – die Heimat der Menschen. Diese Geschichte spielt in einer Welt, in der Magie und Zivilisation Seite an Seite existieren. Obwohl die Königreiche bereits magische Transportmittel, fortschrittliche Heilkunst und verzauberte Maschinen entwickelt haben, regieren die meisten Herrscher nach wie vor nach uralten Traditionen, Gesetzen der Blutlinie und göttlichen Erlassen. Seit Jahrhunderten sind Drachen und Dämonen erbitterte Feinde, deren Rivalität das Schicksal der gesamten Welt prägt. Die Menschen bilden die zerbrechliche Brücke zwischen beiden Völkern und zahlen oft den höchsten Preis, wenn erneut ein Krieg ausbricht.
Ver mais„Stiefmutter, bitte! Bitte tu das nicht!“, flehte ich und klammerte mich an den Saum ihres Kleides. Ich weigerte mich loszulassen, obwohl meine Knie über den kalten Steinboden schrammten. Meine Augen brannten, und die Tränen liefen schneller, als ich sie wegwischen konnte. Mit jedem Atemzug schmerzte meine Brust, als hätten sich meine Rippen in Stein verwandelt und würden mir langsam die Luft aus den Lungen pressen.
„Lass mich los, du elendes Mädchen!“, kreischte meine Stiefmutter und trat immer wieder mit ihrem Absatz auf meine Hände, bis ich vor Schmerz aufschrie und sie losließ. „Nach allem, was diese Familie dir gegeben hat, ist das der Dank? Herzlos. Boshaft. Ich hätte deinem Vater niemals erlauben sollen, dich unter dieses Dach zu bringen.“ Sie packte mich am Kragen und riss mich hoch, wobei der Stoff unter ihrem Griff zerriss. Ihre Handfläche traf meine Wange. Einmal. Zweimal. Das Brennen breitete sich heiß über mein Gesicht aus. „Verschwinde aus meinen Augen, du Monster.“ Sie griff nach dem Koffer, der neben der Tür stand, und schleuderte ihn nach mir. Ich hob den Kopf nicht rechtzeitig. Er traf mich an der Schläfe und schleuderte mich rückwärts auf den steinernen Boden der Halle. Die Welt zerbrach in Licht und Schatten. Etwas Warmes rann über meine Stirn und sammelte sich unter meiner Wange. Die Nachmittagshitze, die den ganzen Tag gegen die Fenster gedrückt hatte, fühlte sich plötzlich an wie eisiger Winter. Mit meiner letzten Kraft streckte ich die Hand nach ihrer verschwommenen Gestalt aus. „Ich werde es tun“, flüsterte ich. „Ich werde Selenes Platz einnehmen. Ich werde mein Leben riskieren statt ihres. Bitte... schick mich nicht fort. Bitte. Ich bin doch auch deine Tochter.“ Das Licht an den Rändern meines Blickfeldes verblasste. Im letzten Augenblick, bevor die Dunkelheit mich verschlang, sah ich, wie sich ihre Lippen zu etwas verzogen, das kaum ein Lächeln war. Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Offenbar lange genug, damit sie den Hofheiler rufen und meine Verletzungen heimlich versorgen lassen konnte. Als ich erwachte, stand ich vor dem Schminktisch in meinem Gemach und betrachtete einen Körper, der sich nicht mehr daran erinnerte, was ihm widerfahren war. Die Blutergüsse an meinem Kiefer, die Schwellung an meiner Schläfe und die verblassenden Narben auf meinem Rücken... alles war verschwunden. Irgendeine Magie des Heilers hatte sie ausgelöscht. Ich strich über meine makellose Haut und erkannte mich selbst kaum wieder. „Hör auf zu starren und zieh dich an“, schnauzte meine Stiefmutter von der Tür aus. Ihre Stimme war nun gedämpft, vorsichtig. „Der Konvoi des Kaisers wird innerhalb der nächsten Stunde eintreffen. Er darf nichts ahnen.