LOGINElian HarperDie Sonne ging über den Baumwipfeln auf und tauchte den Himmel in goldene und rosafarbene Töne. Ich saß auf der Lichtung, Karls Kopf ruhte noch immer in meinem Schoß, meine Finger verfingen sich in seinem Haar. Er schlief, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, sein Gesicht war zum ersten Mal seit Tagen friedlich.Ich rührte mich nicht. Ich wollte ihn nicht wecken. Er brauchte das. Wir beide brauchten es.Meine Mutter stand am Rand der Lichtung, die Arme verschränkt, den Blick auf uns gerichtet. Sie hatte sich seit ihrer Ankunft nicht bewegt. Sie stand einfach nur da, beobachtete und wartete.Hinter ihr standen die von ihr mitgebrachten Vollstrecker in einem lockeren Halbkreis. Es waren ehemalige Rudelmitglieder, Wölfe, die der Herrschaft meines Vaters überdrüssig geworden waren, Wölfe, die auf jemanden wie Karl gewartet hatten, der sich erhob. Meine Mutter hatte sie gefunden. Sie hatte sie um sich geschart. Sie hatte sie hierher gebracht.Ich sah sie an, mein Herz voller
Elian HarperDas Auto hielt nicht lange. Wir schafften vielleicht 30 Kilometer, bevor der Motor anfing zu stottern und die Tankanzeige gefährlich nahe an leer sank. Karl fuhr auf einen schmalen Feldweg, seine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.„Wir gehen von hier aus zu Fuß“, sagte er.Ich habe nicht gestritten. Ich bin einfach aus dem Auto gestiegen und ihm in den Wald gefolgt.Der Wald war hier dicht, das Blätterdach so dicht, dass kaum Mondlicht hindurchdrang. Karl bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die mir verriet, dass er genau wusste, wo er hinwollte, selbst in der Dunkelheit.„Wie weit?“, fragte ich."Weit genug."Wir liefen stundenlang. Meine Beine brannten, meine Füße waren voller Blasen, aber ich beschwerte mich nicht. Ich konnte nicht. Karl verausgabte sich genauso sehr, vielleicht sogar noch mehr. Er erholte sich noch von der Schicht, vom Kampf, von allem. Aber er wurde nicht langsamer.Schließlich stolperte ich. Mein Fuß verfing
Elian HarperDer Boden raste auf uns zu, und ich wappnete mich für den Aufprall. Doch Karl drehte sich in der Luft, sein Körper schlang sich um meinen, und wir schlugen mit solcher Wucht auf, dass mir der Atem stockte. Er fing den Aufprall ab, sein Körper dämpfte meinen, und dann war er wieder auf den Beinen und zog mich hoch.„Geht es Ihnen gut?“ Seine Stimme klang scharf und eindringlich.Ich nickte und rang nach Luft. „Mir geht es gut. Aber meine Mutter …“„Sie ist Polizeihauptmann. Sie kann auf sich selbst aufpassen.“ Er packte meine Hand und zog mich vorwärts. „Wir müssen weiter.“Wir rannten über den Parkplatz, immer im Schatten. Hinter uns herrschte Chaos im Motel: Polizisten schrien, Sirenen heulten, und Schüsse hallten noch immer in der Nacht wider. Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht.Karl führte mich zum Waldrand am Rand des Parkplatzes. Der Wald ragte vor uns auf, dunkel und einladend. Wir tauchten in den Wald ein, gerade als weitere Polizeiwagen mit quietschenden Reife
Elian HarperDie Polizisten erstarrten, die Waffen noch immer auf Karl gerichtet, ihre Blicke huschten zwischen ihm und der Gestalt im Türrahmen hin und her. Meine Mutter betrat den Raum; ihre Präsenz war gebieterisch, ihr Blick musterte die Szene mit einer ruhigen Autorität, die die Beamten zögern ließ.„Senkt eure Waffen“, sagte sie erneut. „Jetzt.“Der ranghöchste Offizier wandte sich ihr mit gerunzelter Stirn zu. „Captain Harper, wir haben Befehl zu –“„Eure Befehle interessieren mich nicht.“ Die Stimme meiner Mutter war eiskalt. „Diese Männer stellen keine Bedrohung dar. Haltet euch zurück.“Die Beamten wechselten Blicke. Dann senkten sie langsam ihre Waffen.Ich starrte meine Mutter an, mein Herz raste. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie hatte uns gerettet. Sie stand in der Tür eines billigen Motelzimmers, in der Uniform eines Polizeihauptmanns, und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte."Mama?" Meine Stimme versagte.Sie sah mich an, und für einen
