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KAPITEL 4

Author: Nikolaus
last update publish date: 2026-06-06 16:38:51

ELIANS SICHT

Wenn es schon ein Albtraum war, Karls Assistent in der Schule zu sein, dann war es eine Reise auf einen anderen Planeten, ihn zu einer exklusiven Party zu begleiten.

Karl hatte mir zwei Stunden vor der Veranstaltung einen Kleidersack aufs Bett gelegt. Darin befand sich ein Anzug, der wahrscheinlich mehr kostete, als meine Mutter in sechs Monaten genäht hatte. Er war dunkelgrau, figurbetont und der Stoff fühlte sich glatt an. Ich fühlte mich wie ein Hochstapler, sobald ich ihn anzog.

„Hör auf, am Kragen zu ziehen“, sagte Karl, als ich auf den Beifahrersitz seines schwarzen SUVs stieg. Er sah heute Abend anders aus. Seine Haare waren streng zurückgekämmt, und er trug ein schwarzes Hemd, dessen oberste zwei Knöpfe offen waren. Er sah aus wie ein Prinz, aber die Art, wie er das Lenkrad umklammerte, verriet mir, dass ihm das Outfit nicht gefiel.

„Ich fühle mich, als würde ich ein Kostüm tragen“, murmelte ich.

„Das bist du“, erwiderte Karl, den Blick fest auf die Straße gerichtet. „Meine Familie wird da sein, und auch die Ältesten des Rudels. Sie haben Geschichten über meinen ‚neuen Schatten‘ gehört. Bleib einfach in meiner Nähe, trink nichts, was du nicht selbst eingeschenkt gesehen hast, und halt den Mund.“

Die Feier fand in einer Villa am Stadtrand statt, einem Ort, der hinter hohen Eisentoren und Steinmauern verborgen lag. Schon beim Betreten des Anwesens war mir klar, dass dies keine gewöhnliche Feier war.

"Karl! Liebling, du bist zu spät."

Sarah, Karls Freundin, tauchte aus der Menge auf. Sie sah umwerfend aus in ihrem roten Seidenkleid, doch ihr Blick fiel sofort auf mich. Ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht – es war die Art von Lächeln, die man einer Kakerlake schenkt, auf die man gleich treten will.

„Und Sie haben Ihre... Helferin mitgebracht“, sagte sie mit aufgesetzter Süße in der Stimme. „Wie charmant. Elian, seien Sie so lieb und bringen Sie meinen Umhang zur Garderobe, ja? Und dann besorgen Sie uns etwas Champagner.“

Ich sah Karl an. Ich erwartete, dass er mich verteidigen oder ihr zumindest sagen würde, dass ich kein Kellner war. Stattdessen starrte er mich nur ausdruckslos an.

„Mach weiter“, sagte er leise.

Ich nahm das Seidentuch, mein Gesicht brannte. Mir wurde klar, dass ich in dieser Welt weniger als eine Dienerin war. Die nächste Stunde verbrachte ich damit, mich durch die Menge zu bewegen und die Blicke der Elite auf mir zu spüren. Diese Leute waren nicht einfach nur reich; sie waren anders. Sie standen zu still. Ihre Augen huschten zu schnell umher.

Ich ging gerade zur Bar, als mich eine Hand am Oberarm packte. Es war kein freundlicher Griff. Die Finger fühlten sich an wie Stahlbänder, die sich in meine Muskeln gruben.

Ich wurde in einen dunklen Flur nahe dem Balkon gezogen. Dort stand ein Mann. Er sah aus wie eine ältere Version von Karl – breiter gebaut, mit schiefergrauem Haar und Augen, die mir durchdringend in den Schädel zu blicken schienen.

„Du bist also der kleine Vogel, von dem mein Neffe so besessen ist“, sagte der Mann.

„Ich bin seine Assistentin“, sagte ich und versuchte, meinen Arm wegzuziehen. Er rührte sich nicht.

„Lüg mich nicht an, Mensch. Ich rieche dich quer durch den Raum“, höhnte er und beugte sich näher zu mir. Er schnupperte tief und aggressiv an der Luft um meinen Kopf herum. „Du bist komplett von ihm bedeckt. Sein Geruch ist überall: auf deiner Haut, in deinen Haaren, sogar in deinem Atem. Es ist widerlich. Ein Alpha sollte sich nicht so eng mit Fleisch vermischen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, log ich, mein Herz raste.