“ Ich nickte und hob das Kleid auf, das auf dem Bett lag. „Du bist so erbärmlich, Lyra“, sagte sie, während sie die Schnürung auf meinem Rücken zuzog. Ihr Ton klang beinahe sanft, beinahe vertraulich – genau so, wie wahre Grausamkeit es oft tut. „Du weißt, was dich heute Nacht erwartet. Du weißt, was mit einer Braut geschieht, die sein Drache nicht akzeptiert. Und trotzdem gehst du, weil du schon immer schwach genug warst, dich von uns benutzen zu lassen. Glaub bloß nicht, dass dir das endlich einen Platz in dieser Familie verschaffen wird. Nichts, was du tust, wird jemals genug sein.“ „Ich verstehe“, antwortete ich leise, denn ich hatte längst aufgehört, etwas anderes zu erwarten. Sie stopfte Polster an meine Taille und an meine Brust, wo ich schmaler war als Selene. Dann trat sie einen Schritt zurück, betrachtete das Ergebnis und schien zufrieden zu sein. Als der Berater des Kaisers eintraf, um seine Braut abzuholen, übergab sie mich ihm mit einem so strahlenden Lächeln, dass es jeden hätte täuschen können, der sie nicht kannte. Ich beobachtete unser Haus durch das Kutschenfenster, bis es hinter einer Wegbiegung verschwand. Ich empfand keine Trauer. Im Menschenkönigreich Elaris gab es einen alten Brauch, der mit dem Thron des Drakoria-Imperiums verbunden war: Immer wenn ein neuer Drachenkaiser gekrönt wurde, nahm er noch in derselben Nacht eine menschliche Braut. Doch nicht die Zeremonie selbst war gefährlich. Die wahre Gefahr bestand darin, dass sein Drache in dem Moment erwachte, in dem er seiner vorherbestimmten Gefährtin begegnete. Konnte sich der Drache nicht mit ihr verbinden, tötete er sie noch vor Tagesanbruch. --- MITTERNACHT DIE DRACHENBURG Ich saß allein in einer Kammer aus schwarzem Stein, die Knie an die Brust gezogen, und wiegte mich vor und zurück – genau wie früher als Kind, wenn das Haus um mich herum wieder einmal zu laut geworden war. „Ich bin bereit. Ich bin bereit. Ich bin bereit“, flüsterte ich immer wieder, als könnten diese Worte den Mut heraufbeschwören, der mir fehlte. Ich versuchte an die Bräute zu denken, die diese Nacht vor mir überlebt hatten, und für einen einzigen Atemzug fühlte sich dieser Gedanke an wie kühles Wasser auf loderndem Feuer. Dann knarrte die Tür. Der Moment war vorbei. Eine Drachenmagd stand im Türrahmen. Ihre blassen, geschlitzten Augen wirkten leer wie Glas. „Er ist bereit für Euch“, sagte sie und stieß die Tür ganz auf. Ich erhob mich, und sie legte ihre Hand um meinen Arm. Ihr Griff war nicht grob, doch er ließ keinen Raum für Zögern. Wir betraten einen langen Korridor. Plötzlich durchschnitt ein gewaltiges Brüllen die Stille. Meine Knie gaben nach. „Benimm dich, Mensch“, sagte sie kühl und zog mich wieder auf die Beine. Jetzt lag etwas in ihrem Gesicht – Verachtung, vielleicht auch Unglauben darüber, dass ich Angst vor dem hatte, was mich erwartete. Am Ende des Ganges standen zwei Wachen vor einer schweren Tür. Die Magd ließ meinen Arm los und deutete darauf. „Geh hinein.