LOGINElian HarperDer Wald umgab uns dicht, die Bäume drängten sich wie Mauern an uns heran. Wir waren schon stundenlang unterwegs, unsere Schritte das einzige Geräusch in der Stille. Karl hatte seit unserem Verlassen des Stadions kaum ein Wort gesprochen. Er war in Gedanken versunken und verarbeitete alles Erlebte.Ich habe ihn nicht bedrängt. Ich bin einfach in seiner Nähe geblieben, meine Hand in seiner, um ihm zu zeigen, dass ich da bin.Wir machten an einem kleinen Bach Rast. Karl saß auf einem Stein und starrte aufs Wasser. Ich setzte mich neben ihn und wartete.„Ich muss dir etwas sagen“, sagte er schließlich.Ich drehte mich um und sah ihn an. Seine violetten Augen waren auf das Wasser gerichtet, sein Kiefer angespannt."Was ist das?"Er schwieg einen langen Moment. Dann sagte er: „Ich weiß es schon eine Weile. Was ich bin. Was mir widerfahren ist.“Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Was weißt du?“„Dass ich nicht defekt bin. Dass das Rauschen in meinem Kopf, die Schmerzen, der Ko
Elian HarperWir rannten ununterbrochen, bis wir kilometerweit vom Stadion entfernt waren. Meine Lungen brannten, meine Beine zitterten, aber das war mir egal. Alles, was zählte, war, dass Karl neben mir war, seine Hand meine fest umklammert hielt, seine Anwesenheit ein sicherer Anker im Chaos.Wir hielten schließlich auf einer kleinen Lichtung an, die Bäume schlossen sich wie ein schützender Schild um uns herum. Karl sank auf die Knie, sein Körper zitterte, sein Atem ging stoßweise.„Karl!“ Ich kniete mich neben ihn und streckte die Hände nach ihm aus. „Geht es dir gut? Was ist da hinten passiert?“Er sah zu mir auf, seine Augen immer noch in diesem brennenden Violett. „Ich weiß es nicht. Ich hörte deine Stimme, und irgendetwas... zerbrach. Der Lärm verstummte. Alles stand still. Und ich konnte denken. Ich konnte sprechen. Ich konnte es kontrollieren.“„Aber du warst in Wolfsgestalt. Wilde Wölfe können nicht sprechen.“„Ich weiß.“ Er atmete zitternd aus. „Das hat mein Vater gesagt. D
Elian HarperDer Griff des Alphas um meinen Arm war eisern, seine Finger gruben sich so fest in meine Haut, dass es blaue Flecken gab. Er zog mich an sich, sein Atem heiß und übelriechend an meinem Ohr. Ich versuchte, mich zu wehren, aber er war zu stark. Zu schnell. Zu viel in allem.„Schau zu“, flüsterte er, seine Stimme ein kalter, kaum hörbarer Laut, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Schau zu, wie dein Haustier stirbt.“Ich sah Karl an. Er war von den Schlägern am Boden festgehalten worden, sein Körper zitterte, seine goldenen Augen blitzten vor Wut und Angst. Er wehrte sich, kratzte, versuchte, zu mir zu gelangen. Aber es waren zu viele. Zu viele hielten ihn fest."Karl!", schrie ich, meine Stimme durchdrang das Chaos.Seine Augen trafen meine. Sie fixierten mich. Und in diesem Moment sah ich, wie sich etwas in seinem Blick veränderte. Etwas, das wie Kapitulation aussah. Als würde er aufgeben. Als würde er das Biest völlig die Oberhand gewinnen lassen.„Nein!“, rief
Karl RichterDie Menge teilte sich um uns herum wie Wasser um einen Stein. Ich spürte ihre Blicke auf mir, ihre Angst, ihren Hass, ihre Verwirrung. Es war mir egal. Alles, was zählte, war die Hand in meiner, die warme, beständige Gegenwart, die mich mit meiner Menschlichkeit verband.Elian ging neben mir her, seine Schritte schnell und sicher. Er beachtete die Wölfe um uns herum nicht. Er zuckte nicht einmal bei dem Knurren und Flüstern zusammen. Er blickte nur geradeaus, die Kiefer angespannt, seine Hand fest umklammerte meine, als würde er sie nie wieder loslassen.Wir waren schon halb auf dem Weg zum Ausgang, als die Stimme des Alphas die Stille durchbrach."Stoppen."Ich erstarrte. Elians Hand umklammerte meine fester.„Dreh dich um, Karl.“Ich drehte mich langsam um, mein Körper vibrierte noch von den Nachwirkungen der Schicht. Mein Vater stand am Rand des Pooldecks, sein Blick kalt und berechnend. Marcus stand neben ihm, ein selbstgefälliges Lächeln umspielte seine Lippen.„Du g