„Karl ist die Zukunft des Mondlichtrudels“, zischte der Mann, sein Griff wurde fester, bis ich zusammenzuckte. „Er ist zum Führen geboren. Er ist zum Nachkommen geboren. Er ist nicht dazu bestimmt, sich einen Menschen als Haustier zu halten, um den Kopf nicht zu verlieren.“

"Lass ihn gehen, Onkel."

Karl stand am Eingang des Flurs. Seine Haltung war gebeugt, seine Schultern hochgezogen, und seine Oberlippe war so weit zurückgezogen, dass man die Spitzen seiner Zähne sehen konnte.

Der ältere Mann lachte trocken und kalt. „Du wirst ja immer dreister, Karl. Einen Snack vor den Älteren verteidigen? Dein Vater wird nicht erfreut sein.“

„Ich sagte“, Karl trat vor, ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Brust und übertönte die Musik aus dem Ballsaal, „lass. Ihn. Gehen.“

Die beiden Männer starrten sich an, was sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Die Luft zwischen ihnen war zum Schneiden dick. Schließlich stieß mich der Ältere mit einem Ruck von sich.

„Genieß deinen Liebling, solange er da ist, Karl“, sagte der Onkel und strich sein Jackett glatt. „Aber denk dran: Ein Wolf, der mit Schafen spielt, vergisst irgendwann das Jagen. Und im Rudel ist kein Platz für einen Anführer, der seine Natur vergessen hat.“

Er ging an Karl vorbei und verschwand in der Menge. Ich stand da, rieb mir den blauen Fleck am Arm und rang nach Luft. Das war keine Schulrivalität mehr. Das war etwas viel Größeres, etwas viel Gefährlicheres.

Karl sagte nichts. Er packte meine Hand – nicht mein Handgelenk, sondern meine ganze Hand – und zerrte mich praktisch aus der Villa. Er hörte erst auf, als wir den Geländewagen erreichten. Er knallte die Tür zu und saß da, das Lenkrad so fest umklammert, dass das Leder ächzte.

„Wir gehen“, krächzte er.

Die Rückfahrt war still und beängstigend. Karls Atem ging laut und unregelmäßig. Jedes Mal, wenn er schaltete, traten die Adern an seinen Armen hervor. Als wir endlich auf dem dunklen Parkplatz des Studentenwohnheims anhielten, ließ er den Motor laufen.

Er drehte sich zu mir um, seine Augen leuchteten in einem matten Goldton in der Dunkelheit des Wagens. Er streckte die Hand aus, sie glitt hinter meinen Nacken und zog mich zu sich heran.

Ich dachte, er würde mich schlagen. Ich dachte, er würde endlich zubeißen.

Stattdessen vergrub er sein Gesicht in meiner Halsbeuge. Er schnupperte nicht nur, sondern schmiegte sich an meine Haut, sein heißer Atem ließ mich erschaudern. Er blieb lange so, sein Körper zitterte an meinem.

„Sind Sie in Ordnung?“ Ich zögerte, die Frage zu stellen, tat es aber dennoch.

„Du solltest dir eher Sorgen um dich selbst machen“, murmelte er an meinen Hals.

"Werden sie mich töten?", fragte ich mit leiser Stimme.

Karl wich nur so weit zurück, dass er mir in die Augen sehen konnte. Das goldene Feuer in seinem Blick war intensiv und besitzergreifend. Vielleicht war ich es ja, die den Dingen eine tiefere Bedeutung zuschrieb.

„Das werde ich nicht zulassen“, sagte er. „Also lass dich nicht allzu sehr beunruhigen, obwohl es am besten wäre, wenn du, wie ich schon sagte, in meiner Nähe bleibst.“

„Ähm… ich—“

Karl wandte seine Aufmerksamkeit seiner Uhr zu und unterbrach mich dabei ungewollt. „Es ist Zeit für dich zu gehen.“

„Oh…“, sagte ich enttäuscht und hielt inne. „Gute Nacht“, murmelte ich, als ich aus seinem Auto stieg. Er nickte mir nur zu, während er zurücksetzte.

Als ich allein zu meinem Wohnheim zurückging, fragte ich mich, was ich wohl gesagt hätte, wenn er mich nicht unterbrochen hätte. Mein Herz raste unnatürlich, als er sein Gesicht in meiner Halsbeuge vergrub.

„Was war das für ein Gefühl?“ Ich legte eine Hand auf meine Brust und fragte mich, ob es normal sei, so zu fühlen.

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