“ „Na los, Feigling“, höhnte einer der Wächter und stieß mich mit seinem Stiefel nach vorn. Ich prallte hart auf den Boden. Noch bevor ich wieder aufstehen konnte, fiel die Tür hinter mir mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Irgendwo in der Dunkelheit regte sich etwas Gewaltiges. Ich kroch zur Tür und riss verzweifelt am Griff, während ich schrie, man solle mich hinauslassen. Niemand kam. Meine Beine gaben unter mir nach, und ich sank zu Boden. Eine Hand lag noch immer auf dem Türgriff, während ich schluchzend in die Dunkelheit starrte. Ein tiefes Knurren rollte aus einer Ecke des Raumes auf mich zu. Ein bitteres Lachen entfuhr mir. Mit dem Handrücken wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. „Wenn Ihr mich töten wollt, dann tut es“, flüsterte ich. „Es ist mir egal. Ich bin es so leid, mein ganzes Leben lang gegen alle kämpfen zu müssen.“ Schwere Schritte erklangen. Langsam. Immer näher. Ich schloss die Augen und biss mir so fest auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Die Schritte verstummten direkt vor mir. Plötzlich legte sich eine Hand um meinen Hals – kalt wie Flussstein – und hob mich mühelos hoch, bis meine Füße den Boden nicht mehr berührten. „Fürchtest du dich nicht vor mir?“, fragte eine tiefe, ruhige Stimme. Sie klang nicht ganz menschlich. Meine Lippen zitterten. „Nein“, hauchte ich. „Ihr könnt nicht schlimmer sein als die Menschen, die mein ganzes Leben bestimmt haben.“ „Ich könnte dich töten.“ „Dann... sollte ich Euch wohl danken. Wenigstens würde sich endlich jemand genug für mich interessieren, um allem ein Ende zu setzen.“ Er schwieg. Seine andere Hand glitt in mein Haar und strich es sanft aus meinem Gesicht. Sein Daumen fuhr langsam über meine Lippen. Er zog mich näher an sich. Sein kalter Atem streifte meinen Hals, als er tief einatmete. „Du riechst... wie nasse Rosen nach einem Sommerregen“, murmelte er. „Ich frage mich, wie du aussiehst.“ Mit einem Schnippen seiner Finger entstand über ihnen eine kleine goldene Flamme, deren Licht zitterte. Er hob sie näher an mein Gesicht. Ich sah, wie sich das goldene Feuer in seinen Augen spiegelte. Seine irisfarbenen Augen – geschmolzenem Gold gleich – weiteten sich vor Erstaunen. „Du bist wunderschön“, sagte er leise. „Ich will dich.“ Sein Griff um meinen Hals lockerte sich nicht. Doch er fühlte sich nicht länger wie eine Drohung an. Vielmehr wie Ehrfurcht. Langsam beugte er sich zu mir hinunter. Seine Lippen waren nur noch einen Atemzug von meinen entfernt. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Dann flog die Tür mit einem lauten Knall auf. Fackellicht ergoss sich in die dunkle Kammer, und eine panische Stimme schrie: „Eure Majestät, haltet ein! Das ist nicht Lady Selene!“Die Suche nach Selene verlief ergebnislos.Drei Tage lang durchkämmten Reiter der Schattenwache die äußeren Straßen der Hauptstadt, doch es gab keine einzige Spur von ihr. Keine Kutsche. Keine Zeugen. Nur eine leere Schatzkammer und eine tote Frau in einer Zelle, die Kael nichts von dem, was er wissen musste, mehr bestätigen konnte.„Sie ist verschwunden“, sagte Kael leise und erschöpft zu mir. „Zumindest vorerst.“„Und der Brief?“„Wir verfolgen den Kurier noch.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Es wird Zeit brauchen.“„Zeit, die wir nicht haben.“„Ich weiß.“ Er sagte es schlicht, ohne sich zu verteidigen. Das war neu. Der Kael, den ich beim Ritual kennengelernt hatte, hätte diesen Punkt eher diskutiert, als zuzugeben, dass ich recht hatte.Ich nickte. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.Einen Augenblick später erschien Ronan an seiner Seite und wartete darauf, angesprochen zu werden.„Bericht“, sagte Kael.„Nichts Neues, Eure Majestät. Die Grenzposten wurden alarmiert. Wenn sie dämonische