Elian HarperUm mich herum brach das Chaos aus. Aus allen Ecken des Stadions strömten Schläger herbei, ihre Körper bewegten sich in ihren Schritten, ihre Augen leuchteten golden. Sie bewegten sich zielstrebig und stürmten auf das Becken zu, wo Karl stand, seine massige Wolfsgestalt zeichnete sich deutlich vom rot gefärbten Wasser ab."Nein!", schrie ich, meine Stimme ging im Lärm der Menge unter.Ich drängte mich durch die Menge um mich herum und schob mich an den Zuschauern vorbei, die zu den Ausgängen stürmten. Vor mir war die Absperrung, eine wackelige Metallbarriere, die die Tribüne vom Beckenrand trennte. Ich dachte nicht nach. Ich bewegte mich einfach.Ich sprang über die Barrikade, meine Füße schlugen hart auf dem Beton auf. Die Schläger umzingelten Karl, ihre Krallen ausgefahren, ihre Zähne gefletscht. Karl war umzingelt, seine goldenen Augen huschten zwischen ihnen hin und her, sein Körper angespannt zum Kampf."Karl!", rief ich und rannte auf ihn zu.Ein Vollstrecker packte
Karl RichterAls ich die Wasseroberfläche durchbrach, explodierte es um mich herum. Mein Gebrüll hallte durch das Stadion, ein so urtümlicher und roher Klang, dass er die Grundmauern des Gebäudes zu erschüttern schien. Die Menge schrie auf, eine Panikwelle überrollte die Ränge wie ein Tsunami. Körper stürzten umher, Stühle fielen um, Stimmen verschmolzen zu einem einzigen, entsetzten Schrei.Ich spürte die Veränderung in meinen Knochen, die Kraft, die durch meine Adern strömte. Meine Krallen waren vollständig ausgefahren und glänzten im grellen Stadionlicht. Mein Blick war scharf, zu scharf, und erfasste jedes Detail des Chaos um mich herum. Ich sah die Schläger auf mich zukommen, ihre Gesichter grimmig und entschlossen.Aber ich konnte auch Elian sehen.Er stand auf den Beinen, kämpfte sich durch die Menge und drängte zum Beckenrand. Sein Gesicht war bleich, seine Augen vor Angst geweitet. Aber er rannte nicht. Er kam auf mich zu.„Karl!“ Seine Stimme durchdrang das Chaos. „Karl, hör
ELIANS SICHTKarl Richters „persönlicher Assistent“ zu sein, war genau so, als wäre man ein Hund an einer sehr kurzen, sehr teuren Leine.Am dritten Tag herrschte reges Treiben in der Schule. Ich konnte keinen Schritt durch den Flur gehen, ohne den Blick hunderter Augen im Nacken zu spüren. Ich war
ELIANS SICHTIch habe nicht geschlafen.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese goldenen Augen. Ich spürte die Hitze, die von Karls Haut ausging, und die Angst, die ich in diesem Moment empfunden hatte, bevor ich wütend davongestürmt war. Ich blieb wach, bis die Sonne durch die dünnen
ELIANS SICHTDer Chlorgeruch vermittelte mir meist ein Gefühl von Geborgenheit. Er roch nach meinem Stipendium, meinem Ausweg aus dem Elend und dem Einzigen, was mich vor einem Leben als Kellner in einer trostlosen Kleinstadt bewahrte.Aber heute Abend war der Geruch anders. Er war stärker als sons
ELIANS SICHTIch ging davon aus, dass mein Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, vollständig gelungen war, aber es stellte sich heraus, dass ein Luftloch immer ein Luftloch bleiben wird.„Richter scheint in letzter Zeit sehr an dir zu hängen“, sagte Marcus und lehnte sich zurück. „Es ist seltsam.