Elian HarperDie Vollstrecker rührten sich nicht. Sie knieten fest, die Köpfe gesenkt, die Körper zitternd. Marcus lag noch immer am Boden, sein Gesicht verzerrt vor Demütigung und Wut. Karl stand mitten auf der Lichtung, seine Ausstrahlung gebieterisch, seine violetten Augen musterten sie alle.„Steh auf“, sagte Karl leise.Sie haben sich nicht bewegt."Ich sagte: Stehen."Langsam und vorsichtig erhoben sich die Vollstrecker. Sie hielten die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie hatten Angst. Ich konnte es an ihrer Haltung sehen, an der Anspannung in ihren Schultern, am Zittern ihrer Hände an ihren Seiten.Karl schritt langsam und bedächtig zwischen ihnen hindurch. Vor jedem einzelnen blieb er stehen, sah ihnen in die Augen und musterte sie. Einige zuckten zusammen. Andere hielten seinem Blick stand, ihre Loyalität ungewiss.„Du hast meinem Vater gedient“, sagte Karl. „Du hast seine Befehle befolgt. Du hast Dinge getan, die niemals hätten getan werden dürfen.“Die Vol
Elian HarperDer Wald war still. Zu still. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen, und das übliche Rascheln der Kleintiere im Unterholz war völlig verstummt. Karl stand neben mir, angespannt, den Blick über die Baumgrenze schweifen lassend. Ich spürte die Kraft, die von ihm ausging, ein leises Summen, das die Luft schwer erscheinen ließ.„Er ist ganz nah“, sagte Karl leise. „Ich kann ihn riechen.“Ich drückte seine Hand fester. „Was sollen wir tun?“„Wir warten.“ Seine Stimme war ruhig. „Er wird zu uns kommen.“Wir mussten nicht lange warten.Marcus trat aus dem Wald hervor, flankiert von einem Dutzend Schlägern. Sein Lächeln war kalt und räuberisch, seine Augen funkelten vor Bosheit.„Karl.“ Er neigte spöttisch den Kopf. „Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich aufhörst zu rennen.“„Ich laufe nicht weg.“ Karl trat vor und stellte sich zwischen mich und Marcus. „Ich warte.“Marcus lachte. „Worauf wartest du? Darauf, dass ich das vollende, was dein Vater begonnen hat?“"Ich w
ELIANS SICHTIch habe nicht geschlafen.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese goldenen Augen. Ich spürte die Hitze, die von Karls Haut ausging, und die Angst, die ich in diesem Moment empfunden hatte, bevor ich wütend davongestürmt war. Ich blieb wach, bis die Sonne durch die dünnen
ELIANS SICHTDer Chlorgeruch vermittelte mir meist ein Gefühl von Geborgenheit. Er roch nach meinem Stipendium, meinem Ausweg aus dem Elend und dem Einzigen, was mich vor einem Leben als Kellner in einer trostlosen Kleinstadt bewahrte.Aber heute Abend war der Geruch anders. Er war stärker als sons
ELIANS SICHTIch ging davon aus, dass mein Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, vollständig gelungen war, aber es stellte sich heraus, dass ein Luftloch immer ein Luftloch bleiben wird.„Richter scheint in letzter Zeit sehr an dir zu hängen“, sagte Marcus und lehnte sich zurück. „Es ist seltsam.
ELIANS SICHTIch hatte eigentlich vor, in mein Zimmer zurückzukehren, sobald er eingeschlafen war, aber der Stress der Nacht hat mich völlig überrascht.Ich wachte vom Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster auf und spürte etwas Schweres um meine Taille.Die Sonne lugte gerade durch die Kie