Das Geschenk traf am fünften Morgen des Gipfeltreffens ein. Ein Page aus Drakoria brachte es, der zu jung war, um seine Neugier auf den Haushalt, an den er es liefern sollte, vollständig zu verbergen. Azraels Verwalter brachte die kleine Holzkiste in meine Gemächer und hielt sie mit offensichtlichem Misstrauen auf Abstand, als könnte sie ihn beißen.„Vom Drachenkaiser“, sagte er, stellte sie ohne weitere Bemerkung auf den Tisch und zog sich anschließend zurück, um seinem König Bericht über die Lieferung zu erstatten – genau wie ich es erwartet hatte.Ich wartete, bis ich allein war, bevor ich sie öffnete.Darin, eingebettet in dunklen Samt, lag eine einzelne Haarnadel aus hellem Drachenknochen. Sie war wie eine eingerollte Schlange geformt, mit winzigen Goldsplittern, die in ihre Schuppen eingearbeitet waren. Es lag keine Nachricht bei. Das war auch nicht nötig. Ich erkannte das Design sofort aus einer Geschichte, die Azrael mir einst erzählt hatte: von einem uralten Brauch am Hof der
Lady Seraphina Voss fand ihn am dritten Abend des Gipfeltreffens, als er sich mit jener besonderen Anmut durch den Empfang bewegte, die nur eine Frau besaß, die über Jahrhunderte hinweg genau gelernt hatte, wie viel Aufmerksamkeit sie auf sich ziehen und wie viel sie zurückhalten musste. Azrael kannte sie seit ihrer Kindheit. In einem anderen Leben hatte man sogar erwartet, dass er sie heiraten würde, bevor die Politik die Zukunft von ihnen beiden neu ordnete. Er vertraute ihr nur so weit, wie es ihre gemeinsame Vergangenheit zuließ – was bedeutete, dass er ihr in allem, was seine eigenen Interessen betraf, überhaupt nicht vertraute.„Eure Majestät.“ Mit geübter Leichtigkeit schloss sie sich ihm an. „Eure Schutzbefohlene hat unter den Delegationen für einiges Aufsehen gesorgt. Ich gestehe, ich hätte nicht erwartet, dass der Drachenkaiser ein derart persönliches Interesse an einer menschlichen Verwandten von Euch zeigen würde.“„Kael Drakoria interessiert sich für die meisten Dinge per
Der neutrale Garten lag am westlichen Rand des Gipfelgeländes, ein von hellen Steinmauern umgebener Innenhof mit Winterrosen, der nach den alten Gesetzen, die den Spire regelten, keinem Königreich gehörte. Azrael hatte ihn nur einmal beiläufig erwähnt – als einen Ort, an den sich Delegierte manchmal zurückzogen, um der erdrückenden Förmlichkeit der großen Halle zu entkommen. Ich hatte nicht erwartet, mich dort bei Einbruch der Dämmerung allein wiederzufinden, nachdem ich mich unter dem Vorwand einer Kopfschmerzattacke von meinen Hofdamen entfernt hatte, getrieben von einer Unruhe, die ich nicht benennen konnte.Ich hätte es besser wissen müssen, als zu glauben, es wäre nur Unruhe.„Ich habe mich gefragt, ob du kommen würdest.“Ich drehte mich um. Kael stand unter dem gewölbten Eingang des Gartens, ausnahmsweise schlicht gekleidet, ohne das zeremonielle Gold, das am Abend zuvor schwer auf seinen Schultern gelastet hatte. Ohne Publikum, ohne Selenes zitternde Hand an seinem Arm, wirkte












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